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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Wund gelaufen

Es war schon gegen Abend, als die Bergbesteiger zurückkehrten. Der alte Hauart war offenbar erfrischt, Henfel da gegen sichtlich ermüdet und etwas verdrossen. Immerhin konnte er bei der Begrüßung der Mama die Hacken hörbar zusammenschlagen und die Frage, wie es denn gewesen wäre, mit einem entschieden vorgebrachten »Großartig« beantworten. Dann aber erbat er sich sofort Urlaub zum Wechsel der Garderobe und verschwand. Vom Gange her hörte sie ihn zornig rufen: »Was? kein Bad?! Ich muß aber ein Bad haben! Ich klebe ja! Ist wenigstens genug Eau de Cologne da?«

»Henfel scheint nicht sehr munter«, meinte Frau Klara.

– »Nun ja, der erste Berg. Außerdem hat er sich aufgelaufen. Im ganzen hat er sich wacker gehalten. Wir müssen ihn langsam trainieren.«

– »Aber, Henry, er ist doch kein Pferd!«

– »Das verstehst du nicht. Ich habe einen genauen Plan gemacht. Er soll nicht systemlos in den Bergen herumrennen, sondern sie Schritt für Schritt unter meiner Führung bewußt erobern.«

»Willst du ihm nicht lieber ein bißchen Freiheit gönnen, Henry? Ich fürchte, du ziehst ihn von der Natur ab, statt daß du ihm Gelegenheit gibst, sie liebzugewinnen.«

Herr Hauart sah seine Frau mit erstaunten Augen groß an: »Ich verstehe dich nicht, Klara. Du solltest doch wissen, daß ich mir mein System bis ins einzelne genau durchdacht habe. Die großen Eindrücke der Natur sollen nicht an Bedeutung dadurch einbüßen, daß ich ihn dazu anleite, sie in ihrer Verknüpfung mit den Zielen eines groß angelegten Lebens zu begreifen. Wenn du mir einen Vorwurf machen kannst, so ist es der, daß ich mich habe hinreißen lassen, bei unserer ersten Bergbesteigung mehr an mich und meine lange unterdrückte Sehnsucht nach einem hohen weiten Blick zu denken, als an ihn und den Umstand, daß er weder körperlich noch seelisch gehörig vorbereitet war.«

– »Ich mach dir keinen Vorwurf, Henry. Aber du mußt mir doch nicht die Möglichkeit nehmen, auch meinerseits Vorschläge zu machen, wenn es sich nicht um direkten Unterricht handelt.«

Herr Henry erstaunte aufs neue: »Unterricht? Henfel wird nie unterrichtet. Er wird nur fortgesetzt angeleitet, sich selbst zu unterrichten, dies aber in jedem Augenblicke meiner Gegenwart. Also auch, wenn ich ihm die Berge erschließe.«

Frau Klara schwieg verletzt.

Herr Hauart streichelte ihr die Hand: »Verzeihe, Klara, verzeihe, ich wollte dich nicht zurückweisen. Du meinst es ja herzlich gut, aber, sieh, ich habe Henfel nun einmal in meine Hand genommen. Ich gehe ganz darin auf. Deshalb muß ich dich wirklich bitten, mir völlig freie Hand zu lassen.«

Frau Klara neigte den Kopf. Was sollte sie sagen? – Nein, so ging es nicht. Sie mußte über ihren Mann weg, heimlich, gegen ihn arbeiten. Es war kein anderer Weg.

Herr Hauart ging, sich umzuziehen. Indessen erschien Henfel wieder, frisch gewaschen und stark nach Kölnischem Wasser duftend. Auf seine gewöhnliche Art, wie ein junger englischer Gentleman gekleidet, sah er tadellos vornehm aus. Doch hinkte er ein bißchen.

– »Hast du wehe Füße, Henfel?«

– »Nicht der Rede wert, Mama. Das Lederzeug hat mich ein bißchen aufgescheuert, und die Schuhe waren zu schwer und viel zu groß. Überhaupt wars ein bißchen zu viel fürs erstemal. Papa hat sich selbst Vorwürfe gemacht, obwohl ich mir natürlich nichts habe merken lassen.«

– »Er hats doch gemerkt.«

– »So? Na, ich glaube, ein anderer wäre überhaupt nicht hinaufgekommen.«

»Ach? Hermann hat mir vorhin erzählt, daß er in deinem Alter schon dreimal oben gewesen ist.«

Henfel bekam einen roten Kopf: »Hermann?« Er biß die Zähne zusammen, dann lächelte er höhnisch. »Nun ja, er ist ja gewissermaßen mein Bruder.«

Frau Klara war betroffen vom Sinn dieser Bemerkung, aber mehr noch empört über ihren Ton und Henfels häßlichen Ausdruck dabei.

– »Das sagst du mit so einem Gesicht?«

Sie sprach fast drohend.

– »Wie soll ichs denn sagen? – Aber ja, pardon, ich hätte vielleicht überhaupt nicht davon reden sollen. Aber schließlich, was ist denn dabei? Diese Verwandtschaft hat ja doch keine Bedeutung.«

Es war wohl Übermüdung, die ihn unfähig machte, sich zu verstellen. Er fuhr unvermittelt fort: »Er soll nur ja nicht versuchen, sich deshalb an mich ranzumachen. Papa hat es mir ausdrücklich verboten, je wieder mit ihm zu verkehren. Und ich täte es auch von selbst nicht. Nun erst recht nicht! Er soll bleiben, wo er ist!«

Frau Klara bebte vor innerem Zorn. »Schweig! Wenn jemand Ursache hat, ihn aufzusuchen, so bist du es. Und wenn jemand zu dem Stolze berechtigt ist, dich zu meiden, so ist er es!«

Henfel duckte sich zusammen. So hatte Frau Klara noch nie zu ihm gesprochen. Er begriff nicht, wie das sein konnte. Da sah er Hermanns Schrift; er fiel mit den Augen darüber her und brach in ein Gelächter aus: »Gott, wie schön! Hahaha!«

Frau Klara erhob sich, sah ihn funkelnd an und wies ihm die Türe: »Geh auf dein Zimmer! Du wirst allein speisen und mir vor morgen nicht unter die Augen treten. Auch Papa wirst du nicht sprechen!«

Henfel würgte seine Wut hinunter, drehte sich auf den Hacken um und lief davon, die Tür schmetternd hinter sich ins Schloß werfend. Das ganze Haus hallte von dem Toben wider, das er in seinem Zimmer vollführte.

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