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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 146
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Und rasender noch, als er zum Süden gefahren war, fuhr er nun nordwärts. Aber er war nicht mehr imstande, selber zu lenken.

In dicke Pelze gewickelt, die Mütze bis über die Ohren gezogen, die schwarze Brille so fest geschnallt, daß die roten Striemen auch nachts nicht vergingen, saß er bucklig zusammengesunken neben dem Fahrer und starrte auf die Haube des Motors. Seine Lippen bewegten sich in lallenden Selbstgesprächen, aus denen der Chauffeur ab und an einzelne Worte vernahm wie: »Der Erbe... Karl der Erbe... Wieder und immer wieder und in alle Ewigkeit er... Er, er, er... Er da, er dort; er damals, er jetzt und immer in mir... Geld ist Geist, hat er gesagt... Aber es ist auch Gift... Es will zum Geiste... Hin damit! Nur hin damit! Ich gebe ihm das Gift... Friß! Friß! Friß dich voll damit und laß mich endlich in Ruhe... Nur was mein ist, kriegst du nicht! Nicht das! Nie! Das nehm ich mit, nehm ich mit und ruhe drauf aus... Mein lieber Kosak, wo reiten wir hin?... Mich friert. Ihre Blicke waren so kalt. Meinen Nachtmantel her!«

Dem Chauffeur wurde es an der Seite des Verwirrten, der zuweilen laut aufschrie und mit den Händen um sich herumfuhr, als wollte er sich aus einer Schlinge befreien, unheimlich zumute, und mehr als einmal dachte er daran, ihn zu verlassen. Aber es kamen auch ruhige Momente, während deren der Graf nicht ins Leere sprach, sondern das Wort an ihn richtete: »Sie halten mich für verrückt, Franz? Sagen Sie nur ruhig ja! Es beleidigt mich nicht. Ich weiß es selbst, und ich bin froh darüber. Denn, sehen Sie: verrückt und verrückt ist zweierlei. Wird ein Klarsinniger verrückt, – nun, so ist das Wahnsinn. Wenn aber ein Wahnsinniger verrückt wird? He? Was heißt das? Das heißt, daß er zurechtgerückt, daß er klarsinnig wird! Ist das logisch oder nicht? – Und das ist mein Fall. Ich sehe auf einmal klar, – rückwärts und vorwärts. Voll...komm...men klar! Und damit ist etwas sehr Schönes über mich gekommen, das Schönste, was es überhaupt gibt: der Wille. Und so bin ich gar nicht verrückt –: ich bin verwillt! Ich bin ganz und gar Wille. Zum ersten Male in meinem Leben weiß ich, was ich will. Das ist eine Wollust, größer, als beim Weibe liegen.«

Aber dann schüttelte ihn wieder das Grauen, die Angst, und er kreischte: »Schneller! Schneller! Schneller! Wir kommen zu spät! Der Kleine sitzt nicht mehr vorn! Der Geist hat Flügel, und wir kleben mit vier Rädern am Boden. Er ist schon am Ziele. Er steht schon im Zimmer. Er raubt mir, was mein ist. Um seine Schultern liegt mein seidener Mantel: mein Königsmantel, mein Zaubermantel, der mich in die Heimat tragen soll. Er stößt den Kosaken vom Pferde. Er reitet davon. Seine goldenen Haare fliegen. Adler und Schlange begleiten ihn. Er stellt sich auf vor dem dunklen Tore, in das ich muß, in das ich will. Auch dort weist er mich weg. Wo soll ich dann hin? Ich bin ja ganz nackt. Meine Mutter hat mir alle Kleider vom Leibe gerissen, und alle sehen, wie scheußlich ich bin!«

Dann kam eine Zeit, da er immerzu die Augen geschlossen hielt und lächelte. Als er sie wieder auftat, sagte er: »Ich habe gebeichtet, und es hat sich dabei herausgestellt, daß nicht ich mich geirrt habe, sondern Gott. Er hat sich vergriffen. Das ist alles. Wenn ich jetzt in ein Kloster ginge, könnte ich sogar ein Heiliger werden. – Ich fürchte nur: Der da läßt mich nicht.« (Er wies auf die Spitze der Maschine.) »Er ist ganz gottlos, und die Gottlosen sind stärker, als Gott. Denn Gott ist den Menschen ein Hindernis, stark zu sein. Mich hat nur Gott davon abgehalten, so stark zu sein, wie der Kleine da vorn.«

