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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Resultate

Der Erfolg dieser Lehrmethode, die den beklagenswerten Schulamtskandidaten dauernd für jedes Schulamt unbrauchbar machte, war anscheinend ganz erfreulich.

Henfel lernte spielend leicht, und es war eine Lust, zu sehen, wie lebhaft sein Interesse sich allen Gegenständen des Lehrplanes zuwandte. Nur in der Mathematik wollte es nicht recht vor sich gehen, weil diese in ihren höchsten Höhen zwar sehr poetische, in den Anfangsstadien aber sehr nüchterne Wissenschaft in das System der Anregung des Willens durch die Phantasie nicht recht paßte. Offenbar wenigstens nicht gegenüber einem Schüler wie Henfel, dessen Gesichtsausdruck einen Zug tödlicher Langeweile und vollkommener Leere annahm, wenn sein Auge auf Zahlenkolumnen und mathematische Formeln fiel.

Sonst aber – brillant. Der zwölfjährige Henfel las bereits die lateinischen, griechischen und deutschen Klassiker, zwar vielleicht nicht mit tiefem, aber doch mit glattem Verständnis. Wenigstens sah es so aus, und wenn er darüber sprach, so klang es nicht viel anders, als wenn der Sprecher Herr Hauart selber wäre, nur etwas hurtiger. Der Junge hatte sich instinktiv so auf den Mann eingestellt, der ihm als Vater galt, daß er eigentlich alles über diesen Mann weg, durch das Medium des »Papas« empfand. Mit niemand verkehrend als mit ihm und Frau Klara, mit jenem aber viel intensiver als mit dieser, wurde er, dessen Persönlichkeitsentfaltung das Hauptziel aller Bestrebungen war, eigentlich ein völlig unpersönlicher Abklatsch des Mannes, der in seinem pädagogischen Dilettantismus völlig aufging und in viel höherem Grade das Geschäft des geistigen Nudelns betrieb, als je irgendeiner der von ihm so heftig perhorreszierten Gymnasialprofessoren.

Frau Klara merkte sehr bald, und mit großem Bedauern, das ganz Äußerliche und im bösesten Sinne Oberflächliche dieser Art Bildung, und sie ließ es an Versuchen nicht fehlen, ihrem Manne die Augen darüber zu öffnen. Der aber war wie mit Blindheit geschlagen und sah durchaus das Unerquickliche der Karikatur seiner selbst nicht, das er aus dem Jungen machte.

Es war ein Unglück, daß der Maler, dessen gerade Art einen gewissen Einfluß auf Herrn Hauart hatte, Studien halber nach Italien gereist war, eben als das Hauartsche Lehrsystem begann, deutliche Unkrautwucherungen zu zeitigen.

»Aber Ihr Mann macht ja an Protzaffen aus dem Buam, anstatt an Menschen« hatte er gesagt, als er zum ersten Male Zeuge eines Gespräches zwischen Vater und Sohn gewesen war. »Der Lausbua hat ja koa Spur mehr von sich selber, oder er versteckts vor lauter Hanswurschterei. Er redt daher wie a rechter Gescheiter und is doch so hirndumm um und um, wie er draußt bei seine Gscheerten gar nie net gwesen is. Dees is alles hohl und aufblasn und grundausgschämt. – Ja mein Gott, was soll denn aus dem amal werden, wenn der Alt ihm nix mehr einblasn kann!? Dem nützt gwiß sei Lebtag sei Geld nix. Ich wollt, ich wär net dran schuld, daß er daher kommen is.«

Frau Klara fühlte, wie recht der Maler hatte, aber wenn sie sah, wie zufrieden ihr Mann in seiner Betätigung als Erzieher war, und wie glücklich es ihn machte, endlich einmal, wie er sagte, als eine Art Künstler ein Abbild seiner selbst zu schaffen, so brachte sie es nicht übers Herz, ihn darin andauernd zu stören. Auch hatte sie das Gefühl, daß schließlich doch die Natur des Jungen einmal Herr über all das Angeflogene werden müsse, gerade, weil es ja nicht tief gegangen war, oder daß er es mit zunehmender wirklicher Reife selber in sich vertiefen werde. Vor allem aber bemühte sie sich nun, auch ihrerseits mehr Einfluß auf ihn zu gewinnen, indem sie sein Gefühlsleben stärkte.

