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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 129
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Ballo in maschera

1. Der Priester des Schmerzes

»Bruder, hast du einen Schnaps?«

– »Aber natürlich. Dort, auf dem schwarzen Tischchen.«

–»Heilige Hadwiga! Das ist ja das fressende Höllenfeuer!«

– »Es ist reiner Alkohol, und außerdem hast du ihn aus einem Untersuchungsglase getrunken, das ich in der Praxis verwende.«

– »Du bist ein gottvoller Teufel, Bruder; ich glaube, du bist einer von den unsauberen Geistern, die damals in die Schweine gefahren sind. Es bereitet dir ein seliges Vergnügen, zu denken, daß ich mir Löcher in die Magenwände brenne und außerdem eine Kolonie niedlicher Kokken auf den Schleimhäuten ansiedle.«

– »Das Vergnügen könnte größer sein. Ich habe nicht den geringsten Schmerz an dir wahrgenommen. Ein anderer wäre mit diesem Trank im Leibe heulend unter den Tisch gesunken, und ich hätte ihm dann auch noch den Magen auspumpen dürfen. Allein das Heraustreten der Augen bei dieser Operation gestaltet sie zu einem reinen Genuß.«

– »Bruder, du kokkettierst. Dein Satanismus ist Pose. Ich habe dich im Verdacht, daß du im Grunde ein deutsches Lämmerschwänzchen bist trotz deiner malaiischen Urgroßmutter und der anderen Exoten in deiner Ahnenreihe.« –

Herr Dr. Jan del Pas, in dessen ärztlichem Sprechzimmer diese Unterhaltung zwischen ihm und einem deutsch dichtenden Polen vor sich ging, dem man den Spitznamen Goethinsky gegeben hatte, weil der Name des großen Wolfgang sein sarmatisches Blut in Wallung zu bringen pflegte, lächelte. Dieses Lächeln nahm sich in dem blassen, harten, von einem dichten schwarzen Vollbart, wie mit einer Krause eingerahmten Antlitz etwas deplaciert aus. Diese schmalen Lippen, die wie ein langer wagerechter hochroter Strich in dem bleichen Gesicht saßen, das bis auf die Bartkrause glatt rasiert war, schien nicht zum Lächeln gemacht zu sein. Der Doktor pflegte sie, wenn er nicht sprach, fest aufeinander zu pressen, und, wenn er sprach, öffneten sie sich nur wenig und langsam. Denn er ließ sich Zeit beim Reden, wie ein Prediger, brachte dafür aber jedes Wort mit schärfster Betonung tief sonor und vom vorhergegangenen wie nachfolgenden fast demonstrativ geschieden heraus, als wollte er jede Berührung dieser Individuen miteinander, jedes ein strenger Charakter für sich, peinlich vermeiden. Er hatte eine breite, eckige, kurze Nase und eine gleichfalls breite, eckige und durch den tiefen Ansatz der straff gekrausten, dicken, blauschwarzen Haare sehr niedrig wirkende Stirne, dichte, ebenso schwarze Augenbrauen, die gleich den Lippen nur unmerklich geschwungen waren, und auffällig lange, nach oben sehr spitz, nach unten sehr breit ausgehende Ohren. Ein seltsamer, nicht eben angenehmer, aber entschieden interessanter Kopf, der überdies durch sehr große, tiefblaue und bei einer gewissen Starrheit doch höchst ausdrucksvolle Augen verschönt war. Im Verhältnis zu dem mittelgroßen, übrigens wohlproportionierten Körper wirkte er zu wuchtig. Auch die sehr knochigen Hände waren zu groß, sowohl in der Breite, wie in der Länge. Ihre Haut war, wie die des Gesichtes, fahl blaß. Um so mehr fielen an ihnen die leicht bräunlichen, hochgerundeten, sehr dicken und über den Fingerkuppen nach unten gebogenen, aber spitz zugeschnittenen Nägel auf.

