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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der häßliche Drang, zu zanken, mühsam zurückgedrängt im Zusammenhange ihrer wichtigeren Auseinandersetzung, warf sich begierig auf diese Nebensache. Frau Klara fühlte ihn fast wie etwas Körperliches, einen plumpen Keil, der sich zwischen sie und ihren Mann schob. Sie schüttelte tieftraurig langsam den Kopf und sagte: »Henry! Ich bitte dich! Was soll das alles! Was ist geschehen, daß du dich so verändert hast und mich nicht mehr kennst?«

– »Du hast dich verändert!«

»Ich? – Henry! – Ich bin die gleiche geblieben. Nur du... Aber nein; auch das ist falsch. Gewiß bist auch du noch derselbe. Aber, Henry, du bist krank.«

– »Entschuldige, Klara, du befindest dich auf einem falschen Wege. Was jetzt zwischen uns steht, läßt sich nicht durch schonende Begütigung beseitigen. Es muß erledigt werden. Du hast es nicht mit einem Kranken zu tun, sondern mit einem Manne, der sich stark und gesund genug fühlt, die wichtigsten Absichten seines Lebens durchzusetzen – selbst gegen dich.«

– »Ich habe mich dir nie widersetzt, Henry, und ich tue es auch in dieser Sache nicht ohne weiteres, aber du kannst es unmöglich verlangen, daß ich meine Überzeugung verhehle und dich belüge. Was wäre es aber anderes als Lüge, wenn ich dir sagte, ich bin einverstanden mit dir, während ich, leider, die bestimmte Überzeugung habe, daß du dich in einem verhängnisvollen Irrtum befindest?«

– »Glaube an mich und opfere diesem Glauben deine ›Überzeugung‹. Die meine ist hier mehr wert, als die deine, denn sie ist das Resultat der tiefsten Überlegungen, ja eigentlich das Resultat meines ganzen Lebens, während das, was du deine Überzeugung nennst, nichts ist, als bloßes Sichgehenlassen nach gewissen mehr überkommenen als natürlich erwachsenen Gefühlen.«

– »Ich habe dir mehr als einmal meine Überzeugung geopfert, Henry, und ich rechne mir das gar nicht zum Lobe an. Es liegt in meiner Natur, daß es mir gar nicht darauf ankommt, recht zu behalten einem Manne gegenüber, den ich nicht bloß liebe, sondern auch als den geistig Stärkeren, und wie gerne, verehre. Ich denke mir überhaupt, es kommt der richtigen Frau nicht so sehr aufs Recht an, als auf die Liebe. – Als ich dich heiratete, gab ich mehr Selbständigkeit auf, als sonst Frauen aufzugeben haben. Ich tats gerne, denn ich wußte, daß ich sie nicht nutzlos wegwarf. Ich durfte glauben, daß ich dir, und darum auch mir, ein Glück, eine Harmonie, bereitete, die mehr wert ist, als die fragwürdige Selbständigkeit einer wenig bedeutenden Künstlerin. Sie hätte mir, vielleicht, eine Steigerung meiner Kunst gebracht, aber ich wußte es wohl, auch nicht zu einer wirklichen Höhe, während ich im Zusammenleben mit dir etwas Großes, Seltenes, erreichen konnte: ein harmonisches Doppelleben. Ich gab meine Selbständigkeit auf, weil sie doch im höheren Sinne nichts Ganzes war, und, du mußt mir das nicht übelnehmen, weil mir schien, daß auch du einer Ergänzung bedurftest. Erst Mann und Frau zusammen ergeben doch wohl den ganzen Menschen, und das scheint mir der Sinn der Ehe zu sein.«

– »Entschuldige«, warf Herr Hauart ein, »das ist ein Irrtum. Der ganze Mensch ist der Mann, und es bedeutet eine Entartung der Ehe, wenn er darin um das Gefühl seiner Ganzheit gebracht wird. Der Sinn der Ehe ist nicht gegenseitige Ergänzung, sondern Herrschaft des Mannes.«

– »Aber Henry«, rief Frau Klara aus, lächelnd und doch empört, »du redest ja gegen dein Gewissen. Niemals hast du daran gedacht, mich zu beherrschen. Du bist immer aufrichtig bestrebt gewesen, in mir das Gefühl wachzuhalten, daß ich, wie oft ich auch meine Meinung dir gegenüber zurücktreten ließ, deine ebenbürtige Genossin sei.«

– »Genossin! Das Wort stammt wohl aus deiner Unterredung mit dem Weltverbesserer Hermann.«

– »Henry! Tu mir die Liebe und sprich nicht in diesem Tone von deinem Kinde.«

– »Hermann ist nicht mein Kind, und ich muß dich auf das bestimmteste ersuchen, ihn mir weder in dieser Eigenschaft, noch sonst irgendwie vorzuhalten. Mein Kind ist Henfel. Ich will mein Recht, ihn zu erziehen nach meinem Sinne. Liegt dir daran, den Rest meiner Tage mit mir in Harmonie zu verbringen, so versuche es nicht, meinen Plan zu durchkreuzen.«

Das war wirklich herrisch gesprochen und klang drohend.

