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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Das Kunstwerk des Dilettanten

Frau Klara verstand ihn doch wohl noch nicht recht. Wer Henfel leiten wollte, mußte ihn bei seiner Eitelkeit nehmen. Diese war sein Hauptcharakterzug. Wer seiner Eitelkeit genugtat, wer ihm den Hof machte, der konnte ihn nach Gefallen führen und modeln.

Daher der unbedingte Einfluß des alten Hauart auf ihn. Henfel ließ sich die Prinzenerziehung, die ihn doch viel genug zu entbehren zwang, wonach sich am Ende jeder Junge sehnt, gerne gefallen, denn er empfand deutlich, wie wichtig sie ihn nahm, wie sehr sie ihn als Ausnahmsmenschen behandelte. Er bekam nicht eine einzige Schmeichelei von seinem väterlichen Erzieher zu hören, aber seine Eigenliebe, seine ins Phantastische gehende Einbildung fühlte sich unablässig geschmeichelt. Hätte sich ihm öfter Gelegenheit geboten, wie in dem Streitfalle mit Hermann, seinen Wert an dem anderer junger Leute abzumessen, so wäre zweifellos auch öfter das heilsame innere Ausbalancieren zustande gekommen, das schließlich ein reelles Selbstgefühl herbeigeführt hätte. So aber entwickelte sich nur ein ungeheurer Dünkel. Herr Hauart glaubte, an Henfel die Künstlerschaft auszuüben, die ihm im Bereiche der Kunst versagt war. In Wahrheit vergriff er sich dilettantisch am wertvollsten Materiale: an einem Kinde. Es leiteten ihn die besten Absichten, und er dachte über sein Werk so bohrend und peinlich nach, wie nur ein Dilettant über seine Kunstausübung nachdenken kann. Aber auch diesem Dilettantismus fehlte das Eigentliche: das instinktive Grundverhältnis zur betriebenen Sache, der intuitive Blick für die Möglichkeiten seines Stoffes und die künstlerische Selbstbeschränkung, die nur das aus ihm herausholen will, was in seinem Wesen liegt.

Herr Hauart wollte seine Sehnsucht gestalten, das heißt, aus Henfel den idealen Menschen bilden, der er selbst nicht geworden war. Sehr viele Väter hegen diesen Wunsch. Indessen erfährt glücklicherweise ihr Wollen zumeist eine heilsame Korrektur durch die Umstände, die es dem Kinde erlauben, auch die Bestandteile seines Wesens zur Entwicklung zu bringen, die es nicht vom Vater her hat, weil sie oft Vererbungen von Vorfahren sind, von denen die Eltern selbst nicht die mindeste Ahnung haben. Denn unsere Kinder sind ja nicht nur unsere Kinder. Das Schlimme im Falle Henfel war, daß in seinem Wesen Eigenschaften lagen, die den erzieherischen Absichten Hauarts sehr entgegenkamen. So schien es, als ob Henfel wirklich der schlechthin ideale Stoff für seines Bildners exklusive Absichten wäre. Aber es schien nur. In Wahrheit wurden nur einzelne seiner Eigenschaften übertrieben herausgebildet auf Kosten anderer, und das sah nun zwar recht scharf und stark aus, war aber doch Verzerrung. Im Grunde kam es darauf hinaus, daß Henfels Eitelkeit sich immer kolossaler entwickelte. Seine Schlauheit wußte diese seine Eitelkeit seinem Erzieher gegenüber gut zu maskieren. Er nahm im Verkehr mit dem Papa ein ernstes, besonnenes Wesen an, wie ein Mensch von steter innerer Konzentration. Sprach er, so tat er es in einem entschiedenen Tone ohne Vordringlichkeit. Sein Betragen in Gegenwart seiner Eltern verband die beste äußere Lebensart mit gedämpfter Herzlichkeit. In alledem aber war nicht seine Natur das Maßgebende, sondern nur das Bestreben, Beifall zu gewinnen. Er spielte den Konzentrierten, Entschiedenen, Wohlerzogenen, weil es seiner Eitelkeit schmeichelte, offenbar den besten Eindruck damit zu machen. Im Verkehr mit der Dienerschaft war er ein ganz anderer, launisch liebenswürdig bis zur Kordialität und launisch boshaft bis zur Tücke und Wildheit. Eben noch hochnäsig albern, schlug er in Vertraulichkeit um, aber das leiseste Eingehen darauf brachte ihn dann sofort in eine Wut, die auch vor Handgreiflichkeiten nicht haltmachte. Indessen waren derartige Szenen für die Bediensteten im Hause Hauart einträglich. Henfel konnte es nicht ertragen, wenn irgendwer einen schlechten Eindruck von ihm erhalten hatte. Er wollte auch von der Dienerschaft verhätschelt sein, der »junge Herr«, dem man nicht böse sein kann. So leerte er denn seine Börse fleißig aus, wenn er seine Ungnade hatte fühlen lassen. Zumal junge hübsche Dienstmädchen zogen, wenn sie nicht gerade empfindlicher Natur waren, mehr Vorteile als Unannehmlichkeiten von der Launenhaftigkeit des jungen Lords, der übrigens auch schon recht zärtlich werden konnte. Über alles Geschlechtliche hatte ihn Herr Hauart frühzeitig aufgeklärt, auch hierin von dem Grundsatze ausgehend, nur ja keine Sentimentalität aufkommen zu lassen. Doch wäre auf diesem Gebiete ein Vorbauen bei Henfel am allerwenigsten notwendig gewesen. Eher war es gut, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß der Rosenbusch, hinter dem sich Eros verbirgt, Dornen hat, die zuweilen giftig sind.

