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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 143
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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An anderen Orten erging es ihm wohl besser, aber keineswegs gut – auch wo er sein Automobil zu Hause ließ. Irgend etwas in seinem Wesen mißfiel den Leuten. Nirgendwo stellte sich eine Gefühlsverbindung zwischen ihm und seinen Zuhörern ein. Selbst dann nicht, als er seine Reden ziemlich sicher aufsagte und es auch nicht an rhetorischen Künsten fehlen ließ. Aber alles: das schönste Auf- und Abschwellen der Stimme, klug placierte Pausen, gut markierte Gefühlstöne – alles half nichts; im günstigsten Falle lief das Bauernvolk schweigend auseinander; meist aber erhob sich irgendeiner aus der Versammlung und erntete für ein paar ungefüge Worte oder einige Brocken aus dem Phrasenschatze der Partei den Beifall, der ihm versagt geblieben war. Fast immer aber gab es auch einen breitmäuligen Bauernlümmel oder spitzschnauzigen Kaplan, Pfarrer oder Kuraten, der sich grob oder fein am Grafen rieb und damit unglaublich schnell innige Heiterkeit erweckte. Und das in den sichersten Ortschaften des Wahlkreises, wo von einer organisierten Opposition nicht die Rede war und die gegnerischen Parteien es bisher als aussichtslos unterlassen hatten, das Agitationsnetz auszuwerfen.

Kein Wunder daher, daß man in Wien im Schlosse der Parteileitung mit dem Grafen sehr unzufrieden war. Ein besonders wilder Häuptling wünschte energisch, daß der »Hergelaufene« kurzerhand abgesägt würde. Aber das sehr kluge Oberhaupt der Partei, obgleich ihm der Graf gar nicht sympathisch war, meinte, es werde genügen, ihn etwas zurückzupfeifen. Gerade eine Mittelstandspartei könne aristokratische Namen gut gebrauchen, und das Geld des Grafen wiege seine geringen agitatorischen Fähigkeiten wohl auf. Vielleicht sei er auch fürs erste nur noch zu fremd, müsse sich erst einwachsen in Österreich.

Der wilde Häuptling schrie: »Der? Gar nie!« Und er fand keinen Widerspruch, als er erklärte, der Hauptzug im Wesen des Grafen sei eine gewisse Art von dünkelhaftem Hochmut, wofür das Volk eine sehr gute Witterung besitze. Es lasse sich zwar gerne imponieren, aber nur von Leuten, die wirklich was seien und nicht bloß was vorstellen wollten. Und vor allem, es glaube nur an solche Männer, aus deren Wesen es spüre, daß ihnen die Sache, für die sie redeten, wirklich ernst sei und nicht bloß eine Art Sport. Aber dieser Automobilgraf sei ein Sportsmann der Politik, und für die habe das christliche, werktätige Volk Österreichs durchaus keinen Sinn, und wenn sie gleich sogar ihre Automobile und Chauffeure schwarz-gelb anstrichen und anzögen.

Trotzdem ließ man es mit einer Botschaft an den Grafen (durch Pater Cassian) bewenden, er möge sich etwas zurückhalten und die Wahlarbeit mehr der Geistlichkeit seines Wahlkreises und anderen erprobten ansässigen Leuten überlassen.

Diese Pille schmeckte dem Grafen übel.

»Man will mich also zu einer Marionette degradieren«, sagte er in beleidigtem Tone zu seinem geistlichen Freunde; »die regierenden Drahtzieher in Wien wünschen nicht, daß ich sie verdunkle. Gott ja, ich wußte es längst, daß der schöne Gambrinus mir nicht wohl will.« (Mit diesem Namen bezeichnete er das blondbackenbärtige Parteihaupt, das ihm sehr mißfiel, weil es ihm gegenüber bei aller Höflichkeit immer einen gewissen Ton von oben herab hatte.)

– Die christliche Demut ist schon etwas fadenscheinig geworden, dachte sich der Jesuit, und redete ihm ernstlich ins Gewissen, nicht zu vergessen, daß eine Partei eine Armee sei, in der jedes Mitglied Order parieren müsse. – Wie er es aber verstand, jede Pille zu versüßen, fügte er, die Zügel bei seinem Sattelpferd leise lockernd, hinzu: »Übrigens ist es eine alte Parteierfahrung, daß die besten Parlamentskräfte oft in der Agitation versagen.«

Henry Felix gedachte also, dem Winke aus Wien Gehorsam zu leisten und seine Redeperlen, statt sie vor die Säue zu werfen, für das Parlament aufzusparen.