Frau Klara sah ihren Mann groß an, beleidigt und entsetzt. Ihre Stimme bebte, als sie sprach: »Du bist von Sinnen. Nicht zufrieden damit, dein eigen Fleisch und Blut verstoßen zu haben wegen eines Fremden, den niemand so schlecht kennt, wie du, und der nicht wert ist, der Diener deines Sohnes zu sein...«

– »Schweig!«

– »Nein! Nicht zufrieden mit dieser Sünde, die aber für den armen Hermann vielleicht zum Guten ausschlägt, willst du nun auch noch mich diesem Wahne opfern, mich und dich, Henry! Besinne dich doch! Überlege, wohin das führen muß!«

– »Das kannst du wirklich mir überlassen, Klara, ohne mich dazu aufzufordern. Was ich tue, ist das Resultat von Überlegungen, die du nur leider offenbar nicht zu fassen vermagst. Ich wiederhole: Glaube wenigstens an mich, wenn du mich nicht begreifst!«

– »Nein! Ich glaube jetzt nicht mehr an dich, denn ich habe Augen, zu sehen, und ein Gefühl, das mehr wert ist, als deine verirrten Gedanken. Ich leide seit Jahren darunter, Henry, sehen zu müssen, daß du, an den ich immer geglaubt habe, so fürchterlich irren kannst. Seitdem ist mein Glück vorüber, ja, schrecklich genug, ich frage mich seitdem, ob mein Glück je echt gewesen ist, und seit deinen Worten vorhin muß ich fast glauben, daß du mich belogen hast und mein ganzes Glück der Glaube an eine Lüge war.«

Ihre Gedanken verwirrten sich. Trotzdem fühlte Herr Hauart den Sinn ihrer Worte.

»Was das für Reden sind!« rief er aus, »belogen! Ich dich belogen! Du warst glücklich, solange du an mich glaubtest, aber dein Glaube versagt leider gerade beim Wichtigsten, beim einzig Wertvollen, das ich je unternommen habe. Kann ich dafür, daß du kleingläubig bist, daß dein Glaube die große Prüfung nicht besteht? Daß sich triviale Gefühle bei dir melden, sobald mich das Außerordentliche beschäftigt!?«

– »Meine trivialen Gefühle gelten in erster Linie dir, und auch Henfel. Ich will dich vor einer schrecklichen Enttäuschung bewahren und den Jungen vor einem Leben, das aus nichts als Enttäuschungen bestehen muß, wenn du fortfährst, ihn zu dem außerordentlichen Menschen auszurecken, der er ganz und gar nicht ist.«

– »Warte das lieber ab!«

– »Nein! Alles in mir bäumt sich dagegen auf, weiterhin ruhig zuzusehen, wie du Unrecht auf Unrecht, Schuld auf Schuld häufst. Ich kann nicht! Ich kann nicht! Mein triviales Rechtsgefühl erträgt es nicht, und ich habe als deine Frau die Pflicht, dich von frevelhaften Irrtümern zurückzuhalten, die niemand nützen und uns allen schaden.«

Herr Henry sprang auf. Er war nicht mehr Herr seiner selbst. Er schrie beinahe: »Deine Pflicht ist, zu schweigen! Kannst du mir nicht folgen, so bleib zurück! Kümmre dich um Hermann! Bring deine trivialen Gefühle an, wo sie am Platze sind. Ich habe mich um Besseres zu kümmern und kein Ohr mehr für dich!«

Er wandte sich um und schlug den Weg zum Abstiege ein.

Frau Klara saß wie versteinert und blickte ihm verstört nach.

»Henry!« schrie sie wie flehend auf. Und noch einmal: »Henry!«

Er setzte seinen Weg fort, als habe er ihren Ruf nicht gehört.

