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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 138
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Nachbericht

Der Büßer

Der unheilige Sebastian

Hermann Honrader hatte den Grafen, von dem es in den Zeitungen hieß, daß er infolge der Entführung seiner Frau durch den Dr. Jan del Pas wahnsinnig geworden sei, nach Genf in eine Privatheilanstalt gebracht.

Nach ein paar Monaten berichtete der Arzt: »Ich bin mit unserm Patienten recht zufrieden. Die Apathie ist gewichen. Sein Zustand ist jetzt der eines Nervenerschöpften, der zwischen Depressions- und Aufregungszuständen schwankt. Die Alkoholabstinenz erweist sich auch bei ihm als eminentes Mittel, die Stimmungslabilität immerhin in gewissen Grenzen zu halten. Für geisteskrank halte ich ihn bestimmt nicht.«

Nach einem weiteren Monate:

»Der Graf ist so weit hergestellt, daß ich ihn ruhig ausgehen lassen kann; ja ich würde ihm nichts entgegenzusetzen haben, wenn er die Anstalt ganz verlassen wollte. Indessen scheint er sich hier wohl und geborgen zu fühlen und hat offenbar keinerlei Neigung, so bald in die Welt und sein altes Treiben zurückzukehren. Er ist sehr still und immer für sich. Fast zu viel. Einige Zerstreuung könnte nicht schaden.«

Wiederum nach derselben Frist: »Der Graf beharrt darauf, hier zu bleiben, obwohl ich, was die Krankheit betrifft, wegen der Sie ihn zu mir gebracht haben, als Arzt kaum mehr etwas an ihm zu tun habe. Nur muß ich ihn täglich ermahnen, er möge etwas weniger verschwenderisch mit seiner – besten Kraft umgehen. Er bleibt eine um die andere Nacht weg und verbringt diese Zeit in einem Bordell, das er, wie man mir berichtet hat, darin ganz für sich mit Beschlag belegt. Der darauffolgende Tag hingegen ist dem gewidmet, was die Katholiken ›Reue und Leid‹ nennen. Überhaupt gebärdet sich der Graf, obgleich er nicht katholisch ist, ganz so, als gehörte er dieser Kirche an. Er trägt ein Amulett. Hat sich ein riesiges, wagerecht schwebendes Kreuz mit einem fürchterlich realistischen Kruzifixus überm Bett anbringen lassen. An der Tür hängt ein Weihwassergefäß von gleichfalls ungewöhnlichen Dimensionen. Er liest ausschließlich katholische Literatur: Heiligenlegenden und die gewissen ›Betrachtungen‹. Ich frage mich ganz ernsthaft, ob ich darin nicht doch wieder ein Krankheitssymptom zu erblicken habe. Indessen: eigentlich exzessive Formen hat dieses neue Wesen noch nicht angenommen – bis auf gewisse Redewendungen von fanatischer Heftigkeit, die, in unserer Zeit der Toleranz ausgestoßen, schon etwas Verrücktes an sich haben. – Es besteht da natürlich ein Zusammenhang zwischen den übermäßigen Ausschweifungen des Geschlechtes und diesen mit Zerknirschung und mystischem Dahinschweben ausgefüllten Pausen, in denen das Gehirn ausschweift. Es ist an dieser Konkurrenz gegensätzlicher Erscheinungen, bei der Reaktion auf Reaktion folgt, wie der Rechtsschwung des Pendels auf den Linksschwung, nichts, was mich als Arzt in Erstaunen setzte.

– Irgendeine Therapie dagegen gibt es kaum. Man muß hoffen, daß das Leben in der Welt, das der Graf ja für später ins Auge gefaßt hat, ihn von diesen mystischen Überbleibseln einer heftigen Nervenerschütterung befreit und sein Gehirn gegen eine Wiederholung solcher Anfälle stärkt. Ich vergaß übrigens, zu bemerken, daß er jetzt nur in der Anstalt, also bei ›Reue und Leid‹, abstinent ist; – vielleicht gehört das zur Buße. Mit seinen Freundinnen soll er wieder unmäßig bechern.« –

Kurze Zeit nach diesem Bericht erhielt Hermann folgenden Brief von Henry Felix in einem Paket, dem ein versiegeltes Kuvert und ein offener Brief beilag, beides an den Dr. Jan del Pas in Sorrent adressiert.

