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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 121
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Sinfonia erotica

Sanna und Jeremias hatten sich unter der Hochzeit der »Kinder« ein inniges Familienfest unter Zuziehung einiger Pastoren vorgestellt, mit kleinen, weiß gekleideten Mädchen aus der Verwandtschaft, die Blumen streuten und sinnige Gedichte aufsagten, und schüchtern fröhlichen Brautjungfern, die ein passendes Lied einstudiert hätten, das unter Harmoniumbegleitung auf die höhere Bedeutung der Ehe hinwies. Dann ein gutes, festliches Mahl mit einer Ansprache des Brautvaters, einigen Reden der Pastoren und zum Schluß vielleicht einem mehr heitern Toast des Traktätchenverlegers aus Sannas Familie, der trotz seiner ernsthaften Verlagsrichtung nach dem einstimmigen Urteil der Verwandtschaft eine »humoristische Ader« besaß.

Nichts von alledem geschah. Nichts von alledem. Braut und Bräutigam waren unerbittlich. Sie lehnten durchaus jede Feierlichkeit ab und hielten nach der Trauung nur eine Art Cercle im Hause der Eltern inmitten der betreten herumstehenden elterlichen Sipp- und Magenschaft, zwischen deren schwarzen Röcken und Kleidern die prächtige Uniform des jungen Gatten und die blendend schöne Pariser Toilette der jungen Frau sich ausnahmen wie der Brustglanz und die Schweifpracht von Paradiesvögeln zwischen Krähen und Raben. Dann tauschten sie die obligaten Abschiedsküsse mit den Eltern, die für alles, was ihre herzensharte Frömmigkeit je an ihnen gesündigt haben mochte, durch die Unherzlichkeit dieses Abschieds, die zumal Berta nicht im mindesten auch nur zu bemänteln für nötig hielt, überstreng bestraft wurden. Die gräflich Hauartsche Equipage, mit zwei prachtvollen Isabellen bespannt, John in höchster Gala neben einem unendlich vornehmen Kutscher auf dem Bocke, führte sie in das exklusivste Hotel der Stadt.

Die beiden Alten blieben mit dem dumpfen Gefühl zurück, nun auch ihr zweites Kind ganz und für immer verloren zu haben. Kondolenzstimmung lastete auf der mehr noch bedrückten als beleidigten Hochzeitsgesellschaft, die sich bald still empfahl.

Sanna und Jeremias, zwei Gebrochene, sahen sich stumm an. Die alte harte Frau wurde weich und weinte, wie ein Kind aufschluchzend und in ratloser, rührender Verlassenheit um sich blickend. Jeremias nahm sie an der Hand und führte sie zum Sofa. Er setzte sich, ihre linke Hand immer in seiner rechten behaltend, neben sie und streichelte ihre nassen Backen mit seiner Linken. Er weinte nicht, aber in seiner Stimme waren Tränen, als er sprach: »Nun haben wir bloß noch unsern Gott, in dem wir sterben wollen, Sanna. So schlimm hat uns nicht einmal Karl verlassen.«

»Nein, nicht so schlimm,« schluchzte Sanna auf »Womit haben wir das verdient, Jeremias? Womit!?«

»Das laß bei Gott«, sagte der alte Mann. »Er wirds wissen, warum er uns so hart bestraft. Wir dürfen nicht murren.«

»Aber ich ertrag es nicht, Jeremias. Nein, ich ertrag es nicht,« weinte Sanna. »Es hat mir das Herz zerrissen, wie ich in ihren Augen nichts sah, als die kalte Freude, fortzukommen; fort von uns, Jeremias, wie von zwei Feinden. Und... ich... hab... sie doch... so... geliebt!«

Jeremias drückte ihre Hand.

»Man könnte wohl schwach werden, Sanna,« sagte er, »und irre. Ja, weine nur, weine! Weine über uns und über sie! Das kann nicht Sünde sein. Aber halte dich fest im getreuen Glauben. Wir haben sonst nichts, das uns noch stützen könnte auf dem letzten, und so Gott will, kurzen Wege.«

Da wandte sich Sanna voll zu ihm und legte ihre freie Hand auf seine Schulter. »Doch, Jeremias,« sagte sie innig, »nun haben wir uns. Erst jetzt haben wir uns. Ach Gott, erst jetzt. Wir waren keine rechten christlichen Eheleute, Jeremias; nein, wir warens nicht. Wir sind immer verschlossen nebeneinander hergegangen, jeder mit seinen eigenen Gedanken. Ach, Jeremias, wir sind zu hart gewesen, gegen uns selbst zu hart, und gegeneinander zu hart, und am schlimmsten hart gegen die Kinder. Ich kann nicht mehr, Jeremias, ich kann nicht mehr. Du mußt mich halten und gut zu mir sein!«

Da mußte Jeremias weinen, und sie sprachen nicht mehr.