Leicht war das nicht, denn die von ihrem Manne betriebene »Abhärtung des Gefühls« hatte schon weite Fortschritte gemacht. Und leider war es Frau Klara nicht gegeben, mit Kindern kindlich zu sein. Sie war fürsorglich, innig, wußte mit Worten zu streicheln, aber sie konnte nicht spielen und spaßen. Der reizende mütterliche Unsinn fehlte ihr, diese köstliche Gabe mancher jungen Mütter, der beste Spielkamerad ihrer Kinder zu sein. Und gerade das hätte Henfel gebraucht, dem prinzipiell Spielkameraden ferngehalten wurden, weil Herr Hauart der Ansicht war, daß, wer in einer nichtspielerischen Zeit einmal an führender Stelle sich betätigen wolle, schon als Kind ohne Spiel auskommen und überdies einsam erzogen werden müsse.

»Du bringst ihn um seine Kindheit, Henry«, wagte Frau Klara einmal zu bemerken, »und ich glaube, ein rechter Mann kann nur der werden, der einmal auch ein rechtes Kind gewesen ist. Auch fehlt es ihm ja ganz an Erholung.«

Aber auch das hatte Herr Hauart natürlich längst bedacht, so daß seine Antwort mit großer Sicherheit zutage kam: »Kindheit! Was heißt das? Es heißt etwas anderes für das Kind des Proletariers und etwas anderes für das Kind des Fürsten. So heißt es auch etwas anderes für unseren Sohn. Er ist weder ein zukünftiger Lohnsklave, noch ein zukünftiger Kronenträger. Weder wird er es einmal nötig haben, um seine Existenz zu kämpfen, noch wird der ganze Apparat einer Dynastie ihm seine Existenz zwar sichern, zugleich aber einschränken. Er wird das Glück haben, wirklich frei zu sein, gleichzeitig aber das andere Glück, immer selbst über seine Freiheit wachen zu müssen. Danach bestimmt sich die Art seiner Kindheit. Es ist nötig, seine Freuden von früh an anders zu gestalten, als die von Kindern, denen ein Durchschnittschicksal bevorsteht, vom Zwangsarbeiter im Kittel bis zum Zwangsarbeiter im Hermelin. Der freie Herr ist heutzutage die größte Seltenheit, selbst in Kreisen, wo er gedeihen könnte. Warum? Eben weil die Kindheitseinflüsse seiner Entfaltung entgegenstehen. Auch hier ist es vornehmlich die Sentimentalität, die schwach macht, die Gewöhnung an Kameradschaften, die Einprägung des Gleichheitswahnes, die mangelnde Erziehung zur Einsamkeit. – Du verfolgst seine Entwicklung nicht so wie ich, und darum kannst du nicht gleich mir ergriffen sein von diesem Schauspiele völlig ungebrochener Triebentfaltung. Ich für meinen Teil bin fest überzeugt, daß wir in Henfel einen der ganz seltenen Menschen großziehen, die zu einem Leben höchsten einheitlichen Stiles bestimmt sind. – Du mußt mich nicht falsch verstehen! Ich halte ihn nicht etwa für ein Genie. Das Genie ist immer disharmonisch, weil es aus Hypertrophie irgendeiner Begabung resultiert. Henfels Wesen aber ist von der reinsten Harmonie aller Triebe und Kräfte. Es ist, als sei er von jedem Niederschlag all der Irrtümer in der Entwicklung der Menschheit verschont geblieben, die wir der ungesunden Vermischung allgemeiner Herdentriebe mit genialen Verstiegenheiten verdanken.« –

