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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 122
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Intermezzo alla danza macabra

Nun hätte nach der Meinung des jungen Gatten in der großen Oper seiner Ehe so etwas wie ein prachtvoll feierlicher Ein- und Aufzug folgen sollen.

Henry Felix wußte zwar, daß seine Heirat in der Gesellschaft sehr gemischte Gefühle erregt hatte, in erster Linie, weil mehr als eine Familie dadurch um die Hoffnung ärmer geworden war, den interessantesten und reichsten Kavalier der Stadt einmal durch Einheirat zu den Ihrigen zählen zu dürfen, und dann, weil die Wahl einer geborenen Kraker nicht gerade als sehr gräflich empfunden wurde, aber er war überzeugt, daß die glänzend elegante und unbestreitbar höchst distinguierte Erscheinung Bertas die Herren zweifellos sofort, schließlich aber auch die Damen entwaffnen werde. Indessen begegnete das junge Paar bei seinen Besuchen doch einer, wenn auch nicht eben deutlichen, so doch immerhin fühlbaren Kühle. Es war ein Entree, dem offenbar die große Stimmung fehlte, und von dem hingerissenen Beifall, ohne den irgendein Schritt vor der Öffentlichkeit für Henry Felix etwas Niederdrückendes hatte, konnte keine Rede sein.

Im Pfründtenschen Hause hatte man nur den Grafen zu Gesicht bekommen, und auch beim Gegenbesuche fehlte die Gräfin. Indessen durfte der Grund dafür, nicht unbedenkliche Erkrankung, für bare Münze genommen werden, denn von allen Seiten wurde bestätigt, daß Gräfin Erna sehr leidend sei. Sie lasse sich nirgends sehen, nehme keinerlei Besuche an, und der Graf habe bereits zwei auswärtige Nervenärzte zu Rate ziehen müssen. Es scheine sich um einen Zustand allgemeiner tiefer Depression zu handeln, für die eine Erklärung offenbar schwer zu finden, Heilung wahrscheinlich nur durch einen Aufenthalt im Süden zu erhoffen sei. Doch lehne es die Gräfin mit Bestimmtheit ab, die Stadt zu verlassen.

Der Gatte der Gräfin Berta vernahm die schlimme Kunde mit Bedauern, war im Grunde aber doch froh, um das Zusammentreffen mit Erna in Gegenwart Bertas herumgekommen zu sein, und er hoffte, daß diese auf alle Fälle peinliche Begegnung auch bei der großen Abendgesellschaft, die er darum recht bald zu geben sich entschloß, nicht stattfinden würde.

Indessen: Das gräflich Pfründtensche Paar nahm an.

Henry Felix erschrak, wie er seine ehemals so frische, blühende Zelmi sah. Sie schien um zehn Jahre gealtert und machte den Eindruck einer schwer Leidenden. Ihre fahl gewordene Haut hatte etwas Welkes bekommen, ihr Gang war müde, ihr Lächeln maskenhaft. Nur die Augen hatten einen sonderbaren Glanz. Aber es war etwas Starres darin, auch wenn sie niemand fixierte.

– Sie nimmt Arsenik, dachte sich der Graf, wie er ihren auf Berta gerichteten Blick beobachtete. Diese Augen sind wie vergiftet durch ein Stimulans.

Die beiden Gräfinnen wechselten nur wenige Worte, dann wandte sich Erna an Henry Felix und sagte laut: »Ich bereue es nicht, trotz meiner Krankheit gekommen zu sein. Es ist ein Genuß, so eine schöne junge Frau betrachten zu können, die so zuversichtlich und stolz ins Leben blickt, als gäbe es nichts Dunkles, Unabwendbares.«

Henry Felix wußte nur mit einer Phrase zu antworten, die schmeicheln sollte, aber wie eine Beleidigung wirkte.

Gräfin Erna trat nahe an ihn heran und flüsterte: »Auch ihre Stunde kommt. Diese Gewißheit ist meine letzte Freude. Oder glaubst du wirklich, ich bin hier, mich an deinem, ihrem Glücke zu weiden? Glaubst du, Gespenster kommen, um Lebenden Vergnügen zu machen?... Schweig...! Ich weiß, du wärest froh, wenn ich nicht gekommen wäre. Und gerade darum bin ich gekommen. Du sollst dich nicht bloß sonnen dürfen, mein Lieber. Ich kenne deine Einbildung, ein Sohn des Glücks zu sein, den nichts im Genusse stören kann, und ich will sie erschüttern. Du hast nicht umsonst einen Schatten aus mir gemacht. Er soll dich verfolgen.«

Nach diesen Worten wendete sie sich kurz von ihm ab.

