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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 127
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Duetto misterioso

In dieser Nacht kam Henry Felix nicht nach Hause. Als er am nächsten Vormittag in den Salon seiner Frau trat, fand er nur Lala vor, die bei seinem Anblick erschrak. Es war, als hätte sich die Wüstheit dieser Nacht als eine Maske über seine Züge gelegt. Seine Lider waren gerötet; selbst ins Weiße seiner Augen war Blut getreten; die große Unterlippe hing häßlich nieder; der Blick war scheu und wild zugleich.

– Nie sah die helle Schwester so aus, wenn sie früh heimkehrte, dachte sich Lala. Nie hat sie so gelitten, wie unser schönes Kind. Die Rote wird ihn mir töten.

Lala hing dem Sohne Saras mit fast noch größerer Schwärmerei und Unterwürfigkeit an, als der hellen Schwester. Sie liebte ihn auf ihre Art abgöttisch und haßte Berta mit einem tückischen Hasse, obwohl diese stets freundlich, der Master immer nur barsch zu ihr war.

»Wo ist die Gräfin!« schrie er sie an.

»Ausgefahren,« antwortete Lala. »Zu einem Herrn.«

»Was redest du da!«

– »Lala sagt, was Lala sieht.«

– »Was siehst du!«

– »Lala sieht, daß die rote Frau an einen anderen Mann denkt. Seit gestern.«

Henry Felix lachte hell auf und rief: »Prachtvoll! Der blonde Backenbart als Rivale! Hermann! Der erhabene Hermann! Unter einem Genie tut sies nicht.«

Er warf sich in einen Stuhl und grübelte vor sich hin. Seine Phantasie stellte ihm sogleich alle Einzelheiten des Ehebruchs plastisch vor, und – er fand Gefallen an dieser Vorstellung. Sie regte ein wütendes Begehren nach Berta in ihm auf. – Ein ekelhaft wollüstiges Lächeln spielte blöde um seine wulstigen Lippen. – Hatte er bis jetzt abstoßend ausgesehen, so sah er nun abscheulich aus.

Lala schlich zu ihm und kauerte sich vor den Stuhl, seine Hände ergreifend und küssend, indem sie ihn von unten mit einem sklavischen Grinsen ansah.

Henry Felix wollte ihr in einer Aufwallung von Ekel die Hände entziehen, – aber er ließ sie ihr. Die animalische Wärme dieser schwarzen Handflächen, die ihn jetzt streichelten, tat ihm wohl, und er sah, daß in diesen tierischen Augen eine Treue war, von der er alles verlangen durfte, ohne dafür das geringste zu geben.

Das tat dem Sultan noch mehr wohl, als ihr mütterliches und untertäniges Streicheln. Er sagte mit freundlichem Tone: »Na, und was weiter, mein Holdchen?«

Lala beugte sich und küßte ihm die Knie, dankbar für den freundlichen Ton und sagte: »Noch nichts. Es fängt nun an. Vorher war nichts. Nur einmal, in Neapel, war etwas in ihren Augen. Tonino.«

– »Tonino?«

– »Der Hausknecht im Hotel.«

– »Der Hausknecht?«

Henry Felix lachte brutal laut. »Du hast geträumt.«

– »Lala träumt nur nachts. Lala kennt die Augen der weißen Frauen. Sie hat Tonino mit den Augen geküßt.«

– »Und?«

– »Tonino hat es nicht gefühlt.«

– »Wie talentlos!«

– »Scherze nicht, Master!«

– »Was, du sagst du zu mir?«

– »Zu dir und der hellen Schwester. Weil ich euch gehöre.«

– »Das ist ein Grund. Und wenn dirs die helle Schwester erlaubt, mags sein. Ich bin ja wohl dein heller Bruder. Nicht?«

– »Nein.«

– »Was denn?«

Lala schwieg und sah ihn mit den zärtlichen Blicken einer alten Amme an.

– »Na?«

– »Lala darf das nicht sagen.«

– »Ein Geheimnis also?«

– »Ein tiefes Geheimnis, dunkler als der Grund eines Brunnens, der so tief ist, daß der Eimer der Frage hundert Jahre braucht, hinabzugleiten an den schwarzen Ketten der Sehnsucht.«

– »Du kannst ja dichten!«

– »Mein Herz spricht so.«

– »Und wenn ich jetzt meine Hände um deine Gurgel lege und dir sage: Ich erwürge dich, wenn du mir das Geheimnis nicht verrätst? Was dann?«

– »Erwürge mich, Master!«

Sie reckte ihm ihren Hals entgegen.

