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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der junge Sozialist

Gleich nachdem Herr Hauart und Henfel abgezogen waren, dieser mit einer wahren Lanze von Bergstock ausgerüstet und von vornherein das Bergsteigetempo langschrittig markierend, erkundigte sie sich, wo der Trupp junger Studenten Herberge genommen habe, und sie schickte eine Karte für Hermann dorthin. Die jungen Leute waren aber schon frühzeitig über den See gerudert. Gegen Mittag jedoch kam ein Strauß Frühjahrsblumen und ein Brief von Hermann, der sein Erscheinen für Nachmittag ankündigte. Es lag auch ein Gedicht dabei, das lautete so:

Aus junger Erde frisch und rein
Sind wir geschossen zu seligem Sein,
Denn wir sind Seelen ohne Bedenken,
Wollen uns geben, wollen uns schenken;
Geben euch mehr als Schönheit bloß:
Deuten des Lebens Sinn und Los,
Die ihrs vergaßet,
Raubt und raset:
Arme Menschen voll Gier und Pein.

Frau Klara lächelte nicht über das Kindliche dieser Verse, die allzu lyrisch-leicht mit dem Sinn des Lebens fertig werden wollten. Vielmehr freute sie sich dieser Kindlichkeit und ihres auf keine Originalität bedachten Ausdruckes, und sie freute sich nun doppelt auf Hermanns Kommen.

Hübscher war er nicht geworden. In der Nähe gesehen hatten seine Züge unter dem Rot der Anstrengung des Wanderns in der frischen Luft etwas Abgespanntes. Ein flaumiger blonder Backenbart gab ihm den Anschein eines jungen Mannes Mitte der Zwanziger und zugleich etwas von einem jugendlichen Handwerksmeister. Seine Augen hatten aber noch an Ausdruck gewonnen. Viel Versonnenheit war darin, aber sie konnten im Affekt auch recht energisch aufblitzen.

Er begrüßte Frau Klara mit offener Herzlichkeit, nicht burschikos selbstbewußt, aber auch nicht scheu. Was er sagte, hatte einen ruhigen, bestimmten Ton und war schlicht und klar. Er erzählte von seinem Studium: daß er an der Philosophie hängen geblieben sei, sich aber auch stark mit Naturwissenschaft, Soziologie und Literaturgeschichte beschäftigte. Den Plan, Jurist zu werden, um sich der Laufbahn eines Advokaten zu widmen, habe er aufgegeben, zurückgestoßen vom Geiste der Jurisprudenz, die nichts sei, als eine Dienerin der Macht. Ein Brotstudium betreibe er nicht, denn er denke nicht daran, in der gegenwärtigen Gesellschaft ein öffentliches Amt zu bekleiden. Sein Ziel sei, Schriftsteller zu werden, Publizist, Agitator mit der Feder. Alle die jungen Leute, mit denen er eben auf einem Ausfluge begriffen sei, verfolgten das gleiche Ziel. Sie wüßten wohl, was ihnen bevorstünde, sobald sie einmal begonnen hätten, mit ihren Ideen vor die Öffentlichkeit zu treten: Verfolgung und Schikane durch den Staat, der ja jetzt die Knebelung des Gedankens gesetzlich fixiert habe. Das sei ihnen aber nur recht, denn es gebe ihnen die erwünschte Gelegenheit, zu beweisen, daß es ihnen Ernst sei mit ihren Idealen. Geächtete Gedanken seien die mächtigsten. Unterdrückung politischer Bestrebungen durch rohe Gewalt verdichte sie, presse sie zusammen, mache sie kompakt. Das Sozialistengesetz habe den besten Einfluß auf die gebrandmarkte Partei, der er mit Enthusiasmus angehöre. Es habe sie gereinigt von allen unsicheren Elementen, und den echten Anhängern habe es das Pflichtgefühl verschärft und die Energie gesteigert: »Wir sind wie die Urchristen in den Katakomben. Aus der Partei ist eine Familie geworden. Wir wachsen zu einem Organismus zusammen, der unzerstörbar sein und eines Tages wie ein Ungeheuer vor der schlotternden Welt des egoistischen Frevels dastehen wird. Ausschweifende Wüstlinge des revolutionären Gedankens, wie es die Hödel und Nobiling waren, gibt es unter uns nicht. Wir denken nicht an den törichten Kleinkram von Attentaten auf einzelne, sondern richten unsern Sinn auf eine planmäßige Durchdringung des Proletariats mit revolutionärem Geiste. Tausende unter uns hätten den Mut zu Gewalttaten, und es fehlt nicht an gefährlichen Temperamenten, die gezügelt werden müssen, aber es ist fast wunderbar zu sehen, welche Gewalt selbst über die Wildesten unsere Lehre hat. Sie entwickelt sich zur Wissenschaft. Das ist es, was uns von den Christen der ersten Zeit unterscheidet, die die Wahrheit nur inbrünstig fühlten. Wir umfassen sie mit einem System von Beweisen, wir richten sie zu einem unumstößlichen Lehrsystem auf mit den Naturwissenschaften als Grundlage und der Entwicklungsgeschichte der Menschheit als Klammern. – An diesem Werke mitschaffen zu dürfen, ist Wollust, ist höchstes Lebensglück. Ich glaube, es hat nie eine höhere Begeisterung gegeben, als die unter uns, obwohl wir im Grunde nur mit nüchternen, logischen und exakten Werten hantieren. Denn das Ziel ist von einer unbeschreiblichen Herrlichkeit. Wer es einmal erkannt hat, mit dem Kopfe und dem Herzen, der fühlt sein Leben verklärt.«

