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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 136
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Da ging die Türe auf und Lala schlüpfte herein: »Er kommt. Die Rote ist eben erst eingeschlafen. Ich gehe nun zu ihr und hole.«

Kaum, daß sie weg war, trat Jan del Pas ins Zimmer, steif und ruhig, wie stets. Aber die Anwesenheit einer Fremden ließ ihn doch zusammenfahren. Auch mußte er sich an die Dunkelheit und Fremdartigkeit des Raumes erst gewöhnen. Er streifte Sara mit einem Blick, dann sah er durchdringend zu Henry Felix hin und sagte: »Sie haben Besuch? Zu so später Stunde? Und in Ihrem Zustande?«

Er wollte zum Bett hin.

Sara vertrat ihm den Weg. Sie hielt den Revolver, unter ihrem Umhang verborgen, fest in der Rechten, nach dem Drücker tastend.

»Wer sind Sie?« sagte, langsamer noch als sonst, der Doktor und blieb stehen.

»Jemand, der mehr Recht hat, hier zu sein, als Sie«, antwortete Sara.

Jan del Pas wollte an ihr vorüber. Sara hob den Revolver. Er zuckte zusammen und fuhr mit der rechten Hand wie stoßend nach vorn, den Revolver zu greifen, zog sie aber sogleich wieder zurück, als sein Blick dem ihren begegnete. Ein sonderbarer Laut kam aus seinen kaum geöffneten Lippen, Knurren und Zischen zugleich. Wie von einem Tiere, das die Fallenzange an der Gurgel spürt. Er sah sich nach der Türe um.

»Sie bleiben!« sagte Sara leise. »Es ist keine Möglichkeit für Sie, das Haus frei zu verlassen. Auch sollen Sie ja keinen Versuch machen, das Gift zu sich zu nehmen, das für den Grafen bestimmt ist.«

Jan del Pas lächelte verzerrt und sagte, wenn auch bebend, so doch in seinem gewöhnlichen Tone, als ob er eine gleichgültige Tatsache konstatierte: »Es scheint, Sie sind gut unterrichtet. Aber Sie kommen zu spät, gnädige Frau. Dieser da ist nicht mehr zu retten.« Er sah erst sie, dann den Grafen musternd an und fügte hinzu: »Auch von seiner Mutter nicht.«

In diesem Augenblick lachte Henry gellend auf: »Kostbar! Kostbar! Er ist übergeschnappt! Der Schrecken läßt ihn phantasieren!«

Der Doktor erschrak vor dem kräftigen Tone, mit dem diese Worte gesprochen wurden, mehr als vorhin vor dem Revolver. Er wußte nun, daß er übertölpelt worden war. Mit einer steifen Verbeugung wandte er sich zu Frau Sara und sagte: »Sie sind nicht zu spät gekommen, gnädige Frau. Aber ich verstehe nun nicht mehr, was Sie von mir wollen. Ihrem Sohne ist ja nichts geschehen.«

»Ihrem Sohne!!« wieherte Henry Felix.

In diesem Augenblicke schlüpfte Lala am Doktor vorüber und legte eine Mappe in die Hände des Grafen, der diese sofort unter die Decke steckte.

Als Jan del Pas die Mappe erblickte, wurde er aschfahl und trat unsicher zurück. Seine Lippen zuckten, sein Blick wurde flackernd.

Sara ließ den Revolver sinken und sagte, zu Lala gewendet: »Geh hinaus, verschließe das Zimmer der Gräfin und bringe den Schlüssel hierher. Die Dienerschaft soll im Korridor bleiben.«

»Unnötige Vorsicht«, murmelte Jan del Pas, das Kinn fast auf der Brust. »Es liegt nicht in meiner Absicht, Torheiten zu begehen.« Er erhob den Kopf. »Ich bin in Ihrer Hand und erwarte ruhig, zu vernehmen, auf welche Weise Sie mich Ihre Macht fühlen lassen wollen.«

»Das ist vernünftig«, entgegnete Frau Sara. »Lesen Sie dies!« Sie überreichte ihm die von Henry Felix beschriebenen Blätter.

Der Doktor las mit gerunzelter Stirn. Man hörte nichts als das Knistern der Spiritusflammen und zuweilen ein verhaltenes Kichern des Grafen. Dann das Gehen der Tür und das Hereinhuschen Lalas, die den Schlüssel brachte. Dann ein nervöses Räuspern des Doktors, der zu Ende gelesen hatte.

