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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Die Lehrmethode

Der ehemalige Felix Schirmer erhielt durch die Adoption den Namen Henry Felix Hauart und wurde unter Zusammenziehung seiner beiden Vornamen fortan Henfel genannt. Da es zu den besonderen Überzeugungen seines neuen Vaters gehörte, katholisch mache weich, mystisch, färbe jedenfalls irgendwie seelisch ab, während der Protestantismus aus einem kräftigen Geiste einmal von selbst abbröckle und schließlich nur eine Art Etikette bleibe, die für das Leben in einer formell christlichen Zeit bequem, ja nötig sei, wurde Henfel zum Protestanten umgetauft. Er kam sich dabei recht wichtig und als was Besonderes vor, konnte es sich aber doch noch eine gute Weile nicht abgewöhnen, seinen Hut vor offenen Kirchtüren und vor Christusbildern zu ziehen, und zumal das Schlagen des Kreuzes wollte er nicht leicht aufgeben, denn alles Formelhafte gefiel ihm gut. Auch machte sein neuer Vater keine Einwendungen dagegen.

– »Du wirst noch allerhand weitere Götter in deinem Leben kennen lernen, Henfel, und an allem ist etwas Gutes und Brauchbares. Nimm nur getrost von jedem, was dir gefällt, und mache daraus deinen lieben Gott!«

Verstand Henfel solche Worte? Gewiß nicht. Aber – er nahm sich auch aus ihnen, was ihm gefiel, und irgend etwas daraus haftete immer bei ihm.

Er erhielt einen Privatlehrer, der den Unterricht stets in Gegenwart des alten Hauart und nach dessen Plan zu erteilen hatte. Die Lücken in der elementaren Bildung waren bald ausgefüllt, und schon nach einem Jahre täglichen Unterrichts von nur zwei Stunden, zu denen freilich ein fast ununterbrochener Unterricht im ständigen Verkehr mit Herrn und Frau Hauart hinzukam, war Henfel so weit, daß ein Unterricht nach Art der Mittelschulen beginnen konnte.

Einem regelrechten Gymnasiallehrer hätten sich, falls er deren besaß, die Haare gesträubt, wäre er gezwungen gewesen, einer Lektion Henfels beizuwohnen.

Das Latein begann mit Cäsars De bello gallico und leitete gleichzeitig den Geschichtsunterricht im Anschluß an den deutsch-französischen Krieg ein. Der unglückliche Lehramtskandidat, der dieses Kunststück zu leisten hatte, mußte vorher immer eine Privatstunde bei Herrn Hauart nehmen und konnte sicher sein, nach jeder Lektion auch noch nachsitzen zu müssen, denn der alte Hauart schien sich vorgenommen zu haben, ihn um alle Resultate seines Fleißes sowohl auf dem Gymnasium wie auf der Universität zu bringen.

»Sie müssen Ihrem Zögling nicht »Lehrstoff beibringen« wollen, Herr Doktor. Dagegen lehnt sich ein gesunder Junge auf. Sie müssen ihm Rätsel aufgeben. Sie müssen seinen Erkenntnistrieb wachrufen. Sie müssen ihn vor allem unzufrieden machen mit seinem Zustand der Unbildung, das heißt Hilflosigkeit. – Da ist ein Buch mit fremden Worten. Die lassen Sie ihn lesen. Und Sie fragen: klingt das nicht wunderbar? – Gallia est divisa in partes tres... Was mag alles an Geheimnissen hinter diesen stolzen Lauten stecken!? Weißt du, wovon es handelt? Von einem Kriege mit den Franzosen. »Den kenne ich schon«, wird er antworten. Darauf Sie: »Nun gut, erzähle mir, was du davon weißt!« Und nun erklären Sie ihm den Unterschied. Sprechen Sie von den Römern, in deren Sprache das Buch geschrieben ist, von ihrer Macht und Herrlichkeit, und dann von Cäsar, der der mächtigste unter ihnen war. Stellen Sie ihm vor, was es bedeutet, Worte dieses Mannes zu verstehen, hineinzugehen in den Geist dieses Mannes, zu lernen, wie dieser Mann Krieg geführt hat. Das wird seine Phantasie erregen, seinen Willen anfachen, seinen Ehrgeiz aufstacheln. Und nun übersetzen Sie ihm den ersten Satz und lassen Sie ihn fragen. So wird er auf die Grammatik kommen als auf ein Gebiet wundervoller Geheimnisse, und sie wird ihm von Anbeginn etwas seltsam Lebendiges sein, ein fremdes Land voller Rätsel. Legen Sie ihm dann Regeln vor, so muß es sein, als wenn Sie ihm ein kostbares Mittel verraten wollten, hinter diese Geheimnisse zu kommen. Abenteuerlich muß ihn die Grammatik dünken, Herr Doktor, abenteuerlich. Mit aufeinandergebissenen Zähnen muß er Ihnen von Schwierigkeit zu Schwierigkeit folgen, gleichsam wie von Dickicht zu Dickicht in einem Urwalde voller Überraschungen. So wird er, ehe Sie sichs versehen, nicht bloß die Regeln der lateinischen Sprache, sondern römischen Geist in sich aufgenommen haben. – Sein Mystagoge sollen Sie sein, sein Geheimnisdeuter und Führer in unbekannte Länder, nicht sein philologischer Nudelmeister.«

Der junge Doktor wagte einige Einwendungen: von solider Grundlage, Geisteszucht, Gymnastik des Gedächtnisses und so fort.

»Sie meinen«, antwortete ihm darauf Herr Hauart, »daß ich es ihm zu leicht machen wolle. Aber Sie irren sich. Ich will ihn vielmehr vor geistiger Faulheit bewahren. Er soll alles seiner eigenen Initiative verdanken, nichts vorgeschnitten, nichts vorgekaut bekommen. Die solideste Grundlage jeder Bildung ist der betätigte Wille dazu. Jedes Lernen soll mit Handeln verbunden sein, kein bloßes, ob auch mühseliges Aufnehmen, sondern Aneignen durch Forschung. Er soll arbeiten lernen; ja, es soll der Trieb zur Arbeit ihm so eingesenkt werden, daß er sich schließlich wie ein Elementartrieb äußert. Aber eben darum muß dieser Trieb nichts Mühseliges an sich haben. Kraftanspannung – ja! Aber aus Lust an ihr, aus Freude am Sichbewähren, Sichsteigern. – Geisteszucht, sagen Sie, aber, was Sie meinen, ist Drill, ist Geisteszüchtigung. Vor dieser Art Disziplinierung soll mein Sohn bewahrt bleiben, denn er soll einmal nicht dienen, sondern herrschen. Natürlich auch über sich, das heißt über etwaige gemeine Instinkte in sich. Aber sein Herrengefühl soll mein Sohn nicht überwinden, er soll es sich nur um so souveräner gestalten, indem er alle Sklavenneigungen in sich überwindet. Seine Geisteszucht soll freie Willenszucht sein.«

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