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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 128
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Tremoloso

Der weiland Herr von Hainbuchen richtete sich eine prachtvolle Villa im Berliner Tiergartenviertel ein, wo bald alles aus und ein ging, was einer neuen deutschen Romantik (oder wie man es nennen mochte) das eine oder andere Fähnchen vorantrug.

Der neue Reichtum fing an, die Pflege der ästhetischen Kultur in seine Hände zu nehmen. Freilich fürs erste nicht so sehr durch Förderung fremder Talente, als durch Pflege der eigenen, die von der Natur nur wenig, von erworbenem Geschmack aber ziemlich viel hatten. Da sich aber auch die wirklich schöpferischen Begabungen der Zeit vom Naturalistischen ab in freiere Imagination und der schönen Form zuwandten, so fehlte es dieser neuen Richtung, die im Grunde eine gesetzmäßige Folge des Naturalismus war, keineswegs an positiven und fruchtbaren Talenten. Doch überwogen einstweilen noch die Halbkünstler, die, indem sie die fehlende Naturkraft durch Geschmack ersetzen mußten, leicht in leere Künstelei und, eben aus Geschmackshypertrophie, ins Geschmacklose verfielen.

Gerade diese aber waren Felix sehr sympathisch. Was sie konnten, konnte er auch. Denn auch ihre Hauptkunst war die Allüre, auch sie stolzierten, mit mehr oder weniger Geschmack, im Schmucke fremder Steine, und auch ihnen war die Kunst nicht das ernste bedeutsam Spiel, in dem der wirkliche Künstler das Leben auf seine reizendste Urform zurückführt, Kind und Weiser in einem, sondern eine billige Spielerei mit bald so, bald so, je nach Geschmack und »Stil«, drapierten, verstellten, wohl auch verrenkten angenehmen Gegenständen einer eigentlich gestaltlosen Phantasie. Das Jonglieren mit bunten Glaskugeln oder kristallisch geschliffenen, in hundert Facetten blendenden Glasstücken, wozu man die Worte einer nicht immer völlig klar beherrschten deutschen Sprache hier zu verwenden pflegte, war ein Talent, das er schon immer besessen hatte. Er brauchte sich nur noch die neuesten Tricks anzueignen, die nicht wesentlich schwieriger zu erlernen waren, als die älteren Formen, die er sich früher aus Echtermeyers Sammlung deutscher Gedichte und später aus Karls Versweise entlehnt hatte. Diese Art zu dichten, fiel ihm sogar leichter, weil sie starkes Empfinden und klaren Ausdruck nicht nur nicht verlangte, sondern sogar als etwas Banales perhorreszierte und selbst im nur halb zu Ende Gedachten und daher in trüber Unverständlichkeit nebelhaft Angedeuteten keinen Mangel, sondern den Reiz der Tiefe erblickte. Seine Neigung zum Mystischen konnte sich nach den Gesetzen dieser für Talente seiner Art höchst probaten, weil höchst toleranten Poetik gar prachtvoll manifestieren, und so darf es nicht wundernehmen, daß sein erster Gedichtband, die poetische Frucht des ersten Jahres, den Namen Rosa mystica führte.

Es war wirklich ein Band, obwohl er nur zwölf Sonette enthielt. Und das war nicht etwa bloß damit erreicht, daß er auf dickstem Büttenkarton gedruckt und in schwerstes Eselsleder gebunden war, sondern es war auch die Folge einer höchst sinnreichen, ja, man konnte wohl sagen, genialen Anordnung. Wer das Buch aufschlug, erblickte zuerst ein über alle Begriffe herrliches Vorsatzpapier. Papier? Nicht doch! Es war ein eigens für diesen Zweck gefertigter Brokatstoff: schwarze Rosen auf goldenem Grunde. Dann kam ein bedeutsam leeres Blatt. Dann ein Blatt mit der Aufschrift: Rosa mystica. Dann ein Blatt mit der Verkündigung:

Dieses Buch wurde in
zwölf Exemplaren,
wovon dieses das
Erste
ist,
für zwölf seiner Freunde
im Auftrage von Henry
Felix Grafen Hauart,
der die darin
aufbewahrten Gedichte
im Jahre 1897
empfangen und nieder-
geschrieben hat, gedruckt
in der Offizin der
Purpurnen Wolke
im darauffolgenden
Jahre.

Den Nachgenuß dieser Offenbarung zu verlängern, hatte tiefer Bedacht das nächste Blatt wiederum freigelassen. Das nächste jedoch wies den Haupttitel auf:

Rosa Mystica
Zwölf Gedichte
in Sonettenform niedergelegt
vom
Grafen
H. F. H.

