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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der geborene Dienstbote

Frau Klara hatte der Szene ein Ende gemacht, indem sie eintrat und sich mit den Worten an Hermann wandte:

»Komm hinunter, Hermann! Wenn Henfel sich beruhigt haben wird, wird er nachkommen und dich um Verzeihung bitten.«

Noch in ihrem Zimmer unten hörte sie, wie Henfel tobte und schrie.

Hermann, totenbleich, stand vor ihr und murmelte: »Er soll es mir büßen! Es kommt der Tag, wo ich es ihm zeigen werde!«... Dann: »Ich danke Ihnen für alles, Frau Hauart, aber ich werde nie mehr dieses Haus betreten.«

»Er ist noch ein halbes Kind«, begütigte Frau Klara, »verzeihe ihm seine Beleidigungen, auch wenn er dich nicht darum bittet!«

»Nein!« stieß Hermann hervor, »das nicht! Nicht das! Ich weiß, daß ich vieles werde ausstehen müssen im Leben, aber eines werde ich nie ertragen und will ich nie ertragen: daß jemand, der mir nicht überlegen ist an innerer Bedeutung, an eingeborenem Edelsinn und an Geisteskräften, sich frech über mich erhebt, weil ihn der Zufall mit anderen Gütern ausgezeichnet hat.«

Frau Klara nötigte ihn in einen Stuhl und streichelte seine eiskalt gewordenen Hände. Dann sagte sie: »Du hast ganz recht, Hermann, und ich freue mich, daß du so stolz empfinden kannst, daß du nicht bloß weich und schüchtern bist. Ich wollte, mein Mann hörte dich so sprechen. Auch er würde dir recht geben, so sehr er Henfel liebt.«

»Nein«, rief Hermann aus, indem er aufsprang, »nie würde er mir recht geben! Für mich hat er weder Liebe noch Verständnis. Für mich hat er nur Wohltaten. Gott weiß, wie sehr ich darunter gelitten habe von Anfang an. Wenn Sie nicht gewesen wären, Frau Hauart, mit Ihrer wirklichen Freundlichkeit, nichts hätte mich dazu gebracht, mich jede Woche einmal in diesem Hause füttern zu lassen. Zehnmal lieber hätte ich an diesen Tagen Hunger gelitten, als am Tische dieses Wohltäters zu sitzen, der am Unglücke meiner Mutter schuld ist.«

»Hermann!« schrie Frau Klara auf, »wer hat dir das gesagt?!«

»Niemand,« antwortete der junge Mann und warf sich in den Stuhl, »aber ich weiß es! Ich weiß, daß ich den Namen meiner Mutter führe und nicht den meines Vaters, und ich weiß, was es bedeutet, daß ich ein kleines Vermögen besitze, das nicht von meiner Mutter herrührt. Aber ich weiß auch, daß ich dem Manne, von dem es herrührt, keinen Dank schulde, sondern...«

Frau Klara schnitt ihm das Wort ab: »Hermann, versündige dich nicht! Es ist an dir gefehlt worden, aber das kann noch gut gemacht werden, und es wird gut gemacht werden, denn es ist aus einem Irrtum geschehen. Sprich einmal mit... mit Herrn Hauart, wie du jetzt mit mir gesprochen hast! Zeige, daß du nicht bloß stumm dulden, sondern fordern kannst. Es ist dein Recht, und es kommt nur auf dich an, es zu erhalten.«

Hermann warf den Kopf zurück und sagte sehr ruhig und bestimmt: »Nein, Frau Hauart. Ich habe hier kein Recht und ich werde hier kein Recht haben. Meine Mutter, die nur noch der Schatten eines Menschen ist, seitdem ich lebe, würde es mir nie verzeihen, wollt ich hier ein Recht verlangen, das ihr versagt worden ist. Ich gehöre zu ihr und zu allen den anderen, die entrechtet sind. Für alle diese will ich ein Rechtsanwalt werden. Dazu will ich mit dem Gelde studieren, das mir als ein Geschenk, als eine Wohltat hingeworfen worden ist. Sonst aber keinen Pfennig! Das Erbteil des Legitimen soll ungeschmälert bleiben – von Rechts wegen!«