– »Nichts zu machen!« Er lächelte. Aber es war ihm angenehm ernst zumute. Er hatte seinen Halt wieder: sein Geheimnis.

»Es ist gut, daß du bei mir bist, du Dunkle du,« sagte er. »Du sollst mich immer an das erinnern, was ich fast vergessen habe. Es ist schön, daß du schwarz bist.«

»Es ist schlimm, daß du vergessen kannst,« sagte Lala ernst. »Es ist schlimm, daß du den Ring mit der schwarzen Perle nicht mehr trägst. Stecke ihn dir an den Finger, wo der böse Ring glänzt, der von der Roten ist. Wenn die schwarze Perle ihn berührt, wird sie keine Macht mehr über dich haben.«

– »Sie hat keine Macht mehr über mich.«

– »Doch.«

– »Warum glaubst du das?«

– »Ich weiß es. Denn ich weiß, daß du unglücklich bist. Aber es wird besser. Sie hat sich verraten.«

– »Das ist wahr.«

– »Nun verrate du dich nicht! Laß sie ihre Wege gehen zu fremden Männern. Du sollst sie alle von mir erfahren, aber nie zeigen, daß du sie kennst. So werden wir sie fangen, wenns Zeit ist. Sie ist noch klüger und böser, als du glaubst, aber nicht so klug, wie sie denkt. Sie ist zu böse, um ganz klug zu sein. Ihre Bosheit ist so dumm, dich zu verachten. Das laß wachsen!«

Der Sultan schenkte seiner Sklavin einen respektvollen Blick des Erstaunens und sagte: »Du aber bist höllisch klug, mein schwarzer Schatz. Ich habe dich unterschätzt.«

– »Ich bin nur der Docht, den die helle Schwester angezündet hat, und ich brenne und verbrenne für dich.«

Sie legte ihre Stirne auf seine Knie, indem sie seine Beine mit beiden Armen fest gegen ihre Brust preßte, erhob sich und ging lautlos hinaus.

Sie hatte immer nur geflüstert, und Henry Felix war nun auch davon, wie von dem seltsamen Inhalte ihrer Worte, benommen. Er lehnte sich im Stuhl zurück und schlief ein.

Es war schon hoch am Tage, als der Eintritt Bertas ihn weckte.

Sie sah verdrossen aus und sagte: »Ich denke, wir reisen? Warum hast du nicht packen lassen?«

»Ich nahm an, daß du jetzt lieber bliebst,« antwortete mit Betonung ihr Mann, besann sich aber sogleich, daß diese Betonung gegen den klugen Rat Lalas verstieß, und fuhr gleichgültig fort: »Übrigens können wir ja ruhig mit dem Expreß nach Berlin vorausfahren und die Leute mit dem Gepäck nachkommen lassen. Mich hält hier nichts.«

»Mich auch nicht,« erwiderte kurz Berta.

Henry Felix aber spürte wohl, daß in diesen drei Worten mehr lag, als bloßes Beistimmen.

Es ist ihr vorbeigelungen, sagte er höhnisch bei sich. Was ihm die Trümpfe für die weitere Entwicklung in die Hände gespielt hatte, war die Beobachtungskunst und Verschlagenheit der Schwarzen und die freilich hinter den Kulissen vorgegangene Szene in Hermanns Wohnung. Von dieser Szene machte sich Henry Felix eine falsche Vorstellung. Er dachte sie sich dramatisch bewegt und wortreich, während sie aus nicht viel mehr wie einem Frage- und Antwortspiel der Augen bestanden hatte. Dieser Fehlschlag mußte Berta weiter ins Leidenschaftliche treiben, und der junge Gatte war sich völlig klar darüber, daß er dieser Frau gegenüber nur siegen konnte, wenn die gerade Linie ihres Hasses gegen ihn durch Kurven ihrer Sinnlichkeit unterbrochen wurde. An eine Möglichkeit, sie zu gewinnen, das Gespenst Karls aus dieser Ehe zu vertreiben, glaubte er seit dem ihm bei Gilli angetanen Affront nicht mehr. Er sagte sich ganz kaltblütig: Ich habe dieses Weib besessen, wie andere Huren auch. Sie war nie meine Frau. Noch weniger war ich je ihr Mann. Diese Ehe ist ein Stück Papier, das zerrissen werden muß, wenn der Augenblick günstig für mich ist.

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