Der Brief an Hermann lautete:

»Lieber Bruder! Ich bitte dich, das Beifolgende dem Adressaten oder seiner Frau persönlich nach Sorrent zu überbringen und ihnen auszurichten, was ich dir nachher aufschreiben werde. Da du dieses furchtbare Land Italien (objektiv furchtbar, weil es von Teufeln beherrscht wird, jüdischen Freimaurern und ihren Helfershelfern, die mit vereinter Tücke und Gewalt den Starthalter Christi demütigen und gefangenhalten – subjektiv für mich aber gleichfalls höchst furchtbar, weil ich dort nahe daran gewesen bin, einer Verlobten des süßen Sohnes der Allerheiligsten Mutter Maria Gewalt anzutun) – da du es also noch liebst (mit der Liebe des Heiden, Bruder, die eine schlechte Liebe ist – verzeih, verzeih mir Unwürdigem, der ich freilich über niemand zu Gericht sitzen darf), so wirst du, denk ich, gerne hingehen, weil du das dort weißt, was ihr Schönheit nennt, und, ich hoffe es, gerne auch deshalb, weil du mir einen großen Dienst damit erweisest. Denn ich kann nicht (noch nicht) diesen beiden Menschen unter die Augen treten, an deren Unglück ich schuld bin. Sie gedachten es (in einem höheren Sinne freilich, als es ihnen bewußt war) gut mit mir zu machen, ich aber, ein Besessener damals noch mehr als heute, habe es böse gemacht. Nimm also das Geld, das ich dir schicke, mein Bruder (alles, was ich besitze, gehört auch dir, denn ein zweites Mal bist du als Engel bei mir erschienen, da mich der Herr zerbrochen hatte – Dank Ihm auch dafür, denn, was Er tut, ist wohlgetan), nimm das Geld und reise.«

– Sonderbar! mußte Hermann bei sich denken: das ist nun alles wohl sein Ernst jetzt – aber klingt es nicht, als schriebe er es schließlich doch nur aus Freude an dieser Art Worten? Und: von wem hat er diese Art, der neue Katholik? Von Martin Luther auf dem Umwege über Jeremias Kraker. – Und: »Bruder!« Ob das nicht – Bußübung ist?

»Das versiegelte Kuvert wirst du natürlich nicht öffnen, und ich bitte dich, dem Adressaten zu sagen, daß du von seinem Inhalte nichts erfahren hast. Den offenen Brief aber gib ihm offen, gleichsam zu deiner Beglaubigung als mein Vertrauter, Freund, Bruder. Und nun höre!

Gestern erschien bei mir das alte Ehepaar Kraker. Als sie zu mir ins Zimmer traten, mußte ich, zwischen die Augen getroffen von einem grellen Lichtbalken, in die Knie sinken und den Saum ihres Gewandes küssen. Denn, siehe, es hatten sich zweie an der Hand und sahen mich mit dem Blicke an, der da stöhnt: Mörder. – Ihre Worte sprachen anders, ihr Auge sprach so. Ich las es im Weiß ihrer Augen: Unsern Sohn getötet, du da! Unsere Tochter verwüstet und eingekerkert, du da! Uns selber gemacht zu Gespenstern unserer selbst – du, du, du! ›Ich – nein, nicht ich!‹ schrie ich auf: ›nur jener Teil in mir, den ich nun aus mir auszutreiben hoffe mit der heiligen Hilfe der gebenedeiten Schulterwunde meines lieben Herrn Jesus.

O, mein Jesus, mein Jesus, Barmherzigkeit!‹

Vor diesen Worten entsetzten sie sich mehr als vor ihrem eigenen Elend. Sie, die ganz weiß, ganz still, ganz schwach Gewordenen, wollten mich – bekehren! – Wehe den Armen! Sie sind hart und verschlossen geblieben dem fließenden Lichte der Gottheit!

Laß mich schweigen von der Unfruchtbarkeit der Worte, die zwischen uns, an uns vorüberflogen wie blinde Vögel, keines zum Ziele, alle ins Leere.

