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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 134
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Pantomime

Das Duell der Tücke zwischen Jan del Pas und Henry Felix, bei dem Berta und Lala sekundierten, währte fast ein halbes Jahr und hielt beide Parteien, so gleichgültig sie taten, scharf in Atem. Lala berichtete darüber der hellen Schwester, indem sie ihr die wichtigsten Notizen aus ihrem Tagebuche sandte. Und Sara, als sie fühlte, daß die Entscheidung nahe war, kam nach Berlin und nahm ganz in der Nähe der gräflichen Villa Wohnung.

Sie war nun aus einer schönen Frau eine stattliche Matrone geworden, und man konnte es ihr schwerlich ansehen, daß sie trotz ihrer fünfundfünfzig Jahre keineswegs ganz darauf verzichtet hatte, das Leben auf ihre Weise weiter zu genießen. Sie sah sehr würdevoll aus – fast streng, aber der üppige Mund hatte noch sein altes einladendes Lächeln, und die hurtigen Augen hatten nichts von ihrem Glanz verloren, wenn sie Wünsche ausschickten. Sie schminkte sich mit noch mehr Kunst, als früher, aber sie besaß den guten Geschmack, sich nicht allzu jung zu schminken. Nur die Falten um Augen und Mund deckte sie peinlich weg, aber die Farbe des Gesichts war auf die Silberstreifen im Haar gestimmt. In der Kleidung bevorzugte sie jetzt ganz diskrete Pastellfarben mittlerer Helle mit viel Spitzenaufputz und trug nur wenigen und matten Schmuck. Sie hatte nie so distinguiert ausgesehen. Von der Liebesabenteurerin war gar nichts mehr zu bemerken. So deutlich sich auch die Rasse für den Kenner jetzt in ihrem etwas zu voll gewordenen Gesichte ausprägte, es war darum nichts vulgär Jüdisches, nichts orientalisch Lässiges, energielos Verschwommenes darin. Dazu hatte es zu viel Geist und Leben, und das Sinnliche in ihm besaß durchaus edle Züge. Sehr im Gegensatze zu ihrem Sohne hatte das Erotische bei ihr auch äußerlich kulturell gewirkt. Sie war eine Genießerin gewesen und war es noch – keine Wüsterin. Und so bereute sie weder, noch haderte sie mit dem Alter. Aber eine gewisse Bitterkeit begann dennoch in ihr aufzusteigen. Sie, die sich nie Illusionen gemacht und, nicht mit Unrecht, geglaubt hatte, daß das die Voraussetzung zu ihrer Art Glück war, fing an, es fatal zu verspüren, daß dieser Mangel an Glauben jetzt zu einer Leere wurde, aus der etwas Kaltes, Haßvolles kam wie ein Hauch, unter dem es sie zuweilen selber fröstelte. Darüber halfen auch die Spätlinge ihrer sinnlichen Liebeskraft nicht hinweg; ja selbst den Männern gegenüber, mit denen sie jetzt Beziehungen hatte, fühlte sie oft genug Verachtung, ja Haß. Die einzige Wärme, die sie jetzt noch wirklich empfand, verdankte sie den Gefühlsbeziehungen zu dem Sohne, der nicht wußte, daß sie seine Mutter war, und der es nach ihrem Willen auch nie erfahren sollte. Sie wußte sich über diese Gefühle selbst nicht ganz Rechenschaft zu geben und wiederholte sich oft, daß es, wenn es schon nichts anderes als Mutterliebe sein konnte, so doch sicherlich eine sehr wunderliche Art von Mutterliebe war. Es drängte sie keineswegs sonderlich zu Henry Felix hin. Sie liebte ihn – ja; aber sie liebte ihn aus der Ferne, als ob er doch, wenn auch ihr Fleisch und Blut, gleichzeitig etwas Fremdes wäre, etwas, das sie wohl anzog, aber nur bis zu einem gewissen Indifferenzpunkte. Sie hatte das Bedürfnis, über ihn zu wachen, aber nicht, bei ihm zu sein, ihm Wärme von ihrer Wärme zu geben. Das Geheimnis, das sich zwischen sie und ihn, damals mit ihrem Willen, gestellt hatte, war jetzt so mächtig geworden, daß sie das Gefühl hatte, es sei nun mächtiger als sie selbst. Sie hatte es erst bloß ihretwegen gutgeheißen, dann aber bewußt seinetwegen bewahrt und als heilsam für ihn befunden, da sie sich den Glauben beigebracht hatte, es werde ihm helfen, das Sonderbare seiner Natur um so freier und eigner zu entfalten. Da war Phantastisches von ihrem Vater her im Spiele, Freude am Abenteuerlichen, Ungemeinen, aber auch eine Art Herrschsucht. Sie ahnte, daß sie mächtiger über ihn wäre, wenn sie sich mit dem Zauber des Geheimnisvollen umkleidete, als wenn sie »bloß« als Mutter wirken wollte. Und noch etwas kam hinzu, worüber sie sich eigentlich klar freilich nie geworden war: eine gewisse Lust am Düpieren der Ordentlichen, Regelrechten – das Vergnügen der Kuckucksmutter am Belegen eines fremden Nestes und an der Kraft ihres Sprößlings, die aus legitimen Eiern Gekrochenen zum Neste hinauszuwerfen.

