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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 131
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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2. Der praktische Arzt

Es war ein weichliches Spätwinterwetter, als der Pole mit dem Doktor in einer geschlossenen Droschke zur Villa des Grafen fuhr, und der malaiische Zauberer war übler Laune. Die zwei Schritte, die er in Berlin NW. von der Droschke zur Haustüre hatte machen müssen, hatten genügt, eine Volksversammlung auf dem Trottoir hervorzurufen, die das Einsteigen der beiden ulkend erwartete und mit lautem Johlen begleitete.

Der Zauberer musterte den Ritter im Halbdunkel der Droschke und kicherte: »Weißt du, wie du aussiehst, Bruder?«

– »Nun?«

– »Gewaltig. Höchst gewaltig. Und sehr gemischt. Du hast da einen protestantischen Wasserkopf mit holländischer Seemannskrause und malaiischem Ringelhaar auf zu einem katholisch-spanisch eleganten Ritterüberzieher, der dazu paßt, wie ein Frack zu einer Ballonmütze.«

– »Ich bin also grotesk.«

– »Aber nein, Bruder! Du bist gewaltig. Du bist der siegreiche Onkel Martin Luther. Du atmest Weltgeschichte: den Triumph der germanischen Dickschädel über das Génie latin. Oben Jan, unten del Pas. Sieht man länger hin, so wird einem unheimlich zumute. Es kommt einem vor, als wäre der Kopf Maske und der Mantel echt.«

– »Er ist es ja auch.«

– »Also dann so: als wäre der Kopf aus einem anderen Jahrhundert und der Mantel von heute. – Du wirst einen protuberanten Effekt machen, Bruder! Mein Schädelchen wird neben deinem Naturkopf unangenehm anmutig wirken. Obwohl ich im übrigen direkt prachtvoll aussehe. Oder findest du mich etwa nicht prachtvoll?«

Jan del Pas sah ihn mit Examinatorenmiene lange an und antwortete im Tone kritischer Überzeugung: »Du siehst sehr lächerlich aus.«

Der Pole grinste, doch etwas geärgert, und kicherte dazu: »Du bist grob, Bruder. Erkläre dich näher.«

Und der Doktor, immer gleich ernsthaft: »Man sieht dir an, daß dir der Ernst zu einem Maskenballe fehlt. Du hast keinen Sinn für tragische Sehnsucht. Du bist eine Figur aus dem Spielkasten der Kunst. Oder, um es anders zu wenden: Du bist ein moderner Künstler. Das Leben ist dir zu groß, zu tief, zu heilig. Du machst ein Spiel daraus. Treibst Allotria. Hast Trost nötig, – d. h. Lüge, – d. h. Kunst. Dieser Kinderschädel, echt und sehr ernst, dient dir dazu, dich aufzudonnern. Du fühlst ihn nicht. Er ist dir ein interessanter Schmuck. Und aller Schmuck ist lächerlich. Wirklich Lebendiges braucht keinen Schmuck. Schon die Haut ist eine Art Lüge, wenn auch leider notwendig als Fassung: – Verhüllung des eigentlich Schönen: des Blutes, der rinnenden Kraft.«

In diesem Augenblick bog der Wagen die Rampe zum Portikus der gräflichen Villa hinan. Die Wagentüre wurde von einem riesenhaften Portier in Schwarz und Gold geöffnet, zwei Lakaien schoben die Torflügel zurück, und die beiden Gäste standen im Glanze des Vestibüls, eines quadratischen, nicht sehr hohen Raumes von kahler Marmorpracht. Fußboden, Decke, Wände, Säulen, – alles teils schwarzer, teils gelber Marmor, geradlinig geschnitten, durch keinerlei Schmuck unterbrochen, beleuchtet aus runden kristallenen Lichthauben, die im Mittelpunkte der Kassettengevierte der Decke saßen. Lautlos schlüpfende Diener führten den Ritter und den Zauberer zu einem Spiegelzimmer, das, wie alle übrigen Nebenräume, nicht durch Türen verschlossen, sondern durch schwere, schwarze goldbordierte Samtvorhänge vom Vestibül abgeschieden war.

