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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 132
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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3. Der Erwartete

Im großen Saale des ersten Stockes wurde getanzt. Der schwarzgelbe Parkettfußboden war glätter als eine frisch gefegte Eisbahn. Wer von einer der balkonartig vorgebauten Logen aus halber Höhe des Saales auf das Tanzen herabsah, hatte den Eindruck, daß die Paare sich auf einem Spiegel drehten.

Der Anblick von oben verlohnte sich überhaupt, und Paar nach Paar stieg die Kristallglastreppe hinan, die innerhalb des Saales zu einer Art Kanzel emporführte, hinter der sich der Eingang zu den Logenräumen befand. Zuerst, gleich nach der Polonäse, die Goethinsky aufs feierlichste angeführt hatte, die Gräfin und der Doktor.

»Wird man es nicht auffällig finden«, sagte Jan del Pas in seinem pedantischen Tonfalle, »daß sich die Herrin des Hauses schon nach dem ersten Tanze mit einem Gaste zurückzieht?« Sah die Herrin des Hauses dabei aber mit Augen an, deren Ausdruck keinerlei Pedanterie verriet.

»Wenn Sie auf der Purpurnen Wolke bereits so heimisch wären, wie ich hoffe, daß Sie es bald sein werden«, entgegnete die Gräfin, »so würden Sie diese« (sie machte eine Pause und lächelte ihn an) »– Frage nicht stellen. Man findet bei uns nur das, wie soll ich doch gleich sagen... das Regelrechte, Hausbackene, Gewöhnliche auffällig – oder, besser, alles, was sich nicht originell gebärdet. So haben, z. B., Sie anfangs entschieden Aufsehen erregt, bis man fand, daß Ihr nicht geniemäßiges Betragen ein besonders kühner Originalitätstrick sei.«

– »Dann habe ich hier also die besten Chancen, eine prominente Rolle zu spielen, ohne daß ich mich irgendwie anzustrengen hätte.«

»In der Tat«, bestätigte die Gräfin und lud ihn mit einer Handbewegung ein, sich auf einen kleinen gelbseidenen Lehnstuhl neben ihr niederzulassen.

Ein geschweiftes Gitter aus vergoldetem Schmiedeeisen, das den in sanfter Rundung nur wenig aus der Mauer vortretenden Balkon nach spanisch-südamerikanischer Art abschloß, zerlegte das Bild, das sich vor und unter ihnen bot, in einzelne Flächen.

»Wir sind wie in einem Käfig«, meinte der Doktor.

»Aber nicht gefangen«, fügte die Gräfin hinzu; »nur abgeschieden von dem Allgemeinen.«

»D. h. hier: dem Ungemeinen!« lächelte der Doktor.

– »Sie sind doch boshaft, mein Herr Ritter!«

– »Daß ich nicht wüßte! Oder ist das etwa kein ungemeiner Anblick? Lauter tanzende Genies! Sehen Sie nur! Der kosmoerotische Perser, getreu seinen Prinzipien, hat kein Weib, sondern eine Cloisonnévase ans Herz gedrückt und dreht sich feierlich wie ein Gestirn. Dagegen scheint Ihr Gatte nicht durchaus antierotisch gerichtet zu sein. Wer ist die Königin der Nacht mit der rostroten Perücke, die der gewaltige Cäsar so innig an sich preßt, während er sie majestätisch vor sich her schiebt?«

– »Eine Gans, die sich für eine Löwin hält. Dieses Paar, Herr Doktor, ist nicht genial.«

Jan del Pas sah die Gräfin groß an: »Cäsar ist nicht genial?«

Die Gräfin runzelte die Brauen, indem sie sprach: »Warum verstellen Sie sich mir gegenüber, Doktor? Wollen Sie mich reizen? Oder quälen?«

– »Warum sollte ich das nicht wollen?«

– »Aber diesen Hohn dulde ich nicht! – Nicht von Ihnen!«

Sie ergriff seine große Hand und preßte sie wütend, um sie sogleich von sich zu schleudern.

Jan del Pas lächelte.

»Eine Gans, die sich für eine Löwin hält«, sagte er dann; »aber sie hat einen bösen Zug um den Mund, der mir gefällt. Wer ist sie?«

Er ließ keinen Blick von der Königin der Nacht.

Die Gräfin preßte die Lippen aufeinander. Sie fühlte einen dumpfen, drängenden Schmerz in sich; – nie hatte sie das gefühlt. Sie wollte lächeln, wollte etwas Gleichgültiges sagen oder etwas Höhnisches. Sie konnte nicht. Dann wollte sie schweigen. Sie konnte nicht. Sie stand auf und flüsterte hastig: »Sie entehren sich, wenn Sie dieses Nichts anstarren. Diese Frau ist eine ganz gewöhnliche boshafte Intrigantin und Schwätzerin. Leer und gemein, ohne Natur, Temperament, Charakter, einfältig und eingebildet. Keine Schlange, wie Sie meinen, sondern eine erbärmliche Blindschleiche, die nur zischen, nicht beißen kann.«

»Hm!« machte der Doktor; »ein unsympathisches Gewerbe.« – Er bemerkte es mit Vergnügen, daß sie immer aufgeregter wurde.

»Aber, Frau Gräfin«, fuhr er nach einer Weile fort, »warum lassen Sie solches Ungeziefer in Ihr schönes Haus? Und, wenn es schon drin ist, warum rufen Sie keinen Kammerjäger?«

Er erhob sich, während er dies sagte, und wandte sich zum Hintergrund der Loge, wo Berta jetzt, an einen gelben Wandteppich gelehnt, im Halbdunkel stand.

Sie streckte ihm beide Hände entgegen und flüsterte: »Sie fragen immerzu, Doktor, und wissen die Antwort doch längst. Ich brauche Ihnen nichts zu sagen, als dies: Sie sind der, auf den ich gewartet habe.«

Jan del Pas trat, ihre Hände fest in die seinen gepreßt, so dicht an sie heran, daß sie seinen Atem spürte und es ihr war, als drückten seine Augen körperlich auf die ihren. Er ließ ihre Hände los und warf seine Arme um ihren Rücken, die Fäuste geballt. In ein ungeheures Wonnegefühl wie hinabgeschlungen mußte sie ihren Mund auf seinen pressen. Es war kein Kuß – war wie ein Kontakt von innerlichsten Kräften.

Beide fühlten: Nichts reißt uns voneinander los, als eigener Wille.

Als sie die Türe öffneten, sahen sie jemand hinter der Portiere verschwinden, die den rückwärtigen Eingang zum Logenkorridor verdeckte.

»Man hat uns belauscht«, sagte der Doktor.

»Nein«, entgegnete die Gräfin. »Es war meine schwarze Dienerin. Sie ist taub und mir völlig ergeben.«

– »Sind Sie dessen sicher?«

– »Vollkommen.«

Sie traten auf die Kanzel. Die Musik brach eben ab. Der Pole ließ sich emphatisch auf die Knie nieder und erhob beide Arme wie ein betender Derwisch, indem er rief: »Ich bete an den Gott des Schmerzes!«

Aller Augen richteten sich nach oben, und Henry Felix, vom Tanze noch außer Atem, schrie: »Tusch, Musikanten! Tusch! Es lebe die erhabene Kaiserin der Purpurnen Wolke und ihr gelehrter Ritter!«

Die Masken wiederholten den Ruf, die Musik fiel ein. Bertas Augen strahlten, und der Doktor lächelte.

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