Folgte ein Blatt mit dem Exlibris des Dichters. (Ein Umstand, der von den allersublimsten Kennern des Kreises beanstandet wurde.) Dann ein Blatt mit der lapidaren Anzeige: Erstes Stück. Dann ein Blatt mit dem Kalendervermerk: Januar. Dann ein Blatt mit dem Namen dessen, der durch Widmung des ersten Stückes ausgezeichnet worden war. Dann ein Blatt mit einem Zitate aus den Werken desselbigen. Dann (man sage nicht: endlich! denn Ungeduld ist keine vornehme Eigenschaft) gab sich das erste Gedicht in Sonettenform dem Auge dessen preis, dem zu lesen es vergönnt und nach so langer Vorbereitung auch wohl zu gönnen war. Daß die Rückseite eines Blattes, das vorn vierzehn Verszeilen des Grafen H. F. H. tragen durfte, nicht durch irgendwelche Worte profaniert war, versteht sich von selbst. Aber auch das nächste Blatt war gänzlich dem Genuß gewidmet, den jeder höhere Geschmacksmensch beim Anblick von echtem holländischen Büttenkarton mit dem gräflich Hauartschen Wappen als Wasserzeichen empfinden muß. Dafür schlug es dann auf dem übernächsten Blatte wieder gewaltig: Zwei! Und so fort bis zum Schlusse, wo aber statt eines, vier leere Blätter die Seele des Lesers beruhigten. Alles in allem also ein Werk von einhundertundneunzig Seiten.

Indessen betrieb er die Dichtkunst doch nur nebenher. Er hätte ebensogut sticken oder häkeln können; wenn das nicht schwieriger gewesen wäre. Es machte ihm nicht einmal viel Vergnügen.

Henry Felix glaubte auch an seine mit soviel falscher Inbrunst umsungene Rosa mystica nicht. Es hätte ihm besser angestanden, zu schreien als zu säuseln.

Aus der großen Oper seiner Ehe war eine endlose Reihe von Divertissements geworden. Eine Einlage folgte auf die andere. Das Stück, äußerlich um jede Entwicklung gekommen, ging in Stücken auf. Die Hoffnung Lalas, daß Berta ihr ins Netz gehen werde, schien sich nicht erfüllen zu wollen.

Die schöne Gräfin hatte einen ganzen Schwarm von Anbetern um sich und durfte sich mit Recht für die Muse von gut einem Dutzend höchst ungemeiner Originalgenies halten, aber sie ließ sich weder von dem poetischen Weihrauch benebeln, noch wurden ihr die feurigen Blicke und Händedrücke ihrer Adoranten gefährlich.

Trotzdem blieb Lala dabei: Sie sucht.

»Ich wünschte, sie fände endlich,« meinte Henry Felix einmal zu ihr, die das einzige menschliche Wesen war, in dessen Gegenwart er das Gefühl eines Heims, einer Sicherheit hatte. »Ich halte es nicht mehr lange aus. Sie drückt mich nieder. Es ist, als ob sie mich langsam erwürgte.«

»O,« sagte Lala, »so ist es auch. Sie will dich langsam töten. Sie macht einen Schatten aus dir. Was bist du hier? Nichts. Alles ist sie. Diese Herren und Damen schmeicheln dir wohl, sie aber verehren sie. Lala sieht gut, und was sie nicht sieht, fühlt sie. Sie ist wie ein Hund, der es spürt, wer seinem Herrn gut und wer ihm feindlich ist. Alle diese Menschen tragen Gift in ihrer Seele für dich: die Verachtung. Du atmest es mit der Luft ein, die von ihren falschen Worten bewegt wird, und davon bist du krank. Es kommt dies Böse aber alles von der Roten, denn von ihr ist das Gift zuerst ausgegangen, und sie atmet es immer wieder von sich. Wenn du sprichst, lächelt sie Verachtung, und wenn sie zu dir redet, so ist es das gleiche. Sie weiß, daß Verachtung dich tötet. Seit du hier bist, stirbst du.«

Henry Felix runzelte die Stirne und sagte leise: »Ja. Sie saugt alles Leben an sich, von mir weg. Ich werde ganz leer. Nicht ein Tropfen Kraft und Lust ist mehr in mir. Ich habe an nichts Freude. Es ist wie eine Taubheit aller Sinne.«

Er griff sich hastig an den Hals und schrie auf: »Ich bin vergiftet! Ich bin wirklich vergiftet! Es schleicht etwas Tödliches in mir. Du hast nicht aufgepaßt!«

Lala streichelte seine Stirn, die naß war von kalt ausbrechendem Schweiße. »Nein, Master. Das kann dir nicht geschehen. Sei ruhig und hab keine Angst. Lala wacht. Lala sorgt. Es ist nur die kalte Verachtung, die dich schwächt.«

»Was soll ich tun!« rief Henry Felix aus.

– »Töte sie oder schicke sie weit weg von dir!«

Er schwieg und starrte ratlos an Lala vorbei.

Dann murmelte er: »Ich kann nicht.«

»Ich wußte es,« sagte die Schwarze. »Sie hat dich feig und faul gemacht.«

Er sah sie wütend an.