»Ich kann mit ihnen in lebendiges Fleisch hauen wie mit Messern,« sagte der Doktor gerne, der es bei jeder Gelegenheit liebte, schmerzliche Vorstellungen zu erwecken, wie auch seine dichterischen Arbeiten, die er aber nirgends drucken ließ, dies eine gemeinsam hatten, daß sie im Grausamen ausschweiften, ohne übrigens dabei geflissentlich an die Geschlechtssphäre zu rühren. Seine Phantasie schien sich am Gräßlichen zu weiden, wie die Phantasie eines Backfisches am Süßen, und die wenigen Menschen, die ihn näher kannten, meinten, daß er auch die ärztliche Praxis nur deshalb ausübte, weil sie ihm Gelegenheit gab, Scheußliches zu sehen und Schmerzen zuzufügen. Doch schien ihm das noch nicht zu genügen, denn er ließ keine Woche vorübergehen, ohne wenigstens einmal den Schlachtviehhof zu besuchen und dem Schlagen von Ochsen und Stechen von Kälbern beizuwohnen. Dabei galt er als ein Mensch, der freundschaftlicher Zuneigung fähig war, wenngleich er auch im freundschaftlichen Umgange zuweilen die Kralle des Grausamkeitslüsternen vorstreckte.

Goethinsky hatte ihn als Patient kennen gelernt und sich ihm angeschlossen, weil er in ihm, wie er sagte, eines der höchst seltenen Exemplare aus der fast ausgestorbenen Gattung transsubstanziierter Teufel entdeckt zu haben glaubte, eine lebendige Illustration zu den Satanslegenden und Teufelsgeschichten, die er mit vielem Fleiße und einer sonderbaren Mischung aus Glauben und Spott auf der Bibliothek studierte.

»Wenn der Erzteufel Satanas nicht dein direkter Uronkel ist, Bruder,« hatte er einmal zu ihm gesagt, »so will ich ein Preuße sein und kein Pole. Ich will dir ganz genau erklären, wie das kalte Teufelsblut in deine Familie gekommen ist. Dein großer Vorfahr Don Estobal, der nach Holland kam und aus verrückter Liebe zur blonden Beatrijs van Meteren, von der du diese unglaublichen blauen Augen hast, seinen heiligen katholischen Glauben aufgab, war zwar noch nicht vom Teufel besessen, aber doch schon von ihm angeblasen. Sonst wäre er nicht aus einem Spanier ein Holländer und aus einem Katholiken ein Protestant geworden. Nun also: Sein dunkles, heißes, adliges Blut vermischte sich mit dem helleren, kälteren, gemeineren jener Beatrijs, deren Großvater ein Astrologe, deren Vater ein ketzerischer Theologe war. Vermutlich hatte schon bei dieser Begattung der Teufel seine Wurzel im Spiel. Denn sowas liebt er, mußt du wissen. Obwohl er katholisch ist, protegiert er alle, die aus unsrer heiligen Kirche entlaufen. Das ist Teufelslogik, – eine prachtvolle Sache zum Verrücktwerden. Und er schickte die Mischlinge aus dem edlen Hause der del Pas und aus dem mehr gemeinen, aber sehr spirituellen der van Meteren über das tiefe und große Wasser in die holländischen Kolonien, wo des Teufels Pfeffer und auch sonst noch viel Hitziges wächst. Z. B. Weiber, die mehr können, als Strümpfe stricken, nämlich: zaubern, – und nicht bloß auf die gewöhnliche Manier unsrer Weibsen mit den armseligen Mitteln des Geschlechts, sondern vermittels uralter Geheimnisse, die von den indischen und malaiischen Teufeln stammen, vor denen ich, obwohl sie nicht katholisch sind, eine große Hochachtung habe. Denn es sind prachtvoll wilde, heimtückische und grausame Teufel. Neben ihrer Hölle nimmt sich die katholische wie ein Tanzvergnügen aus. Nun also: Diese Weiber haben es deinen spanisch-holländischen Vorfahren gründlich besorgt, und nicht bloß von deiner Urgroßmama Malaiin, die als Giftmischerin enthauptet wurde, ist tropischer Teufelspfeffer in dein Blut gekommen. Aber die richtige Infiltration begann doch erst, als der Sohn der Malaiin, dein Großvater, die glänzende, von genial höllischem Instinkte eingegebene Idee hatte, aus seinen spanisch-holländisch-indisch-malaiischen Lenden katholisch-protestantischen Samens deinen Vater mit einer Polin zu zeugen, die, wie sichs von selbst versteht, niemals aufgehört hat, an den polnisch-katholischen Teufel zu glauben. Der ist dafür denn auch erkenntlich gewesen und hat deinen Vater angetrieben, das Teufelskraut fett zu machen und eine biedere Deutsche zu heiraten, die dann die unverdiente Ehre hatte, einen richtigen, rechtschaffenen Teufel zu gebären: dich.«