Während der Tafel saß sie im Rauschen des Gespräches, das sich mit der zunehmenden festlichen Stimmung mehr und mehr belebte und schließlich zu dem an- und abschwellenden Gewirre von Flüstern, durchdringenden Worten, aufklingendem Gelächter und lautem Durcheinanderreden wurde, wie es das Warmwerden bei üppigen Speisen und Weinen mit sich bringt, – bei alledem saß sie schweigend, in sich versunken da, kaum etwas zu sich nehmend, selten nur den Blick zur Rechten oder Linken wendend, aber manchmal starr zu Henry Felix hinübersehend, der unwillkürlich die Stirn runzeln mußte, wenn er sich von diesem unheimlich durchbohrenden und dennoch gleichgültig scheinenden Blick getroffen fühlte.

So heiter die Gesellschaft wurde, und so sehr er sich bemühte, mit heiter zu erscheinen, so unbehaglich war ihm zumute.

– Weiß Gott, dachte er sich, es sitzt ein Schatten am Tische. Und er rief sich sein erstes »Zauberfest« in die Erinnerung zurück, das durch die jetzt so Düstere in seinem Gedächtnis lebte als das Fest der Farbe des Lebens. Damals war Frühlings Anfang nahe gewesen, und bald war jener Mai gekommen, der ihn so glücklich gemacht hatte durch den Stolz, die schönste Frau der Stadt gewonnen zu haben. Nur ein paar Jahre waren vergangen seitdem, und diese Schönheit war verwelkt. – Weshalb? – Durch seine Schuld etwa? – Unsinn! Nur, weil diese da den Sinn des heiligen Lebens nicht verstehen wollte, wie er in ihm verkörpert war. Weil sie den aberwitzigen Begriff der Treue dem Leben aufzwingen wollte, das für solche Konstruktionen eines beschränkten Frauengehirnes keinen Raum hat.

Der Oberst schlug ans Glas und hielt eine soldatisch straffe Tischrede zur Begrüßung der jungen Gräfin. Die Gläser klangen aneinander, die Regimentsmusik, unter dem Säulengang des Schloßeingangs draußen aufgestellt, blies einen schmetternden Tusch, und wieder, wie damals, glühten die Lampen im Garten auf, erstrahlten die Stallgebäude im roten Lichte des Scheinwerfers. Aber der Garten war winterlich, ohne junges Grün, und das Ganze hatte etwas Kaltes, Strenges.

Henry Felix sah, fühlte das nicht. In ihm war nichts Winterliches, und selbst der Schatten am Tische trübte nur vorübergehend die Sonne seines stolzen Glückes, denn er sah, wie Berta mehr und mehr bewundert wurde, und wie die kühle Zurückhaltung der Gesellschaft ihr gegenüber einer deutlichen Anerkennung ihrer vornehmen, sicheren Art, sich als Dame des Hauses liebenswürdig und edel gemessen zu bewegen, wich. Und er bewunderte sie selbst und fand eine stolze Genugtuung in dieser Bewunderung. Wie ihre Augen leuchteten! Wie adelig jede ihrer Bewegungen war! Wie fein und klug sie zu reden, wie anmutig sie zu lächeln verstand! Und: wie strahlte ihre sieghafte Schönheit, gehoben durch eine Gesellschaftstoilette, neben der alles übrige Kleiderwerk provinzial kümmerlich wirkte. Diese geborene Kraker erschien unter diesen geborenen Aristokratinnen als eine geborene Königin.

Ihr beglückter Gemahl warf einen vergleichenden Blick auf die Gräfin Erna, und dieser Blick sagte: Wegen dieser verwelkenden Butterblume hätte ich auf diese in höchster Frische und Pracht stehende Rose verzichten sollen? Mag sie verschrumpfen, wenn sie keine Kraft hat, weiter zu blühen. Ich bin der Mann nicht, mich an kraftlos Verkümmerndes zu ketten.

Und es war wahr. Gräfin Erna bot mehr und mehr das Bild müder, versiechender Kraft, je lauter und fröhlicher es an der Tafel wurde. Es war, als fiele sie in sich zusammen, obwohl sie sich äußerlich mit krampfhafter Anstrengung steif aufrecht erhielt, zuweilen nervös laut auflachend und sprunghaft gesprächig werdend. Sie begann hastig zu trinken, als wäre plötzlich ein wütender Durst über sie gekommen oder eine verzweifelte Begierde, sich zu berauschen.

