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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Karl und Berta

Frau Kraker war nämlich reichlich stolz auf ihre Kinder, den sechzehnjährigen Karl und die dreizehnjährige Berta, welche beide, zumal Karl, in der Tat sehr begabt und klug waren. Sie wußte genauer als ihr Mann, daß es um die Frömmigkeit des geistig sehr frühreifen Geschwisterpaares, das in engster gegenseitiger Sympathie verbunden war, nicht sehr üppig stand, aber, sonderbar genug, sie, die Intolerante gegen jedermann, hatte dafür hundert Entschuldigungen bereit, ja es schmeichelte ihrer mütterlichen Eitelkeit fast, zu sehen, wie scharf der Verstand ihrer Sprößlinge sich auch in religiösen Fragen bewährte.

Da der pflichteifrige Herr Jeremias, der mit einer eingeborenen Uhr auf die Welt gekommen zu sein schien und unglücklich gewesen wäre, wenn er jemals zur Kontorzeit auf seinem Drehsessel gefehlt hätte, unbedingt wieder diesen seinen Beobachtungsposten beziehen mußte, von wo aus er durch eine Glastür genau verfolgen konnte, ob die Schar seiner jungen Leute auch rechtschaffen für die Firma Jeremias Kraker, Export und Import, am Werke war, blieb es Frau Sanna überlassen, Karl und Berta von dem Geschehenen und zu Erwartenden in Kenntnis zu setzen.

Sie begab sich zu diesem Zwecke zum Studierzimmer der Kinder. Die Tür war nur angelehnt, und sie konnte ihr mütterliches Ohr daran weiden, zu hören, wie Karl seine Schwester an der Weisheit der Untersekunda teilnehmen ließ. Sie hörte erst Griechisches, pathetisch skandiert, dann sagte Karl: »Was? das klingt wundervoll! Dagegen ist das Deutsche eine Schweinesprache. Höre nur mal zu, wie der Gymnasiallehrer Voß das übersetzt hat! Hab keine Angst, ich lese nur ein paar Verse:

Aber ihn führeten bald des Todes Schrecken in Ais
Schattenbehausung hinab; die übermütigen Söhne
Warfen darauf das Los und teilten das Erbe des Vaters.
Mir beschieden sie nur ein Haus und wenige Güter.
Aber ich nahm mir ein Weib aus einem der reichsten Geschlechter,
Das ich durch Tugend gewann, denn ich war kein entarteter Jüngling.

Und so weiter. Es ist elend.«

Darauf Berta, mit einer schönen, vollen Stimme, nach der man ihr eher sechzehn als dreizehn Jahre gegeben hätte: »Das Griechisch klingt viel schöner, aber du mußt mir alles übersetzen. Das ist wie ein Roman.«

Karl: »Es ist eine der vielen Schwindelgeschichten des erfindungsreichen Odysseus, die wir offenbar übersetzen müssen, um uns im Lügen zu vervollkommnen. Das Gelungene ist nämlich, daß jede Stunde eine andere Moral hat. In der Religionsstunde, na, das kennst du ja, so; im Lateinischen anders, im Griechischen noch anderser, und in der Physik am andersten. – Ich glaube, die werten Herren Lehrer halten uns für Idioten. Denn daß sie den Widerspruch selbst nicht merken sollten, will ich aus gebotenem Respekt für ihren staatlich geprüften Verstand nicht annehmen.«

Berta: »Weißt du, Karl, so gescheit, wie du, sind die andern auch nicht. Ich bin nur froh, daß du mein Lehrer bist. Eigentlich brauchte ich gar nicht in die langweilige Töchterschule zu gehen.«

Karl: »Du bist auch wirklich zu gut für den Quark, den sie euch dort vorsetzen. Wenn ich daran denke, daß im Herbst deine Konfirmandenstunden angehen, tust du mir herzlich leid.«