Zu solchen und ähnlichen Reden des phantasievollen Satanologen, Diabolikers, Nationalpolen und Alkoholisten lächelte der Doktor Jan del Pas bloß. Er war zu sehr überzeugter Anhänger der monistischen Weltanschauung auf streng naturwissenschaftlicher Grundlage, als daß er an den Teufel hätte glauben sollen. Das aber, was ihm, neben seinem Triebempfinden, die Vererbungslehre zur Beurteilung seines aus so verschiedenen Rassenbestandteilen zusammengesetzten Wesens beibrachte, führte ihn dazu, sich bewußt als einen Menschen zu fühlen, der mit dem Durchschnitt seiner deutschen Umgebung nur sehr wenig gemein hatte. Seine Wohnung befand sich in einer der alten wenig schönen Straßen von Berlin NW. und ging nach dem Garten eines wissenschaftlichen Instituts hinaus. Dort standen die Möbel aus der Familie seiner Mutter, mehr solid und behaglich, als stilvoll und schön; aber aus dem Erbe des Vaters besaß er kostbare alte Teppiche indischer Herkunft, bunte Decken und Vorhänge aus den niederländischen Kolonien, sowie eine Menge von bronzenen, elfenbeinernen, holzgeschnittenen kleinen Skulpturen und eine große Sammlung von Wagen aus dem äußersten Orient. Gab dies Nebeneinander seinen Zimmern schon ein sonderbares Ansehen, so wurde der etwas wunderliche Eindruck noch dadurch erhöht, daß zwischen den seltsam geformten Waffen, bunten Wandteppichen, grellfarbenen Batiks und den elfenbeinweißen, goldbronzenen, holzbraunen Götzen, Leuchtern, Räuchergefäßen, die auf schwarzen Konsolen standen, große farbige Blätter aus medizinischen Atlanten hingen, die anatomische und pathologische Querschnitte des menschlichen Körpers und allerhand scheußliche Hautkrankheiten, krankhaft deformierte Organe, Krebswucherungen, Geschwüre und andere lehrreiche, aber grauenhafte Abbildungen zeigten. Grauenhaft für jeden andern (selbst für seine alte Aufwärterin, die an Gräßliches doch nachgerade gewöhnt worden war), aber nicht für ihn. Er hatte nicht etwa nur ein stoffliches Vergnügen in der Betrachtung dieser Darstellungen, sondern auch ein ästhetisches.

»Bist du bloß wegen des Schnapses zu mir gekommen?« fragte er im Verlaufe des Gespräches seinen Besuch.

»Nein, Bruder,« antwortete der Pole; »du sollst mir deinen malaiischen Zauberermantel borgen. Weiß du: den prachtvollen bastseidenen Talar, der die Farben eines Feuersalamanders hat: schwarz und rotorangen, – sehr scheckig und scheußlich, mit Schlangen und Fratzen und Totenköpfen et cetera pp. Und dazu diesen hochherrlichen Schlangenbeschwörerhelm aus vergoldeter Schlangenhaut, die sich über einem Bambusgestell wie ein Kürbis bläht, aus dem ein Kinderschädelchen guckt wie ein großer Fruchtkern. In den Augenhöhlen sitzen ihm Opale; anstatt der Zähne hat er kleine Perlchen; die noch offenen Schädelnähte sind mit Goldblech ausgelegt. Ein prachtvolles Erzeugnis exotischen Kunstgewerbes, hehe, höchst geistreich erfunden und mit den primitivsten Mitteln gar geschmackvoll ausgeführt.«

Der Doktor erwiderte mit seinem gewöhnlichen Ernste: »Ich verleihe diese Sachen nicht gern, und du mußt mir erst sagen, wozu du sie brauchst.«

»Zu einem Maskenball, Bruder,« antwortete der Pole.

Jan del Pas riß die Augen weit auf und wiederholte: »Zu einem Maskenball?«

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