Sie kauerte sich vor ihm hin und legte ihre Stirn auf seine Füße: »Tritt mich! Lala hat Schläge verdient. – Aber dann sieh dich an! Geh zum Spiegel und sieh dich an! Du bist nicht mehr, der du warst. Du bist nicht mehr der schöne Liebling der hellen Schwester.«

Henry Felix murmelte, wie zu sich selbst: »Ich weiß es selbst. Wie ein fetter Knabe seh ich aus oder wie ein Eunuch. Als ob ich ewig weinen müßte über meine Erbärmlichkeit, habe ich dicke, schwammige Tränensäcke unter den Augen. Feist werd ich, aufgeschwemmt überall. – Und immer bin ich müde. – Warum reit ich nicht?! – Aber ich gehe ja kaum mehr. Ich schleppe mich von Lager zu Lager. Selbst im Stuhl lieg ich.«

Er strich sich durch die Haare, die er sich jetzt jeden Morgen kräuseln ließ, weil er alles, was äußerlich an seine Leutnantszeit erinnern konnte, beseitigen wollte. Er trug auch keinen Schnurrbart mehr und sah in der Tat eher wie ein gemästeter Tenor aus, als wie ein Mann, der vor anderthalb Jahren noch ein Kavallerieoffizier und siegreicher Herrenreiter gewesen war.

»Vielleicht eß ich und trink ich nur zu viel,« murmelte er, »und mache mir zu wenig Bewegung. Kein Reitpferd mehr im Stall; nur fette Wagengäule. Wie man den Degen führt, hab ich auch verlernt. Verse drechseln. Kunstquatsch treiben. Verrückte Mappenblätter, alte Töpfe, bunte Papiere, Stoffe, Teppiche sammeln. Immer bloß sammeln und gaffen und reden. Es ist zum Umkommen!«

Lala lächelte: »Und die kleinen Mädchen, Master?«

Auch Henry Felix lächelte: »Ach ja, die. Das einzige. Mein Borkenhäuschen auf der Liebesinsel. Da ist es wohl schön.«

Über sein fettes Antlitz rann ein gemein behagliches Lächeln. Er kicherte leise, fast blöde vor sich hin: »Hehe! Du solltest sie sehen, Lala, wie süß sie sind, meine kleinen Schweinchen und Schäfchen. Ich werde dir meine Töchterchen mal photograpieren. Es ist die geilste Sumpfflora der Verdorbenheit. Kindliche Körper; Ärmchen, Händchen, Füßchen so weich und zart; – aber Augen wie die große Hure von Babylon, und Worte, Bewegungen, Seufzerchen... dagegen ist alles Reife schal und gewöhnlich. – Wie sie mich lieben! Wie zärtlich sie zu ihrem Papa sind! – Ich muß dich einmal mitnehmen. Du sollst sehen, daß ich doch auch noch ein bißchen glücklich bin, daß mich nicht alle Menschen verachten.«

Es schien, als würden seine schwammigen Züge noch welker unter diesem säuischen Lächeln. Plötzlich erstarrte es, und er sprang auf: »Aber das ist zu früh! Ich fühls: das ist zu früh! Selbst mein bißchen Vergnügen beweist, daß ich krank, daß ich vor der Zeit alt geworden bin. Ich treib es wie ein Greis, und es ist nicht wahr, wenn ich sage, daß diese Kinder mich nicht verachten. Auch sie spielen nur mit mir, weil ich ihnen Geld gebe. Auch sie wissen, daß ich schwach und verkommen bin. Ich habe Augenblicke, wo ich sie erwürgen und in Stücke schneiden möchte. – Ich will nicht mehr! Ich will nicht mehr! Das ist kein Leben! Das ist langsames Verfaulen! Sonst ließe sie es nicht zu!«

Er senkte den Kopf wie zum Stoße und machte einen hastigen Schritt vorwärts, als wollte er gegen die Wand rennen. Sein Blick war wild und dumm wie der eines wütenden Stieres. Er keuchte.

Lala hing sich an ihn und zog ihn zurück in den Stuhl.

Sie sprach: »Du hast recht, Master. Sie hofft, daß auch das dich verdirbt. Aber die Püppchen würden meinen Henry jung machen, wenn sie ihn nicht so ganz schwach gemacht hätte. Was du auch tun magst: alles ist Gift für dich, solange sie aufrecht neben dir hergeht. Sie muß unter deinen Fuß, und du sollst ihr den Kopf zertreten. – Gib sie mir in die Hand, Master, und ich töte sie. Ich weiß ein Gift der roten Menschen mit den Federkronen, das lähmt. Der Mensch, der es genossen hat, wird starr wie Holz und kann sich nicht wehren. Er ist wie tot und fühlt doch. Es ist das schönste Gift zur Rache.«

Henry Felix blickte auf und murmelte: »Hast du es?«

– »Ja.«

Er sann mit halb geschlossenen Augen nach.

»Sprich!« flüsterte die Schwarze, »und noch heute ist sie starr in deiner Hand.«

Er erhob sich, sah sie wild an und murmelte: »Nein! Geh! Ich will nicht.«

Lala wandte sich enttäuscht zum Gehen.

Er rief sie zurück.

– »Wirkt es ganz sicher?«

– »So sicher, wie ich jetzt weiß, daß du nicht den Mut dazu hast.«

Er sah sie verächtlich an: »Was weißt du von mir! Was weiß der Hammer von der Hand, die ihn führt! Sie läßt ihn niederfallen, wenn es an der Zeit ist. Nicht eher! Geh und sei bereit!«

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