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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 140
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Gottes Wollust

Pater Cassians Sattelpferd

Pater Cassian hatte es nicht leicht mit seinem Zögling.

Das war ihm nach der ersten halben Stunde des Besuches, den ihm der Graf sogleich nach seiner Ankunft in Wien gemacht hatte, klar gewesen: Ein Jesuit ließ sich aus diesem Verworrenen nicht mehr machen. Es fragte sich nur: Wie konnte man ihn sonst im Interesse der Kirche verwerten? Mochte er als geistige Potenz auch mehr denn fragwürdig geworden sein, – seine Millionen hatten nicht an Gewicht eingebüßt, und so verdiente er immer noch, als Macht behandelt, d. h. mit besonders beflissener Klugheit behandelt zu werden: mit der feinsten Sonde aufs Schonungsvollste untersucht, mit leichtester Hand nachgiebigst am sanftesten Zügel gelenkt.

Übrigens brachte der Pater dem Grafen auch rein menschliche Anteilnahme entgegen.

Er war nun alt. Frau Sara war seine letzte Geliebte gewesen. Er dachte mit inniger Rührung an die schöne und mit kennerhafter Hochschätzung an die geistvolle Jüdin zurück. Daß er sie nicht zur Christin hatte machen können, daß sie seinen darauf zielenden Versuchen hochmütigen Spott und ein belustigtes Lächeln von oben herab entgegengesetzt hatte, wurmte ihn noch. Nun wenigstens ein Stück von ihr der Kirche zu gewinnen, tat ihm wohl, aber er dachte nicht bloß an das Seelenheil des Sarasohnes, sondern auch daran, ihn gleichzeitig im Leben zu fördern, – natürlich in einer Richtung, die zugleich der Kirche zugute käme.

Fürs erste galt es, den wild gewachsenen Katholizismus des Grafen von all dem Rankenwerk zu befreien, das ihm anhaftete und, dogmatisch angesehen, zum Teil höchst bedenklicher Herkunft war. Einiges erkannte der Pater als dämonisch, anderes als heidnisch, wieder anderes schien ihm aus beidem gemischt: Schwarmgeisterei aus allerhand modernen Geheimlehren, die der gelehrte Jesuit auf geheimnisvoll immer wiederkehrende indische Einflüsse deutlich dämonischen Charakters zurückführte.

Grob mit der Schere der Dogmatik da hineinzufahren, das wäre Kapuzinerart gewesen. Reiner und verunsäuberter Glaube, urchristliche und modern theosophische Mystik, Tiefenklarheit der Offenbarung und Tiefentrübe nebelhaften Irrgeistes schienen hier so innig miteinander verschlungen, fast verwachsen, daß nur ein leises, zartes Voneinanderlösen am Platze sein konnte. Manches Irrtümliche, das sich mit allerfeinsten Greifzweigen allzu tief ins Wahre hineingerankt hatte, durfte überhaupt nicht gleich entfernt werden. Man mußte es der Zeit und der Kraft der Wahrheit überlassen, es zu ersticken. Nur keine plumpe Hand, keine Ungeduld, kein Ungestüm. Ruhe. Milde. Schonung. Vor allem: nicht an wunde Punkte rühren, halb Vernarbtes nicht aufreißen, innerlichst Gehegtes nicht roh stören. Waren es gefährliche Irrtümer, die so tief saßen, so zärtlich gepflegt wurden, so hielt es der Pater für gut, sie nicht eigentlich zu beseitigen, sondern zu Wahrheiten umzuinterpretieren. Also wurde aus der arisch mystischen Blutleuchte der gut katholische Heiligenschein, und der Blick, der sie durch dreimal sieben Tage verfolgen wollte, bis sie sich mit dem eigenen, gereinigten Blute bände, wurde leise ins Weitere gewendet, ins Weitere und Innere, ins Ewige rückwärts und vorwärts. Die Blutreinigung selbst aber durch die Buße, allzu materiell als eine Art Destillation gedacht, wurde spiritualisiert, wurde zur Seelenreinigung.