Er lächelte höhnisch, und das stand ihm schlecht. Plötzlich aber warf er sich schluchzend vor Frau Klara nieder und verbarg seinen Kopf in ihrem Schoß. »Seien Sie mir nicht böse! Henfel ist ja Ihr Kind, und es ist sehr schlecht von mir, daß ich so geredet habe zu Ihnen. Denn Sie sind so gut und haben mir so viel Liebes getan, daß es mich immer getröstet und wieder in die Höhe gerichtet hat, und bloß von Ihnen ist etwas Schönes in mein Leben gekommen. Meine Mutter ist so verdüstert, mein Pflegevater so verärgert, und ich selbst bin so schwach und halb. Ich trage etwas Schweres und Dunkles in mir herum. Ich keuche, seitdem ich denke. Wenn nicht Ihre Worte gewesen wären und Ihre Musik, so hätte ich nicht einmal die Sehnsucht nach dem Lichte und nach der Freiheit und ich wäre dem Neide verfallen. Ja, dem Neide, der der Schatten des Elends ist. Ich habe ihn oft kommen spüren wie ein Gespenst. Aber Sie haben ihn verscheucht, Sie und Mozart!«

Frau Klara, tief ergriffen und bewegt, strich über sein blondes weiches Haar, während ihr die Tränen flossen, und sie sprach: »Hättest du doch früher zu mir gesprochen, Hermann ! Hättest du dich doch gleich an mich gewandt, als du zu fühlen begannst, wie die Dinge liegen! Warum hast du denn das nicht getan?«

»Ich hätte es auch heute, und ich hätte es nie getan«, entgegnete Hermann, »wenn Henfel mein Blut nicht in Wallung gebracht hätte. Denn es liegt nicht in meinem Wesen, mich auszusprechen. Ich bin scheu gegen jedermann, auch gegen meine Mutter, und ich schrecke vor allem Aussprechen dessen zurück, was in mir ist. Ich... aber Sie müssen mich nicht auslachen,... ich kann das bloß zu mir selbst sagen in... in Versen. Ach, ich weiß ja, sie taugen nichts, und sie können auch keinen Menschen interessieren, denn sie handeln ja bloß von mir und sind bloß an mich gerichtet. Und dennoch sind sie mein einziges Glück, und wenn ich sie mache, nein, nicht mache, denn sie steigen auf in mir und sind mit einem Male da, und ich schreibe sie dann nur nieder, und im Niederschreiben kommen andere hinzu, und manchmal gerate ich ins Feuer und schreibe halbe Nächte lang und zerreiße das Geschriebene wieder und lasse es nochmals kommen und gieße es um und bastle daran und suche eine neue Form des Ganzen und steigere mein eigenes Gefühl durch die Form und vergesse mit einem Male, daß ich es bin, worum es sich handelt, und dann steht ein Gedicht da, wie eine fremde Gestalt, und ich bin hingerissen davon und komme mir wie etwas Großes vor, wie ein Starker, der alles Häßliche überwinden kann und etwas Schönes daraus machen und... ja... dann bin ich wirklich unaussprechlich glücklich und kann nie in bloßen Worten zu jemand von diesen Dingen sprechen.«

– »Willst du sie mir nicht einmal zeigen, deine Verse?«

– »Nein... ich bitte! Nein!«

– »Warum denn nicht?«

– »Ich schäme mich.«

In diesem Augenblicke erschien Henfel in der offengebliebenen Tür. Er hatte ein feierliches Gesicht aufgesteckt und bewegte sich gemessen auf Hermann zu, der sofort aufsprang und ihn mit gerunzelter Stirne ansah.