Aber da lief eines Tages durch die gegnerische Presse der radikal-national-antisemitischen Richtung eine Aufforderung »an den Automobilgrafen Henry Felix Hauart«, sich, »falls er den Mut dazu aufbringen sollte«, seinen Gegenkandidaten »zu einer kleinen Unterhaltung über Deutschtum, Antisemitismus, Ritterlichkeit, Österreich und noch einiges andere« zu stellen. Und es war hinzugefügt: »Falls der hochgeborene Herr Kandidat mit den schwarz-gelb-christlichen Überzeugungen es vorziehen sollte, nicht auf die Mensur zu treten, würde man darin den Beweis einer mehr klugen als tapferen Sinnesart erblicken müssen und ihn als politisch nicht satisfaktionsfähig erklären.«

Bei dieser Herausforderung war dem Grafen nicht ganz wohl zumute. Denn er wußte: einmal, daß sein Gegenkandidat ein rücksichtsloser Draufgänger von schärfster Dialektik war, und dann, daß der Schauplatz der »Unterhaltung« sich im Mittelpunkte des gegnerischen Lagers befand, wo die Radikaldeutschen über die Majorität verfügten.

Auch seiner Partei war die Sache fatal genug, aber man sah ein, daß der Graf sich in diesem Falle nicht vornehm zurückhalten durfte. Um das Schlimmste zu verhüten, wurde beschlossen, ihm einige der schärfsten Redekämpen aus Wien als Sekundanten beizugeben, und natürlich den ganzen Heerbann der Partei an Ort und Stelle aufzubieten – womit man die Absicht verfolgte, wenn es irgend möglich wäre, die Versammlung gleich am Anfang zu sprengen, noch ehe der Graf sich genötigt gesehen hätte, den Mund aufzutun. Denn man nahm als sicher an, der hitzige Gegner werde, wie es seine Art war, mit einem wütenden Angriffe auf alles das beginnen, was der Partei hehr und heilig war, und so Gelegenheit zu einem Tumulte geben, der der Versammlung das erwünschte frühzeitige Ende bereiten würde.

Indessen vereitelte der Gegenkandidat diese kluge Absicht auf überraschende Weise, indem er die Versammlung mit den Worten eröffnete: »Zu unserm unaussprechlichen Vergnügen hat mein hochgeborener Herr Gegner sich mit sämtlichen ihm zur Verfügung stehenden Pferdekräften in unsere Mitte begeben. Wir haben es sowohl gehört, als gesehen und gerochen, wie dieser durch Abstammung und Portemonnaie gleichermaßen zur Vertretung christlicher und Mittelstandsinteressen berufene Urösterreicher herbeigebraust ist, offenbar von einem unwiderstehlichen Drange getrieben, mit seiner ganzen schwerwiegenden Persönlichkeit, der man die Gesinnung schon vom Gesichte ablesen kann, für Vaterland, Dynastie und Christentum einzutreten. Es ist unmöglich, die Ungeduld zu bezähmen, mit der wir dieser Offenbarung entgegenharren, und so bitte ich, obwohl dies eine Versammlung ist, die unsere Partei einberufen hat, zuerst ihn, das Wort zu ergreifen.«

Daraufhin war mit dem besten Willen kein Tumult zu entfesseln. Zwar meldete sich, um nichts unversucht zu lassen, vorher einer der Sekundanten des Grafen zum Wort, aber die größere Hälfte der Versammlung rief taktmäßig: »Der Graf! Der Graf! Der Graf!« und so konnte der Versammlungsleiter mit gutem Fuge erklären: »Die Majorität der Anwesenden bestätigt die Worte unseres Kandidaten, daß die Ungeduld, den Herrn Grafen Hauart zu hören, alles andere überwiegt. Ich bitte also ihn, sich heraufzubemühen und das Wort zu ergreifen.«

Es blieb Henry Felix nichts anderes übrig: er mußte den Gang antreten, obwohl er eine recht deutliche Empfindung hatte, daß dies kein Gang in lichte Höhen sei. Er war vielmehr von einem dumpfen Angstgefühle vor etwas Dunklem, Drohendem völlig eingenommen, und es schien ihm, als schleppte er eine unerträgliche Last auf dieses Podium voller Menschen hinauf, die seinem scheuen Blicke eine Schar grinsender Teufel waren. So kurze Zeit er brauchte, um von seinem Platze zum Rednerpulte zu gelangen: sie genügte, seiner Phantasie Spielraum zu den qualvollsten Furchtempfindungen zu geben, die alle in das trübe, trostlose Gefühl mündeten: Man zerrt mich zum Pranger.

Als er aber oben stand, die Hände um das Pult gekrampft, den Kopf gesenkt, wie in einer undurchdringlichen Wolke von Dumpfheit und Hoffnungslosigkeit, umprasselte ihn gleich einem erfrischenden Gewitterregen das Händeklatschen seiner Parteigenossen, und er ermutigte sich. Selbst das ironische Bravo! der Gegner stärkte ihn. Denn auch in diesem Augenblicke noch war er fähig und bereit, alles zu seinen Gunsten auszulegen, in allem eine Stimme für sich zu vernehmen.

