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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 144
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Wie wenn diese Worte Beilschneiden wären, andere Worte damit abzuhacken, blitzten, krachten sie in das Bravo von Henry Felixens Parteigenossen hinein, und es klaffte für einen Moment eine scheußliche Stille.

Dem Grafen wurde es schwarz vor den Augen. Dieser Augenblick war ihm wie ein Abgrund, in den er versank mitsamt dem Boden, darauf er stand, und allem, was er über sich gewölbt hatte an Glauben, Hoffen, Wollen. Und wie ein Splitterregen von krachenden Balken, wie eine dunkle Staubwolke aus geborstenem Gemäuer schlug über ihm zusammen das aus Hunderten von Kehlen nachhallende Echo: »Bravo, Jud! Gut gebrüllt, Sarasohn!«

Ein scheu irrer Blick noch zu den Seinigen, und er senkte den Kopf.

Auch wenn er nicht gesehen hätte, daß diese völlig konsterniert und offenbar nicht imstande waren, der nun aus berechneter Zurückhaltung vorwärts schießenden Kraft der Gegner wirksam zu begegnen, fühlte er sich verloren.

Vor seinen geschlossenen Augen stand medusisch das Haupt seiner Mutter, und in ihren weit aufgerissenen Augen saß wie ein kaltes Glühen der Befehl: Tritt ab!

Er wandte sich um und schritt unsicher vom Podium hinunter in den Saal, wo die zur Rednertribüne vorgedrängten Christlichen ihm eine Gasse machten bis zu den beiden Abgesandten der Partei. Die redeten hastig, heftig auf ihn ein, während zwischen den beiden feindlichen Lagern ein dumpfes Gemurmel hin und her ging, bis sich aus der gegnerischen Menge wie der Aufwärtsstoß einer geballten Faust der Ruf »Ruhe!« und der Name ihres Kandidaten erhob.

Henry Felix hörte an seinem linken Ohre ein Zischen: »Scheußlich! Sie mußten auf der Stelle erwidern!« Und an seinem rechten keuchte es: »Keinen Schlag ohne Entgegnung lassen! Immer gleich dazwischenfahren! Sonst haut Sie der da in die Pfanne, daß Sie...«

Der Graf hörte nicht mehr hin. Er war ganz anderswo. Wieder einmal kam ihm blitzhaft die gräßliche Erinnerung an den Saal in Jena mit dem langen Friesen und der fürchterlichen, wehrlosen Verlassenheit inmitten des Geruches von Blut, Karbol und Jodoform. Und andere Erinnerungen leckten wie Stichflammen hinein, eine die andre jagend, die nächste immer tiefer brennend als die vorherige – alles im Grunde aber eine große, breite, faulige Dumpfheit, ein scheußliches, völliges Versagen: das Gefühl, hinabzugleiten ins Bodenlose.

Wer war es, der da oben sprach? Wem heulten die da unten Beifall? Unter wessen, gleich Peitschenhieben durch die Luft pfeifenden Worten voller Hohn, Verachtung, Haß duckten sich seine – Freunde?

Henry Felix, an einen Tisch gelehnt, die Hände hinter sich auf den bierfeuchten Tischrand gestemmt, starrte in dieses scharfe, blasse, zuckende Gesicht mit dem wippenden Haarschopf und den flammenden Augen – aber er sah nicht seinen triumphierenden Gegner, dessen Worte in seinem Leben, seinem Wesen wühlten wie mörderische Messer, sondern er sah, neben-, hinter-, ineinander: die Züge seiner Mutter, seiner Frau, seines Vetters und die breite bleiche Stirn des kaltblütig, pedantisch dozierenden Doktors Jan del Pas.

