Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 120
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
Schließen

Navigation:

Am häuslichen Herde

Beklemmender Auftakt

Ehe Henry Felix zur Hochzeit nach Hamburg reisen konnte, hatte er böse Prüfungen in der Muschel zu überstehen.

Da er die bestimmte Empfindung hatte, daß die Gräfin schwierig werden und ihm eine heftige Szene machen würde, wenn sie von seiner Absicht, zu heiraten, erfuhr, hatte er eine öffentliche Verlobungsanzeige vermieden, gleichzeitig aber einen sehr frühen Hochzeitstermin festgesetzt, um das Unvermeidliche so schnell als möglich hinter sich zu haben. Mittlerweile kam er seinen Pflichten als Jussuff mit der besonderen Beflissenheit des schlechten Gewissens nach und ließ sich nicht das mindeste anmerken.

Die ahnungslose Zelmi schwamm in tausend Wonnen, und, als Prinz Assi es sich nicht hatte verkneifen können, von der schönen Hamburgerin in Blau zu erzählen, die für den gestürzten Grafen ein so lebhaftes Interesse an den Tag gelegt hatte, gab sie die Legenden, die sich sofort daran geknüpft hatten, im Muschelbette lachend wieder und meinte: »Siehst du nun, daß ich nicht eifersüchtig bin? Ich habe dir deine schöne amerikanische Puppe gegönnt und gönne dir auch deine himmelblaue Hamburgerin, obwohl die vielleicht gefährlicher ist, weil sie offenbar etwas Gefühl für dich hat. Aber eine wirkliche Gefahr kann ich in all diesen Wesen nicht erblicken, die bloß für die liebe Eitelkeit oder das obligate Amüsement der Herren der Schöpfung da sind. Ihr habt nun mal eure nicht ganz stubenreinen Reservatrechte, ihr großen Sultane. Bloß Bürgerweibchen können sich darüber nicht hinwegsetzen. Mir bereitet es eine Art Genugtuung, zu wissen, daß du kein Duckmäuser bist und, vor allem, daß du mich in meinem Selbstgefühle nicht erniedrigst durch die Wahl von Gelegenheitsdamen aus dem Durchschnitt. Je mehr ich höre, wie über alle Maßen schön und elegant die Liebeskünstlerinnen deines Umganges sind, um so mehr erkenne ich die Höhe des Ranges, den ich einnehme. Du huldigst mir durch deinen Geschmack, und ich würde mich dieser Huldigung unwürdig erweisen, wenn ich so geschmacklos wäre, auf die là-bas eifersüchtig zu sein.«

Als aber, woran der glückliche Bräutigam gar nicht gedacht hatte, das gesetzlich vorgeschriebene Aufgebot im Regierungsboten erschienen war, änderte sich die Tonart der duldsamen Aristokratin mit einer Heftigkeit, die alle seine Befürchtungen weit hinter sich ließ.

Die Gräfin erschien in Hainbuchen, obwohl nicht Muscheltag war, wartete die Meldung durch John kaum ab und trat dem erschrockenen Henry Felix, der eben mit der Ordnung aller an ihn gerichteten Briefe Bertas beschäftigt war und das letzte Bild der zukünftigen Gräfin Hauart mitten zwischen diesen vor sich liegen hatte, dicht unter die Augen, zog den Regierungsboten aus ihrem Täschchen und sagte: »Ist das wahr?«

Henry Felix warf mechanisch einen Blick auf das Blatt, las seinen und Bertas Namen und – lächelte.

Es war aber ein verzerrtes Lächeln, ein Lächeln wider Willen, wie es manche Kinder angesichts der Rute zeigen; der letzte Versuch einer Bitte und schon der Übergang zu einem abwehrenden oder trotzigen Schrei.

In Ernas Augen war es eine höhnische Grimasse.

Sie ließ ihn nicht zu Worte kommen und sagte, scheinbar ruhig, aber mit einem Tone tiefster Empörung, Verachtung, Drohung: »Lügner!«

Der erste Schlag war gefallen; Henry Felix lächelte nicht mehr; er trotzte.

