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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 137
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Henry Felix taumelte zurück. Sein Rücken krachte gegen die Tür. Er fuhr mit beiden Händen an den Kragen seines Nachthemdes, als würgte ihn der zum Ersticken. Er riß ihn auf, daß das in Fetzen gehende Hemd über die rechte Schulter hinabglitt. Das ganze Gesicht zuckte wie unter Peitschenhieben, und die Lippen öffneten und schlossen sich, ohne daß ein Laut von ihnen kam. Dann war es, als liefe die Welle dieses Krampfes den Hals hinab zur Brust, als schüttele ihn das Fieber des Wahnsinns. Er röchelte und schloß die Augen.

»Er stirbt«, winselte die Schwarze; »er stirbt.«

Da, in diese Stille, die wie eine sinkende, alles unter sich erstickende Last von etwas unsichtbar Körperlichem war, stach, stieß ein fürchterlicher kurzer Schrei – die Stimme der Gräfin.

Henry Felix riß die Augen auf und lauschte mit einem Ausdrucke des Entsetzens, vor dem nun auch Sara den Blick abwenden mußte.

Totenstille.

Er tastete, immer noch den Rücken an der Türe, nach der Klinke. Aber, wie sie nachgab, ließ er sie, zusammenfahrend, los und stürzte nach vorn, lang auf den Teppich niederschlagend. Hob den Oberkörper, den Kopf nach der Türe wendend, immer noch das tödliche Entsetzen im Auge, und lauschte.

Kein Laut. Die Arme ließen nach. Der Kopf sank auf den Teppich. Über den halbnackten Rücken lief ein Zucken. Er wimmerte, schluchzte, murmelte.

Lala kroch zu ihm hin und streichelte ihm Kopf und Schultern.

»Zu mir!« hauchte Sara.

Die Schwarze wandte das übertränte Gesicht zu ihr auf und sah sie mit einem Blicke hilfloser Verzweiflung an. Aber sie erhob sich und lehnte sich an sie, ihren Kopf mit einem Zipfel von Saras Umhang verdeckend.

»Wir wollen gehen«, sagte Sara und erschrak selbst vor ihrer heiseren Stimme.

Aber, wie sie einen Schritt vorwärts tat, sprang der Graf auf und zur Tür, sich breit an sie lehnend. Er hielt den Kopf wie zum Stoße gesenkt und murmelte: »Sag erst, daß du gelogen hast!«

– »Genug! Gib die Türe frei! Ich habe dir nichts mehr zu sagen. Lüge dir eine andre Mutter vor, wenn du diese Lüge brauchst. Wollte Gott, daß ich mich auch so belügen könnte!«

Sie tat noch einen Schritt zu ihm hin.

Er sah sie verständnislos an und lächelte in blöder Verlegenheit, indem er stammelte, wie wenn die Worte Krusten wären, die von seinen Lippen brächen: »Es... es... ist also... wahr?«

Er trat beiseite und rieb sich die Stirn, immer noch das blöde Lächeln um den Mund.

Dann sagte er, den Blick wie zögernd von unten zu ihr erhebend: »Aber du... liebst mich ja nicht?«

Sara runzelte die Stirn: »Laß das! Ich will fort. Du willst ja frei sein. Was hat dir meine Liebe genützt?«

– »Hast du mich geliebt?«

Das fatale Lächeln war von seinem Gesicht verschwunden. Er sah die Mutter groß an.

Sie antwortete ganz leise: »Ich glaube, es war ein anderer.«

Er nickte mit dem Kopfe und starrte darin auf den Boden: »Ein anderer. Ja. Ich bin immer ein anderer.«

Frau Sara trat zu ihm und ergriff seine Hand, doch ohne Zärtlichkeit: »So werde nun endlich du selbst! – Auch ich habe dich aus deiner eigentlichen Bahn getrieben. Ich habe Einbildungen in dir verstärkt, weil ich dich für einen Starken, einen Reichen hielt, der aus Einbildungen eine große Wirklichkeit machen könnte hoch über dem Gewöhnlichen. Das war ein Irrtum. Du bist kein Starker, bist kein Reicher, bist schwach und leer. In deiner Leere fanden die Einbildungen nichts, das sie befruchten konnten; sie konnten dich nur aufblähen, noch leichter, noch widerstandsunfähiger machen. So treiben dich die Winde des Zufalls, und fremder Wille ist es, der dich bewegt. Keine Wirklichkeit hast du aus den Einbildungen gemacht; du bist zu ihrer Fratze geworden, weniger als die Gewöhnlichen. – Vielleicht hilft dir die Wahrheit, in die Niederungen zu gelangen, in die du gehörst. Darum habe ich sie dir gesagt. Möge sie dich heilsam ducken und bescheiden machen. So wirst du endlich zu dir kommen und vielleicht glücklich werden.«

»Das – glaubst du?!« sagte Henry Felix mit einem bösen Blicke.

»Ich hoffe es«, antwortete Sara und ließ seine Hand los.