 

Indessen kleidete Henry Felix seine Gattin aus und sank vor ihrer nackten Schönheit in die Knie, die herrlicher war, als alles, was er von ihr geträumt hatte, und viel herrlicher als alles, was seine Augen je gesehen, seine Hände je gefühlt hatten.

»Du bist ein Wunder!« rief er aus und küßte ihr Füße, Knie, Scham und Brust. »Auf der ganzen Welt ist keine Schönheit wie deine. Du bist das Schönheit gewordene heilige Leben. Und wenn du eine Verbrecherin wärst und keinen Gedanken hättest, als meinen Mord, und ohne alles Gefühl für mich, außer Haß und Abscheu, – ich müßte dich lieben und anbeten und jede Schändlichkeit deiner Gedanken und Gefühle verehren, weil sie aus diesem vollkommenen Frauenleibe kommt. Wie deine Brüste sich absetzen von der vollen Brust, spannweit auseinander, jede ein Kleinod für sich, zugespitzt zu zwei rosahauchigen Teerosenknospen, in leisester Schwellung aber dennoch sich vereinigend, fest und gefügig wie zwei zellenreiche Früchte des Südens, prall voll Saft und eine Haut straffend, für die jeder Vergleich eine Beleidigung wäre; wie eine leise Falte, mehr Andeutung als Unterbrechung, zu den Achselhöhlen mit den kleinen goldseidenen Locken hinüber, hineinschwingt; wie edel und voll der Hals sich ansetzt; in welch holder, sanfter, süßer Schräge die Schultern abfallen bis zu der wollüstigen Rundung des Armansatzes; wie wonnevoll der Leib gegliedert ist, nichts Masse, nirgends Verschwommenheit; wie sanft geschlossen die schlanken, festen und doch nicht harten Schenkel sich berühren, als müßte dein Fleisch sich selbst liebkosen mit dieser Haut, die wie die Wollust selber duftet, und die nur anzurühren, schon volle Wollust ist; wie kindlich weich und weiblich rund deine Knie sind; deine Waden wie sanft und doch bestimmt geschwungen; deine Füße wie edel und fest in der Gliederung, jede Zehe ein Kunstwerk, jeder Nagel ein Juwel, ganz gleich an Schönheit deiner Göttinnenhand, von der ein Schlag selbst Glück, ein Streicheln sein muß, – ach, Berta, Einzige, Ewige, ich schwöre dir, daß ich dich immer geträumt habe wie den Inbegriff alles dessen, was zur Liebe reizt und den Mann zum besinnungslos selig unterwürfigen Sklaven macht, daß aber auch meine entzücktesten, bis zur Raserei brünstiger Sehnsucht überschwingenden Träume nichts waren als schwache, leere Vorspiegelungen deiner Wirklichkeit, die jeden Traum zur schwächlichen Albernheit stempelt.«

Er legte seine Hände in ihre Achselhöhlen, ließ sie hinabstreichen an den Seiten, umfaßte die schwellende Rundung hinterhalb der Schenkel, drängte leise die sich berührenden auseinander, schob seinen linken Arm dazwischen, legte seinen rechten Arm um Rücken und Brust und trug sie zum Bett.

Da wurde Berta ihrem Schwure untreu, nie Karls zu vergessen in Henrys Gegenwart. Sie vergaß sich selbst in einer so wollustvollen Hingabe, daß sie nichts fühlte, als diese Mannheit über, um, in sich, – daß es ihr schien, als sei sie selbst zu einem Teile dieses Mannes geworden, oder dieser Mann das wichtigste Organ ihres Körpers, sie umschließend mit einem Geäder frömender Kraft, oder er und sie ein neues Wesen, untrennbar ineinander übergegangen wie zwei Wellen, Tropfen für Tropfen vereinigt, heiß erfüllt, stromvoll durchbraust, wonnevoll bewegt von einem Triebe, einer Stärke, einer Lust.

