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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Frau Klaras Ruhe

Herr Hauart besaß in Mittenwald einen Sommersitz und nahebei, die Berge hinauf, ein ausgedehntes Jagdrevier. Beides, Haus und Revier, waren nun jahrelang unbenutzt der Obsorge von Hausmeistern und Jagdpflegern überlassen geblieben.

Ein eigentlicher Weidmann war Herr Hauart ja nie gewesen, aber es hatte ihm immer eine stille Freude bereitet, auf eigenem Grund und Boden Wald und Wild zu hegen. Wie er jetzt das Haus betrat, das ihm fast fremd geworden war, wunderte er sich selbst, daß er dies alles um Henfels willen so gut wie vergessen hatte, und es kam ihm zum ersten Male zum klaren Bewußtsein, in welchem Maße sein ganzes Leben seit der Adoptierung des Jungen auf diesen eingestellt gewesen war.

Erinnerung auf Erinnerung drängte sich ihm an. Welch friedlich heitere Sommer hatten sie hier erlebt, Klara und er. Hier war es immer gewesen, wo er am innigsten empfunden hatte, was er an dieser stillen feinen Frau besaß, was er ihr verdankte. Was anderes hatte seinem Leben den sicheren Halt gegeben, wenn nicht die sichere Gewißheit, in seiner Frau ein Wesen sich zur Seite zu haben, das im vollkommensten Einklang mit ihm lebte, in ihm aufging?

Sollte ihm nun wirklich diese Gewißheit genommen werden? Und: würde nicht sein ganzes Leben dadurch an Sicherheit und Haltung einbüßen?

Er hatte ja wohl auch schon früher manchmal bemerkt, daß dies und jenes seiner Art zu der ihren nicht völlig stimmte, aber nur um so rührender und wohltuender war es dann für ihn gewesen, wie sie aus unbeirrbarem Gefühlstrieb sich trotzdem immer seelisch zu ihm hinüberschmiegte mit der holdesten Gabe der Frau: der duldenden Güte, die auch im Erleiden nichts schmerzlich Resigniertes hat und, wo sie rein aus herzlicher Natur kommt, zugleich Demut und Anmut ist.

Diesmal aber war er auf entschlossenen Widerstand gestoßen. Auf Widerstand bei seiner Frau! Hier, in diesem Hause, erschien ihm das als etwas sinnlos Scheußliches. Er konnte es gar nicht ausdenken, wie er im Gegensatz zu Klara auch nur die kleinste Entscheidung treffen sollte, und nun sollte er das, was er für seine Lebensaufgabe hielt, nicht mit ihr, sondern gegen sie durchsetzen!

Aber er war so verstrickt in seine Konstruktionen, daß er auch aus diesem Konflikt seines Innern vor allem die Überzeugung gewann, wie recht er gehabt hatte, den Jungen zu lehren, daß er sich vor jedem Gefühlsverhältnis zu einer Frau zu hüten habe. Henfel sollte es einmal nicht nötig haben, in irgendwelchen Entschließungen auf irgendwen Rücksicht zu nehmen. Das Glück der Gemeinsamkeit glaubte er mit einem Male als das schlimmste Hindernis zur Persönlichkeitsentfaltung großen Stils zu erkennen.

Herr Hauart war auf dem öden Gipfel seiner Spekulationen angelangt und im Grunde entschlossen, ihnen auch das Opfer seiner ehelichen Harmonie zu bringen. Der eigentliche Furor teutonicus war über ihn gekommen, die Gedankenwut, die bereit ist, für ein »Prinzip« alles zu opfern.

Frau Klara fühlte wohl, daß nichts Gutes in ihm vorging. Sie hatte gehofft, das kleine behagliche Haus mit seinen Erinnerungen an die schönsten Tage ihrer Ehe werde ihn aufheitern. Statt dessen wurde er nur noch düsterer. Auch Henfel gegenüber, der seine Liebenswürdigkeit vergebens spielen ließ.