Ein Wagen fuhr vor. Türen gingen. Man hörte, wie das Haustor sich öffnete und mit einem leisen Dröhnen zuschlug. Der Wagen knirschte über den Kies und fuhr langsam fort.

»Sie ist weg«, sagte Henry Felix »und nun gehst also du auch und läßt mich allein mit dieser – Wahrheit. – Du weißt nicht, was du mir genommen hast. – Trotzdem, sage ich dir, sollst du sehen, daß ich nicht der bin, für den du mich jetzt hältst. – Gut, meine Einbildungen waren falsch. Ich will dir glauben. Aber sie waren stark genug, mich auf einen Weg zu weisen, der in die Höhe führt – wenn ich schon nicht aus der Höhe gekommen sein soll. Diesen Weg werde ich verfolgen trotz deiner abschätzigen Meinung von mir, die mich zur Bescheidenheit mahnt. Du wirst es nicht erleben, mich in den Niederungen der Gewöhnlichkeit zu sehen. Auf das Glück, das du mir erhoffst, verzichte ich gerne. Ich bin stärker als du glaubst. Wie hätte ich sonst den Absturz aus den Höhen meiner Einbildung ertragen können. Du sahst mich vorhin dort zu Boden liegen. Da glaubte ich selbst, zerschmettert zu sein. Aber jetzt stehe ich wieder aufrecht und fester, denn je. Die Berührung mit der Wahrheit hat mich nicht nur fester, sondern auch kräftiger gemacht. Ich liebe sie jetzt, wie ich früher meine Einbildungen geliebt habe.«

Frau Sara sah ihn erstaunt an.

– Ist das wieder nur schnell erfaßte Rolle? fragte sie sich. – Klingt das nicht echt? Wie, wenn die Wahrheit ihn wirklich zu sich gebracht hätte? Wenn ich ihn unterschätzte? Ihm unrecht getan hätte? Wenn er imstande wäre zu handeln, wie er jetzt spricht?

Ein warmes Gefühl wollte sie überwallen, eine neue frohe Zuversicht; die zurückgedrängte Liebe fühlte sich stark genug zu neuem Glauben, neuer Wärme, neuer Hoffnung. Sie wollte seine Hand nochmals ergreifen, aus einem zärtlichen, mütterlichen Impuls heraus zu einem innigen Drucke herzlichen Umfassens. Aber, wie sie die Hand schon ausstreckte, mahnte etwas Kaltes ab, und ihr leuchtend gewordenes Auge verlor seinen Glanz wieder. Etwas Düsteres, Hartes, Prüfendes war in ihm, als sie sprach: »Du weißt noch nicht alles. Du begnügst dich damit, zu wissen, daß du nicht aus der geheimnisvollen Höhe her bist, die du dir eingebildet hast. Wie kommt es, daß es dich nicht drängt, mehr, Genaueres zu erfahren? Fürchtest du dich vor der ganzen Wahrheit?«

Henry Felix machte eine gleichgültig verneinende Handbewegung: »Wie konnte ich in diesem Zusammenbruche an Einzelheiten denken. Und, was kann es mich auch schließlich kümmern, zu wissen, wer mein Vater ist, da dieser sich nie um mich gekümmert hat? Willst du ihn mir nennen, es steht bei dir.«

Er sprach so geschäftsmäßig kühl, wie er dabei empfand. Doch Leben und Ausdruck kam in seine Stimme, als er, in einer plötzlichen Erinnerung, rief: »Aber ja: es interessiert mich! Der Mantel! Der Kosak! Gewiß ist er ein Reiter gewesen!«

Sara sah ihren Sohn prüfend an. Sie hatte für einen Moment ihr altes Lächeln, als sie sprach: »Gewiß! Und außerdem ein Edelmann, der seinem gräflichen Sohne im Range sogar noch um eine Stufe über war.«

Diese Eröffnung tat dem Grafen augenscheinlich sehr wohl.

– Also doch immerhin ein Fürst! dachte er sich, und er hätte nun sehr gerne mehr von dem fürstlichen Papa erfahren. Jetzt kam auch das Wort Mama über seine Lippen, als er munter angeregten Tones zu fragen begann.

Saras Lächeln verschwand. Sie hörte seine Fragen mit aufeinandergepreßten Lippen an und erwiderte schneidend: »All das ist Nebensache. Ich sehe wohl, du möchtest für das verlorene Spielzeug ein neues haben, auch wenn es nicht ganz so glänzend sein kann, wie das alte. Du hast es sehr schnell vergessen, daß die Zeit, zu spielen, jetzt für dich aus sein muß.«

Sie machte eine Pause und überlegte, während Henry Felix seine ungeduldige Neugier hinter nichtssagenden, halb und halb schon scherzhaft werdenden Bemerkungen zu verbergen suchte. Denn er war wirklich bereits auf dem Wege, alles Bittere der erfahrenen Enttäuschung zu vergessen und sich auf angenehmen Ersatz einzurichten. Als daher Sara, ohne jede Spur von Scherzhaftigkeit, sagte: »Vielleicht genügt es dir fürs erste, zu erfahren, daß dein Vater ein heftiger Antisemit war«, nahm er das durchaus spaßhaft, lachte belustigt laut auf und rief: »Dann hab ich also mehr als den Mantel und Kosaken von ihm geerbt, auch die anständige Gesinnung. Gott weiß, wie widerlich mir dieses Parasitenvolk ist.«