Und es geschah etwas, das seine Parteigenossen erstarren machte, daß sie nicht imstande waren, dieses Feuer der Vernichtung in Lärm und Widerwüten zu ersticken, sie vielmehr von ihm abdrängte, wegriß und schließlich mit den triumphierenden Feinden gegen ihn vereinigte zu einem tobenden Sturme maßlosen Abscheus –: Er wehrte sich nicht gegen die Worte des Redners, wie ein Feind sich gegen den anderen wehrt, sondern nahm sie hin wie ein Angeklagter, der unter der Wucht seines eigenen Schuldbewußtseins noch mehr zusammenbricht als unter der Kettenlast einer bis ins einzelne bündig geschlossenen Beweisführung.

Dieser ewige Lügner vor sich selbst, dem es noch immer gelungen war, sich aus allen Zusammenbrüchen seines schwindelhaft konstruierten Lebensgebäudes in Schlupfwinkel seiner Eigenliebe zu retten, von wo aus ihm dann alles gut und schön und als Beweis einer auserlesenen Bestimmung erschien; dieser Komödiant, der, sooft er auch gefallen war, doch immer nur aus einer Rolle in eine andere fiel und eine jede Rolle so sehr zu seiner eigenen Befriedigung spielte, daß auch dieses Rollenwechseln ihm als Beweis für seine ungewöhnliche Bedeutung galt; dieser unerschütterliche Bewunderer seiner selbst, der nie das Fratzenhafte seines Wesens empfunden, nie gespürt hatte, daß er immer nur die Karikatur von anderen gewesen war: erkannte in diesem vor der Öffentlichkeit aufgestellten Spiegel die traurige Wahrheit seines verfratzten, grundleeren, von frecher Verlogenheit aufgeblasenen Lebens und brach davor in einer qualvollen Aufwallung von ehrlichem Grauen zusammen.

Was ihn erschütterte, war, daß diese Entblößung in der Öffentlichkeit vor sich ging, war das Gefühl, daß er nun niemals mehr eine Rolle werde spielen können, da die Komödie seiner Eitelkeit jetzt dem öffentlichen Gelächter preisgegeben war.

Hier, jetzt zeigte es sich ihm überdies selbst, daß es ihm an eigentlicher, selbstresoluter Kraft gebrach, daß er allein nicht kämpfen konnte, machtlos war im entscheidenden Augenblicke, wo ihm ein kampfmutiger Wille gegenüberstand. Es war in der Tat nicht anders als damals in Jena. Aber hinter diesem Menschen da oben stand dazu sein ganzes Leben wider ihn auf, standen alle die gegen ihn, die er bereits überwunden zu haben glaubte und deren Überwindung er jetzt als jämmerlichen Selbstbetrug erkannte.

Die Schlußworte des Redners lauteten so: »Wir haben also in meinem erleuchten Gegenkandidaten, der für Rom, Habsburg und den ehrlich um sein Leben kämpfenden Mittelstand in die Schranken tritt: ganz Christ, österreichischer Patriot, sozialer Gewissensmensch, einen Mann halb jüdischen, halb tatarischen Blutes vor uns, der nie in seinem Leben einen Finger zu wirklicher Arbeit gerührt, wohl aber sich in allen Wollüsten gewälzt hat, die ihm der blinde Zufall durch ein Millionenvermögen ermöglichte. Seine eigene Mutter, der auch wir Antisemiten die Hochachtung nicht versagen können, daß sie edlen Rassestolz besitzt und es als unwürdig verschmäht, ihr Blut zu verleugnen, schämt sich dieses Menschen und überantwortet ihn der allgemeinen Verachtung. Das Tagebuch seines Vetters zeigt ihn uns als einen geistigen Parasiten, der, wie er jetzt jesuitische Meinungen wiederkäut, früher den Übermenschen gemimt hat – freilich auf der Grundlage einer blödsinnigen Wahnidee, die uns sein schwarzgelbes Herz jetzt in einer recht grotesken Beleuchtung erscheinen läßt. Seine ehemalige Frau enthüllt uns die Herkunft seines Grafentitels und die Verdienste, denen er ihn verdankt, gleichzeitig aber, daß er mit dem gräflichen Wappen nicht auch ritterlichen Mut empfangen und für dieses Manko den Lohn in Gestalt der Verachtung seiner ehemaligen Kameraden erhalten hat. Er wußte zwar fremde Ehre geil anzutasten, nicht aber selber Ehre zu bewähren. Wie sollte er auch, da er nicht Ehre, sondern nur Eitelkeit und Wollust im Leibe hat? Er ist, mit einem Worte, der Typus des Parasiten. Er hat sich immer aus Fremdem vollgesogen, aber dennoch nie Kraft daraus gewonnen zu fruchtbarer Wirkung, sondern immer nur zu eigenem Genusse und neuer Genußgier. So umschlang er fremde Güter jeder Art, materielle und geistige, sog und log immerzu Fremdes in sich hinein – zuletzt die Überzeugungen unserer verehrten christlichen Gegner, denen wir diesen judäotatarischen Habsburg-, Rom- und Mittelstandverteidiger von Herzen gönnen.«