Daher war es dem Jungen recht angenehm, zu hören, daß er den folgenden Tag in der Gesellschaft des Jagdaufsehers verbringen sollte, der bestellt wurde, mit ihm einen Teil des Reviers abzugehen. Herr Hauart wollte indessen mit Frau Klara einer hochgelegenen Jagdhütte einen Besuch abstatten, in der sie, falls der Aufstieg sie zu sehr ermüdet haben sollte, auch übernachten konnten, wie sie es früher oft genug getan hatten. Henfel erklärte, sie in diesem Falle am folgenden Tage mit dem Jagdhüter von dort abholen zu wollen, aber Herr Hauart bestimmte, daß dies unterbleiben sollte. Vielmehr möge er an diesem Tage das andere Revier begehen.

Herr Hauart wollte offenbar mit Frau Klara längere Zeit allein sein, um ihr das Ganze seiner Absichten mit Henfel einmal gründlich vorzulegen und sie damit von ihrem Widerstande dagegen abzubringen.

 

In der Nacht hatte es im Tale geregnet, auf den Höhen geschneit. Die Luft war sehr kühl, aber frühlingswürzig. Man brach beiderseits in aller Frühe auf, Henfel höchst munter und unternehmungslustig, Herr Hauart aber noch immer mit verbissener Miene und Frau Klara mit einem Ausdrucke von Bedrücktheit.

»Sieh dich gut um, Henfel«, sagte Herr Hauart zum Abschied: »diese Wälder wachsen für dich. Lebendige Bäume als Eigentum zu haben, ist etwas Großes, das tief empfunden sein will. Ich habe es erst spät lernen dürfen. Ich ließ in Mexiko ganze Urwälder niederschlagen, um Geld daraus zu gewinnen. Dafür habe ich dann diese Wälder gehegt; nicht aus Sentimentalität von wegen: ›wer hat dich, du schöner Wald‹, sondern weil der Wald das kräftigste Stück Natur in unsern Kulturländern ist, das zu erhalten eine Pflicht bedeutet für den Vornehmen, der sich hier am stärksten fühlen kann. Der Wald ist eine Welt für sich, ein Stück Urwelt. Toni wird dir sagen, wie er das Bestreben hat, das Land um sich zu erobern und innerhalb seines Bereiches an Stelle der Kultur wieder Wildnis zu errichten. Laß diese Macht immer gewähren! Es ist unpraktisch, aber schön, und ein Beispiel für den Menschen, den ich dich gelehrt habe.«

Henfel hörte das an, wie ein anderer Junge etwa die Ermahnung: »Erhitze dich beim Steigen nicht zu sehr, damit du dich nachher nicht erkältest«, erklärte aber nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit, nach Papas Worten handeln zu wollen. Für Frau Klara aber hatte er ein munteres: »Adieu, Mama! Wenn du nachher jemand juchzen hörst: das bin ich!«

Frau Klara küßte ihn lächelnd auf den Mund. Sie freute sich dieser einfachen Worte um so mehr, als ihr sonst seltsam bange zumute war.

Das würde kein Gang werden, wie in früheren Zeiten, wußte sie. Vielmehr der schlimmste Gang ihres Lebens, denn sie durfte und wollte diesmal nicht nachgeben. Und schon dieser Vorsatz kam sie schwer genug an.

Eine Weile gingen die Gatten schweigend nebeneinander her. Henfels Juchzer, nicht eben sehr echt, aber darum um so drolliger, ließen sie ein paarmal stille stehen. Frau Klara lauschte ihnen lächelnd. Herr Hauart lächelte nicht.

Wie sie außer Hörweite der Henfelschen Munterkeit waren, begann Herr Hauart, auf seine Frau einzureden. Sie unterbrach ihn anfangs gar nicht und auch im Verlauf seiner späteren Ausführungen nur selten und kurz. Aber er merkte es wohl: seine Worte fielen nicht in ihr Herz. Wie ruhig und milde sie auch widersprach, es war fester Widerspruch.