Trotzdem war das Lächeln, mit dem er begann, verzerrt, und die Ironie seiner Worte, die der Ironie seines Gegners mit der gleichen Waffe begegnen wollte, nicht so souverän, wie Ironie es sein muß, wenn sie wirken soll.

Indessen hatte sie wenigstens die Scheinwirkung eines Bravos seiner Parteigenossen, und Henry Felix, auch dadurch wieder gestärkt, konnte mit seiner eigentlichen Rede scheinbar ruhig und sicher einsetzen.

Es war die, die er gegen die Partei des antidynastischen Rassenantisemitismus entworfen hatte: glühend von österreichischem Patriotismus, in jeder Wendung durchleuchtet von Religiosität, heftig entschlossen zum Kampfe gegen die »internationale Pest des Judentums«, aber nicht minder heftig ausfallend gegen die »verirrten Söhne des ruhmreichen Landes, das von der Krone der Habsburger machtvoll zusammengehalten wird zum Heile aller seiner Völker, die Deutschen voran«, und gegen die »frevelhaften Abtrünnlinge christlichen Blutes, die den im Judentum verkörperten Antichrist niemals erfolgreich bekämpfen können, weil sie selber von ihm angesteckt sind.«

Der Heerbann seiner Partei funktionierte ausgezeichnet. Die Abgesandten aus Wien setzten an den richtigen Stellen mit dem Beifall ein und dosierten ihn von Fall zu Fall vorzüglich, und die Menge hinter ihnen folgte nicht bloß exakt, sondern auch mit überzeugter Wärme.

Unheimlich aber war das Schweigen der Gegner. Unheimlich den Wienern, die sich nicht, wie der Graf, einbildeten, daß seine Worte sie überwunden hätten, sondern deutlich fühlten, daß das eine Taktik war, die irgendeine böse Überraschung vorbereitete.

Henry Felix jedoch fühlte sich wie von einem Alp befreit, und, wie sein Gemüt, so wurde von Satz zu Satz der Ton seiner Stimme freier, ausladender, sicherer. Er sprach wirklich gut, und man hätte meinen können, daß sein ganzes Fühlen und Denken bei und in diesen Worten war. Indessen lief sein Denken und Fühlen nebenher ganz anders. Seine Worte trugen ihn jetzt wie ein äußerer Mechanismus, mit dem er über dieser Menge schwebte. Während er die Hebel rückte, das Steuer drehte, war seine Aufmerksamkeit davon doch nur halb in Anspruch genommen. Hinter dieser mechanischen Tätigkeit arbeitete sein Gehirn selbständig weiter. Er sagte sich immer wieder: Wie prachtvoll das geht! Wie wundervoll alles wirkt! Welch eine Lust das ist, eine Menge hinzureißen und selbst die Widerwilligen zu zwingen! Welch ein Tor ich doch war, welch ein schwächlicher Tor, mich zu ängstigen! Warum nur? Wie kam es doch? Es war doch mehr als Redefieber. Es war wie ein panischer Schreck... Ob es nicht eine Art Heimsuchung war? Eine Prüfung? Eine letzte Prüfung?... Nun: wie herrlich habe ich sie bestanden!... Jedes Wort sitzt. Die Gegner ducken sich förmlich, und die Freunde jauchzen. Was werden wohl die Herren Kontrolleure aus Wien sich denken? Das haben sie nicht erwartet. Und der ironische Herr Gegenkandidat? Wo bleiben seine gefürchteten Zwischenrufe? Er soll doch endlich damit beginnen! Es wird mir ein »unaussprechliches Vergnügen« sein, ihm heimzuleuchten.

So schwebte Henry Felix triumphatorisch über der Menge, und seine Worte wurden voller und voller, und seine Armbewegungen nahmen etwas Feierliches, fast Priesterliches an, als er zu dem letzten großen Bekenntnis zu Jesus und dem Vaterlande, zu Rom und Habsburg ansetzte. Er sprach es mit gewaltigem Tone und einer so hinreißenden Wärme, daß seine Parteigenossen wie elektrisiert aufsprangen und unter brausenden Beifallsrufen Hüte und Gläser schwenkten.

Der Graf stand hochatmend da und überblickte zum ersten Male (denn bisher hatte er nichts gesehen als den Kranz von Petroleumlampen, der als Kronleuchter von der Mitte der Saaldecke herabhing) die Versammlung – leuchtenden Auges.

Da sah er, wie sein Gegenkandidat in die Höhe schoß, mit beiden Händen seinen Anhängern, die keinen Blick von ihm verwandten, Zeichen gab, sich, da er hinkend war, mit Hilfe zweier Freunde auf den Tisch schwang und mit einer Stimme, die den Bravosturm schrill übertönte, rief: »Bravo, Jud! Gut gebrüllt, Sarasohn!«

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