Als die Tafel aufgehoben wurde, wankte sie, griff mit beiden Händen nach der Stuhllehne und sank wieder in den Stuhl zurück.

Ihr Mann und Henry Felix verließen ihre Damen und eilten zu ihr.

»Ich bringe dich nach Hause,« sagte Graf Pfründten; »du hast dir zuviel zugemutet.«

»O nein,« antwortete sie; »es sieht sich nur für den Augenblick so an. Ich brauche Luft und Ruhe. Luft und Ruhe. – Bitte, Graf, lassen Sie sich von Ihren Hausherrnpflichten nicht abhalten, und auch du, Adalbert, bitte, sorge dich nicht. Es geht alles vorüber. Alles. – Geben Sie mir jemand mit, der mich in den Garten begleitet, Graf. Bis zu Ihrem Pavillon. Sie... zeigten ihn mir einmal. Es steht ein Ruhebett darin.«

Henry Felix erschrak und murmelte: »Aber um Gottes willen, dort ist es kalt.«

– »Eben drum. Ich brauche Frische. Hier ersticke ich.«

– »So darf ich gnädigste Gräfin wenigstens selbst begleiten!«

– »Wo denken Sie hin! Ihr Platz ist jetzt nicht in der Nicchietta. Ihr Platz ist an der Seite Ihrer Frau.«

»Wollen wir nicht doch lieber...« begann ihr Mann.

»Bitte, quäle mich nicht,« entgegnete sie und drückte seine Hand fest, indem sie ihn sonderbar tief ansah: wie eine flehende, maßlos Leidende.

»Tun Sie ihr den Willen, Graf!« entschied der Oberst. »Sie ist krank und weiß wohl am besten, was ihr jetzt dienlich ist.«

»Ja, Adalbert,« sagte dankbar die Gräfin; »niemand weiß das; nur ich. – Und nun gehen Sie!« wandte sie sich fast herrisch an Henry Felix.

,»Wie Gräfin befehlen!« erwiderte der, während Graf Pfründten wegschritt, und es klang etwas wie Trotz, aber auch etwas wie Angst durch. Dann: »Was hast du vor!? Ich lasse dich nicht allein!«

Gräfin Erna sah ihn starr an: »Was ich vorhabe? Nichts! Ruhe! Und ich will ja auch nicht allein bleiben. Schick mir die Schwarze! Den Schlüssel zur Muschel hab ich bei mir. Einmal darf ich sie doch wohl noch betreten.«

Sie schlug an ihr Täschchen, in dem es klirrte.

Henry Felix wurde es immer unbehaglicher zumute. Er sagte sich: ich darf sie nicht gehen lassen, und er ergriff ihre eiskalte Hand, murmelnd: »Ich bitte dich! Ich flehe dich an! Bleib! Geh jetzt nicht weg von mir!«

– »Von dir? Wie du schön lügen kannst, wenn du bettelst! Wie du mir zum Ekel bist!«

In diesem Augenblicke rief Bertas Stimme: »Henry!«

Ihm war, als hörte er die Stimme des Lebens, der Liebe selber neben, über dem Geröchel des Todes und der Verachtung.

– »Sofort, Liebe! Ich komme!«

Und er ging.

Erna sah ihm leer nach. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln voll Haß, Schmerz, Ekel.

Nach einer Weile trat Lala lautlos durch eine Türe und kam ebenso lautlos auf die Gräfin zu, die sie erst wahrnahm, als sie vor ihr stand. Sie erschrak vor dem häßlichen, unterwürfig grinsenden Gesicht der unbewegt vor ihr Stehenden.

Aus einem der Nebenräume klang ein Walzergesäusel von Geigen auf. Erna kannte den Text, schmalzig, wie die Weise:

Laß mich nicht einsam sein,
Komm, mich zu führen
Tief in den Wald hinein,
Dort sollst du spüren,
Wie ich so lieb dich hab,
Du, du, du, du, du, du!
Liebe ist Seligkeit,
Stürmen und Ruh.

»Gehen Sie mir voran!« sagte die Gräfin barsch, gepeinigt von den unausstehlich zärtlichen, girrend verliebten Tönen, mit denen sich ihr der plattsüßliche Sinn des Textes widerlich aufdrängte.

Lala schüttelte blöd tuend den Kopf, wies auf ihre Ohren und sagte schwerfällig mit dem barschen Tone einer Tauben: »Lala nicht versteht Worte; nur Zeichen.«

Erna erhob sich müde, deutete ihr an, daß sie vorausgehen sollte und schritt hinter der lautlos zur Tür Gehenden drein in den Garten hinaus.

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