In dem tosenden Gebrause des Beifalls für den Redner und des Abscheus gegen den Grafen, der schon längst allein an seinem Tische stand wie in einem mit Grauen gemiedenen Hohlraume, waren am lautesten die Rufe der ehemaligen Parteigenossen des Verlassenen: »Wir schenken ihn euch! Abzug Schwindler! Abzug Jud! Da habts ihn!«

Es fehlte nicht viel, daß die Wütendsten sich tatsächlich an ihm vergriffen hätten, als die Menge bei ihm vorbei zur Türe drängte.

 

Er stand noch immer allein in dem leeren Saale, als bereits die Petroleumlampen ausgelöscht waren und nur noch die kleine Öllampe zeigte, wo der Ausgang war.

Wie er sich zwischen Tischen und Stühlen dorthingetastet hatte, ein Gefühl im Kopfe, als würde ein glühender Eisenring von dämonischer Faust schraubend um sein Gehirn gezogen, fand er am Türpfosten den alten John gelehnt, der ihm wortelos den Automobilpelz reichte.

Er starrte den Diener wie eine fremde Erscheinung an und ging barhäuptig in die Nacht hinaus.

Das Automobil fuhr mit gedrosseltem Motor qualvoll keuchend hinter ihm her wie ein gefesseltes Ungeheuer.

Am Fuße einer Anhöhe ließ er den Wagen halten und stieg den Hügel hinauf, auf dem er ein großes steinernes Kreuz wußte. Er ließ sich davor auf die Knie nieder und legte seine Stirne auf die Füße des Gekreuzigten. Seine Lippen bewegten sich wie im Gebete. Aber er betete nicht. Und fühlte nichts, als die Kühle des Steines, die ihm wohl tat.

Als er den Kopf erhob, trat der Mond aus einer dunklen Wolke hervor und ließ den grauen Christus silberig aufschimmern. Dem in die Höhe Starrenden schien es, als blitzte es von jeder Zacke der Dornenkrone.

Er sprang auf, stieß einen schmutzigen Fluch aus, wandte sich um und brüllte den Weg hinunter: »Herauf zu mir!«

Wie ein zyklopisches Ungetüm mit drei stieren Augen schnob der Wagen den Hügel hinauf und hielt mit einem Krachen vor Henry Felix an.

Der schob die Unterlippe zu einem breiigen Lächeln vor, legte die Hand auf den Bienenkorb der Kühlung und kicherte befriedigt vor sich hin.

Aber, wie er aufblickte, brach das Kichern kurz ab, und der Ausdruck seines Gesichtes wurde böse: Er sah in der Ferne unter sich die Lichter von Wien.

»Nach Hause!« schrie er und warf sich in den Wagen. Als sie durch das Siegestor mit dem biedermeierischen Löwen fuhren, lachte er gellend auf und ließ halten.

»Wie heißt der Löwe?« brüllte er John an.