Frau Klara dachte daran, wie sie vorhin mit ihrer Kritik Henfel gegenüber zurückgehalten hatte, um ihm nicht die Freude an einem Extraanzug zu verderben, und sie erschrak bei der Empfindung, daß sie jetzt Hermann gegenüber im Grunde dieselbe Rücksicht nahm. Sie erschrak vor ihrer Nüchternheit. Welcher Abgrund zwischen den Menschen! dachte sie bei sich. Nicht bloß zwischen Menschen wie Henfel und Hermann, sondern auch zwischen ihr und diesem. Es graute ihr vor ihrer abweisenden Klarheit.

»Habe ich Sie beleidigt?« fragte Hermann, als sie vor sich hin schwieg.

»Nein, Hermann«, antwortete sie; »wenn ich schwieg, so war es, weil ich dich nicht verletzen wollte, denn, siehst du, ich bin eine Ungläubige, und du bist jetzt ein Apostel. Gott weiß, wie gerne ich glauben möchte. Wer aber hilft meinem Unglauben? Du weißt ja, wie schwer Reiche in das Himmelreich eingehen. Ihr habt eins, Hermann; wir haben keins, und ich müßte keine Frau sein, wenn ich nicht wünschte, mit daran teilhaben zu dürfen. Aber es bleibt mir verschlossen, und ich fürchte sogar, daß auch du ihm eines Tages den Rücken wenden wirst.«

»Nie!« rief Hermann aus, »und ich glaube sogar, ich könnte es Ihnen auftun, denn Sie sind ja gut und gerecht!«

– »Du irrst dich, Hermann, ich bin nur schwach, fühle mich aber ganz zu denen gehörig, die für dich frevelhafte Egoisten sind.«

– »Nein, Frau Klara, Herzen wie die Ihren gehören zu uns. Sie sind nur nicht frei. Sie sind eine Gefangene von Verhältnissen und Anschauungen, die Ihrem Wesen widersprechen.«

– »Ich bin nicht mehr und nicht weniger unfrei, als jeder Mensch des Durchschnitts. Wir alle, die wir keine Auserwählten des großen Schicksals sind, werden wie Schachfiguren von den Mächten geschoben, unter deren Einfluß wir leben, da wir selber nicht die Bedeutung von Mächten haben, ob wir nun als Bauern oder Könige aus der Schnitzbank hervorgegangen sind. Solche Menschen, lieber Hermann, solche Figuren müssen sich bescheiden, ihre Stelle auszufüllen und sich nach den Gesetzen zu bewegen, die sie schrittweise regeln. Ich glaube nicht, daß das Glück der Menge immer zu dem Glück der wenigen Starken paßt, und mir scheint, daß nur die Glücksgefühle der großen schöpferischen Künstler der Menge wirklich etwas gegeben haben: nämlich Schönheit. Die großen Gedankenempörer dagegen haben immer nur Umwälzungen hervorgerufen, in denen bloß sie selbst ihre Art von Glück fanden. Die Menge taumelt eine Weile mit, fortgerissen von den Gedankenstürmen weniger, und es kommen wohl auch einzelne, die unten waren, in die Höhe, aber schließlich ergibt sich, wenn wieder Ruhe eingetreten ist, im ganzen dasselbe Bild, ohne daß die Menschheit an Glück reicher geworden wäre. Alles das muß wohl so sein, obwohl es eigentlich jammervoll ist, aber es ist weder das darin, was du Güte, noch was du Gerechtigkeit nennst. Nicht einmal Christus...«