Sie dachte nicht nach, wie das sein konnte, da dieser Mensch, der jetzt Gewalt über sie hatte bis zur Austilgung unabhängig eigenen Selbstgefühls, der sie mit sich erfüllte bis in die kleinste Ader, der es machte, daß sie Leben jetzt nur fühlte in seinem Leben und damit ein Leben, unendlich voller, mächtiger als jemals Leben ihr bewußt geworden war: jede Sekunde ein ganzer Lebensinbegriff, rastloses Ausfühlen und Vergessen der Existenz zugleich, – sie dachte nicht nach, wie all dies sein konnte, da dieser Mensch ihr doch verhaßt und das Ziel ganz anderer Wünsche ihres Herzens war. Er, der Fremde, Feindliche, der Inbegriff alles Verächtlichen, Abscheulichen für sie, nahm sie so ganz ein, daß selbst ihr Haß gegen ihn jetzt in seinem Besitze war, aufgesaugt von seiner Leidenschaft, zu einem Teil seiner Kraft geworden, wie alles, was sie an Lebenskraft besaß und strömend hingab in einer uneindämmbaren Begierde, aufzugehen, hinzugeben, ganz zu vergehen in einem wollustvollen Verzehrtwerden.

Aber, wie sie keinen Haß fühlte inmitten der ersten Flammen ihrer solange gebändigten und nun schrankenlos frei gewordenen Sinnlichkeit, so fühlte sie auch keine Liebe. Sie küßte ihn nicht, sie saugte an ihm. Ihr Mund hatte keine zärtlichen Worte, nur Stöhnen. Wollte er sprechen, so preßte sie seinen Mund auf den ihren. Wenn er in den Pausen des nachströmenden Genusses von ihr lassen wollte, so umklammerte sie ihn nur noch fester, denn seine Last schon war ihr Entzückung. Die Augen hielt sie fest geschlossen, daß sie beinahe schmerzten. Finsternis wollte sie um sich haben, samtene Schwärze, bläulich durchfunkt von tropfenden Sternen oder wie mit gelben Blitzen aus wirbelnden Lichträdern zerrissen. Und nichts hören, als das Keuchen seines heißen Atems über ihr und die eigenen stöhnenden Seufzer der Wollust.

Alles, was sie je gelesen, alles, was die eigene Phantasie ihr je zugetragen hatte aus dem ziellosen heißen Ungestüm ihres Blutes, alle Phantasmagorien aus dem leeren Gedränge ihrer Selbstumarmungen sollten jetzt Wahrheit werden. Sie wollte bis zu dem Punkte dringen, wo aus Wollust Schmerz wird, aus dem triumphierenden souveränen Genuß die Verzweiflung des Unvermögens und daraus wieder die Lust am Schmerzzufügen.

Sie wußte um alle Ekstasen, ihr Verstand wußte sie, und ihr Instinkt ahnte sie; in ihren Wünschen fehlte nichts, was Eros zu bieten, was das Tier mit dem doppelten Rücken zu leisten vermag. Was aber darüber hinausgeht: Psyches Mitgift an unanimalischen Werten, das Einswerden zweier Menschenherzen durch die Liebe, die den Genuß zur Innigkeit vertieft und aus dem Hirschpark das Paradies macht: das fehlte in ihrem erotischen Programm, wie die Melodie im Gewieher einer brünstigen Stute fehlt.

Ein Glück für Henry Felix, daß es fehlte. Solchen Wünschen hätte er nicht genügen können, denn auch er fühlte nur Brunst, nicht Liebe. Da aber bei ihm zur Begierde die Erfahrung kam, erwies er sich allen Anforderungen dieser gewitterisch stürmischen Brautnacht voller Spannungen und Entladungen völlig gewachsen, – von Gnaden seiner kräftigen Natur sowohl, wie mit Hilfe klug abwechselnder Kunst.

Wenn er trotzdem nicht imponiert, sondern nur nicht enttäuscht hatte, so lag das nicht an einer Insuffizienz seiner Fähigkeiten, sondern daran, daß Graf Henry Felix Hauart der Gräfin Berta auf diesem Felde der Tätigkeit zwar einstweilen Genüge zu tun vermochte, nicht aber imstande war, auf irgendeinem Gebiete zu imponieren.

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