Sie griff sich mit beiden Händen an den Kopf. Ihre Schläfenadern schlugen so heftig, daß es um sie dröhnte. Es wurde ihr dunkel vor den Augen. Die Landschaft unter ihr schwamm wie aus Nebeln. Sie mußte sich aufrichten und an die Wand lehnen, beide Arme wagerecht an den Felsen gepreßt. Gerade über ihrem Kopfe leuchtete, parallel zu den Armen, dunkelblau: Frau Klaras Ruhe. Es war wie das Schild über dem Kreuze.

Ihr Herz war so voll Bitterkeit, daß alles Glück ihres Lebens, dieses wirkliche Glück einer gütigen liebevollen Frau, ihr wie eine schändliche, höhnische Täuschung erschien. Sie ließ plötzlich die Hände sinken und tastete nach dem Bergstock. Sollte sie ihm folgen? Nein! Er brauchte sie ja nicht mehr. Hatte er sie überhaupt jemals gebraucht?

In ihrem gequälten Gemüte standen wie eingeprägt die Worte von der Herrschaft des Mannes, die ihn der Zorn hatte ausstoßen lassen. Sie hatten keine andere Wahrheit gehabt, als die Momentwahrheit des Zornes. Ihr aber erschienen sie jetzt, peinvoll und fürchterlich, als die erste Wahrheit nach tausend Lügen. Und es kam der gleiche Zorn über sie, ein heißes, aufjagendes Gefühl beleidigten Stolzes und ein Ekelgefühl grausamer Enttäuschung.

Nein! Nicht ihm nach! Fort von ihm! Weg! Nur weg! Hinauf! Ins Einsame! Alleinsein! Allein!

Sie packte den Stock und lief hastig den schmalen Steg hinan, der um den Felsvorsprung herum ins Steinige führte.

Indessen schritt Herr Hauart, den Stock vorstemmend, behutsam systematisch den Weg hinab, äußerlich viel ruhiger, aber im Innern zerwühlt von Groll und Grimm. Nur mit Mühe hatte er sich gezwungen, auf Frau Klaras Ruf den Kopf nicht zu wenden. Aber seine Verbissenheit hatte gesiegt, und nun wiederholte er sich immer die Selbstentschuldigungen: Ich durfte mich nicht schwach zeigen. Je fester ich jetzt bleibe, um so gewisser wird sich bei ihr die Überzeugung einstellen, daß sie nachgeben muß. Muß!

Und:... Wenn nicht? Wenn sie wirklich im Widerspruch verharrt?...

Der Gedanke hielt ihn an; es war, als umklammere er ihn. Im Grunde hatte doch immer die Zuversicht in ihm festgestanden, daß seine Frau schließlich nachgeben werde. Aber in diesem Augenblicke fiel wie eine körperliche Schwere die Gewißheit über ihn: es ist aus; sie wird nicht kommen.

Herr Hauart sah sich scheu um. Der Gedanke war ihm gräßlich: da oben sitzt sie nun, gramvoll allein, und wendet ihr Herz gegen dich. Die Zuflucht, die dir immer sicher war, ist dir verschlossen. Deinem Leben wird die holde Wärme ihres Lebens fehlen. Ihr Händedruck voll umfassender Treue und Güte wird dich nicht mehr beglücken.

Aber stärker, als all dies starke Empfinden, war dennoch in ihm der verbissene Entschluß, seinen »höheren« Willen durchzusetzen. Es fiel ihm das Wort Goethes an Zelter ein: »Über Gräber vorwärts!« und er setzte seinen Weg ingrimmig fort. Da drang ein furchtbarer Laut an sein Ohr: ein Schrei, gedämpft zwar durch die Entfernung, aber in der Phantasie zu einem Tone des fürchterlichsten Entsetzens qualvoll gesteigert.

Herr Hauart drehte sich in voller Wendung um und krampfte, während der Bergstock ihm entfiel, beide Hände um die Riemen seines Rucksacks. Sein Atem keuchte, seine Augen quollen vor. Noch einen Augenblick lauschte er, dann sprang er in großen Sätzen, so schnell es die Steigung nur zuließ, den Weg hinan zu der leeren Bank. Seine Knie schlotterten; er mußte sich mit beiden Händen an der Felswand weitertasten, während er, laut stöhnend und von Schwindel erfaßt, wankend den Weg um sie herum verfolgte. Er, der oft genug viel gefährlichere Steige sicher und ruhig gegangen war, glitschte bei jedem dritten Schritte aus, denn er sah nicht auf den Weg, sah nur immer den Abhang hinab, der, je mehr sich der Pfad um den Felsen rieb, um so steiler wurde. Da... es preßte ihn an die Wand... da, schräg unter sich, etwa fünfzig Meter in der Tiefe, sah er den Körper Frau Klaras, in kauernder Stellung angelehnt an eine schieferige Felsplatte, die hier, wo erst der eigentliche Abhang begann, wie eine Art Schutzwand aufragte.