»Was fällt dir ein!« sagte er leise; »ich habe dir nie versprochen, nicht zu heiraten.«

Die Gräfin lachte kurz auf: »Willst du mich nicht vielleicht auch darauf aufmerksam machen, daß wir kein Ehepaar sind, daß nichts Schriftliches zwischen uns existiert, daß du keine ›Pflichten vor Gott und der Welt‹ gegen mich hast? Daß du im Rechte, daß du frei bist? Daß eine verheiratete Frau, die deinetwegen die Ehe gebrochen hat, keinen Anspruch auf Rücksicht hat? Daß sie froh sein muß, wenn du vielleicht künftig so liebenswürdig sein willst, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und einmal deinerseits die Ehe mit ihr zu brechen?«

Henry Felix hatte in der Tat derartiges sagen wollen, und er wußte nun, da er dies nicht sagen durfte, gar nichts zu sagen.

Er spielte nervös mit den Briefen Bertas und warf einige von ihnen auf das Bild, um es zu verdecken.

Aber der Gräfin entging dieser Versuch nicht. Sie ergriff das Bild, warf einen haßvollen Blick darauf und sagte bös und verächtlich: »Das ist also das himmelblaue Fräulein Kraker aus der Hamburger Verwandtschaft, das an der Grafung teilnehmen soll.«

Das war der zweite Schlag, und der traf anders als das Wort Lügner.

Henry Felix wurde blaß vor Wut; seine Zähne schlugen aufeinander; er machte einen Schritt auf die Gräfin zu, riß ihr das Bild aus den Händen und knirschte: »Du gehst zu weit. Ich rate dir, in diesem Tone nicht mit mir zu reden. Nicht in diesem Tone! Sonst, – was du willst.«

Die letzten Worte waren nicht verächtlich gemeint, aber sie klangen so, und Erna hörte aus ihnen überdies ein Wort heraus: Schluß!

Ein Zittern lief über ihren ganzen Körper. Sie mußte sich mit den geballten Händen auf den Tisch stützen, um nicht vornüber zu fallen. Es wurde ihr rot vor den geschlossenen Augen, dann schwarz. Als sie die Augen öffnete, starrte Haß und Verzweiflung den noch immer im Tiefsten Wütenden, zu jedem trotzigen Widerschlag eben noch Entschlossenen, nun aber vor der maskenhaften Starre dieses feindselig schmerzlichen Ausdrucks heftig Erschreckenden an.

Er flüsterte, fast bettelnd: »Beruhige dich doch. Nimm nicht so schwer, was Notwendigkeit mich zu tun zwingt und was durchaus kein Grund zur Feindschaft zwischen uns ist. Erhalte mir deine Freundschaft, ohne die ich nicht leben kann. Behalte mich in deinem Herzen, wie ich dich in meinem behalte.« Er reichte ihr die Hand hin. Sie starrte darauf, wie auf eine unbegreifliche fremde Erscheinung. Die steile Falte zwischen ihren Brauen wurde noch tiefer. Etwas Ratloses, Irres kam in ihren Blick. Dann schüttelte sie langsam den Kopf und sagte: »Ich kann nicht neben einer anderen in deinem Herzen sein. Du hast nur die Wahl zwischen ihr und mir. Überleg dirs.«

»Aber ich darf ja nicht mehr zurück!« rief Henry Felix gequält und trotzig aus. »An dir ists, zu überlegen, ob es verständig und in unserm gemeinsamen Interesse ist, sich gegen etwas Unabwendbares feindselig aufzulehnen.«

– »Etwas Unabwendbares.«

Erna nickte langsam mit dem Kopfe und fuhr sich mit dem Rücken ihrer weißbehandschuhten Rechten über die Stirn.

»Es ist gut,« fuhr sie müde fort. »Ich gehe. Wenn die Gräfin Hauart hier eingezogen sein wird, hörst du wieder von mir.« – Sie vermied es, ihn anzusehen, blickte leer über den Tisch weg und flüsterte: »Es wird in der Tat verständig und jedenfalls in meinem Interesse sein, daß ich nicht unter denen fehle, die das junge Paar zur Hochzeit beschenken. Denn es würde auffallen, wenn ich allein es unterließe, mich mit einer Gabe einzustellen. Und wir haben ja bisher alles Auffallen so schön vermieden.«

Sie drehte sich um und ging langsam hinaus.

»Erna!« rief Henry Felix ihr schmerzlich nach.

»Ja, ja!« klangs unter der Tür zurück.

Henry Felix wußte nicht, als was er sich diese seltsame doppelte Affirmation auslegen sollte. Er fühlte nicht, welches Maß von Verneinung darin lag. Er spürte nur, daß etwas Endgültiges ausgesprochen war.

