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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der geborene Herr und der geborene Dienstbote

Als Henfel gegen Abend von seinem Reviergange zurückkehrte und die Eltern nicht zu Hause fand, war ihm das zwar einen Augenblick fatal, weil er ihnen gerne seine Eindrücke geschildert und damit, wie er glaubte, Beifall gefunden hätte, denn er war voller Munterkeit und wirklich ganz erfüllt von dem, was er alles gesehen hatte, aber schließlich war es ihm auch ganz angenehm, daß er allein bleiben durfte. Die Stimmung der Eltern in den letzten Tagen hatte ihn doch bedrückt, und er sagte sich: je länger sie wegbleiben, um so mehr ist zu hoffen, daß sie mit besserer Laune zurückkehren. Wie er dann so allein tafelte, herrlich erfrischt von dem langen Gange im Walde und auch wundervoll hungrig davon geworden, überkam ihn sogar der Gedanke: wie schön wäre es doch, wenn ich öfter einmal so für mich sein könnte, der alleinige Gebieter im Hause, ganz ungezwungen, nicht genötigt, immerzu aufzupassen, zu antworten, zu erwägen. Famos wäre das!

Er scherzte ausgelassen mit der Dienerschaft und verblüffte alle mit seiner Gewandtheit, oberbayerisch zu reden. Wunderte sich auch selbst darüber, wie schnell ihm das angeflogen war. Fidel zumute wurde ihm bei diesen Leuten, und in diesen niedrigen Zimmern war ihm heimisch wohl. All das hier gefiel ihm von Grund aus. Er ließ sich eine Flasche Wein bringen, für die Dienstboten reichlich Bier holen und begab sich, halb mit einem Air von Herablassung noch, halb aber schon wirklich gemütlich, in die Kutscherstube, wo der alte Toni gleichzeitig eine Ziehharmonika und den »Fotzhobel« (Mundharmonika) mit großer Virtuosität handhabte, während Kaspar, der Jägerbursch, auf der Zither fingerierte und Nandl, das eingeborene Küchenmädl, den rechtschaffen verliebten Text dazu sang. Es dauerte nicht lange, und es drehten sich mit gnädiger Erlaubnis des jungen Herrn die Paare in dem niedrigen holzgetäfelten Raume, und des Juchzens war kein Ende. Henfel kam sich wie ein König im Kreise seiner Untertanen vor und ließ Huldbeweis auf Huldbeweis so unablässig folgen, daß schließlich Männlein und Weiblein ihren kleinen Rausch weg hatten, Henfel aber einen großen. Die Gaudi erreichte ihren Höhepunkt, als der junge Herr sich herbeiließ, Unterricht im Schuhplattln zu nehmen und sein lederbehostes Hinterteil mit ebenso vehementer wie komischer Ausdauer klopfte.

Die Folge dieser Leibesübung und des überreichlich genossenen Weines war, daß er am nächsten Tage nicht, wie bestimmt gewesen, um acht, sondern erst um elf Uhr aufstand. Er war recht froh, daß die Eltern noch nicht zurück waren, und begab sich nach eingenommenem Frühstück schleunig auf den anbefohlenen Reviergang. Bewegung in freier Luft war ihm recht nötig, denn er fühlte sich (und durfte das im eigentlichsten Sinne) ganz zerschlagen und lernte zum ersten Male Reue und Leid in Gestalt des Katzenjammers kennen.

Der wollte leider auch im Walde nicht vergehen, und so kürzte Henfel den Reviergang ab. Es war noch nicht vier Uhr, als er wieder zu Hause eintraf, eine wohlgesetzte Rede fertig ausgearbeitet im jämmerlich flauen Kopfe, mit der er den Eltern seine kleine Ausschweifung und ihre Folgen in angenehmer Färbung beichten wollte. Daß sie immer noch nicht da waren, paßte ihm wiederum, denn das enthob ihn dieser jetzt wenig verlockenden Übung. Er machte sich keinerlei Gedanken über ihr weiteres Ausbleiben, aß schnell und legte sich auf das einladende alte breite Kanapee schlafen.