Ein weniger feiner Menschenkenner, als es Pater Cassian war, hätte wohl frohlockt über diesen eifrigen neuen Christen, der so viele alte beschämte. Aber der Jesuit wußte besser Bescheid in diesem katholischen Herzen. Er wußte, daß nicht wirkliche Demut es war, die darin dominierte, sondern nur eine augenblickliche Freude am Gefühl und an der Geste der Demut, als an etwas Auszeichnendem.

»Die Grundsuppe dieser Seele ist die Eitelkeit,« sagte er. »Indem wir die Eitelkeit lenken, lenken wir den Menschen. Sie ist das Sattelpferd erfahrener Seelenlenker. Wie der Teufel der Eitelkeit auch mit den Zähnen knirschen und sich winden mag unter dem Joche, das ich ihm überwerfe: er muß für die Wahrheit kämpfen, und schließlich wird mir, wird der Kirche auch noch der höchste Triumph werden: daß der Graf eines Tages wirklich von ihm frei sein wird. Kämpfend wird er erstarken auch über sich selbst. Er wird nicht nur helfen, den jüdischen Antichrist draußen zu besiegen, er wird auch in sich selber wirklich Sieger werden über das Jüdische in seinem Innern. Dann erst wird er ein katholisches Herz haben und reif sein zu dem katholischen Glück, das er jetzt nur im Munde führt, wenn er von Gottes Wollust redet.« –

Sein Sattelpferd nach diesem Ziele zu lenken, fiel dem klugen Pater nicht schwer. Die Eitelkeit des Grafen merkte es nicht einmal, daß sie wieder von einem fremden Geiste gelenkt wurde, als sie sich nun auf das politische Gebiet begab. Wie immer, so glaubte Henry Felix auch diesmal, eigenster Schicksalsbestimmung zu folgen, nur daß er jetzt als der gute Katholik, für den er sich hielt, sein Schicksal Gott nannte.

Und wiederum fand er, daß alles Vorhergegangene nur Vorbereitung, sicherste und bis ins einzelne höchst wohl angelegte Bestimmung gewesen sei, göttliche Lenkung auf nur scheinbaren Umwegen zur rechten Bahn, in der er sich nun befand: bei aller Demut stolzer und zuversichtlicher denn je überzeugt, daß er nun, geläutert und gereift, in Freiheit lediglich Gottes Diener, wirklich aufwärts schreite zu einem Ziele, das innerste Befriedigung in einer bedeutenden Tätigkeit und äußeren Glanz gleichermaßen umschloß. Denn nun erst würde sein Name aufleuchten in einem wirklichen Ruhme, gewonnen in einem Kampfe um wahrhafte Güter und ernsthaft ruhmwürdigen Einfluß auf seine Zeit.

Das geläuterte katholische Herz des Grafen erkannte jetzt dank göttlicher Erleuchtung in voller Schärfe den gleißenden Wurm, der in dieser üppigen Frucht saß und sich von ihr nährte. Es war, hier wie überall, das Judentum an der Arbeit: der Geist der Verführung und Zerstörung. Dieser Geist fraß das niedere Volk an in der Maske der sozialdemokratischen Volksbeglückung, indem er ihm die beseligenden Heilswahrheiten des Kreuzes nahm und dafür die Teufelslüge von einer allgemeinen Seligkeit hienieden in sein Herz säte, es damit um jede Möglichkeit zufriedenen, gläubigen Sichbescheidens bringend. Die oberen Schichten aber vergiftete dieser selbe Aftergeist, indem er ihnen gleichfalls Begehren über Begehren einflößte, den Reichtum übermütig und geil machte auf immer üppigere Genüsse, immer schrankenlosere Gewalt, und den Geist bis zum Wahnsinn der Selbstanbetung trieb. Aber oben sowohl wie unten war das Judentum der Feind des persönlichen Glückes. Hatte es der nun in die Wahrheit Geflüchtete nicht selbst an sich erfahren, so lange er noch seinen Fluch im eigenen Blute gespürt und sich der Führung von Geistern überantwortet hatte, die, ob nun selber Juden oder nicht, von ihm besessen waren? Auch Karl, auch Hermann. Und eben diese Erfahrung war es, die ihn stark machte zur vollen Erkenntnis:

Nur in Jesus, nur in der katholischen Jesuskirche ist das Heil. Alle diese Übermütigen des Geistes, angefangen mit den Ketzern der frühesten Kirche, über Luther hinauf zu Goethe, Nietzsche und allen ihren Jüngern, waren Irrlichter auf einem Sumpfe, den sie nicht einmal erkannten: brennende Miasmen. Aber alle diese bösen Gase kamen schließlich »irgendwie« (zu Untersuchungen war Henry Felix auch als Katholik nicht geneigt) aus der Pestilenz jenes von Gott ehedem so hoch begnadeten, dann aber gleich Luzifer in die ewige Verdammnis gestürzten Volkes her. – Der Kreuzzug gegen das Judentum war der Kampf gegen den Antichrist. In ihm wollte Henry Felix sich eine Führerstelle erringen, – vielleicht die des Generalissimus im Heere der jetzt aus langer Lässigkeit und Erniedrigung aufwachenden echten Christen Österreichs, – seines neuen Vaterlandes.

So folgte der lenksame Graf durchaus dem sicheren Zügel seines geistlichen Freundes und Beichtvaters und brannte darauf, in die Reihen der Christuskämpfer Österreichs aufgenommen zu werden. – Es gab aber noch eine andere Empfindung in ihm, die ihn zur Partei des christlichen Antisemitismus in Österreich zog. Diese Partei betonte, wie ihren Haß auf die Juden, so ihre unwandelbare Treue zur herrschenden Dynastie, zum Erzhause Habsburg, und Henry Felix betrachtete dieses noch immer wie etwas, womit er aufs innigste verknüpft war. Wenn auch – vielleicht oder wahrscheinlich – nicht durch Blut, so doch sicherlich durch Bestimmung.

Seine mexikanischen Einbildungen mochten falsch gewesen sein, aber er wies es, wie aus katholischem Empfinden, so aus innerster Gewißheit, durchaus von sich, all das für Zufall zu nehmen, was ihn in seinem Leben, wie er meinte, immer und immer wieder seelisch oder durch direkten Hinweis und persönliche Begegnung in die erlauchte Perspektive dieses erhabenen Geschlechtes gerückt hatte. In Gottes Ratschlüssen, sagte er sich, ist alles sinnvoll, – selbst die Verblendung. Nicht umsonst hat er mich jenen Wahn solange hegen lassen, ihn so oft scheinbar bestätigend. Ich gehöre zu Habsburg, wenn auch in einem andern Sinne als dem, der mich bisher einnahm. Ich soll, wie für Gott und seine Wahrheit, so für Habsburg und seine Herrschaft eintreten. Alles fügt sich wunderbar zusammen. Alles reiht sich an dem schwarzgelben Faden auf, der sich geheimnisvoll durch sein Leben zieht. Alles beweist, daß ich, wie heftig mich das Schicksal auch im einzelnen hat straucheln lassen, in der Hauptsache doch stets von einem richtigen Gefühl erfüllt gewesen bin, von dem hohen Gefühl, das ich nun auch im Zustande christlicher Selbstdemütigung hegen darf als etwas Gottgewolltes: berufen zu sein zu außerordentlichen Dingen.

Pater Cassian gönnte seinem Sattelpferd auch diese Kapriolen, obgleich er sich nicht im Unklaren darüber war, von welchem Windhaber es dabei gestochen wurde.

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