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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Adlige Künste

Bei der Frühreife Henfels auch in körperlicher Hinsicht würde er doch wohl jetzt schon nicht faul gewesen sein, die väterlichen Theorien in die Praxis umzusetzen, wenn die Hauartsche Erziehungsmethode nicht wenigstens das eine Gute gehabt hätte, daß sie ihn körperlich scharf hernahm. Henfel mußte jede Art Leibesübung treiben, für die in München ein guter Lehrer aufzutreiben war.

An erster Stelle stand das Reiten. Darin wurde er ausgebildet, als gälte es, einen künftigen Schul- und Kunstreiter aus ihm zu machen. Seine Begabung hätte dazu vollkommen ausgereicht. Im Sattel und auf ungesatteltem Pferde saß er mit der Sicherheit eines geborenen Reiters. Je wilder ein Pferd war, um so lieber war es ihm. Ein ungesatteltes Pferd ohne Zügel, lediglich durch Schenkeldruck zum Nehmen von Hindernissen aller Art im Galopp zu zwingen, während er eine Art eiserner Balancierstange in den Händen hielt, war ihm nicht Mühe, sondern Lust. Er sah schön dabei aus, und das wußte er auch.

Nach dem Reiten kam das Fahren. Der schwarzhaarige Junge mit dem gebräunten scharfzügigen Gesichte und den dunklen Augen, der nichts eigentlich Knabenhaftes mehr an sich hatte, war bald eine bekannte Erscheinung in den Münchener Straßen durch die elegante Art, mit der er zu kutschieren verstand. Wenn er bei einer besonderen Gelegenheit vierelang fahren durfte, galt es ihm ein Festtag. Blieben nicht rechts und links die Leute seinetwegen stehen? Nahm nicht der und jener gar den Hut ab, wie wenn ein Prinz vorbeiführe? Bei solchen Ausfahrten fühlte er das reinste Glück, das seiner Kindheit beschieden war. Sein Ausdruck war dabei ernst, stolz, fast verächtlich, aber im Innern hatte er die Empfindung eines stürmischen Jauchzens. Wie gleichgültig er im Grunde allen diesen Gaffern war, wenn er nicht bei den armseligsten unter ihnen schnell vorübergehenden Neid erweckte, und was die Boshaften im Spaliere für Bemerkungen hinter ihm her machten, dessen war er sich nicht bewußt. Er sah sich bewundert im Mittelpunkte des Interesses einer Menge; das genügte ihm vollkommen. Und auch, wenn er sich einmal vorstellte, daß dieser Bewunderung Neid beigemischt war, so beeinträchtigte dies sein Vergnügen keineswegs, würzte es vielmehr auf eine angenehm kitzelnde Manier. Das Klappern von sechzehn Hufen, deren Rhythmus von einem Druck seiner Hände bestimmt wurde, war ihm die köstlichste Musik, und sie regte mehr Phantasien in ihm an, als es die schönsten Mozartlieder aus Frau Klaras Munde vermochten. Auf dem Bocke fühlte er sich noch intensiver Herr, Prinz, Gebieter, als auf dem Pferde, denn der Apparat war reicher, größer, aufsehenerregender. Am liebsten hätte er von dem Diener auf dem Hintersitze Geld unter die Menge werfen lassen, und, wenn es nach dem Wunsche seiner Phantasie gegangen wäre, so hätten Paukenschläger und Trompeter voranreiten müssen.

Auch das Fechten wurde nicht vernachlässigt. Den Stoßdegen handhabte er mit Geschick und Eleganz, doch tadelte sein Fechtmeister, daß er mehr auf schöne Stellungen bedacht sei, als auf energischen Angriff, und daß er sich andrerseits zuweilen von einer plötzlichen Wut hinreißen lasse, die im Ernstfalle gefährlich sein würde. Diese Wut stellte sich mit Sicherheit dann ein, wenn Henfel aus einer eleganten Pose durch einen festen Stoß gerissen wurde, den ihm der alte Dinglmeier, kein Freund vom Tanzen beim Fechten, rücksichtslos auf die Magengegend applizierte. Dann drang Henfel wütend und schnaubend auf den Alten ein, der ihm aber regelmäßig zum Schluß den Degen aus der Hand drehte, indem er dazu bemerkte: »Schaugns, da liegt er. Ich sags dem jungen Herrn ja alleweil: net so hupfn, dös bringt gar nix ein.« Der Säbel war Henfels Sache weniger – und Dinglmeier predigte vergeblich. »Mehr Schneid, junger Herr, net lauern! Dös ist bei die Herren Studenten sogar verboten!« – »Ach was!« pflegte darauf Henfel zu erwidern, »lassen Sie mich mit Ihren Studenten zufrieden. Ich fechte Dessin!« – »Na«, dachte sich denn der alte Mensureneinpauker, – »du solltest mal zu die Schwabn kommen oder zu die Pfälzer, die würden dir dei Dehsengk fei austreim.« Und ließ es sich trotz aller wütenden Verbote Henfels nicht abgewöhnen, diese heimlichen Bemerkungen in gute feste Fechtmeisterhiebe zu übersetzen, die seinem lauernden Gegner recht fühlbar über die Drahtmaske wegrasselten. Es waren leider die einzigen Hiebe, die dem Knabenalter Henfels beschieden waren.