Sie schwieg erschrocken. Ihre Gedanken, innerlich immer verkettet mit Beobachtungen ihres täglichen Lebens, die sie nicht andeuten wollte, trieben sie weiter, als ihr lieb war. So ruhig sie sprach, war sie doch innerlich heftig erregt. Plötzlich, unvermittelt, als Hermann etwas erwidern wollte, stand sie auf und ergriff die Hand des jungen Mannes: »Nein! höre nicht auf mich, glaube mir nicht! Du hast recht, tausendmal recht! Und wenn all eure Gedanken Irrtümer wären, und alles, was ihr glaubt, nicht wahr, ihr müßt, ihr sollt dafür kämpfen! Zeigt der Welt eure Seele und eure Liebe, euren Zorn, euren Haß, eure Kraft! Reißt mit, was Leben und Glauben und Hoffnung hat! Auch das ist Kunst und Schönheit! Nur aus solchen Stürmen des Lebens kann wieder eine lebendige Kunst und Schönheit kommen. Denn alle Kunst und Schönheit wird Fratze ohne einen starken, treibenden Glauben an neue Ideale.«

Hermann war erschüttert und betroffen. Er fühlte, daß hier ein Schmerz sprach, aber er begriff ihn nicht. Der junge Revolutionär stand angesichts der Revolution der Gefühle, die sich hier vor ihm vollzogen hatte, vor einem Rätsel, dem seine Logik nicht gewachsen war. Er schwieg.

Die Zofe brachte den Tee. Frau Klara schenkte ihn aus der silbernen Kanne in die papierblattdünnen chinesischen Porzellanschalen. Wie flüssiges Gold rann das aromatische Getränk aus dem matten Silber in das glänzende Porzellan. Hermann verfolgte mit ästhetischem Genusse die gemessen graziösen Bewegungen von Frau Klaras Arm und wurde beim Anblick ihrer schönen blassen Hände von der Erinnerung zurückgeführt in die Tage seiner früheren Jugend, als er sie auf den Tasten bewundert hatte. Und es wurde ihm heimlich zumute. Wie sehr ihn auch die Gedankenwelt des Gesellschaftsumsturzes durchdrungen hatte: wenn er etwas Schönes sah, und war es auch Schönheit aus dem Reichtum, so war er ganz Auge, ganz Genießer, so völlig, daß sein Ausdruck innerstes Entzücken verriet.

»Du solltest doch wieder manchmal zu uns kommen«, nahm Frau Klara das Gespräch auf. »Tus meinetwegen, Hermann! Deine Gegenwart tut mir wohl. Ich habe jetzt gar niemand mehr, für den ich singen kann, denn mein Mann ist so mit der Erziehung Henfels beschäftigt, daß er selbst während meines Gesanges mehr zu grübeln als zuzuhören scheint, und Henfel selbst versteht das Lauschen auch noch nicht recht. Mozart ist ihm kein Fest, wie dir, sondern etwas Alltägliches; die Musik regt in ihm nichts auf, sondern zerstreut ihn höchstens. Und, du weißt es ja, für mich bedeutet die Musik mehr.«

»Ich möcht es so gerne«, antwortete Hermann, »aber ich darf es nicht. Ich weiß noch sehr wohl, was Sie mir bei meinem Abschied gesagt haben: Kunst, und von den Künsten am meisten Musik, ist Traum. Und ich habe die Neigung, mich dem Träumen hinzugeben. Aber meine Aufgabe verbietet es mir. Wir müssen ganz wach bleiben und alles Liebliche vermeiden, bis die Stunde der Freiheit für alle gekommen ist.«

– »Und deine Verse?«

– »Ich mache keine mehr.«

– »Sind das keine?« Sie wies auf den Brief.