Frau Klara war mit dieser Art Aufklärung nicht einverstanden. Sie sagte: »Mir sind Kinder unheimlich, vor denen es nicht einmal dieses Geheimnis gibt, das sich doch eigentlich von selbst enthüllen soll, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Zumal ein Junge, der auf diesem Gebiete schon alles weiß, flößt mir fast Schrecken ein, wenn ich bedenke, wie sehr die Männer hier überhaupt zur Roheit neigen. Mädchen bedürfen der Aufklärung eher nach meinem Gefühle, weil wir früher entwickelt sind, dabei aber doch viele unter uns im Übergangsalter zu einer Überempfindsamkeit neigen, die wirklich oft böse Folgen hat. Es entwickelt sich bei mancher eine Furcht vor dem Manne, wie vor etwas Schrecklichem, Brutalem, oder eine allzu schwärmerisch-ideale Gefühlsrichtung, auf die oft genug später das gerade Gegenteil folgt, das auch nicht erquicklich ist. Meine Meinung ist: ein Mädchen soll durch die Mutter je nach den Umständen ziemlich früh auf ihre zukünftige Bestimmung hingewiesen werden, und ich glaube nicht, daß es einer rechten Frau besonders schwer fallen kann, das rechte Maß und die rechten Worte zu finden. Dagegen hat die Aufklärung eines Sohnes durch den Vater viel größere Schwierigkeiten, und sie ist bei genügender Beaufsichtigung des Jungen und bei ordentlicher körperlicher Erziehung auch eigentlich nicht nötig, während sie schwere Gefahren im Gefolge haben kann.«

Herr Hauart lächelte: »Du sprichst immer im allgemeinen. Hier handelt es sich aber um Henfel«, und es folgte eine neuerliche Belehrung über die Ausnahmsmaßregeln bei Erziehung eines Ausnahmsmenschen.

Hätte es sich Herr Hauart vorgenommen, künstlich einen Don Juan zu züchten, er hätte nicht anders zu Werke gehen können. Er, der es mit einer einzigen Ausnahme dem weiblichen Geschlechte gegenüber an Initiative hatte fehlen lassen und selbst in seinen südamerikanischen Zeiten jeden Quäker im Punkte der Erotik hätte beschämen können, fand es für gut und vernünftig, einem unreifen Knaben den Begriff der Liebe alles Seelischen zu entkleiden und ihm zu predigen, daß die freie Selbstherrlichkeit eines Mannes nur dann völlig unangetastet bleibe, wenn er sich auch auf diesem Gebiete jedes Hineinreden des Gefühls planmäßig versage. »Es handelt sich hier um ein körperliches Geschäft mit dem Hauptzwecke gesunder und schöner Nachkommenschaft. Von diesem Zwecke soll sich der Mann ausschließlich leiten lassen, und deshalb ist es ihm, im Gegensatz zur Frau, erlaubt, zu suchen, zu wählen, zu probieren, gewissermaßen sich zu üben, bis er die eine, rechte gefunden hat. Die Orientalen sind hierin unsere Meister. Auch unter ihnen üben ja nur die Reichen die Vielehe aus, und der Koran enthält sogar Bestimmungen über das Maß der geschlechtlichen Betätigung bei den verschiedenen Berufsklassen. Es ist ja auch ganz klar, daß dies sich vernünftigerweise danach bestimmen sollte, wie sehr ein Mann von seinem Berufe absorbiert wird, denn es handelt sich hier um die wichtigste rein männliche Funktion, bei der es nicht gleichgültig (für die Nachkommenschaft) sein kann, mit welchem Krafteinsatze sie ausgeübt wird.«

Es fehlte nur, daß er sie ihm vormachte.

Übrigens hatte diese hier bis ins vollkommen Komische ausgeartete Theorienverranntheit des immer wilder dilettierenden Pädagogen doch einen gewissen heilsamen Einfluß auf Henfel. Sie dämpfte dessen erotische Phantasie herab. Das Geschlechtsleben erschien ihm wie eine Art Pensum in seinem Stundenplane und demnach nicht eigentlich verlockend. Wenigstens nicht für den Moment. Aber Geisteskörner dieser Art in einen unreifen Verstand gesät, behalten ihre Keimkraft lange genug, um sofort aufzuquillen, wenn die Stunde kommt, und aus der einen Ähre fallen dann viele Körner der gleichen Art, und es kann schließlich Felder geben, die ein ganzes Leben überwuchern.

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