Jan del Pas stellte sich steif zwischen ein Spiegeltourniquet und betrachtete sich, die Spiegelflächen drehend, aufmerksamst von allen Seiten, während der Pole die Schlangenschuppenkette seines Helmes fest unterm Kinne anzog und ein paar Mazurkaschritte sprang, um zu probieren, ob sein Kopfschmuck auch festsaß. Dann trat er zum Doktor heran, tippte ihm auf die Schulter und sagte: »Für einen Priester des Schmerzes gönnst du dir reichlich viel Vergnügen an deinem holdseligen Äußeren.«

»Ich gehe auf einen Maskenball,« antwortete der Malteser, »und habe die Pflicht, mich zu prüfen, ob ich eine Maske bin.«

– »Und du findest, Bruder?«

– »Ich finde, daß ich nach Hause gehen sollte, denn ich bin durchaus nicht maskiert.«

– »Indessen wirst du nicht nach Hause gehen, denn das wäre Flucht. Komm!«

Sie schritten durch das Vestibül zum Empfangsraum. Als die Portieren auseinandergeschlagen wurden, mußten sie einen Moment stillstehen, wie zurückgedrängt von einem Schwall bunten, strudelnden Lichtes... Dieser Raum war ein Rendezvous aller Farben, auch wenn man von den Masken absah, die ihn jetzt erfüllten. Aber Gold hielt diese Farben im Zügel. Goldmosaik bedeckte die Rundung der Nischen, in denen farbige Skulpturen (Köpfe und Vasen) standen; Gold gliederte die lapislazuliblaue Decke auf Rosettenknäufen, Kassettenrahmen und diagonal sich kreuzenden Lorbeerblättergirlanden; Gold rahmte die auf blau, orange und grün gestimmten Mosaikbilder ein; eine üppige, dicke Goldstickerei auf dunkelrotem Grunde lief als Lambrequin um das ganze Zimmer herum, nur unterbrochen von dem mit schwerer Goldbronze eingerahmten Kamin aus violettem spanischem Marmor. Die Wände waren von oben bis unten mit chinesischen Kacheln bedeckt, deren Grundfarben ein helles Grün und ein sehr zartes Blau waren. Schmale geschnitzte Ebenholzrahmen, gegen die Kacheln mit Gold abgesetzt, trennten diese voneinander. Der Fußboden bestand aus einem unregelmäßigen Mosaik von seltenen Marmorstücken der verschiedensten Färbung. Grüne, gelbe, rote, braune Serpentinflecke, gestreift, geädert, gekörnt, wechselten mit schwarzen Lukullanbrocken und glimmerig glänzenden Cipollinen; spargelgrüne, lauchgrüne, apfelgrüne, rauchgraue, violettgraue, taubengraue Flocken von allerhand Halbedelsteinen waren untermischt, und, wie von ungefähr hineingetropft, leuchteten sanftgoldene Glasschmelzflächen dazwischen auf. Die Beleuchtungskörper aus goldgesprenkeltem Milchopalglas saßen in den Kehlen der Decken-Kassetten. Außer einem riesigen breiten Ruhebette (goldbronzenes Gestell, das Polster mit Goldbrokat überzogen) befand sich kein Möbel in diesem Raume.

Das Ruhebett umstanden etwa zwanzig Personen in den verschiedensten Zeit- und Phantasiekostümen. Ein römischer Imperator in purpurner, goldgesäumter Toga, einen breiten goldenen Lorbeerkranz auf dem fetten, schwammigen, gekräuselt schwarzhaarigen Kopfe, löste sich von der Gruppe und ging schwerfällig, vornübergebeugt, den Eintretenden entgegen: der gräfliche Hausherr. Er reichte dem Polen die fettpolstrige Hand und sah den Malteserritter scheu musternd an. Der Pole machte eine tiefe Verbeugung, wies, darin verharrend, von unten mit der Linken auf den steif aufgerichtet verbleibenden Doktor und murmelte: »Don Estobal del Pas, Grande von Spanien, Commodore der jungfräulichen Ritter von Malta, Doktor der Medizin und Satanologie, mein Freund und Euer gräflichen Gnaden untertäniger Verehrer und Bewunderer. Dichtet in Blut und schlägt die Darmsaiten der Harfe des Todes.«

