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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Spaltung

Zwischen Frau Klara und ihrem Manne gab es in dieser Nacht die erste ernste Auseinandersetzung in ihrer Ehe. Nur mit Mühe vermochte sie Herrn Hauart dazu zu bewegen, nicht nach München zurückzureisen. Im übrigen blieb sie bei aller Ruhe fest auf dem Wunsche bestehen, sich künftighin an der Erziehung Henfels zu beteiligen, und gewann überdies ihrem Manne das Versprechen ab, für Hermann so ausgiebig zu sorgen, als es das Erbrecht nur irgend zuließe.

Es war eine böse Nacht für Herrn Hauart. Auch als die Auseinandersetzung vorüber war. Er schloß wohl die Augen, aber er schlief nicht. Wie ein Ungetüm stand der Zweifel vor ihm: Wenn alles das ein Irrtum gewesen wäre, alles Verschwendung an einen Unwürdigen, alles Raub an einem Wertvollen!

Henry Hauart hatte als Kaufmann vor Krisen gestanden, die sein ganzes Vermögen in Frage stellten; – da hatte er wohl auch Nächte peinigender Ungewißheit durchwacht, in Erwägungen, Berechnungen und Angst. Aber nie hatte ihn eine böse Möglichkeit so erschüttert und überschattet, wie diese, die das einzige mit Leidenschaft betriebene Werk seines kühlen Lebens bedrohte. Er, der nie in seinem Leben an etwas geglaubt, nie ein Ideal verfolgt hatte, war schließlich dazu gelangt, aus sich heraus ein Ideal zu bilden. Den kommenden Menschen großen gebietenden Stils. Damit war er aus einem Ungläubigen ein Gläubiger geworden, ja ein Fanatiker seines Glaubens und hatte sich als solcher in Henfel ein Idol geschaffen. Im Grunde hatte er, ohne sich dessen bewußt zu sein, Götzendienst mit sich selbst getrieben. Dieses Idol in Frage gestellt zu sehen, mußte für ihn eine Erschütterung seines ganzen Wesens bedeuten, gerade weil er sich des inneren Herganges der Sache nicht bewußt war. Denn eben das war ja seine Manier, daß er alles aufs Denken gründete, aber immer ungründlich, immer spekulativ auf vorgefaßte Ziele losdachte. Daher auch seine Ratlosigkeit jetzt. Es war eigentlich nur eine Rettung für ihn: wenn er seinen Glauben trotzig fanatisch neu aufsteifte. Dies war auch seine unbewußte Tendenz im inneren Ringen dieser Nacht. Aber er fühlte wohl: das Verhältnis zu seiner Frau stand auf dem Spiele dabei.

Schon als der Morgen dämmerte, erhob er sich.

Es war noch nicht sieben Uhr, als der Frühstückstisch die drei vereinigte. Henfel trug Reue und Niedergeschlagenheit zur Schau und bat Frau Klara mit dem Ausdrucke aufrichtiger Innigkeit um Verzeihung. Weder am Tone noch am Inhalte des Vorgebrachten schien etwas auszusetzen zu sein, und doch konnte sich Frau Klara des Eindrucks nicht er wehren, daß der Junge nur halb ehrlich dabei war. – Sie antwortete ihm daher, entgegen ihrer sonstigen Art, zurückhaltend und kühl. Ebenso verhielt sich Herr Hauart.