Jetzt hielt es Frau Sanna doch für geraten, einzutreten, denn sie ahnte, daß Dinge kommen könnten, die ihr heftig mißfallen möchten. Sie gab sich den Anschein, nichts gehört zu haben, und sagte: »Seid ihr fleißig? – Na, – ich sehs ja. Bleibt nur sitzen.«

Die Geschwister hatten sich artig erhoben. Sie waren beide den Eltern sehr unähnlich. Wer weiß, welche Vorfahren in ihnen wieder auf die Welt gekommen waren. Von der Mutter mochten sie nur die blaue Farbe der Augen haben, aber nur der Farbe, nicht dem Ausdrucke nach. Die des Mädchens waren überdies um einen Schein dunkler. Bei beiden aber fiel sofort ein Ausdruck durchdringender Klugheit und höchster Lebendigkeit auf. Da war nichts Kaltes und Strenges, geschweige denn Demütiges. Beide hatten im Gegensatz zu den flachsblonden Eltern rötliche Haare. Entsprechend den Augen waren auch diese bei Berta dunkler, als bei Karl. Sie waren das an ihr, was zuerst wirkte: eine wahre Goldmähne, prächtig zu der schlechthin idealen rosigen Hautfarbe passend. Der Teint des Jungen war dagegen käsig weiß und fatal porös. Karl war überhaupt im Gegensatze zu seiner ebenmäßig schönen Schwester alles andre eher als hübsch. Dazu war die Stirne zu unkindlich hoch, die Nase zu stumpf, und das Kinn, selbst für einen so jugendlichen Menschen, zu weichlich. Auch sein Mund hatte einen nicht gerade angenehmen Zug. Schwer zu sagen, was das Unangenehme an ihm war. Er hatte etwas Verlebtes, Altes, und war doch entschieden geistreich, ohne daß Karl ihn etwa, nach Art von Jungen, die sich auf ihren besonderen Verstand was einbilden, geflissentlich verkniff oder verzog. Er war überhaupt ganz und gar nicht Poseur, es sei denn, daß man sein Bestreben, unbedeutender, als er war, auszusehen, als Pose bezeichnen wollte. Alles in allem: für einen jungen Menschen von sechzehn Jahren ein höchst merkwürdiger Kopf. Berta hatte nicht unrecht gehabt, als sie einmal beim Durchblättern einer illustrierten Literaturgeschichte angesichts des wüsten Grabbeschen Genieschädels ausgerufen hatte: »Sieh mal, Karl, das ist dein Gespenst!« Sie meinte Karikatur. Karl war darüber sehr böse geworden, denn Wesen wie Grabbe waren ihm von früh auf zuwider. – Seltsam war es, daß die beiden einander offenbar ähnlich waren, obwohl das Mädchen schön und der Junge häßlich war. Um so seltsamer, als die Züge Karls nicht etwa als Übersetzung der Züge Bertas ins Männliche häßlich wirkten. Denn Karl hatte nichts eigentlich Männliches oder Jungenhaftes an sich. Sein Kopf war in den Fleischpartien viel weichlicher, als der Bertas. Übrigens waren beide im Gegensatz zu ihren Eltern eher rundlich, als mager. Besonders Karl, an dem eine fast weibliche Hüftbildung auffiel. Tadellos schön, schöner, als bei der Schwester, waren bei ihm die Hände, die er darum auch mit großer Sorgfalt pflegte, wie er denn überhaupt auf die Pflege seines Äußeren, besonders der Haut, deren ästhetische Mängel ihm direkt Kummer bereiteten, höchlich bedacht war. Das ging so weit, daß er die der Schwester überlassenen Toilettenmittel fast gänzlich für sich aufbrauchte. Die Eltern, denen das sehr anstößig erschienen wäre, als Rüstzeug der Eitelkeit, durften das nicht erfahren. Berta, dem Bruder in bewundernder Verehrung untertan, nahm jeden Tadel, der immer erfolgte, wenn sie etwas für ihren, das heißt Karls, Toilettentisch erbat, gerne auf sich und opferte auch noch einen guten Teil ihres Taschengeldes für Karls kosmetische Bedürfnisse. Dieser seinerseits nahm das Opfer aber nur deshalb an, weil der Augenschein offenbar lehrte, daß Bertas Schönheit der Nachhilfe nicht bedurfte. Denn wie Berta seinen Geist bewunderte und liebte, so Karl ihre Schönheit. Mehr noch als die Mangelhaftigkeit seines Teints bekümmerte es ihn, daß die allem Äußerlichen abholden Eltern für Bertas Kleidung nur sehr geringe Aufwendungen machten. »Diese Schundigkeit ist direkt kulturlos«, erklärte er. »Du müßtest durchbrochene seidene Strümpfe tragen und überhaupt nichts anderes an dir haben, als Seide und im Winter kostbares Pelzwerk. Andere als Lackschuhe für dich sind überhaupt Roheit.«