Wir schieden, indem wir uns beklagten.

Höre nur dies: Was sie den Ehebruch ihrer Tochter nennen (ach, sie wollten es nicht annehmen, daß ich alle Schuld auf mich nahm), hat sie als lebendige Wesen ausgelöscht. Selbst von ihrer Heimat haben sie sich losgelöst. O, sie werden von den Winden genommen und hinweggetragen werden.

Doch dies ist es nicht, was du besonders wissen mußt wegen deiner Reise, damit du meinen Willen verstehst, sondern: Sie haben das Geld, das ich ihnen damals gestiftet habe, als das erkannt, was es auch wirklich war: als einen Teil des Giftes, das sie, ihr ganzes Haus, zerstört hat, und sie wollen, daß es nun nicht weiter Unheil anrichte, sondern Segen schaffe.

Ach, mein Bruder, sie haben eine Stiftung daraus errichtet zu Stipendien für arme Studenten der protestantischen Theologie.

Ich betrachte auch dies als einen Teil der Buße, die mir helfen soll, rein zu werden, und sage kein Wort mehr darüber. Aber ich will, daß nur ich zu büßen habe.«

Inwiefern eigentlich? dachte sich Hermann. Er nimmt es, wie immer, ein wenig leicht. Warum – stiftet er sein Geld nicht, zur Buße sowohl wie zur Balance, der katholischen Theologie? Ach, du – Bruder du! Noch im Tode wirst du dir Komödie vorspielen. Und wirst es nicht einmal merken.

»Und so bitt ich dich, dem Doktor Jan del Pas und seiner Gattin zu sagen, daß ihnen dieselbe Summe, die ihnen durch dieses Stipendium entzogen worden ist, nochmals zur Verfügung steht. Ich biete sie ihnen dar, nicht als ein Geschenk (denn ich bin nicht würdig, zu schenken), sondern kniefällig, im Staube, die Stirn auf ihren Schuhen, als schuldigen Zins meiner Knechtschaft. Ich flehe sie an, daß sie es nehmen um Gottes und Jesu Willen und zu meiner Reinigung. Indem ihre Hände es nehmen aus meiner noch unwürdigen Hand, werden sie mich ein wenig emporziehen aus meiner Verachtung. (Doch ganz aufrichten können mich nur die Hände mit den allerheiligsten Malen. M. J. B.! M. J. B.!)«

Hermann ließ den Brief sinken und sann vor sich hin: Ist das nicht vielleicht doch mehr als Komödie? Ist es nicht wirklicher Wahnsinn? – Aber dagegen spricht der Brief des Doktors, der diese fixe Idee von der christlichen Buße offenbar nicht sehr ernst ansieht. – Ausschweifung nennt ers, und so wird es wohl sein: eine andre Art Wollust, ein selbstgefälliges, wollüstiges Sichhinsinkenlassen in laue Demut – nachdem ihn irgend etwas aus der Höhe gestoßen hat, wie es immer in seinen Phantasien damals hieß: »Kopfüber hinab zu den Gewöhnlichen!«

Der Brief an Jan del Pas lautete:

»Sehr geehrter Herr Doktor! Sie empfangen aus den Händen meines brüderlichen Freundes Hermann Honrader alle die Papiere zurück, die Sie in meine Hände gegeben haben, und mit denen Sie in meine Hände gegeben werden sollten. Ich weiß heute, daß ich nicht würdig bin, einen Mann wie Sie in irgendeiner Art Gefangenschaft zu halten. Sie haben recht, tausendmal recht gehabt, ein Leben vernichten zu wollen, das, wie es war, ausgetilgt zu werden verdiente. Aber, daß es Ihnen nicht gelungen ist, obwohl die Hölle selbst dabei am Werke war, beweist, daß in ihm, wenn auch durch einen Bodensatz von Schmutz und Schändlichkeit fast erstickt, Kräfte sind, die über jede Hölle triumphieren werden wenn sie es vermögen, jenen Bodensatz hinauszubaggern mit Hilfe einer Gnade, von der ich zu Ihnen nicht reden mag, da Sie unmöglich fähig sein können, sie zu begreifen. Sie würden nur Worte hören, wo göttliche Substanz selber sich in geheimnisvollen (Ihnen ewig geheimnisvollen) Silben selig äußert.