Der Imperator reichte dem Ritter die Hand und sagte leise: »Willkommen, Don!«

Der Doktor sah den Grafen groß an, neigte den Kopf und sprach laut und langsam, während die übrige Gesellschaft nur flüsterte: »Ich danke Ihnen, Herr Graf, für die freundliche Begrüßung eines Ungeladenen, der noch nie in seinem Leben soviel Glanz und Pracht gesehen hat.« Alle Anwesenden wandten die Köpfe nach dem Sprecher um, der seine Blicke ruhig von Kopf zu Kopf schweifen ließ und nun mit dem Grafen zum Ruhebette schritt. Die davor Stehenden traten zur Seite und der Doktor erblickte nun die Herrin des Hauses, die, halb liegend, halb sitzend, gegen das Kopfende des Lagers gelehnt, ihn mit dem gnädig freundlichen Lächeln einer Souveränin empfing, indem sie ihm die schöne Hand zum Kusse reichte.

Aber der Doktor ergriff sie nur und küßte sie nicht. Er schien es nicht darauf abzusehen, Lebensart zu beweisen und auf den Stil dieser Veranstaltung einzugehen. Es klang fast demonstrativ ungezogen und betont pedantisch, als er, wiederum laut und langsam, verkündete: »Mein Name ist Jan del Pas, Doktor der Medizin und praktischer Arzt.«

»Ah!« sagte die Gräfin erstaunt, die ein Direktoirekostüm aus amarantfarbener fließender Seide mit eingesteckten goldenen Rosen trug. »Ein Arzt? Ein Gelehrter? Oder verstellen Sie sich nur, Herr Ritter?«

– »Ich werde mir alle mögliche Mühe geben, mich zu verstellen, Frau Gräfin«, erwiderte der Doktor, als ob er eine Erklärung an Eidesstatt abgäbe.

»Was für einen Bauern haben Sie uns da mitgebracht!« flüsterte der imperatorische Graf den Zauberpolen böse an. »Dieser Mensch paßt nicht zu uns und mißfällt mir sehr.«

»Er wird Ihnen bald sehr gut gefallen,« entgegnete der Getadelte leise. »Er ist von spanischem Uradel und ein teufelsmäßiges Genie.«

»Er glotzt meine Frau an, als wollte er sie fressen«, sagte der Graf.

»Aber es scheint«, erwiderte der Pole, »als ob die Frau Gräfin nicht böse darüber wäre, von dieser spanischen Sonne beschienen zu werden. Sehen Sie nur, wie huldreich sie lächelt! Ah! Sie reicht ihm den Arm! Der schlitzkreuzige Satan darf sie zu Tische führen!«

Henry Felix kniff die Augen zusammen und sah scharf auf das sonderbare Paar hinüber, das jetzt um das Ruhebett herum und zur Türe des Speisezimmers schritt – der Doktor steif, wie ein welscher Hahn, die Gräfin mit wiegendem Gange und lebhaft auf ihn einsprechend.

»Sonderbare Kaprice«, murmelte der Graf. »Wirkt Ihr plumper Spanier auf alle Frauen so berückend?«

»Des Teufels Metier ist die Verführung«, flüsterte der Pole. »Graf! Geben Sie acht! Ehe der Hahn dreimal gekräht hat, tragen Sie Hörner vorn Haupte des Höllenbocks!«

Der malaiische Zauberer, selber wirklich eifersüchtig geworden, meinte es ernst mit der Absicht, den Grafen eifersüchtig zu machen.