Als er erwachte, war es schon dunkel, und er bemerkte eine gewisse Unruhe im Hause. Es mußte wer vor der Tür auf dem Gange sein. Richtig: der alte Toni und Kaspar, die, entsprechend seiner gemessenen Weisung, nicht gewagt hatten, ihn zu wecken.

– »Was ist denn los?«

– »Ja, junger Herr, die Herrschaft is alleweil no net zruck; mir moana halt, ob net am End...?«

– »Was denn? – Sie werden eben noch eine Nacht oben bleiben!«

– »Naa, des glaab i net, junger Herr. Sie ham net so viel Furasch bei eahna.«

– »Hm. Ja. Was soll man denn da tun?«

– »Aufsteign muaß ma halt.«

– »Jetzt, bei der Finsternis?!«

– »Mit Laterna halt. Am End sans am Weg, und da kunnt ma si scho verlaffa bei der Nacht, oder gar derschtürzen.«

– »Was?« – Henfel erschrak, aber nicht eigentlich sehr. »Ist der Weg denn gefährlich?«

– »Net grad gfährli, beilei net, aber halt bei der Nacht, und wos jetzt regnt, da san d Weg natürli rutschi, und drobn bei der Bank is net fein gehn bei rer solchenen Glättn.«

– »Aber natürlich muß dann jemand hinauf! Macht schnell! Ihr zwei kennt ja den Weg.«

– »Mir zwoa san net gnua, da müassn no zwoa her.«

– »Also dann nehmt noch zwei mit!«

– »Mir moana halt, ob net der jung Herr selber...?«

Henfel runzelte die Stirne; er hörte einen Vorwurf heraus.

– »Ich bin euch dabei nur hinderlich, und dann, ihr wißt es doch, ich bin nicht wohl, kann kaum die Glieder rühren, habe furchtbar Kopfweh und, außerdem, das ganze ist wahrhaftig nicht nötig. Papa und Mama kennen den Weg und wissen so gut wie ihr Bescheid, daß man nicht abends absteigt. Aber ihr müßt natürlich trotzdem gehen. Es gehört sich, wenn es auch Unsinn ist.«

Die beiden schüttelten die Köpfe. So sehr ihnen Henfel gestern gefallen hatte, so wenig gefiel er ihnen heute.

»Kopfweh hat er?« sagte draußen Kaspar mit ironischer Betonung. »Koa Schneid hat er.«

»Und koa Gmüat aa net«, meinte Toni. Dann überlegten sie, wen sie noch mitnehmen sollten. Vom Kutscher und dem Diener hielten sie als »halbetn Stadtfrack« nicht viel. Sie beschlossen also, ins Wirtshaus zu gehen und sich dort ein paar ordentliche Leute zu holen.

 

In der Post gings recht lebhaft zu, als sie, natürlich nicht ins Herrenzimmer, sondern in die Kutscherstube, eintraten. Da saßen mit ein paar Knechten und einer Schar Schüler von der Geigenbauschule zusammen Hermann und seine Kommilitonen und übten sich im Agitieren.

Als Toni und Kaspar mit den Laternen eintraten, hatte Hermann gerade eine längere Auseinandersetzung über die ungerechte Verteilung der Glücksgüter beendet, und es kämpften etwa zwanzig Stimmen in lebhaftem Für und Wider gegeneinander an. Schließlich gewann die eines alten Knechtes die Oberhand.

»Kruzitürken«, rief der und haute auf den Tisch, daß die Krüge tanzten, »jatzt seids amal stad, daß i aa was sagn ko.«

»Jessas, das Summerl!« schrien ein paar; und ein paar andere: »Maul halten! Stad sei!« Und das Summerl sprach: »War scho recht, wenns anderschter war; war scho recht. Mir kunnts freili recht sei, mir scho! Af mi is bei dera Verteilung kam so viel kemma, wiar a dreckets Scheit feichtenes Holz.«

Allgemeines Gelächter.