Sara neigte den Kopf und sagte leise für sich: »Ich wußte es.« Dann sah sie ihren Sohn mit einem Blick der tiefsten Verachtung, aber ohne Haß, eher mit einem Schatten von Mitleid, an, trat dicht vor ihn hin und sprach. »Du hast deine Mutter ins Gesicht geschlagen, und sie weiß nun, warum dein Leben elend war, und daß es elend bleiben wird bis zum Ende.

Du kannst nie ehrlich an dich glauben, kannst nie ganz du sein, nie frei, nie stolz, nie stark. Denn ein Verhängnis hat es gewollt, daß du zur Untreue an einem Teile deiner selbst geboren bist – nicht die harmonische, aus dem Edlen vereinigte Doppelbildung, sondern die Fratze zweier Rassen, die sich in dir abscheulich und fruchtlos mit dem bekämpfen, was im Satze ihres Blutes schlecht und gemein ist.«

Sie hatte beide Hände wie in pathetischer Abwehr erhoben, sprach aber ganz ruhig, Wort für Wort langsam wie aus der Tiefe des Unterbewußten emporholend, als hätten sie sich dort in all den Jahren zusammengedrängt und verdichtet, bereit, in einem Augenblicke der Entscheidung Kunde von einer tragischen Erkenntnis zu geben, die Mutter und Sohn für immer scheiden mußte.

Sie wandte ihren Blick von ihm, der wie ein Gefesselter stand, von einem Schlage betäubt, vom andern geweckt, zu Lala, die ihren Kopf in die schwarze Decke des Bettes vergraben hatte, um nichts zu hören und zu sehen, und ging langsam hinaus.

Die Tür blieb offen. Henry Felix wankte zur Schwelle. Er mußte sich, links und rechts die Hände gegen das Gebälk gestemmt, festhalten, um nicht umzusinken. Es war wie ein Dröhnen um ihn.

Gerade ihm gegenüber stand eine andre Tür offen, und er sah das zerwühlte Bett seiner Frau.

Die ganze Nacht bis zum Morgengrauen schritt er ruhelos, hastig, den Kopf gesenkt, zwischen diesen beiden offenen Türen hin und her, immer dieses drückende Dröhnen um sich, das schließlich zu einem Rauschen und Gurgeln wurde, als wanderte er auf dem Grunde des Meeres. Und es war ihm, als drängen aus den Gobelins der Korridorwände dunkle Ungetüme mit dolchspitzen Schnauzen auf ihn ein, runde verglaste Augen auf ihn gerichtet, ein schwarzes, zuckendes, aber totenstilles Gewimmel. Er floh vor ihnen, schlug mit den Fäusten um sich, rieb sich Kopf, Leib, Glieder, sie von sich zu entfernen, da sie an ihm hingen wie Nadeln. Wälzte sich am Boden, sie zu erdrücken. Sprang auf und rannte weiter. Einen Augenblick waren sie weg. Er stand aufatmend still. Aber schon waren sie wieder da, und die gräßliche Flucht vor den stummen Scheusalen begann aufs neue. Durch Stunden und Stunden hin. Bis ihn die Verzweiflung packte und in die Helle des Zimmers der Gräfin stieß. Aber auch die Helle war voller Grauen. Die Opalampel über dem Bette wurde zu einer der milchigen Quallen, wie er sie im Neapler Aquarium gesehen hatte; Tausende von schleimigen, phosphoreszierenden Fangfäden gingen von ihr aus; hoben sich, senkten sich, drehten sich im Kreise; schwangen und wellten wie das Kleid einer Serpentintänzerin; fuhren in einem Strahle hoch zur Decke und breiteten sich dort kriechend aus, wie lebende Algen, überall an ihren Hauptsträngen bläuliche Knospen ansetzend und aus jeder Knospe wieder diese fürchterlichen, zuckenden, zielenden Fangfäden aussendend, die seine Blicke mit unwiderstehlicher Macht anzogen, so entsetzlich es ihm war, in dieses gierige Schleimleben zu starren – bis mit einem Schlage das ganze Geschlinge von der Decke herabstürzte, sich zu einem wirbelnden Bündel vereinigte und gerade auf ihn losschoß. Da drehte ihn das Grausen um und er rannte laut aufheulend durch den Korridor zu seinem Zimmer. Aber das lauschleimige Gestrudel dehnte sich aus und saß ihm nun mit tausend Sauglippen am Nacken – und tastete sich um den Hals – und kroch in die Ohren – verklebte die Augen kroch ins Gehirn.

Er warf sich auf den Fußboden nieder und wälzte den Teppich über sich.

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