Sie hatte das Leben ihres Sohnes aufs genaueste und beifällig verfolgt. Daß er immer nur geschoben worden war, hatte sie aber nicht gemerkt, sondern gemeint, alles habe sich planmäßig bewußt aus ihm entwickelt. Gesehen hatte sie ihn seit seiner Herrenreiterzeit nicht, und so war von ihm das Bild eines kühnen, mit äußerster Energie sein Ziel verfolgenden jungen Mannes von zwar nicht schönem, aber ausdrucksvollem Äußeren in ihr. Auch jetzt, als sie in seiner Nähe wohnte, bekam sie ihn nicht zu Gesichte. Zu ihm gehen konnte sie Bertas wegen nicht, derentwegen sie sich auf der Straße nur tiefverschleiert sehen ließ, und er selbst kam nicht mehr aus dem Hause, da er den Kranken spielte.

Er war den lauernden Absichten des Doktors in scheinbar völliger Ahnungslosigkeit entgegengekommen, indem er, tiefste nervöse Depression zur Schau tragend, den Wunsch nach stimulierenden Mitteln geäußert hatte. Jan del Pas wußte sich vor Entzücken über diesen Glücksfall kaum zu fassen und entwarf nach genauestem Studium der Literatur über die »anregenden« Gifte einen mit pedantischer Genauigkeit festgelegten Plan, der, wie er vor Berta und in sich selber immer aufs neue fröhlicher Zuversicht voll wiederholte, sich »mit der Exaktheit eines Naturgesetzes abrollen« würde, »immer genau auf das vorgesteckte Ziel los, auch im scheinbaren Retardieren nicht eigentlich stockend, sondern nur das Tempo klüglich verlangsamend, um desto sicherer zu zerstören«.