Es war sehr gütig von der Vorsehung, daß sie den immer etwas schäbig erscheinenden Jeremias und die stets in Wolle gekleidete Sanna davor bewahrten, von derartig sündhaften Phantasien Kunde zu erhalten. Sannas Toleranz in geistigen Dingen hätte sich bestimmt nicht auf solche der Weltlust übertragen, und Jeremias, der selbst das häufige Wechseln der Wäsche für ein Zeichen von Hoffart hielt, wäre trübsinnig darüber geworden.

»Ihr werdet einen Pflegebruder erhalten«, sagte Frau Sanna.

Berta sah Karl mit vor Staunen gewerteten Augen groß an und ließ die Hände an den Seiten herabsinken. Karl aber bekam, was nur selten und immer nur im Zorn geschah, einen roten Kopf und rief heftig, fast zischend, aus: »Was?!« Im Innern aber dachte er sich: Was ist denn da dem Alten wieder ins christliche Gemüt gefahren? Gewiß hat er in irgendeiner Wohltätigkeitsverlosung der Inneren Mission einen Waisenknaben gewonnen.

»Tja«, fuhr Frau Sanna fort, »Onkel Henry ist mit seiner Frau in den Alpen verunglückt, und nun müssen wir seinen Adoptivsohn zu uns nehmen.«

Die Geschwister sahen sich, einander sofort verstehend, als hätten sie Freimaurerzeichen ausgetauscht, an, und Karl sagte: »Sehr gut! So werden wir also das Vergnügen haben, zwar nicht die Millionen, aber doch den Millionär zu den Unsrigen zählen zu dürfen. Es ist doch wenigstens was!«

Frau Sanna hielt es für nötig, ihm den sarkastischen Ton zu verweisen, indem sie sprach: »Es ist gut, daß der Vater dich nicht hört, Karl. Aber auch ich hörte dich lieber anders reden. Reichtum ist nicht immer ein Segen, und ihr werdet vielleicht einmal Gott danken, daß er diese Bürde von euren Schultern genommen hat.«

Karl kräuselte nur eben die Lippen, aber in dieser kaum merklichen Bewegung lag konzentrierter Hohn. Er erinnerte sich sehr gut daran, die Eltern von Onkel Henrys Reichtum reichliche Male anders reden gehört zu haben, und er selbst hatte einige Male ingrimmig daran gedacht, wieviel angenehmer es doch wäre, wenn zwischen ihnen und dem Erbonkel kein improvisierter Universalerbe stünde. Dann wären auf ihn und Berta einmal je fünf Millionen gefallen und sie hätten es wahrhaftig verstanden, diese Bürde mit Anstand zu tragen.

Es trat eine Pause ein.