Was sollte Frau Klara gegenüber einer solchen fast ekstatischen Überzeugung ihres sonst so nüchternen Mannes tun? Sie war gewöhnt, von seinem Verstande sehr hoch zu denken, und wußte, daß er sich nicht von bloßen Gefühlen der Sympathie hinreißen ließ. Also war sie geneigt, seiner Auffassung beizupflichten. Anderseits aber sträubte sich ihr Innerstes gegen das Ganze dieser Pläne und Meinungen. – Sie konnte sich des Glücks, das ihren Gatten offenbar erfüllte, nicht recht freuen, ja es überkam sie eine Art Schwermut dabei: zum erstenmal in ihrer Ehe war etwas Unausgeglichenes zwischen ihrem Manne und ihr. Schon, daß sie sich seiner Freude nicht ganz mitfreuen konnte, tat ihr weh. Mehr und mehr machte sich aber auch ein Gefühl geltend, das schlimmer war.

Je weiter die Erziehung Henfels vorschritt, um so deutlicher fühlte sie, daß ihr Mann sich in einem verhängnisvollen Irrtum befand, und daß er sich immer mehr in ihn verrannte.

Der Junge wurde hochfahrend, unangenehm herrisch gegen jedermann, der außer seinen Eltern mit ihm in Berührung kam. Hermann, der jetzt das Gymnasium hinter sich hatte, mied das Haus deswegen nach einer frechen Szene, die ihm der nun vierzehnjährige Junge gemacht hatte. Frau Klara hatte sie durch die offene Tür vernommen, und es war, als täte sich ein Abgrund vor ihr auf, wie sie aus Henfels Redewendungen erkannte, wie fratzenhaft sich in ihm die Weltanschauung ihres Mannes widerspiegelte. Hermann hatte gesagt, er wolle erst zwei Semester Philosophie absolvieren. »Philosophie?« höhnte Henfel, »was soll denn das Gedenke? Ich habe jetzt ein bißchen Schopenhauer gelesen. Jedes Kochbuch ist wertvoller!«

»Na«, antwortete ganz gelassen Hermann, »darüber steht dir wohl ein Urteil noch nicht zu.«

Henfel, schon ganz wild, in einem häßlichen Tone voll Bosheit: »Du meinst, weil du ein paar Jahre älter bist als ich, mußt du auch klüger sein, was? Weil du jetzt Student wirst? Ich bin schon seit sieben Jahren Student und weiß zehnmal mehr, als du je lernen wirst. Du könntest mir leid tun, wenn mir überhaupt etwas leid täte, du trauriger Philosoph!«

Hermann: »Ich will ja gar nicht, daß ich dir leid tue, aber wenn du so redest, tust du mir leid.«

Henfel, gell auflachend: »Ich? Dir? Bist du verrückt? Das ist eine Unverschämtheit! Und eine Lüge! Du beneidest mich, weil ich nicht zu bügeln brauche, weil ich der Sohn reicher Eltern bin und weil ich einmal selber reich sein werde, ohne nur einen Finger zu rühren!«

Hermann: »Ich beneide dich gar nicht und am wenigsten deshalb.«

Henfel: »Doch! Und du sollst mich auch beneiden! Du sollst noch blässer werden vor Neid, als du schon vor Studieren bist. Das gehört zum Reichtum, daß man beneidet wird; das ist ein Hauptvergnügen dabei.«

Hermann: »Das Vergnügen kann ich dir nicht bereiten. Ich beneide den Reichtum nicht. Ich verachte ihn, wenn er solche Gedanken zur Folge hat, wie deine.«

Henfel: »So! Aber einladen läßt du dich von meinen Eltern, was? Füttern läßt du dich vom reichen Herrn Hauart, nicht?«

Hermann, bebend: »Du bist gemein, Henfel, jämmerlich gemein bist du.«

Henfel, knirschend: »Nimmst du das Wort zurück, du Hungerleider? Ich verlange, daß du mich um Verzeihung bittest oder...«

Hermann: »Was: oder!?«

Henfel, schäumend: »Oder ich schlage dir das Buch hier in deine Proletatierfratze.«

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