»Wir lösen ihn bei lebendigem Leibe auf«, so ging seine Rede; »wir führen den lockernden Pflug des Giftes durch seinen Organismus und säen gleichzeitig Keime hinein, die die schon gewissermaßen zerfaserte Materie morastig machen. Doch ist es nicht nötig, in Bildern zu reden, da die Realität viel schöner als irgendein Bild ist. So ist der Gang im allgemeinen: Ein relativ harmloses Mittelchen in kleiner Dosis kitzelt ihn für ein paar angenehme Momente, die diesem wollüstigen Weichling um so köstlicher dünken, da er ohne Mühe zu ihnen gelangt ist, aus seiner Depression auf; aber die Momente sind bald vorüber, und es folgt die vorherige Unlust in potenzierter Stärke; demgemäß wird das Mittel potenziert; und so fort, bis ein stärkeres das Spiel der scheinbaren Befreiung und Erhebung fortsetzt, das in Wahrheit immer nur Betäubung ist – Betäubung und schließlich Lähmung. Die Unlustgefühle steigern sich dabei progressiv um so mehr, je unfähiger der Organismus wird, sich zu wehren, die Gifte auszustoßen. Es kann schließlich zu Krämpfen kommen, zu Aufregungszuständen bis zur Tobsucht, in denen er kniefällig, falls er noch in die Knie zu sinken vermag, um den Gnadenstoß fleht, um das Pülverchen der letzten Lust, die Abschiedsprise, die letzte Spritze. Doch gibt es auch Individuen, die anders, dumpfer, aber sicherlich subjektiv nicht schmerzloser reagieren. Nous verrons. Gewiß ist, daß uns ein interessantes Schauspiel bevorsteht, wie es vielleicht noch kein Arzt beobachtet hat, denn eine Gelegenheit wie diese ist natürlich ungemein selten. Ich werde die genauesten Aufzeichnungen machen, Phase für Phase, um zu prüfen, ob die Literatur in allen Punkten recht hat. Es könnte wohl sein, daß uns Überraschungen beschieden wären, die ich dann in Form von – Hypothesen der wissenschaftlichen Welt zum besten geben könnte. Ein paar Experimente mit annoch ungenügend ausprobierten Medikamenten werde ich mir kaum versagen können, und so bitte ich dich um Geduld. Was schließlich damit verlängert wird, ist ja auch der Genuß deiner Rache, da du nun einmal auf diese Nuance des Schauspiels Wert legst. Die Hauptsache bleibt, daß wir nicht bloß erreichen, was wir wollen, sondern auch noch das Extravergnügen haben, den Zersetzungsprozeß monatelang zu verfolgen. Ich denke, daß er sich ohne Beeinträchtigung der Spannung auf etwa ein halbes Jahr ausdehnen lassen wird, wenn man gleichzeitig dem Organismus genug kräftigende Mittel zukommen läßt. Wir wollen es machen wie der Staat, der einen bei der Festnahme verwundeten Mörder erst gesund und stark macht, ehe er ihn tötet. Es ist ja auch Gerechtigkeit, die wir vollziehen, und zwar eine höhere, als die staatliche. Wir könnten sogar den Schmerz, den wir bereiten, auf diese Weise rechtfertigen – wenn wir heuchlerisch angelegt wären, wie der Staat der herrschenden Schwachen. O, wenn der uns packen könnte! Wie voll würden seine Wortführer das Maul nehmen, um zu beweisen, daß wir von Rechts wegen zu schlachten seien. Aber seine Finger sind zu plump, um uns zu greifen. Wir können ruhig hinter dem Sarge des Verblichenen herschreiten und werden wohl gar das Vergnügen haben, zu lesen, daß der hochsinnige Mäzen sein Krankenlager betreut sah durch eine liebende Gattin und die sorgende Kunst eines unermüdlichen Arztes und Freundes. Denn nach dem Tode eines Menschen entfaltet die Lüge ihr rauschendes Banner mit besonderer Beflissenheit.«

Berta stand jetzt so unter dem Banne des Doktors, daß sie nicht so sehr an sich und ihre Rache, wie an ihn und seine grausame Begierde dachte, und an ihn genau so voll Bewunderung und Hingegebenheit, wie früher an Karl. Jan del Pas erschien ihr im Grunde als der Vollstrecker von Karls Willen, ja als dessen legitimer Nachfolger von noch höherem Herrscherrechte. Ihr Bruder, sie spürte es, hatte sie mit größerer Innigkeit geliebt, als es jetzt ihr Geliebter tat, aber sie war sich auch dessen bewußt, daß ihrerseits sie ihn nicht so völlig geliebt hatte, wie sie jetzt diesen herrisch starken, bis ins Ungeheuerliche männlichen Mann liebte.

Wie er ihren Scheinmann vernichten wollte, so hätte er sie selbst vernichten dürfen, und es war davor eine Angst in ihr, die etwas verzehrend Wollüstiges hatte.

Sie liebte ihn mit einer solchen Sucht der Hingabe, des Wegwerfens ihrer selbst, fühlte sich so selig überschattet von ihm, daß die Aktion gegen Henry Felix für sie nicht viel mehr als ein Schattenspiel im Hintergrunde ihrer Liebe war.

Sie vernahm täglich Berichte über den Fortgang dieser für Jan del Pas durchaus im Vordergrunde des Interesses stehenden Handlung und suchte auch zuweilen das Zimmer ihres Mannes auf, wo sich Henry Felix vom Bett zum Diwan, vom Diwan zum Lehnstuhl, vom Lehnstuhl zum Bett schleppte, aufs genaueste das ausführend, was ihm Lala nach den Darlegungen des Doktors als voraussichtliche Wirkung des jeweiligen »Mittels« berichtet hatte, deren jedes er sich säuberlich für später aufhob – aber alles dies war nur ein Nebenbei für sie. Zumal von dem Tage an, da sie wußte, daß sie ein Kind von Jan del Pas haben würde.

Einen Tag darauf wußte das aber auch schon Henry Felix, und an diesem Tage zeigte er, ganz programmwidrig, Symptome eines so deutlich erhöhten Lustgefühls, daß der Doktor zum ersten Male eine »überraschende Ausnahmswirkung« in seine Krankengeschichte eintrug. Im allgemeinen aber rollte des Doktors Plan scheinbar ganz so exakt in seinen Wirkungen ab, wie es sein ingeniöser Erfinder angenommen hatte.