– »Die ersten, seit ich die von Henfel erhalten habe.«

– »Haben sie dir so mißfallen?«

– »Nicht die Verse; nein. Sie waren ja gut gemeint. Aber ich fühlte: auch das ist ein Spiel für die Müßigen geworden. Mir fiel damals zum ersten Male auf, daß Muße und Muse gleichklingt. – Nein, es ist jetzt keine Zeit für Verse. Die Stunde der Schönheit ist noch nicht wieder da. Wer heute Dichter ist, muß es für die sein, die jetzt noch nicht nach Schönheit, sondern nach Wahrheit begehren. Im Norden: bei den Skandinaviern, im Osten: bei den Russen, und auch im Westen: bei den neuen Franzosen, ist diese neue Aufgabe der Dichtung erkannt und auch schon in gewaltige Werke umgesetzt worden. Nur bei uns herrscht der alte Klimperklang noch. Wir Jungen verabscheuen ihn und wollen lieber die Häßlichkeit, die wahr ist, als eine verlogene Schönheit. Aber wir dürfen auf die Dauer die Pflege der Dichtung als eines Mittels zur Empörung der Massen nicht vernachlässigen, und es gibt Talente unter uns, die den fremden nicht nachstehen. Aber unsere Romane und Novellen liegen in den Schubläden. Wer sollte sie drucken? wer würde sie lesen? Wieder nur die, die sie schreiben. So betrachten wir sie denn als Übungsstücke. Um so sicherer werden sich dann die Werke der Reife durchsetzen.«

Jetzt hatte er die schönen Hände seiner mütterlichen Freundin, die silberne Kanne und die mattblickenden Schalen wieder vergessen und sprach fast dozierend kühl.

Frau Klara sah ihn kopfschüttelnd an. Beraubte sich dieser da nicht schließlich auch seiner Jugend, wie der andere durch fremden Einfluß um sie gebracht wurde? Wurde nicht hier wie dort alles Natürliche durch Konstruktionen verschüttet? War denn für die Kunst kein Platz mehr?

Die Schwermut, die sie schon manchmal in den letzten Jahren überfallen hatte, kam wieder über sie. Sie entließ Hermann mit kaum verhehlter Trauer, und, wie sie ihn die Dorfgasse hinuntergehen sah, etwas gebückt, wie ihr schien, und gar nicht mehr so jugendlich ausschreitend wie gestern, da hatte sie die bestimmte Empfindung, daß sie ihn nie wiedersehen werde. Und sie erschauerte unter einem Gefühle von eisiger Kälte.

Bin ich denn so alt? dachte sie sich. Was macht mich denn so müde? Warum kann ich Hermann nicht helfen? Warum weise ich ihn im Grunde ab und bringe es höchstens zu einer schnellen Aufwallung, die ihm unbegreiflich bleiben muß? – Und nun gar Henfel. Ich sehe doch, wie er ins Falsche, Unheilvolle getrieben wird. Weshalb stemme ich mich nicht dagegen? – Henry! Die Rücksicht auf ihn! Ja... Aber, gehe ich nicht selbst dabei mit zugrunde?... War mein ganzes Leben nicht überhaupt ein willenloses Zugrundegehen? Nein, nein... Nicht das... Ich war ja glücklich, oder wenigstens – nicht unglücklich. Aber nun werde ichs! Ja, nun werde ichs bestimmt, denn ich fühle ja: alles um mich muß es werden... Nein, nein, nein! Ich muß mich aufraffen! Ich muß helfen! Es ist meine Pflicht, und sie wird mich wieder wach machen, lebendig machen... Denn ich bin ja ein Schatten im Hause...

Sie ließ sich Tisch und Lehnstuhl auf den Balkon bringen und wartete dort auf die Zurückkunft der beiden, sich immer mehr in dem Vorsatz kräftigend, von nun an tätig in Henfels Erziehung einzugreifen. Hermanns Strauß und seinen Brief hatte sie vor sich liegen.

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