Je näher sie Wien kamen, um so mehr versank er in Schweigen. Als aber die Lichter der Donaustadt vor ihnen aus der Nacht aufglänzten wie ein Gepränge gelber Sterne zwischen schwarzen Wolken, richtete er sich auf und sagte: »Schwarz und gelb! Wir wollen langsam fahren.«

Er nahm zum ersten Male die schwarze Brille von den Augen und blickte verzückt um sich. Und murmelte: »Hier war ich fromm... Ich hätte immer fromm sein sollen... Alle Armen müssen fromm sein... Und ich war sehr arm.«

Und er belog sich ein letztes Mal, indem er alle Schuld von sich selbst wegwälzte auf seinen Reichtum, und er machte sich aus dieser letzten Lüge eine letzte wollüstige Wut in dem Gedanken, daß er diese Last nun einem anderen aufbürden wollte, der gleich ihm daran zugrunde gehen werde.

»Papier her! Tinte her! Siegellack! Petschaft! Kerzen auf den Tisch!« herrschte er den schlaftrunkenen John an und setzte sich im Vorzimmer an einen Tisch, sein Testament zugunsten des jungen Karl del Pas niederzuschreiben.

– »Lies und setz deinen Namen darunter!« John schrieb.

– »Ruf Franz!«

– »Er ist gleich ins Bett gegangen.«

– »Dann irgendeinen andern!«

Ein zweiter Diener gab die zweite Unterschrift.

– »Wo sind meine Sachen?«

– »Welche?«

– »Weißt du es nicht?!«

Henry Felix sah den Alten so drohend an, daß er erschrak und begriff.

– »Verzeihung! Oben in meinem Zimmer.«

– »Hol sie und bring sie her!«

Während John weg war, untersiegelte der Graf das Schriftstück, schlug es ein, versiegelte das Ganze, schrieb darauf »Mein letzter Wille« und verschloß es in einem Sekretär.

Er war jetzt ganz klar. Alles Dumpfe, Wirre in ihm war einer tückischen Wut gewichen, die ihn aber ganz wohl überlegen ließ. Nur lauerte eine flackernde Angst dahinter, die ihn fieberisch ungeduldig machte: die Angst vor der letzten Angst.

»So mach doch!« schrie er den eintretenden John an. »Hilf mir in den Mantel!«

John begriff nicht –: »Über das Lederzeug?«

»In drei Teufelsnamen, ja doch!«

Während John ihm mühsam in den seidenen Schlafrock half, der sich vorn kaum schließen ließ, keuchte der Graf vor Ungeduld und schrie nach dem zweiten Chauffeur.

– »Schraub das Auspuffrohr ab! Fülle Benzin nach! Reiß die Haube vom Motor! Alle Werkzeuge, alles raus aus dem Wagen, was schwer macht! Und dann: andrehen und umwenden!«

»Wollen Gräfliche Gnaden noch fort?« flüsterte John entsetzt.

– »Willst du vielleicht mit, Alter?«

– »O Gott!«

– »Du zitterst ja. Hast du Angst?«

– »Ja, Gräfliche Gnaden.«

– »Wovor denn?«

– »Vor Ihnen.«

– »Ach? Bin ich so fürchterlich?«

– »Nein, aber...«

– »Du hältst mich am Ende für verrückt? Wehe dir!«

Henry Felix sah ihn so wild an, daß John erschrocken zurücktrat.