Henfel streckte ihm seine schöne schmale Hand hin, an der ein großer Rubin glänzte, den er vorhin nicht am Finger gehabt hatte, und sprach, indem er seiner Stimme einen sehr milden Ton verlieh, mit gedämpfter Würde: »Ich habe dich beleidigt, Hermann, dich und mich. Denn mehr noch als dich habe ich mich selbst vor mir herabgesetzt. Du müßtest gering von mir denken, wenn ich nicht aus freien Stücken zu dir käme und dich um Verzeihung bäte.«

Hermann hatte während dieser allzu wohl gesetzten und allzu gut vorgetragenen Ansprache den Blick gesenkt gehabt, denn sehr gegen seinen Willen war plötzlich seine Scheuheit über ihn gekommen, und bei den ersten Worten Henfels hatte ihn sogar weichmütiges Bedauern ergriffen. Wie aber der Spruch vorüber war, sah er den Jungen erst groß an und ließ seinen Blick auf der schönen Hand mit dem funkelnden Steine ruhen. Es war, als vergäße er über diesem Anblick die Sache völlig, um die es sich handelte. Sein Auge, das Auge eines Dichters, sah, ihm selber unbewußt, nicht bloß die Schönheit dieser Erscheinung, sondern in ihr ein Symbol, ein Bild alles dessen, was zwischen ihm und dem Menschen mit dieser schönen, kostbar geschmückten und sorgsam gepflegten Hand stand. Er schwieg und nahm seinen Hut, der auf einer Fauteuillehne lag.

»Du nimmst meine Hand nicht?!« sagte Henfel, indem sich seine starken schwarzen Augenbrauen näherten.

»Nein, ich nehme deine schöne Hand nicht«, antwortete Hermann. »Die meine ist eine Proletarierhand, obwohl sie noch nicht hart gearbeitet hat. Denn sie gehört zu mir, wie mein Gesicht, das du vorhin eine Proletarierfratze genannt hast.«

»Deswegen bin ich gekommen, dich um Verzeihung zu bitten«, entgegnete Henfel kühl.

»O nein, deshalb ist der reiche Jüngling nicht gekommen«, rief Hermann fast laut, denn er fühlte die Absicht einer Zurechtweisung und damit die Absicht einer neuen Beleidigung. »Du bist gekommen, um dich wieder über mich zu erheben. Du wolltest den Überlegenen spielen, nachdem du eingesehen hattest, daß dein Benehmen dich unter mich gestellt hat. Du spielst schlecht, Henfel. Man merkt, daß du spielst. Und ich spiele nicht mit.«

Henfel, die Lippen aufeinanderpressend, ballte die schöne Hand und ließ sie sinken. »Du siehst, Mama,« wandte er sich an Frau Klara, »ich habe vergeblich versucht, mein Unrecht gutzumachen, und dafür will er mich nochmals reizen. Aber es soll ihm nicht gelingen. Ich weiß, was ich mir schuldig bin.«

Und er ging sporenklirrend hinaus, denn er hatte sich zum Reiten umgezogen.

Frau Klara sah ihm tief unzufrieden nach. Dann richtete sie das Wort an Hermann, der seinen weichen Hut zusammenpreßte: »Hättest du nicht doch seine Hand nehmen sollen? Es war doch eine Überwindung bei ihm – vielleicht seine erste.«

– »Gerade darum nicht! Das vorhin oben war wenigstens nicht vorsätzlich, war im Zorn geschehen. Ich hätte es verzeihen können, obwohl es mich heftiger getroffen hat. Aber das jetzt, – nein! Das war Berechnung, war tückisch. – Lassen Sie mich gehen, Frau Hauart, und zürnen Sie mir nicht, wenn ich nun nicht mehr komme. Wenn Sie es mir erlauben, will ich Ihnen schreiben, sobald von mir etwas zu berichten ist.«

– »Willst du nicht auch von... von Herrn Hauart Abschied nehmen?«

– »Nein. Ich bitte Sie, ihm nur zu sagen, daß sein Erbe vor meinem Neide sicher ist.«

Er gab Frau Klara die Hand. Die mütterliche Freundin legte ihre Linke darauf und küßte ihn auf die Stirne.