Der aber lächelte fast befriedigt und sagte: »Sie haben recht gehabt, Goethinsky! Der Spanier gefällt mir schon. Ich habe ihn unterschätzt.«

– »Sie tun es noch.«

– »O nein!«

 

Das Tafeln währte bis um Mitternacht. Es gab nicht nur unendlich vieles und Auserlesenes zu essen und zu trinken, sondern auch allerhand Außerordentliches zu sehen und zu hören. Zehn kleine Mädchen in durchsichtigen Gewändern, die sie schließlich auch noch fallen ließen, produzierten sich in Tänzen üppigster Art und umschritten zum Schlusse des Mahls mit goldenen Handwaschbecken den Tisch. – Ein riesiger Neger und ein knirpsiger Japaner, beide nackt, rangen miteinander und wurden so wütend, daß sie sich, zur lebhaftesten Freude des Doktors, beinahe erdrosselt hätten. Eine Gruppe mit Schaumgold überzogener junger Männer und Frauen stellte in lebenden Bildern antike Gruppen dar. Ein unsichtbares Streichorchester spielte alte italienische Festmusik, und ein Knabenchor sang im frischesten Diskant aus der Höhe einer lorbeerumstandenen Galerie Madrigale und Hirtenchöre des achtzehnten Jahrhunderts. Die Szene auf den Pharsalischen Feldern der klassischen Walpurgisnacht wurde melodramatisch von Künstlern und Künstlerinnen rezitiert, die hinter einem hereingeschobenen Halbrund von mannshohen bronzenen Flammenbeckensäulen standen, so daß das erhabene Pathos der Weisheit und Leidenschaft durch blaue züngelnde Flammen zu den schmausend Lauschenden drang:

... Schwebe noch einmal im Runde
Über Flamm- und Schaudergrauen...

So gab es zu Tischgesprächen wenig Zeit, da das Ganze eigentlich eine Variété-Vorstellung vor einem Parkett von Tafelnden war. Man saß, durch kein Gegenüber am freien Überblick auf die Szene gehindert, an einer langen Tafel, die entlang der einen Seite des genau quadratischen Saales stand, in massigen halbrunden Gestühlen etwa etruskischen Stiles. Nur für den ungeladenen Doktor hatte man einen hochsitzigen, geradlehnigen, schmalen gotischen Stuhl einschieben müssen, so daß er als der einzige in der Gesellschaft steif aufrecht und erhöht saß. Da sein Stuhl überdies in die Mitte der Reihe placiert war, so ergab sich der Anschein, als sei er die ausgezeichnete Hauptperson des Ganzen.

Für seine Nachbarin schien er dies entschieden zu sein. Sie hatte für keine Produktion, hatte nur für ihn Auge und Ohr, während die übrige Gesellschaft sich mit einem ab und an vorüberglänzenden Lächeln begnügen mußte. Und auch dies nur dann, wenn die Gräfin ihrem Nachbarn die einzelnen Teilnehmer des Festes charakterisierend bekannt machte.

– »Der Perser dort mit dem blonden Spitzbart ist unser Kosmoerotiker. Der Stoff seiner Romane sind die Liebesabenteuer von Weltkörpern. Menschliches ist ihm nicht bloß fremd, sondern degoutant. Zumal das, was man Liebe nennt.«

»Dies ist auch meistens nicht der Rede wert«, entschied mit Überzeugung der Doktor. »Ich begreife es sehr wohl, daß ein genialer Dichter sich mit Ekel von der landläufigen menschlichen Erotik abwendet.«

– »Ich habe nicht gedacht, daß auch Sie boshaft sein können.«

– »Sie tun mir unrecht, wenn Sie glauben, ich könnte boshaft sein. Bosheit ist kleiner Haß, der von unten kommt. Ich aber hasse nur groß und von oben.«

Die Gräfin sah ihren Nachbarn lange und forschend an. – Macht der auch bloß große Worte? dachte sie sich. Aber sie fand, daß diese Stirn, dieses Auge, dieser Mund nicht nach einem aussahen, der Vergnügen am bloßen Worte haben konnte.