Wollen Sie mich noch töten: kommen Sie! Ich will mich unter Ihren Fuß legen. Aber kommen Sie schnell! Noch bin ich zu töten! Bald, ich weiß es, nicht mehr!

Das Tagebuch des Bruders Ihrer Gattin werde ich an die Öffentlichkeit befördern – falls nicht Ihre Gattin selbst es unter Ihrer Redaktion besorgen will. – Dieses Buch stellt mich in all meiner Blöße an eine Schandsäule und einen Marterpfahl. Alle seine Pfeile treffen mich von oben aus der Wolke eines Geistes, der ein Recht hatte, mich zu verachten. (Aber aus Gründen, die er nicht kannte: aus ganz andern Gründen, als er meinte.) Ich genieße jetzt diese Verachtung wie eine Frucht, die mich stärkt. Auch sie dient meiner Reinigung. O, wie hilft mir ihre Bitterkeit. O, wie bitter wohl sie mir tut! O, wie gewiß ist es, daß auch sie mir bestimmt war vom Herrn der großen Güte, der auch die Verworfenen zu sich ruft aus den Ketten der Hölle – und zuweilen durch die Stimmen von Teufeln.

Gleich dem heiligen Sebastian steh ich im Pfeilregen, halte ich stand den Geschossen, die von der Sehne höllischen Hasses schwirren – ein sehr, ein mehr als Unheiliger jetzt noch, aber ein Glaubender nun und ein Wissender: daß das aus tausend Wunden abfließende Blut mit sich wegschwemmt den trüben Bodensatz meines Wesens.

O, daß es ganz von mir flösse und nur ein Tropfen in mir bliebe – aber ein reiner!

Ich sehe Ihr Lächeln, Herr Doktor, mit dem Sie diese Worte lesen: es ist kalt und hat dieselbe Verachtung in sich, wie das Lächeln jenes, von dem ich nun erst ganz frei bin, da ich seine Blätter des Hasses, der Verachtung und eines teuflischen Übermutes gelesen habe. Bald wird er, bald werden Sie – unter mir sein. Ich knie mich unter Ihr Lächeln und empfange seine Verachtung wie Geißelstreiche, die mich zerfleischen und entzücken.

So, in meinem Blute, meinem schlechten, verderbten, noch unreinen Blute kniend, reiche ich Ihnen entgegen, was mein Bruder und Freund Ihnen anbietet. Nehmen Sie es an, mit Verachtung an, wie man den Dank eines Bettlers entgegennimmt – –,

von Ihrem Knechte
H. F. H.«

*

Jan del Pas nahm es an, mit Verachtung an.

Er sagte zu Hermann Honrader: »Melden Sie dem Herrn Grafen, daß das Geld zur Erziehung unsres Sohnes Karl verwendet werden wird, der hier in Sorrent aufwachsen soll, immer nahe bei sich das Denkmal seines Namenspatrons und Mutterbruders. Florenz und Rom, der Geist der Renaissance und der Antike, sollen seine Erziehung vollenden. – Dem unheiligen Sebastian aber wünsche ich von Herzen, daß er sich bald – erheben möge – hoch über mich und meinesgleichen. Er wird es gewiß. Seine Leere trägt ihn –, zumal in der dicken Luft, nach der es ihn jetzt verlangt.«

Frau Berta del Pas sagte nichts dergleichen. Es war, als hätte sie alle Erinnerung an Henry Felix verloren.

»Und das Tagebuch?« fragte Hermann.

»Das Tagebuch Karl Krakers wird Karl del Pas herausgeben«, erwiderte der Doktor. »Wir befehlen dem Grafen, es an uns, seine legitimen Besitzer, auszuliefern. Es ist noch nicht die Zeit dafür. – Sagen Sie ihm, er möge es selbst bringen. Denn er wird ja doch eines Tages kommen müssen. Ich habe es ihm gesagt, als ich ihn in Berlin verließ. Es ist nicht vergessen.«

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