Er legte die Blätter am Fußende des Bettes auf die Decke und sagte, ohne eine Spur von Ironie, in geschäftsmäßigem Tone: »Sie verlangen ziemlich viel.«

»Aber wir geben nicht weniger«, entgegnete Sara. »Sie erhalten, wenn Sie dies unterschreiben, die Möglichkeit, mit Ihrer Geliebten das Haus frei zu verlassen, aus dem Sie sonst nur unter polizeilicher Begleitung kommen dürften.«

Jan del Pas überlegte, indem er sich den Bart strich. Dann sagte er: »Sie haben recht. Und, ja – es ist mir auch nicht erlaubt, mich zu töten. Denn der Inhalt der Mappe belastet die Gräfin nicht weniger, als mich, und es besteht keine Wahrscheinlichkeit, daß Sie sie nach meinem Tode schonen würden.«

»Das würde ganz gewiß nicht geschehen«, erklärte Sara.

Jan del Pas blickte sie an, nickte mit dem Kopfe und wiederholte: »Ganz gewiß nicht.« Dann fuhr er fort: »Übrigens gibt es schließlich keinen vernünftigen Grund zum Selbstmorde für mich, da die Gegenleistung auf Ihrer Seite vermutlich darin bestehen wird, daß Sie keinen Gebrauch von den Schriftstücken machen werden, solange wir uns danach verhalten.«

»Ich verpflichte mich zu nichts!« warf Henry Felix schroff ein. »Der Spaß für mich besteht gerade darin, das werte Paar an der Longe zu haben.«

»Also unter Umständen nur eine Art Galgenfrist«, sagte der Doktor im Tone der Überlegung, wie für sich. Und, den Blick auf den Grafen gerichtet: »Läßt sich derlei Ihnen gegenüber eingehen, solange man nicht die Meinung Ihrer Frau Mutter kennt, die offenbar auch Ihren Willen repräsentiert?«

Der Graf brauste auf und fuhr im Bette hoch: »Schweigen Sie endlich mit Ihren Beleidigungen, oder ich mache dieser Sache ein Ende, indem ich die Polizei rufe!«

Sara sah ihn von oben herab an und sagte kühl: »Du wirst mir gütigst erlauben, die Sache, die ich begonnen habe, auf meine Weise zu Ende zu führen.«

»Aber ich lasse mich nicht beleidigen!« schrie der Wütende. »Es gibt einen Punkt, an den mir niemand rühren darf. Niemand! Auch... Sie nicht, gnädige Frau!«

Sara preßte die Hand gegen die Brust, als hätte sie einen Stich ins Herz bekommen.

Lala stürzte auf sie zu und sank vor ihr nieder. »Stille!« winselte sie. »Stille du und du! Beide stille!«

Der Doktor gewann seinen gewöhnlichen Blick kalt interessierten Forschens wieder, als er diese Szene sich in die Handlung einschieben sah, die jetzt anscheinend nur noch für ihn die Haupthandlung war, während die anderen ein anderes Stück begannen.

– Wie, wenn diese Frau sich jetzt gegen ihn erklärte? dachte er sich; auf unsere Seite träte? Oder wenn sich das, was zwischen, über diesen beiden wie ein verhängnisvolles Geheimnis schwebt, jetzt, in diesem Augenblicke entlüde! Es wäre die Rettung, denn es würde uns völlig ausschalten, würde vielleicht den da an unsere Stelle setzen...

Aber, als ob sie seine Gedanken erriete – Sara warf einen Blick auf ihn und flüsterte vor sich hin: »Zuerst dies!« Und sie sagte, voll zu ihm gewendet: »Ich versichere Ihnen, daß von meiner Seite her nichts geschehen wird, den Grafen Hauart in dem von Ihnen befürchteten Sinne zu beeinflussen. Meine... Rolle ist in dem Augenblick beendet, wo Sie unterschrieben haben. – Soweit ich urteilen kann, können Sie es ruhig tun.«

Jan del Pas sandte wiederum einen seiner musternden Blicke auf sie und von ihr zum Grafen.

– Wie sonderbar! dachte er; diese Frau ist ihm zu Hilfe gekommen, und nun steht sie eigentlich auf meiner Seite. Fast sieht es aus, als bedauerte sie es ebensosehr, wie ich, daß mein Plan mißglückt ist. – Und er kam ins Grübeln –: Das Leben ist durchaus sinnlos, eine Folge alberner Zufälle. Wie hätte es sich sonst für diesen Nichtswürdigen entscheiden können. Oder – liebt das Leben vielleicht, sehr im Gegensatze zu den Meinungen unserer gelehrten Hypothesenmacher, die Affennaturen, die geschmeidigen und schlauen Scheinwesen, die – Masken, die sich amüsieren wollen? Liebt es – die Lüge? Ist Lüge, Schein, Spiel vielleicht sein – Sinn? Welch ein Unsinn wäre dann das Leben, würdig der Verklärung und Auslegung durch die bodenlos Heiteren und der Herrschaft der Heuchler und Schwächlinge, die dann allerdings von »Gottes« Gnaden regierten. Aber dieser Gott ist nicht die Liebe, sondern die Lüge, sofern beides nicht identisch ist, und das Ganze ist ein irrsinniger Schwindel des menschlichen Gehirns, eines krankhaft hypertrophierten Organs, das alle gesunden, echten Instinkte zur Verkümmerung gezwungen hat. Die Natur, die Wahrheit ist beim Teufel. D. h. es ist im Großen geschehen, was sich im Kleinen der Religionsgeschichte immer wiederholt: Gott ist verteufelt worden. Wer ihm trotzdem dient, gilt als Feind des Menschengeschlechts und wird unschädlich gemacht, falls der wahre Gott in ihm nicht so mächtig ist, daß er das erbärmliche Gesindel unter die Füße treten kann. Aber – Napoleon endete auf St. Helena, und Herr Talleyrand triumphierte. – Wie sollte dann ich, der so elend gestümpert hat, nicht nach Sorrent gehn?

