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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 133
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Allegro con attenzione

»Die Fledermaus ist fortgeflogen«, hatte nach dem ersten auf den Maskenball folgenden Besuch des Doktors Lala zu ihrem Master gesagt. »Nun wird es hell und frisch, und alles ist bald ganz klar. Die Rote fliegt ums brennende Licht. Bald wird sie hineinfliegen und zu Asche verkohlen. Du brauchst keinen Finger zu rühren, Master. Kannst ruhig zusehen. Es kommt, wies muß. Doch mußt du klug und stille sein. Denn dieser Mann mit der breiten Stirn und den ganz ruhigen Augen ist sehr bös und fest: ein Dolch mit vergifteter Spitze. Ich würde ihn lieben, Master, wenn er nicht ihr Freund wäre und also dein Feind.«

»Bist du ganz sicher?« hatte darauf der Graf entgegnet. »Mir scheint, er ist so kalt, daß er gar nichts fühlen kann, und ich möchte meinen, er liebt die Frauen nicht.«

»Er liebt nichts, Master«, war Lalas Antwort gewesen; »nur sich. Er ist der ganz Rechte. Er wird sie im Mörser zerstoßen. Das ist kein Mann, wie ihr Weißen seid. Nicht nur seine Fingernägel sind braun. Auch sein Herz ist ganz dunkel. Aber kalt ist es nicht. Es dampft in siedenden Wünschen. – Ich weiß die Wahrheit, Master. Ich habe in seinen Augen gelesen, als ich ihn durch die Zimmer führte zu der Roten. Sie schlangen alles in sich hinein, was dir gehört. Die Rote ist nur sein erster Fraß. Das Ziel bist du und was dein ist. Aber das Schicksal führt ihn und sie in unser Netz.«

Und Henry Felix, ihr die Wangen tätschelnd: »Gut, meine schwarze Spinne! Ich freue mich auf den Tag, wo wir sie beide in den Maschen zappeln sehen.«

 

Es war so. Der düstere Jan del Pas machte das Haus des Grafen hell. Seit er täglich in ihm erschien, immer der gleiche in seiner etwas pedantischen Steifheit, ernsthaften Würde, gelassenen Ruhe, kam Heiterkeit in den öden Reichtum.

Die stolze Schönheit der Gräfin munterte sich zu fast zärtlicher Liebenswürdigkeit (auch Henry gegenüber) auf, und dieser selbst, wie seine Haltung sich aufrichtete, sein Kopf sich hob, sein Blick sich klärte, so schien auch sein Gemüt befreit, erstarkt, vergnügt, resolut.

Es wurde wieder laut gesprochen, wurde gelacht, wo bisher die Purpurne Wolke feierliches Schweigen zur Pflicht gemacht hatte.

Die purpurwolkigen Genies aber schienen abgedankt, ja vergessen. Es gab keine Feste mehr, ja nicht einmal die regelmäßigen Genie-Reunions. Die heimliche Kaiserin hatte allen Geschmack an interpunktionslosem Symbolismus, Weltpflicht, Kosmoerotik, Satanismus, Semitohellenismus und was noch sonst sie bis vor kurzem »interessiert« haben mochte, verloren, und der gräfliche Mäzen begnügte sich damit, seinen Beutel aufzutun, wenn es galt, ästhetische Gründungen zu unterstützen, deren jede ausdrücklich dazu bestimmt war, eine neue Renaissance der Schönheit herbeizuführen.

Indessen sah er auch diese Beschäftigung nur als Intermezzo an, als eine Art spanischer Wand, hinter der er ein völlig anderes Ziel verbarg. Und dieses Ziel, viel mehr als seine Betätigung, war es, das ihn heiter anregte.

Ein entschiedener Woller, der Doktor, hatte ihn zu einem entschiedenen Wollen gezwungen. Das Licht, das von der breiten, bleichen Stirn des gefährlichen Eindringlings jetzt in das Leben des stets von fremden Einflüssen Abhängigen strahlte, war der Wille. Und zwar der Wille, zu vernichten.

Nicht der Friede machte das Haus des Grafen heiter, sondern der Krieg.

Verstellung gegen Verstellung, und auf beiden Seiten das gleiche Ziel: unbedingte Unterwerfung – womöglich Austilgung.

Für Jan del Pas war das ein schlechthin wollüstiger Zustand. Daß Berta ihn als Helfer zur Beseitigung ihres Mannes angenommen hatte, war es nicht; aber daß sie nun in der gemeinsamen Verfolgung dieses Zieles unter seiner Führung mehr sah als die Erledigung einer Notwendigkeit, mehr als Interessendienst: eine fast künstlerische Aufgabe, einen Genuß und die Vollstreckung eines hohen Wahrheitswillens – das erfüllte ihn mit einem stolzen und sicheren Hochgefühl. Der Halt seines Daseins war immer die bei aller Kälte überschwengliche Gewißheit gewesen, daß seine Wesensart nicht etwa eine monströse Verirrung der Lebenskraft darstellte, sondern den einzig wahren Sinn des Lebens selber, der beim jetzigen Normaltypus des Menschen krankhaft entartet sei.