Das Antlitz des Mannes verzerrte sich bei diesem Anblicke. Seine Lippen bewegten sich, ohne daß ein Wort von ihnen kam. In seinem verstörten Innern jagten sich die Gedanken: sie ist hinuntergesprungen... sie ist tot... sie ist abgestürzt... ist bewußtlos... ich habe sie hinunter... getötet... nein... sie lebt noch, muß noch leben...

– »Klara!! Klara!!!!«

Nichts. Keine Bewegung.

Er sah genauer hin. Das Kinn mußte wie in der Brust eingebohrt sein. Er konnte nur einen Schimmer der linken Schläfe sehen. Der linke Arm, von der Wucht des Falles hinübergeworfen, bedeckte den untern Teil des Gesichtes.

Herr Hauart blickte mechanisch hinauf zu der Stelle, von wo der Absturz erfolgt sein mußte. Er nickte mit dem Kopfe, als sei ihm nun alles klar. O gewiß, von da stürzte sichs leicht hinab. Man brauchte nicht einmal ganz zu wollen; dort brauchte man dem Tode nicht in die Arme zu springen, man konnte sich fallen lassen, brauchte sich nur etwas hinüberzuneigen vom Gestein weg... »Von mir weg!« stöhnte der unglückselige Mann und schlug beide Hände vors Gesicht.

Er wußte: sie war tot. Er wußte es, obwohl es durchaus nicht so sein mußte. Er wußte den ganzen Hergang. Er sah ihn vor sich, sah seine Frau vor ihm wegziehen ins Einsame. Sah ihren verdunkelten Blick, wie er dort vom Gesteinfelde weg, das sich öde nach oben dehnte, hinüberirrte ins Leere, Tiefe, fühlte am eigenen Herzen diesen jähen Druck, sah sie plötzlich stehen, wanken, fallen – es war ein Augenblick der Finsternis, kein Wollen, nur ein Schwinden, – Hingabe, wie alles bei dieser wunderbaren Frau.

Und er stand und stand; und sah die Tote und ihren Tod; und sah ihr gemeinsames Leben und ihr Glück; und sah all ihre Liebe und Güte und Klarheit; und sah, daß sie recht gehabt mit ihrem großen und echten Gefühl einer eingeborenen Mütterlichkeit. Hellseherisch geworden unter dem Schatten eines Geschickes, das sich nun auch an ihm vollziehen würde – er fühlte es als eine gewaltige, strenge und gute Notwendigkeit –, erblickte er vor sich wie im Gewebe eines blaßfarbigen blumendurchwirkten Teppichs die schöne Folgerichtigkeit ihres Gefühlslebens und daneben wie auf einem grauen Gesträhne groben Fadengewirrs mit grellen Lappen überflickt das verworrene Gehaspel seiner verstiegenen Konstruktionen. Er sah, daß er alles verloren hatte, aber dieses Verlorene war nun nicht seine Überzeugung, sondern seine Frau. Von seiner Aufgabe war er befreit. Die Last eines unsinnigen Wollens war von ihm genommen worden, eine Lichtung geschlagen in das Gestrüpp seiner alles Natürliche überwuchernden Gedankenwelt, und da hinein schwoll ein wunderbares Gefühl schmerzlich wonnevoller Gehobenheit. Es war ihm, als hörte er, wie in einen ungeheuren Choral heilig heiterer Inbrunst zusammengefaßt, alles auf einmal, was ihm je der Mund seiner Frau aus den Offenbarungen Mozarts verkündet hatte. Die göttliche Tiefe, Güte, Liebe, Ruhe, Heiterkeit einer innigen und großen Frauennatur und dieselben Gnaden aus dem genialen Herzen eines weltverklärenden Künstlers ergossen sich in einem brausenden Überschwall zusammen in sein Herz, das nun doch einmal die Wonnen mystischer Ergriffenheit empfinden durfte in einem ungeheueren Augenblick schöpferischer Ahnung. Er erkannte die Notwendigkeit seines Todes für sich und den jungen Menschen, der durch ihn zu einer Fratze geworden war.

Er sprang in die Tiefe, in die sich Frau Klara hatte fallen lassen.

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