Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 142
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
Schließen

Navigation:

Zum Ziele

Rutschbahn

Als wichtigstes Requisit für den Wahlkampf hatte sich der Graf ein gewaltiges Automobil angeschafft, ein sechzigpferdiges Ungeheuer mit vier Zylindern und ebensoviel Übersetzungen, das hundertundzwanzig Kilometer in der Stunde »machen« konnte. Es war schwarz lackiert, mit gelb abgesetzt, hatte drei Scheinwerfer vorn, einen hinten, zwei Hupen und eine Lärmsirene. Mit ihm gedachte er seinen Wahlkreis nach allen Richtungen hin zu durchqueren; seine Schnelligkeit sollte es ihm ermöglichen, an einem Tage sowohl im Süden, wie im Norden, im Osten, wie im Westen seines Kampfgebietes Volksversammlungen abzuhalten und überraschend plötzlich auch im Lager der Gegner zu erscheinen. Ein ebenso verwegener wie sicherer Chauffeur, der schon Kaiser und Könige gefahren hatte, war engagiert und in ein schwarzes Fell mit goldenen Verschnürungen gesteckt worden; der alte John sollte trotz seiner fast sechzig Jahre neben diesem Kilometerüberwinder in ähnlicher Gewandung Platz nehmen und die eine Hupe handhaben, während der Graf selber die Sirene heulen lassen wollte. – –

Henry Felix war nun über vierzig Jahre alt, gut neunzig Kilo schwer und überdies beladen mit den Überzeugungen einer ganzen Partei, die er für seine eigenen hielt; er hatte innerhalb dieser Partei einen Posten angenommen, der ernst vertreten sein wollte, und war aufs festeste entschlossen, nicht nur ein Abgeordneter neben vielen, sondern ein tonangebender Führer im Parlamente zu werden. Trotzdem nahm ihn jetzt, im Augenblicke, da es ernst wurde, das Vergnügen an seinem neuen Spielzeug mehr ein, als der Ernst des Augenblickes. Wenn er von der Generalstabskarte seines Kreises die Kilometeranzahl der einzelnen Wege ablas und in Zeiten umrechnete, so fühlte er sich wohl als Generalstabsoffizier seiner Partei, der Wahlkampftaktiken erwog, aber im Grunde interessierte ihn doch vor allem das Automobilfahren; und wenn er dabei an den Wahlkampf dachte, so stand im Vordergrunde das Bild, das er sich von dem Erstaunen bei Freund und Feind über seine Allgegenwart machte und die noch nie dagewesene überfallartige Plötzlichkeit seines Erscheinens bald da, bald dort. Er las im Geiste bereits die Berichte über seine fieberhafte Tätigkeit, die allein schon die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenken mußte, und fragte sich, ob er mit Hilfe seiner sechzig Pferdekräfte nicht auch den Parteigenossen der Nachbarbezirke, ja vielleicht ganz Niederösterreichs oder eines noch weiteren Umkreises, beispringen sollte. Seine wundervollen Reden würden gewissermaßen zum Sauerteige des ganzen Wahlkampfes überhaupt werden. Er konnte sie jetzt schon hersagen, wie ehedem auf der Schulbank mechanisch eingeprägte mathematische Formeln. So vollkommen hatte er sie Wort für Wort inne, daß er zuweilen mitten in der Nacht aus dem Bette sprang, seinen Schlafrock umwarf, ins Spiegelzimmer eilte und sie alle hintereinander ins Leere von sich gab. Selbst auf Zwischenrufe hatte er sich eingeübt. John, auf das Stichwort dressiert, mußte sie ausstoßen, und die Replik erfolgte mit derselben wundervollen Präzision, wie die Benzinexplosionen in seinem geliebten Daimlermotor. – Er war gewappnet.

Als er zur ersten Kampfesfahrt seinen schwarzen Wagen bestieg und das Gebläse der Sirene in die Hand nahm, kam er sich nicht anders vor, als ein Ritter auf dem gepanzerten Rosse, der, die Lanze in der Faust, in die Turnierschranken reitet.

Nur schade, daß das Lokal, in dem sein Debüt stattfinden sollte, seinem Schlosse so lächerlich nahe lag. Er hatte die Sirene kaum zehnmal heulen lassen können, als er auch schon da war. Und leider zu früh. Etwa zehn Bauern, die fluchend beiseite sprangen, als das grelle Licht seiner drei Scheinwerfer wie ein leuchtender Balken zwischen sie fuhr, bildeten einstweilen die ganze Versammlung, die vor dem Gasthause zum Adler um einen kleinen dürren Pfarrherrn herumstand. Dieser begrüßte seinen Patron mit geziemendem Respekte und führte ihn in den niedrigen, noch kaum erleuchteten Saal, ihm den Ehrensitz auf dem Podium anweisend. Doch mußte er sich bald von seiner Seite entfernen, um die nun allmählich ankommenden Schäflein seiner Herde in Empfang zu nehmen.