Turnunterricht erhielt Henfel nicht, denn Herr Hauart hatte, vielleicht von seinem englischen Blute her, eine Abneigung gegen die »Gymnastik der Demokratie«. Dafür mußte sich Henfel im römisch-griechischen Ringkampf unterweisen lassen. Er tat es gerne, weil sein Lehrer, mit schnellem Blick für die sicherste Voraussetzung zur Erlangung von Trinkgeldern begabt, die Klugheit besaß, sich leicht von ihm werfen zu lassen und seiner Bewunderung von Henfels Akt häufig und deutlich Ausdruck zu geben. Er brauchte dabei nicht einmal zu lügen, denn der vierzehnjährige Junge besaß wirklich einen Körper von ungewöhnlich schönem und kräftigem Ebenmaße.

Lanzen- und Diskuswerfen wurde gleichfalls, der antiken Herkunft wegen, betrieben, obwohl es auch zum Programm der »Graujacken« gehörte, wie Herr Hauart die deutschen »Turnbolde« nannte. Vom Fußball nahm er Abstand, weil dazu Kameraden nötig gewesen wären. Um so eifriger wurde das Schwimmen betrieben, nicht ohne Hinweis auf Lord Byron, wie denn Herr Hauart immer bestrebt war, seinen Zögling auf große Vorbilder hinzuweisen.

Natürlich fehlte auch das Schießen und im Anschluß daran die Jagd nicht. Das Tanzen aber schloß Herr Hauart aus. Denn, so belehrte er Henfel, »es ist als aristokratische Kunst untergegangen und zu einer Art Drehkrankheit geworden. Nur das Volk versteht noch zu tanzen, aber, natürlich, seiner Art entsprechend mehr grotesk als schön. – Soweit es als konventionelle Notwendigkeit im Gesellschaftsleben nicht zu umgehen ist, wirst du es dir später leicht aneignen.« Demnach beschränkte sich die Tätigkeit des engagierten königlichen Ballettmeisters auf Unterweisungen in den Komplimenten und ähnlichem. Er fand in Henfel einen sehr gelehrigen und begabten Schüler, der nur eine Neigung hatte, des Guten etwas zu viel zu tun. Selbst Herr Josef Trittl, der sich als Künstler mit dem Wohllauter Giuseppe Trattolini behaftet hatte, konnte nicht umhin, ihm im Innern den Namen »Storch im Salat« zu verleihen.

Wenn Henfel, was sich nur selten ereignete, dazu kam, sein Komplimentenwesen nicht vor Stühlen oder Staffeleien, sondern vor Menschen zu produzieren, etwa im Foyer des Hoftheaters vor einer der wenigen Damen der Gesellschaft, mit denen Herr und Frau Hauart im Verkehr standen, so machte das auf die umherwandelnden Münchner einen erstaunlicheren Eindruck, als irgendeine Szene, die sie soeben auf der Bühne hatten vor sich gehen sehen. Einmal geschah es, daß eine mit dicken Goldketten umwundene Hofcharkutiersehegattin in einen sie völlig aus der Balance bringenden Hofknix zurücksank, als Henfel an ihr vorüberstelzte und mit plötzlichem Vorfallen des Oberkörpers zu fast wagerechter Lage einer Dame die Hand küßte. Die gute Hofwurstlieferantin war felsenfest davon überzeugt, daß sie einem spanischen Prinzen ihre Devotion bekundet hatte. Andere freilich konnten bei ähnlichen Gelegenheiten nur schwer ein Lächeln verbergen, und die also begrüßten Damen fühlten sich durch die Huldigungen der Henfelschen Komplimentierkunst mehr geniert, als erhoben. Eine russische Staatsrätin, die aus Hamburg stammte und daher mit Hauarts bekannt war, eine der nicht gerade zahlreichen Damen, die sich inmitten des Gesellschaftslebens natürliches Empfinden zu bewahren vermocht haben und aus diesem Empfinden heraus geradezu urteilen und unumwunden ihr Urteil äußern, zog sich des Jungen grimmige Ungnade zu, indem sie ihm, während er ihre Rechte auf so zeremonielle Weise küßte, höchst unzeremoniell mit der Linken einen Patsch auf die Backe gab und dabei sprach: »Junge, Junge, was machst du für Faxen!« Derlei vertrug Henfel gar nicht. Als sein Kopf wieder auftauchte, war er puterrot vor kaum verbergbarer Wut, und seine Augen rollten, wie die eines schlechten Theaterbösewichts. Die Dame aber hieß von jetzt ab das Pöbelweib bei ihm, und als er sie wieder einmal begrüßen mußte, tat er es mit dem Air eines Prinzen, der Ungnade markiert. »Diesmal bist du ungezogen, mein Junge«, bemerkte lächelnd die Staatsrätin, »aber das gefällt mir immerhin besser, als wenn du überartig tust.« Er hätte sie erdolchen mögen und verfolgte den Rest der Meistersingervorstellung mit düsterem Antlitz. Denn wo er Überlegenheit spürte, schäumte es in ihm auf. Wenn sein Erzieher imstande gewesen wäre, bei solchen Zuständen einen Blick in sein Inneres zu tun, er hätte einen tödlichen Schreck erfahren angesichts dieser bestialischen Ungezügeltheit einer Seele, auf die alle erzieherischen Beeinflussungsanstrengungen keinerlei reelle Wirkung gehabt hatten.

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