Aber Summerl fuhr unbeirrt fort: »I hob mir aa scho denkt: Kruzitürken, hob i mir denkt, dees is a Bschiß, daß i net der Kini in Mingka bi, oder der Grundhuberbauer drent, oder dem Pfarrer sei Köchin.«

Stürmische Heiterkeit.

Aber Summerl fuhr ernsthaft fort: »Überhaupts: was i mir scho alles denkt hab. Akrat so saudumme Gscheitheitn wia der jung Herr da, der Gschtudierte. No! Mei dreckets Scheit feichtenes Holz is kaa Kerschbaam wordn von meine gscheita Gedanken. Aber in d Haxn einighaut hob i mi amal, wiar i so saudumm daher denkt hab beim Holzklaum, und seit derer Zeit bin i a hinketer Teifl und daß die gar Gscheitn für mi denken. Weils do koa Holz net klaum kinnas eahna a net in d Haxn einihaun.«

Hermann hatte eine bündig überzeugende Antwort auf diese lebhaft akklamierte Stimme aus dem Volke sofort in Bereitschaft und hob alsogleich an: »Das ist ja gerade der furchtbare Fehler...« Aber Summerl winkte ab und rief: »Na, na, nix Fehler und nix furchtbar. Gar net furchtbar is, daß i mei dreckets Hölzl hab und der Grundhuberbauer an Stall voll Ochsen und an schwarn Sack voll Markln. Es is halt a so, weils halt a so is. Und warum is a so? No, dees kinna mir m Himmivater sei Sach sei lassn, moan i. Drobn bei eahm werd sis ja zoagn, wer das bessere Teil erwählet hat« (das sprach Summerl hochdeutsch), »i, oder der Grundhuberbauer. I möcht net in dem seim Pechhafn sitzn, i net! Oans is amal gwieß: aus Dreck sam ma allsamt, und die recht Gaudi geht erscht o, wenns gar is mit dem drecketn Gfrett auf der Erdn. Darum seids fein staad, ihr Gscheiterln nehmts enkena dreckete Hölzln auf enk, wia der Herr Jesus sei bitter schwars Kreuz, und denkt an ein fröhliches Sterben! Kruzitürken, wanns mi amal einscharrn, will i an Hupfeter doahn mit meine hinketen Boaner und an Juchzer, daß sis der Himmivater scho gspürn soll: dem altn Summerl bin is Himmireich schuldi!«

Bis hierher hatte der alte Toni, selber interessiert, zugehört, ohne seine Angelegenheit vorzubringen. Nun aber, wie Hermann nochmals den Versuch wagen wollte, dem alten Evangelium Summerls sein neues entgegenzusetzen, trat er vor und tat Sachlage und Wunsch kund. Kaum, daß er geendet hatte, sprang Hermann auf und rief aus: »Ich gehe mit und alle meine Kameraden mit mir! Ihr kommt doch mit, nicht?«

»Aber natürlich!« riefen alle aus. »Los! Laternen her!«

Ein schwarzhaariger Student mit großen, wilden, dunklen Augen, eine richtige Carbonaro-Erscheinung, rief mit seltsam schnurrendem Baß: »Auf, lasset uns gehen, den reichen Mann suchen, da er in der Klemme sitzt!«

Aber Hermann verbat sich den Ton der Travestie. »Laß solche Späße, Ludwig! Ich fürchte, der Anlaß ist sehr ernst... Frau Klara jetzt, in diesem Wetter, dieser Dunkelheit draußen, womöglich verirrt oder gar abgestürzt!... Schnell! schnell! wir müssen auch Tragbahren mitnehmen, Lebensmittel, Verbandzeug, Wein!... Gottlob, daß wir zwei Mediziner unter uns haben! Macht! macht! wir dürfen keine Minute verlieren!«

Seine Worte befeuerten die übrigen. Die Knechte brachten alles Nötige herbei, und nach einer Viertelstunde machte sich der Trupp Studenten unter Tonis und Kaspars Führung auf den Weg.

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