»Es ist nur wegen des Testaments,« sagte der Graf ganz ruhig. »Und dann: paß auf! Setz dich und schreib: ›Doktor Jan del Pas, Sorrent. Nicht Ihr Wille geschieht. Es ist der meine. Der Sieger heißt Hermann, nicht Karl. Von dem bin ich nun frei. Was von ihm lebt, soll meine Last tragen. Ich werfe sie ihm vor die Füße. Was mich getragen hat, nehm ich mit. Es wird mich auch jetzt tragen. Henfel.‹ – Hast du?«

– »Ja.«

– »Das gibst du morgen in aller Frühe als Telegramm auf. Und dann auch dies an den Pater Cassian. Schreib: Grüßen Sie meine Mutter...«

John legte die Feder aus der Hand und seufzte: »Ach...!«

– »So schreib doch!«

– »Gräfliche Gnaden...«

– »Was ist!«

– »Gräfliche Gnaden,... sie ist tot...«

– »Was!?!«

Henry Felix sank in einen Stuhl.

– »Ich konnte es Ihnen nicht schreiben, weil ich ja nicht wußte, wohin. Der Pater selbst war hier... Zwei Tage nach Ihrer Abreise. Sie hat sich und die Schwarze...«

– »Genug!«

Der Graf sprang auf und murmelte vor sich hin: »Warum? Warum?«

Er fiel wieder in den Stuhl.

John trat zu ihm, nicht wie ein Diener, sondern wie ein alter Mann zu einem jüngeren: »Sie hat es nicht ertragen, daß Sie ihretwegen das alles haben ausstehen müssen. Es hat ihr leid getan, daß sie Ihnen das angetan hat. Sie hat Sie doch...«

»Schweig!« schrie Henry Felix dazwischen. »Nicht das Wort! Nicht das! Es kommt zu spät, und ich bin zu schlecht dazu, es zu hören. Nein! Nein! Es... es ist zu schwer für mich jetzt... Ah, horch! Gottlob!«

Draußen rasselte der Motor. Dann kam ein scharfer Krach und eine Reihe von Schüssen.

– »Ah! Die Kraft! Die Kraft! Hörst du, wie die Gase sich frei machen! Wie sie vor Wollust brüllen, kurz verenden zu können, ohne sich qualvoll in den Windungen des Rohres abschwächen zu müssen?! So soll es sein!«

Er riß den Kosaken an sich und stürzte hinaus, sprang in den rasselnden Wagen, klemmte die Statuette zwischen die Beine, trat den Hebel nieder und fuhr unter dem knallenden Gekrach der entweichenden Gase wie unter einem Schnellfeuer davon. Spitze blaue Flammen zuckten aus dem Motor in die Höhe.

John rannte zur Turmstube. Aber er hörte nur noch eine kurze Weile das Krachen, und das dahinschießende Licht entschwand bald in einem Hohlweg seinen Blicken.

Aber jetzt tauchte es wieder auf: einen Hügel hinan, hinab; verschwand in einem Dorfe, blitzte heraus, zog Kreise, näherte sich; und das Krachen, erst leise, dann lauter, wurde wieder hörbar.

»Er kommt zurück! Gottlob, er kommt zurück!« stammelte der Alte.

Ein jüngerer Diener, neben ihm, flüsterte: »Ja! Er biegt zur Reichsstraße ein. Die Flamme wird größer und größer. Ich sehe sein Gesicht. Nein, es ist der gelbe Mantel. Da... da... wie es kracht und flammt! Jetzt kommt er in schnurgerader Linie, direkt aufs Schloß zu. Er ist schon in der Allee...«

»Gott Lob und Dank!« stöhnte John auf

Da krachte und flammte es dicht unter ihnen fürchterlich auf; eine Feuerlohe stieg steil hoch, verlosch aber plötzlich unter etwas Schwarzem, Prasselndem.

Sie stürzten hinunter.

Aber sie fanden weder ihren Herren noch seinen Wagen, sondern einen Haufen von Mauerwerk, das auf beiden lastete: den rechten Pfeiler des »Siegestors«. Darüber, schräg, den dicken Kopf nach unten, wie zum Stoß, wuchtete der Bleiguß-Löwe des Armeelieferanten. Es sah aus, als wollte seine rechte Pranke die von ihr umkrallte Kugel am Abwärtsrollen hindern.

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