Henry Felix fühlte sich heftig ernüchtert auf seinem Ehrensitze an der Schmalseite dieses leeren und höchst stimmungslosen Raumes. Es war ihm, als sei irgend etwas von ihm abgefallen, etwas Warmes, das ihn bedeckt und geschützt hatte. Es fröstelte ihn fast.

Er hatte sich, ohne dessen gerade bewußt zu sein, eine Art Empfangszeremonie eingebildet, eine kleine Ovation, irgend etwas Feierliches. Und nun saß er da vor einem mit einer unsauberen Decke belegten Tische, eine Wasserkaraffe vor sich, an der der Rand gesprungen war, und kein Mensch kümmerte sich um ihn.

– Wie ungeschickt! dachte er sich. Ich mußte natürlich zuletzt kommen: auf mich warten lassen. – Unglaublich, daß ich diesen Fauxpas begehen konnte!

Er war unzufrieden mit sich, ein Gefühl, das er um so lästiger empfand, als es ihn nur sehr selten überkam.

– Wie unangenehm und unartig, daß mich dieser Pfarrer da allein sitzen läßt, als sei ich nicht die Hauptperson, sondern irgendein Figurant.

Sein politischer Verstand war so wenig ausgebildet, daß er in der Tat nicht fühlte, wie viel mehr jeder einzelne der Wähler jetzt Hauptperson war, als er.

Er wurde immer ärgerlicher. – Als sein Chauffeur eintrat und meldete, es sei kein Platz zum Einstellen des Automobils, und die Bauern machten sich am Motor zu schaffen; ein dicker Kerl, den sie Bürgermeister hießen, sei sogar eingestiegen, – wurde er heftig wütend und knurrte: Schmeißen Sie ihn hinaus!

Er war wirklich recht weit davon entfernt, seine Situation zu begreifen.

Endlich drängte die erste Gruppe in den Saal, der dicke Bürgermeister mit zornig rotem Gesicht voran. Der Graf richtete ein paar herablassend freundliche Worte an ihn, als er ihm vom Pfarrer vorgestellt wurde, aber der Dicke schien nicht schnell zu besänftigen zu sein und lehnte es ab, am Komiteetisch Platz zu nehmen.

»Ein unsicherer Kantonist und Krakeeler!« flüsterte der Pfarrer dem Grafen zu, »und dabei leider von Einfluß in der Gegend.«

– Recht angenehm! dachte sich der Graf; und das erfahre ich erst jetzt. Warum hat man mich nicht besser orientiert? Er vergaß ganz, daß ihm unablässig geraten worden war, »Fühlung zu nehmen«, daß aber die Beschäftigung mit seinem Idol ihm keine Zeit dazu gelassen hatte.

Der Saal füllte sich. Die Honoratioren wurden vorgestellt und nahmen auf dem Podium Platz. Es waren alte Parteihähne darunter, die verschnupft darüber schienen, daß ihr Kandidat jetzt zum ersten Male mit ihnen »Fühlung nahm«.

Aber der Graf berückte sie durch Liebenswürdigkeit, indem er unablässig wiederholte, wie wichtig ihre Mitarbeit sei, und daß er ohne ihre Hilfe, ihre Erfahrung, ihren Einfluß es nicht wagen würde, das Banner der Partei zu entfalten.

Er sagte das mit Überzeugung, denn er fing an, ein fatales Gefühl von Unsicherheit zu empfinden, und es war ihm sehr tröstlich, nicht mehr allein da oben zu sitzen, sondern diese mit breitem Gesäß auf ihrer Überzeugung verharrenden Männer als eine Art Bollwerk um sich zu wissen.

Er fuhr fort, ihnen zu schmeicheln. Er begann fast um ihr Wohlwollen zu werben, zu betteln. Er ließ sie nicht mehr zu seinem Stuhle kommen, sondern stand auf und ging zu ihnen von Platz zu Platz. Er ergriff diese harten, nicht immer ganz sauberen Hände und drückte sie kräftig und lange. Es war, als wollte er sich an ihnen festhalten. Was sie sagten, hörte er kaum. Er hätte sie streicheln mögen.

Ihm war entsetzlich ungemütlich zumute.

Dabei rann es in ihm auf und ab, auf und ab wie ein glucksendes Gewässer – seine Rede, seine Rede, seine Rede. Immerzu der Anfang bis zu einer gewissen Stelle, dann zurück und wieder von vorn.

Zum Verrücktwerden.