Henry Felix, zu allen Künsten der Verstellung von Natur aus verschwenderisch begabt und mit wahrer Wollust seine Rolle spielend, sorgte sogar (durch massenhaften Genuß übermäßig starken Kaffees) für Unregelmäßigkeit des Pulses und mimte krampfhafte Anfälle der verschiedensten Art, bald höchst schauerlich nach Atem ringend, bald sich unter entsetzlichem Gestöhne übergebend, bald starr sich streckend wie ein Stück Holz. Auch den wilden Mann spielte er mit großer Naturtreue. Jan del Pas, da er nicht wußte, daß das von Jugend an eine Spezialität von ihm war, wäre eher auf alles andere gekommen, als auf den Verdacht, daß dieses schauerliche Augenrollen bei fast blaurotem Gesicht, dieses tierische Gebrüll, dieses wahnsinnige Umsichherumschlagen Verstellung sein könnte. Er weidete sich an dem, was er als Symptome fortschreitenden Verfalles ansah, und war entzückt darüber, wie »prachtvoll exakt« dieses Krankheitsbild der Wirklichkeit mit dem Bilde der Krankheit übereinstimmte, das die Wissenschaft aufgestellt hatte. Wenn Henry Felix, scheinbar vor Schmerz, sich am Boden wand und mit den Zähnen knirschte, während die Finger sich in das Gewebe des Teppichs krallten, so stand er mit übereinandergeschlagenen Armen steif da und kostete diesen Anblick wie ein überschwänglich schönes Naturschauspiel aus, die Augen weit offen, die Lippen aufeinander gepreßt, selbst die Nüstern gespannt vor innerer Erregung. Denn, so kalt und ruhig er sich dabei äußerlich hielt, so gewaltig war er im Inneren bewegt, wenn sein Auge auf einer solchen Szene ruhte, die in ihm ein reißend wollüstiges Aufschwellen der innersten Kräfte hervorrief. Wenn Henry Felix, seinerseits hingerissen wie ein Schauspieler von einer des Erfolges sicheren Glanzrolle, dann gar noch irre Worte des Schmerzes zu stammeln, zu keuchen, zu kreischen, zu brüllen begann, von einer so blutig echten Qual im Tone, daß er selbst davon ergriffen wurde und wirklich beinahe selber Schmerz zu empfinden glaubte, so erlebte Jan del Pas Momente einer ungeheuren Verzückung und Ekstase. Der ohnehin Blasse wurde bleich wie Elfenbein, alles an ihm streckte sich, wie wenn der Körper den andrängenden Mächten des Gefühlssturmes mehr Raum zu gewähren trachtete, und die sonst stets fest geschlossenen Lippen öffneten sich wie lechzend. Nur noch eins fehlte ihm dann: Blut, und mehr als einmal war er nahe daran, sich mit dem Messer über den Grafen herzustürzen.

Wenn dann der Anfall zu verebben schien, ging er wie ein Mensch zum Zimmer hinaus, den ein Übermaß von Wollust erschöpft hat – unsicheren Blickes, gebückt, fast wankend. Erst vor Berta richtete er sich wieder auf, und nun kam es wie Hymnen von seinen Lippen. Die Person des Grafen spielte in diesen hohen Liedern der Qual keine Rolle; alles war ins Unpersönliche, Absolute eines offenbarunghaften Gesichtes gesteigert, dessen Maße alles Menschliche überschritten, wie die Greuelmasken an aztekischen Tempeln.

Henry Felix aber, wenn er, wohlig lächelnd und behaglich im Bett ausgestreckt, diese poetischen Steigerungen seiner mimischen Leistung durch Lala wiedergegeben erhielt, nahm das befriedigt und geschmeichelt hin, wie der Schauspieler seinen Applaus. Es tat ihm beinahe leid, daß schließlich einmal, und bald, die letzte Szene dieser Komödie kommen mußte, in der er seine Rolle mit so großem Erfolge spielte. Er schien es ganz vergessen zu haben, daß es kein Spiel, sondern ein Kampf um Tod und Leben war, – um seinen Tod, sein Leben.

Lala fühlte, daß ihr Master verloren war, wenn jetzt die helle Schwester nicht half.

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