Sie fuhr fort: »Sie können also hassen?«

Er gab den fragenden Blick mit einem forschenden zurück und antwortete: »Wie Sie.«

– »Und was?«

– »Das Weiche, Halbe, Faule, – alles, was Behagen in der Lüge findet.«

– »Aber warum denn? Ist es nicht Christenpflicht, jedem Tierchen sein Pläsierchen zu lassen?«

– »Was gehen mich die Pläsierchen von – Tierchen an? – Doch fragen Sie mit Recht. In der Tat: Warum Haß? Ich hasse auch eigentlich gar nicht. Haß ist im Grunde eine Gefühlsbeschäftigung mit den anderen, und er will, wenn er zur Tat wird, meistens bessern, – seis auch mit dem schönen Mittel der Vernichtung. Mein Gefühl aber beschäftigt sich nur mit mir, und, wenn es sich um andere kümmert, so geschieht dies gewiß nicht in der Absicht, irgendwen oder irgendwas zu bessern. Ich finde die Welt nicht gut, aber richtig. Auch jene Wesen gehören dazu, von denen ich vorhin, etwas flach, gesagt habe, daß ich sie hasse. Nein, ich hasse sie nicht. Ich bin nur ihr geborener Feind, und es ist mir ein Vergnügen, sie zu vernichten, wenn sie mich stören.«

»Und sie stören uns immerzu«, sagte die Gräfin, »denn sie sind die Herrschenden. Wir leben unter ihren Gesetzen.«

– »Das Gesetz stört nur den, der ihm dient. Oder stört uns etwa jetzt das Geplärre dieser Knaben, deren süßlicher Gesang von oben nichts anderes verkündet als das Gesetz der faulen Lüge, das das hohe Wort Liebe mißbraucht? Wir wissen den wahren Sinn dieses Wortes und überhören einfach die alberne Kantilene des schwammigen Behagens.«

– »Ich verstehe Sie nicht ganz.«

– »Weil auch Sie dem Gesetz noch dienen, das die Schwachen gegeben haben. Aber Sie ahnen die Wahrheit, daß die Liebe der Starken nicht Friede ist, sondern Kampf, nicht Entsagung irgendwelcher Art, sondern grausam herrisches Begehren, Eroberung, Raub, Unterjochung – daß sie herrlich böse ist, wie das wahre Leben selbst.«

– »So können Frauen kaum fühlen.«

– »Es gibt auch starke. Der Kampf mit ihnen muß höchste Wollust sein, nicht ein einmaliger Gipfel bloß, sondern Schwingung von First zu First – bis in die kaum ahnbare Höhe gegenseitiger, gemeinsamer Vernichtung.«

Die Gräfin sah ihn starr an. Dann lächelte sie spöttisch: »Die Geschichte von den beiden Löwen, die sich gegenseitig auffraßen, bis von jedem nur der Schwanz übrigblieb.«

Jan del Pas lächelte nicht mit, sondern erklärte trocken: »Gnädige Frau, ich habe keinen Sinn für Humor.«

»Ich meinte immer, Humor sei das Zeichen eines starken Geistes«, entgegnete die Gräfin spitz.

Jetzt lächelte der Doktor, indem er sagte: »Das mag wohl sein, und es wäre ein weiterer Beweis dafür, daß ich kein starker Geist bin. Ich halte mich nur für einen geraden Geist, der kräftig genug ist, allen den Irrwegen auszuweichen, auf denen sich seit jeher die geistreichen Leute in allerlei Gehirndickichte verlaufen haben. Wahrscheinlich auch alle die genialen Herrschaften, die Sie hier um sich sehen.«

Er lachte plötzlich lautschallend auf, mitten in ein verwisperndes Pianissimo zärtlich girrender Geigen hinein.

– Was für ein unausstehlicher Bauer! dachte sich Henry Felix, dem vom allzu eifrigen Kauen und Schlingen der Schweiß auf der Imperatorenstirn stand; ich möchte wirklich wissen, wovon sich die beiden so lebhaft und, wie es scheint, lustig unterhalten. Sollte das Lachen mir gelten?

Eine jähe Röte stieg ihm bei diesem Verdacht ins Gesicht, und er schickte einen wütenden Blick zu dem gotischen Stuhle. Gleich darauf aber kräuselten sich seine Lippen zu einem Lächeln, das, bös und blöde, wie das Grinsen eines heimtückischen Idioten war.

»Je eher, je bessert« murmelte er.

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