– Heiliger Himmel! Ist es auch die richtige? Wenn ich mich vergriffe...! In eine andre käme...? Nein... Gottlob... nein.

– Aber dieses ewig Gleiche... und immer bloß bis zum zweiten Absatz... Hätte ich doch nur das Manuskript eingesteckt... Aber Unsinn! Dummheit...! Ich könnte sie im Traum hersagen... Ich... werde sie im Traum hersagen... Langsam... deutlich... Das ist die Hauptsache...

Ein dünnes Klingelzeichen.

– Der Herr Pfarrer spricht. O Gott, o Gott! Wenn er nur recht lange sprechen wollte!... Aber... Er ist schon zu Ende?

– »Bitte, Herr Graf!«

Henry Felix erhob sich – oder wurde er erhoben? Gleichviel: er stand da. Er kniff die Augen zusammen und fixierte hinten etwas Rotes, Rundes. Was war denn das? Eine Scheibe? Buchstaben? Ein Kranz? Eine schwarz-gelbe Schleife?

Gott Lob und Dank: ja! Eine schwarz-gelbe Schleife.

Ein dicker Mann neben ihm, dessen Kahlkopf von Schweiß glänzte, klatschte in die Hände. Die übrigen Podiumleute taten es ihm nach. Aus dem Saale kam es wie ein Echo.

Das tat Henry Felix wohl. Die Ovation war klein, aber es war eine Ovation.

Er lächelte. Verbeugte sich nach rechts, nach links, nach vorn. Nun war es schauderhaft still.

Und in die Stille klang seine Stimme so hohl hinein, als ob er in einen Topf tutete.

»Lauter!« flüsterte der Pfarrer.

Und Henry Felix erhob seine Stimme, daß er selber vor ihrer Kraft erschrak. So rufen Alpenhörner ins Tal.

Aber das tat nichts. Die Hauptsache war erreicht – er war im Schusse; der Motor war angedreht. – Vor dem zweiten Absatz aber hielt er ratlos an. Stockte die Zündung? War ein Ventil verstopft? – O Gott! Eine entsetzliche Neigung, nochmals von vorn zu beginnen, überfiel ihn und hielt ihn fest. Aber es gelang ihm, sie mit einem gewaltigen Willensaufgebot zu überwinden und das nächste Wort, den nächsten Satz zu erschnappen. Eine Art innerliches Knarren, und die Rede lief. Lief, lief, lief – lief mit ihm fort. Er wußte selbst nicht, wo er war, als der schwitzende Glatzkopf, ein berühmter Bravorufer, aus vollem Halse »bravo!!« brüllte. Der Podiumchor fiel ein. Im Saale rollte es dumpf nach.

Und die Rede rann weiter. Rann und rann und kam ins Rennen, bis wieder der Schwitzkopf ein Bravo! einrammte gleich einem Pfahl.

Das war wohlgetan. Denn Henry Felix war außer Atem gekommen.

»Langsamer!« flüsterte der Pfarrer.

Und der Graf mäßigte das überstürzte Tempo seiner Worte und ließ sie aus dem Galopp in einen breiten Trab fallen.

»So is recht!« flüsterte der Pfarrer.

Henry Felix war glücklich über dieses Lob und ging in ein noch ruhigeres Tempo über. Fast wußte er schon, was er sagte, – da, – entsetzlich, – was war das? Die Lärmsirene draußen heulte schauerlich auf, und beide Hupen hupten dumpf darein.

Alle wandten die Köpfe vom Redner ab, zur Türe zu.

»Automobüll! Automobüll!« brüllte der dicke Bürgermeister. »Wozu braucht unser Kandidat a Automobüll?«

Der Pfarrer stürzte hinaus und jagte die Burschen davon, die das Unfugkonzert verübt hatten.

Aber das Unheil war geschehen.

Das Wort »Automobüll« warf die ganze Rede des Grafen um. Er versuchte, ruhig fortzufahren, aber das Unglück wollte, daß er jetzt dort angekommen war, wo er von der Fürsorge für die Landwirtschaft und die kleinen Bauern handelte. »Dazu brauchts kaa Automobüll nett!« schrie der Dicke. Und so ging es weiter. Die sechzig Pferdekräfte zeugten wider den Volksbeglücker, und als er sich in aufsteigendem Zorne gar hinreißen ließ, heftig und hochfahrend zu werden, gewann die Partei des automobilfeindlichen Bürgermeisters die Oberhand, und die Rede des Kandidaten erhielt nicht einmal an ihren schönsten Stellen gegen die Juden Beifall.

 

Der Graf fuhr nach Hause, ohne die Sirene ein einziges Mal heulen zu lassen.

 << Kapitel 141  Kapitel 143 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.