Er hatte lange, in diese Gedanken versunken, schweigend dagestanden und in die eine im Verlöschen zuckende Spiritusflamme gestarrt. Als sie verloschen war, rief der Graf Lala herrisch an: »Licht! Viel Licht!« Und, zu Jan del Pas gewendet, während die Glühkerzen aufflammten und mit ihrer plötzlichen Helligkeit die Augen der Anwesenden blendeten: »Sie überlegen zu lange! Entscheiden Sie sich gefälligst!«

»Ich habe mich entschieden«, sagte der Doktor und griff nach dem Papier. »Geben Sie mir die Feder!«

Er unterschrieb und legte die Bogen in Saras Hände.

»Da die Gräfin krank ist«, sagte er zum Grafen, »so wird es ihr, meine ich, erlaubt sein, diese Nacht noch hier im Hause zuzubringen.«

»Nein!« erwiderte Henry Felix barsch und zornig. »Es soll sogleich Schluß und alles fertig sein. Lassen Sie einen Krankenwagen kommen. Alles, was ihr gehört, schick ich morgen in Ihre Wohnung. Ausgenommen natürlich das Tagebuch Karl Krakers.«

»Gewiß!« entgegnete Jan del Pas ruhig. »Ich hoffe, daß seine Lektüre zu Ihrer Selbsterkenntnis beitragen wird.«

»Schweigen Sie und verlassen Sie uns«, schrie der Graf, in dem eine wilde Wut immer mehr hochstieg.

»Gerne«, sagte der Doktor und verbeugte sich vor Sara und der Schwarzen, indem er sich zum Gehen anschickte. Er schritt zur Tür, wandte sich dort aber nochmals um und sagte langsam und betont: »Auch in Ihren Händen ist das Tagebuch der Mitwelt nicht verloren, Herr Graf. Berta ist in der Lage, es wortgetreu aus dem Gedächtnis herzustellen. Ich bin überzeugt, dieser Umstand wird Sie, wenn Sie das Tagebuch gelesen haben werden, davon abhalten, Ihre Macht uns gegenüber zu mißbrauchen. Karl Kraker ist nicht tot, wie Sie glauben, Herr Graf, da Sie ihn getötet haben. Auch... verjährt ein Mord nicht.«

»Hinaus!« brüllte Henry Felix und sprang aus dem Bette und auf Jan del Pas zu.

Der maß ihn ruhig mit den Augen und sagte, wie wenn er seinen Willen in den seinen bohrte: »Wir werden in Sorrent das Gedächtnis Karl Krakers pflegen und erwarten Sie dort.«

Er ging zur Türe hinaus.

Henry Felix stand einen Moment wie erstarrt und murmelte: »Was... wollen sie von mir? Soll es noch nicht zu Ende sein? Immer wieder Karl?« Dann warf er sich mit beiden Fäusten wie ein Wahnsinniger auf die Tür und schlug darauf, besinnungslos brüllend: »Ich will nicht! Will nicht! Will frei sein! Ganz frei!« Dann, erschöpft, wandte er sich zu Sara um und keuchte: »Sie haben es falsch gemacht! Ganz falsch! Wer hat es Ihnen erlaubt, sich in meine Angelegenheiten zu mischen! Wie kommen Sie dazu, sich immerfort mir aufzudrängen! Was wollen Sie hier! Gehen Sie! Ich brauche Sie nicht! Will Sie nicht! Ihr Amt ist aus!«

Er stand dicht vor ihr. Sein Atem blies sie an. In seinen Augen war Wut, Haß, Tücke, Wahnsinn.

Sara hatte die Empfindung, als sähe sie das verfratzte Widerbild ihres eigenen Lebens. Sie sagte, ganz tonlos – es war, als wären es nur die Gespenster von Worten –: »Ja, mein Amt ist aus. Ich bin fertig mit dir. Hier steht eine Mutter, die fertig mit ihrem Sohne ist.«

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