Dies hatte Henfel nicht erwartet. Er fühlte: es ist etwas vorgegangen, es steht etwas auf dem Spiele. Und nun entfaltete er im Laufe des Tages, während sie ihre Fahrt fortsetzten, mehr und mehr eine so natürliche und reizende Liebenswürdigkeit rein knabenhafter Art, daß sich Frau Klara ihm bald wieder mit Herzlichkeit zuwandte. Denn das fühlte sie mit Sicherheit: dieses Gutmachenwollen ohne direktes Schmeicheln und Schöntun, nur durch heitere Aufmerksamkeit und zutunliches kindliches Anschmiegen, war keine Komödie, war ein gutes Stück seiner wirklichen Natur. Und sie sagte sich, besser beobachtend als ihr Mann: zuerst versucht er es mit der Pose, mit niedergeschlagenen Augen, reuevollen Mundwinkeln, innig vorgebrachten, aber offenbar einstudierten Worten. Geht man schnell darauf ein, so ist im Hui alles vergessen, und er fühlt sich wohl gar als verfluchter Kerl, dem es ein Leichtes ist, mit geschickter Mimik und Redekunst alles ins reine zu bringen. Gibt man sich aber damit nicht zufrieden, läßt man es ihn merken, daß er so leichten Kaufs nicht davonkommt, so zwingt man ihn zur Verinnerlichung, weil er sich nun sagt: Ich muß etwas Verlorenes wiedergewinnen, und das geht nur mit dem Aufgebote meiner echten Art. Mag das immerhin also nicht von unmittelbarem Herzensbedürfnis, sondern von einer Absicht eingegeben sein: in der schließlichen Art, wie es sich äußert, ist es Natur. Und es ist liebenswürdig angenehme, begabte Natur. Man muß ihn also möglichst oft darauf hinlenken, sich so zu geben, indem man sich nie mit dem Surrogate zufrieden gibt.

Herr Hauart nickte zu alledem nur mit dem Kopfe. Ihm gefiel es ja auch, wie sich Henfel jetzt betrug. Aber schließlich: was war Besonderes daran? Konnte man derlei nicht ungefähr an allen Jungen finden? Ein liebenswürdiger Bursche, wie tausend andere, – das war wahrhaftig nicht sein Ziel. – Er begann aufs neue, sich in seine Spekulation zu verbohren, und kam dabei zu dem Resultate, daß ihm an Henfel die Verstellung sympathischer war, als die Natur. – Hatte er sie ihm nicht immer gepredigt? Hatte er ihn nicht immer darauf hingewiesen, daß alle Herrschernaturen eine große Dosis Verschlagenheit besessen hatten? Nein, die Verstellungsgabe Henfels, so unerfreulich es erscheinen mochte, daß er sie auch seinen Nächsten gegenüber anwandte, durfte ihm wahrhaftig nicht unlieb sein. War Henfel vielleicht dazu da, ihn oder Frau Klara durch knabenhafte Unbefangenheit zu entzücken? Hätte er derlei gewünscht, so hätte er ja auch Hermann ins Haus nehmen können. – Er kam mehr und mehr in eine böse Stimmung gegen seine Frau und schämte sich seiner Schwäche ihr gegenüber. Was wußte denn sie von den hohen Dingen, die ihm vorschwebten? Wie kam sie dazu, plötzlich seine Kreise zu stören? Sie mit ihrer kleinen weiblichen Anschauung von »Natur«. Als ob nicht die Natur selbst die Meisterin aller Verstellung wäre! – Aber natürlich, die Frauen! In ihnen hängt sich jeder Widersinn fest, da sie ganz durchsponnen sind von flachen »Gefühlen«. – Nein, man darf nicht auf sie hören –, außer wenn sie singen. Kunst, ja, das ist ihr Feld. Mag man sich bei ihnen ausruhen, aber wer Großes vorhat, darf sich von ihnen nicht in sein Inneres sehen lassen. Schon aus Schonung. Denn sie vertragen den Anblick der Wahrheit nicht.

Herr Hauart hatte also glücklich sein Gleichgewicht wiedergewonnen und schoß auf den notdürftig verklammerten Stämmen seines Gedankenfloßes über alle Strudel und Gefälle der Spekulation weg, die er für das wahre Wesen der Menschennatur hielt. Die Frau, die bei ihm saß, seine Frau, die seinem Leben, dem wirklichen, nicht bloß vorgestellten, Harmonie und milden Glanz beschert hatte, bis, wie er gerne zu sagen pflegte, mit Henfels Eintritt in ihren Kreis die Sonne über seinem Hause aufgegangen war – diese Frau befand sich nicht mit auf dem Floße.

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