Sein Wille stand nach einem Sohne von Berta, den sie im Geiste der Zerstörung auferziehen wollten als einen Rächer der beiseite geschobenen Wahren, Starken, an den im Mantel der Lüge herrschenden Schwachen.

Henry Felix war für ihn in einem noch tieferen Sinne als dem der Gräfin die Verkörperung dieser Schwäche. Mit wahrer Wonne betrieb er den Plan seiner Beseitigung. Im Gegensatze zu seiner Geliebten hatte er nicht den mindesten persönlichen Haß auf ihn. Dieser Mensch war ihm so gleichgültig, daß er sich gar nicht zu verstellen brauchte, wenn er im Verkehr mit ihm eine gleichmäßige Freundlichkeit, ja eine Neigung zu allerhand Scherzen zeigte. Es lag überdies in seiner Natur, mit seinem Opfer zu spielen.

Der Graf ging mit gut gemimter Ahnungslosigkeit darauf ein, und seine mehr passive Tücke fand gleichfalls ein Vergnügen darin, den tückisch aktiven Gegner, über dessen Pläne und Gesinnungen er durch Lala aufs genaueste unterrichtet war, durch fast tölpelhafte Zutraulichkeit immer sicherer zu machen.

Er wußte, daß der Doktor in seiner pedantisch-systematischen Art, die keine Eile kannte, sondern vor allem immer aufs Sichere ging, noch nicht einig mit sich war, durch welche Mittel er ihn auf die Seite bringen sollte. Lala konnte ihn fast täglich durch Schilderung von Giftwirkungen erfreuen, die Jan del Pas vor Berta in ihrer Gegenwart entwickelt hatte, da er sich um so weniger genierte, als sie mit großem Geschick jede Prüfung auf ihre Taubheit bestanden und überdies den Eindruck bei ihm erweckt hatte, als sei sie ihrer Herrin animalisch anhänglich, Henry Felix gegenüber aber, der sie vor den andern geflissentlich schlecht behandelte, von einem boshaften Haß erfüllt. Zwar sah sie der Doktor manchmal plötzlich forschend an, wenn es ihm schien, als habe ihr idiotisch grinsender Gesichtsausdruck doch etwas aufmerksam Gespanntes, und es kam auch vor, daß er sich zu ihr wendete und drohende Worte sprach. Aber gerade bei solchen Gelegenheiten wußte sie ihn in der Überzeugung, daß sie völlig ungefährlich sei, zu bestärken, und Berta sowohl wie er kamen schließlich zu der Gewißheit, daß sie sich ihrer bei Ausführung ihres Planes geradezu als Helferin bedienen könnten, falls es nicht gelänge, die Dummheit des Grafen selber dazu zu benutzen.

Als Henry Felix dies erfuhr, war er sehr vergnügt.

»Scharmant!« rief er aus; »ich soll also doch auch ein bißchen mittun dürfen. Ich habe eine Rolle erhalten und brauche nicht mehr bloß als Zuschauer zu figurieren. Es ist sogar die Hauptrolle, die mir anvertraut ist. Welche Ehre! Von meinem Mienenspiele hängt es ab, ob die Sache tragisch oder komisch ausgeht. Da gilt es, die Gesichtsmuskeln zu beherrschen. Schwer! Schwer! Denn ich werde oft laut hinauslachen wollen, während ich doch tun muß, als hätte ich – Gift im Leibe. Aber ich kann warten. Das große Lachen am Schluß ist mir sicher. Und wer zuletzt lacht, lacht am besten.«

»Master«, sagte die Schwarze, »nimms nicht zu leicht! Denke: Wenn die beiden am Ende auch vor mir spielten! Wenn sie wüßten, daß ich auf deiner Seite bin und dir alles berichte! Ich habe Furcht bis zum Schlusse. Solange die Rote Atem hat und der mit der breiten Stirne im Hause ist, droht Unheil. Warte nicht, sondern stoß zu! Wer weiß, ob sie nicht schon zum Sprunge ansetzen.«

Henry Felix lächelte überlegen: »Du bist ein kluges Aas, mein schwarzes Täubchen, aber du unterschätzest mich. Seitdem die Entscheidung naht, seit die Dumpfheit der Purpurnen Wolke vorüber und der Geist des Kampfes über mich gekommen ist, besteht keine Gefahr. Ich konnte, aber auch nur durch mich selbst, zugrunde gehen, solange ich trübe und träge war. Dieser Gegner, mit dem ich gerne die Klinge kreuze, weil er gut ficht, ist mir vom Schicksal gesandt worden, mich aufzuwecken. Jetzt bin ich wach und fühle den Schild meines Schicksals über mir. Ich kämpfe mit Vergnügen und wünsche nur das eine, daß dieser vergnügte Kampf recht lange währen möge. Diese Spannung, dieses gefährliche Spiel hat etwas Wollüstiges. Ich glaube, daß ich nie so glücklich war, wie jetzt.«

Er sagte nicht zuviel, denn er hatte in der Tat noch nie mit größerer Zuversicht und um einen höheren Preis Komödie gespielt.

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