»Du hast mir«, sprach sie, »heute zum ersten Male weh getan, aber nicht so, daß ich dir deshalb böse sein könnte. Denn du hast recht gehabt, so recht, als wir Menschen nur eben recht haben können. Später wirst du von selbst lernen, wie unrecht man immer auch im Rechte hat. Ich glaube, Hermann, daß du dahin kommen wirst. Es ist ja sonst nicht die Art der Männer, weil sie zum Kämpfen geboren sind und siegen wollen, das heißt: ihr Recht durchsetzen. Auch du hast ja so ein Recht im Auge, für das du der Anwalt sein willst. Aber du wirst, glaube ich, einen anderen Beruf finden, in dem es sich um alle diese Rechte nicht handelt, überhaupt um kein Recht, sondern um Liebe, die über allen Rechten ist. Du wirst einmal erst fühlen, was ich dir jetzt auch bloß gefühlt sage, aber einmal wirst du es vielleicht auch erkennen. Es ist vielleicht erkennbar nur für ganz wenige und auch für diese bloß im höchsten, seltensten Zustande der Ergriffenheit, aus dem die Werke der großen Kunst hervorgehen. Du weißt, an wen ich jetzt denke: Mozart. – Fühlst du, was ich meine?«

– »Ja. Es ist dasselbe, was ich fühle, wenn Sie Mozart singen, und wenn ich... Aber nein... Später! Später! Vielleicht!... Ich... Ja, Frau Hauart, ich fühle, was Sie meinen, und ich habe schon manchmal so gefühlt, und ich habe mir manchmal auch eingebildet, ich könnte so einer, ich könnte ein Dichter werden. Aber es wird doch nicht sein. Und wenn ichs auch könnte, – ich dürfte nicht. Denn ich kenne die Armut, das Elend, die Schmach des Volkes, zu dem ich gehöre, ich, der Sohn des reichen Mannes, der ich, meinem Schicksal sei Dank, ein Proletarier geworden bin. Brauchen wir Dichter? Dürfen wir Dichter sein? Nein! Erst unser Recht, zu leben wie Menschen und nicht wie Maschinen, dann, später, Gott weiß wann, auch das Schöne. Sie wissen ja nicht, wie es in den Hinterhäusern, in den Keller- und Dachwohnungen aussieht, Frau Hauart. Aber ich weiß es, und ich weiß auch, was einzig helfen kann, dieser Not und Schande ein Ende zu machen. Es ist ein neues Evangelium verkündet worden, aber nicht aus den Gefühlen der Liebe, und nicht für das Jenseits, sondern aus dem Willen zur Tat und für das Jetzt und Hier. Diesem Evangelium hänge ich an und will sein Jünger sein. Nicht zufrieden will ich die Armen machen durch Vertröstung mit Träumen, sondern unzufrieden durch die grellste und grausamste Darstellung ihres trostlosen Zustandes. Faule Tröster und Verschleierer haben wir genug, und weil sie sich Dichter nennen, sind uns die Dichter verächtlich geworden. Die Welt des Elends braucht Empörer. Wenn irgendeiner dazu geboren ist, so bin ich es. Ich habe meine Mutter an meinem Vater zu rächen, die mißbrauchte Armut am frevelhaften Reichtum. Und wenn das Beste in mir dabei zugrunde geht, so will ich es gerne hinnehmen.«

Frau Klara nickte mit dem Kopfe: »Es ist dein Weg. Gehe ihn! Ich glaube doch, daß du dorthin kommst, wohin dich dein Innerstes drängen wird. – Ich habe dich erst heute kennen gelernt, Hermann. Vielleicht ist das auch gut, denn ich hätte dich sonst doch wohl irre gemacht. Du bist stärker, als ich geglaubt habe. Du bist viel stärker, als Henfel es jemals sein wird. Daher bitte ich dich: Vergiß dennoch alles. Nein, ich brauche dich nicht zu bitten. Du wirst es selbst vergessen und wirst Böses mit Gutem vergelten. Nimm dich seiner an, wenn er allein sein wird. Ich fürchte, er wird sich keine Freunde im Leben gewinnen.«

Sie hatte in ihrer milden innigen Art leise und eindringlich gesprochen, und Hermann war ergriffen davon, wie nur je von ihrem Gesange.

Er schied mit dem Gefühl, etwas Schönes erlebt zu haben, und dachte nur an dieses, nicht an seine Szene mit dem Jungen.

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