– »Gräfliche Gnaden?...?«

»Sehr richtig!« knurrte Henry Felix; »Gräfliche Gnaden heißt der Löwe. Wir werden das Aas morgen von seinem Throne schmeißen und im Misthaufen begraben, wo er am tiefsten und dreckigsten ist... Ich wünschte, daß ich all diesen Denkmalsplunder hierherum...« Er brach ab und rief: »Unsinn! Keinen Aufenthalt mehr! Mag all der Erzschwindel bleiben, wo er ist. Was geht mich fremder Schwindel an! – Vorwärts! Koffer packen! Benzin füllen! Wir fahren noch heute nacht! Noch heute nacht müssen wir die schwarz-gelben Barrieren hinter uns haben!«

Er sprang aus dem Wagen und lief ins Schloß.

Eine Stunde lang krachten die Tüten hinter dem aus einem Zimmer ins andere Laufenden, der bald dort eine Gardine, da einen Vorhang herunterriß, Schranktüren eintrat, Spiegel zertrümmerte, Weihwassergefäße zu Boden warf und zu alledem lautschallend lachte und vor sich her redete.

– Jetzt ist der Moment! dachte sich John; jetzt drück ich mich. Das hat ihm den Rest gegeben. Darüber kommt er nicht weg.

Als sich der Graf alle Taschen mit Geld und Wertpapieren vollgestopft und den Schlüssel zum Kassenschrank eingesteckt hatte, trat der alte Kammerdiener vor ihn hin und sagte: »Gräfliche Gnaden, es ist gepackt. Aber ich bitte Gräfliche Gnaden um meine Entlassung. Ich bin zu alt, eine Reise im Automobil zu machen.«

Henry Felix sah ihn groß an. Dann lächelte er und klopfte ihm auf die Schultern: »Recht so, alte Ratte! Mach dich weg vom Schiff! Es hat mehr als ein Leck! Und du bist so schön fett geworden. Auch wäre es wirklich schade, wenn irgendwer bei mir aushielte. Es könnte mich verführen, zu glauben, daß noch nicht alles vorbei sei. Und mich darf nichts mehr zu irgendeinem Glauben verführen. Es hat sich ausgeglaubt, alter Freund.«

Er lachte wieder gell auf. Dann fuhr er in einem sonderbar weichen Tone fort, indem er John die Hand reichte: »Weißt du, was ich möchte? Ich möchte dich umarmen. – Das ist wirklich das Ende: Mir ist sentimental zumute. – Aber du denkst doch nicht etwa, daß ich traurig bin? Nein; traurig bin ich gar nicht. Warum sollt ich auch? Hab ich nicht vielmehr alle Ursache, lustig zu sein? Denn, alter Freund, die Sache liegt so – das mußt du doch einsehen: Ich bin jetzt frei! Zum ersten Male frei in meinem Leben! Vogelfrei, alter Gefängniswärter! – Und so hast du ganz recht: Ich brauche dich nicht mehr. Stopf dir noch einmal alle Taschen voll und gehe, wohin du magst. Oder, weißt du was? –: Bleib hier und bewache mein Eigentum. Es ist nicht viel: Der Schlafrock und der Kosak. Es könnte ja sein, daß ich wiederkäme...«

John war so gerührt, wie es nur ein alter Kammerdiener sein kann, der einen unbequemen Herrn auf gute Weise los wird – und er flüsterte untertänigen Dank und das Versprechen, alles aufs beste zu bewachen –, wobei ihn die Hoffnung beseligte, sich recht lange einer ungestörten Existenz als Schloßherr erfreuen zu können.

Als das Automobil davonbrauste, lag er bereits, mit dem seidenen Schlafrock angetan, Vater Radetzkys Hauskäppchen auf der Glatze, im behaglichsten aller Fauteuils, blies den Rauch einer keulengroßen Henry Clay von sich und dachte in seinem befriedigten Herzen: Endlich allein!

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