Eine abscheuliche Bitterkeit stieg in ihm auf, ein heftiges, böses Zorngefühl. Der erbärmliche Geist des Zankes wollte über ihn kommen, die Wut, mit Worten wehe zu tun, die er doch so sehr verachtete als ein Zeichen gemeiner Sinnesart. Diese Anwandlungen erschreckten ihn. Derlei war seinem Wesen durchaus fremd. Er gehörte nicht zu den Temperamenten, die sich entladen müssen. Seine Waffe gegen Widerspruch war sonst Schweigen oder höchstens Ironie, und seiner Frau gegenüber hatte er, wenn Meinungsverschiedenheiten zutage traten, bisher immer das Gefühl gehabt, nur ein wenig warten zu müssen.

Und nun dieses ungeduldige, böse Aufbegehren, dieses heiße, jähe Überwallen geradezu feindseliger Gefühle, die durchaus in gehässigen Worten zutage kommen wollten, tückisch wie herrische Dämonen eines dunklen Untergrundes seines Wesens. – Was enthüllte sich da?

Er beherrschte sich mühsam, und es war gut, daß eben jetzt der Weg steil anzusteigen begann.

Waren sie bisher etwa eine Stunde lang ziemlich schnell gegangen, weil der Weg in Serpentinen sanft hinaufführte, so schritten sie jetzt langsam hintereinander her auf einem schmalen Pfade, der nach einer weiteren Wegstunde bereits ins Felsige gelangte und nun direkt beschwerlich wurde. Da verbot schon die starke Inanspruchnahme von Herz und Lunge anhaltendes Reden, aber innerlich fuhr Herr Hauart fort, die Gedanken weiter zu spinnen.

So waren zwei Stunden in wortlosem, andauernden Steigen vergangen, und Frau Klara empfand das übermächtige Bedürfnis, sich auszuruhen. Hätte sie es irgendwie vermocht, sie wäre ohne Pause weitergegangen, denn sie fürchtete die Wiederaufnahme des Gespräches, die sicher eintreten würde, wenn sie rasteten. Aber sie konnte jetzt nicht weiter, und hier, wo sich der Weg unter einer Art Felsendach verbreiterte, war auf eine längere und besonders beschwerliche Strecke hinaus die einzige Gelegenheit, sich im Trockenen niederzulassen. Denn, wenn der Schnee auch bereits weggetaut war, so war das Erdreich doch überall feucht, wo es nicht durch überhängendes Gestein von Schnee freigehalten worden war. Übrigens befand sich hier eine von Herrn Hauart aufgestellte Aussichtsbank.

Als sie bei dieser angekommen waren, bot sich ihnen eine kleine Überraschung. Toni, der alte Waldaufseher, hatte sich, als ihm die Ankunft der Herrschaften angezeigt worden war, mit einem Topf voll blauer Ölfarbe heraufgemacht und hatte, weniger dekorativ als gut gemeint, über der Bank an der Felswand die Aufschrift erglänzen lassen: Frau Klaras Ruhe.

»Sieh mal«, sagte Frau Klara und lächelte dabei belustigt und erfreut, »der alte Toni hat den Galanten gespielt.«

»Narrenhände«, brummte Herr Hauart. »Selbst die Bauern haben kein Stilgefühl mehr und verschimpfieren die Natur.« Frau Klara sah ihren Mann betroffen an. Ihr Lächeln war wie weggewischt. »Aber Henry! Der alte Mann hats gut gemeint und sich Mühe kosten lassen. Das Steigen ist ihm leicht geworden, aber nicht das Malen. Er hat gewiß eine gute Stunde dazu gebraucht, diese rührend unbeholfenen Buchstaben da hinzutünchen. Ich freue mich herzlich darüber und hoffe, du wirst ihn nicht etwa dafür schelten, sondern ihm mit mir dafür danken.«

– »Er soll sein Trinkgeld haben!«

– »Henry!«

Frau Klara war empört und stand auf.

»Bleibe bitte sitzen!« sagte Herr Hauart kurz. »Es scheint, jedes Wort von mir ist jetzt deinen Ohren eine Beleidigung. Du wirst mir hoffentlich noch gestatten, mir meine Gedanken über derartige unerbetene Bemühungen zu machen.«

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