Dann fragte Berta: »Wie alt ist denn der Adoptivsohn?«

»Sechzehn Jahre, soviel ich weiß«, antwortete Frau Sanna, »er paßt also sehr gut zu euch.«

»Das wollen wir doch erst mal sehen«, meinte Karl, »ich denke mir, daß der Nabob zu uns armen Leuten recht wenig passen wird.«

»Arme Leute?!« verwies ihn die Mutter, »ich dächte, ihr hättet noch keine Not zu leiden gehabt. Und darauf könnt ihr euch verlassen, den Prinzen wird er nicht spielen dürfen.«

Karl kräuselte wieder die Lippen: »Wenn er auf unser Taschengeld gesetzt wird, dürfte ihm das allerdings schwerfallen, Mama. Aber der Prinz bleibt er doch. Mit zehn Millionen ist jeder Hundejunge Prinz, und ich würde ihn verachten, wenn er das nicht fühlte. Ich werde ihn mit Hoheit anreden.«

»Und ich gar nicht«, rief mit funkelnden Augen Berta aus.

»Ihr werdet ihn mit brüderlicher und schwesterlicher Liebe behandeln!« entschied scharf Frau Sanna, »der Vater und ich hoffen von euch, daß ihr euch seine Liebe gewinnen werdet.«

»Und wenn er ein trauriger Esel ist, Mama?« sagte mit gespieltem Ernste Karl.

»Oder ein furchtbares Scheusal?« fügte Berta hinzu.

»Er mag sein, was er will!« erklärte mit Bestimmtheit Frau Sanna: »Von dem Augenblicke an, wo er unser Haus betritt, ist er euer Bruder. Gott selbst hat es so gewollt, und Gottes Fügungen sind immer gut und weise. Wer weiß, was er mit uns vorhat, indem er uns diesen neuen Sohn, euch diesen neuen Bruder, schenkt.«

»Wenn es statt des teuren Bruders die zehn Millionen wären, wüßten wir es sehr genau«, konnte Karl sich nicht enthalten, sehr unfromm zu bemerken, denn alle diese im Krakerschen Hause sich täglich wiederholenden Hinweise auf den Vater im Himmel gingen ihm auf die Nerven, so daß er zuweilen es nicht über sich brachte, sie mit dem gebührenden Augenniederschlage schweigend hinzunehmen.

Frau Sanna aber wurde böse: »Noch eine so gottlose Bemerkung, Karl, und ich hinterbringe sie dem Vater. Und das sage ich dir und auch dir Berta: wenn ihr dem Jungen gegenüber auch nur mit einer Silbe auf seine Erbschaft anspielt, geschieht etwas, das euch nicht erwünscht sein wird!«

Die beiden wußten, was gemeint war. Wie eine Wolke drohte über ihnen das Wort: »Christliche Erziehungsanstalt«.

Karl fühlte, daß er unbesonnen geredet hatte und lenkte in die mütterlichen Bahnen ein: »Wie kannst du nur so was denken, Mama; dazu sind Berta und ich doch wohl zu stolz; – das heißt: du mußt das Wort nicht schlecht auffassen, nicht als hochmütig. Es gibt auch einen erlaubten Stolz, der Selbstachtung ist und sich mit den Pflichten eines Christen gar wohl verträgt.«

Er sagte wirklich »gar wohl« und wußte auch, warum, denn es war eine Floskel aus dem Predigtstile, und mit solchen Floskeln überwand er das Herz der fleißigen Kirchgängerin aufs sicherste. In seiner »Salbenbüchse«, wie er die zum gemeinsamen Vergnügen für sich und Berta angelegte Floskelsammlung nannte, hatte er eine ganze Reihe ähnlicher Wendungen. Zum Beispiel: »Oh, wie so köstlich ist es doch, wenn« oder: »Tatsächlich dünket es mich« oder: »Hinwiederum aber ziemt es sich« oder: »Jedoch das Lieblichste (oder »Erquicklichste«) von allem ist« oder: »Und so wollen wir denn zu jeder Stunde und immerdar«.

Frau Sanna hatte an dem so ausgelegten Stolze nichts auszusetzen und verließ die Geschwister mit der innig froh aufgenommenen Botschaft, daß ihre und des Vaters Reise nach München sie vermutlich drei bis vier Tage dem Hause fernhalten werde.

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