Und das war ihm im Grunde nicht unangenehm.

Zwei Ehefrauen, meinte er bei sich, wäre des Guten am Ende doch zu viel. – Sie tut mir ja leid, aber, wenn sie zur Ruhe gekommen sein wird, wird sie einsehen, daß ich mich durchaus rücksichtsvoll benommen habe.

Damit war die Sache für ihn erledigt, und er vergaß den letzten Besuch Zelmis bald über den vielen Besorgungen, die ihm jetzt oblagen.

An etwas anderes, das er längst vergessen hatte, erinnerte ihn ein Brief, der kurz nach der Veröffentlichung des Aufgebotes bei ihm eintraf und folgenden Wortlaut hatte:

      »Mein lieber Henry!

Dein Leben und dein Glück hat mich überallhin begleitet, obgleich ich nur selten in deiner Nähe gewesen bin (doch habe ich dich zweimal siegen sehen, mein geliebter Kosak: einmal in Baden-Baden, einmal in Carlshorst), und so weiß ich denn auch, was am fünfzehnten Dezember in Hamburg geschehen wird. Ich wußte es schon, als ich deine Nennung für das letzte Rennen las. Einen Moment war ich unschlüssig, ob ich nicht hinreisen und dich abhalten sollte, das Haus aufzusuchen, in dem ich dich zum ersten Male aufgesucht habe. Ich habe es unterlassen, weil ich mir sagte: er will diese Gefahr bestehen, also soll er sie haben. Der Männer Spielzeug ist die Gefahr. Gut, daß er ein Mann ist. Und: mit dieser Gefahr muß er sich auseinandersetzen. Es ist besser, sie lauert ihm nicht von ferne auf. Er wird sie in der Nähe sicherer erkennen, und er wird sie dann eher beseitigen können. – Du siehst, ich denke über die Sache um keinen Schatten besser als früher. Der glückliche Bräutigam wird jetzt anders darüber denken. Das ist sein Bräutigamsrecht. Aber die Pflicht des Ehemanns wird sein, gut aufzupassen und nicht um die Gefahr herum, sondern ihr gerade ins Antlitz zu sehen, – wie immer es sich auch maskieren möge. – Da ein verliebter Mann aber Zustände von Blindheit zu haben pflegt, bestehe ich darauf, daß die zwei wachen und scharfen Augen bei ihm sind, die ich zu Wächtern über sein Glück bestellt habe. Meine schwarze Dienerin wird, so schwer es mir und ihr fällt, sich von mir trennen, um zu dir zu kommen. Hinterlasse Anweisungen, daß sie auch während deiner Abwesenheit in dein Haus aufgenommen wird. Ich brauche dir nicht zu sagen, daß deine Frau nie erfahren darf, von wem sie gekommen ist, und daß sie sich nur taub und blöde stellt. Lala wird sich nie verraten, und die künftige Gräfin Hauart wird bald darauf schwören, daß sie in ihr eine schwarze Perle besitzt. Es gibt nichts Verschlageneres, Heimtückischeres, Grausameres gegenüber jedermann, mich und nun dich ausgenommen als diese meine ›dunkle Schwester‹. Laß diesen Namen als eine Wahrheit und Sicherheit in dich dringen. Ich bin bei dir, wenn Lala bei dir ist. In Person aber werde ich an deiner Seite sein, sobald es not ist, sobald die Entscheidung fällt, durch die die Gefahr endgültig beseitigt werden wird. – Inzwischen, mein teurer, teuerster Henry, genieße, was an ihr zu genießen ist. Daß du nicht das finden wirst, was man Liebe nennt, wird dir bald aufgehen. Dieser Mangel wird dich nicht drücken. Du gehörst nicht zu denen, die dieses Gefühl, das eine, vielleicht, schöne Einbildung, aber nur für die Schwachen im Fleische, ist, brauchen, um glücklich zu sein. Laß diese Einbildung immerhin zuweilen in dir lebendig werden. Sie gibt den Dingen des Genusses goldige Farbenränder und einen schönen, satten, tiefen Hintergrund. Aber mehr als eine Fata Morgana des Gefühles ist sie nicht, – wenigstens nicht für deinesgleichen. Glaube mir, mein innig Geliebter, den ich mit einer Liebe umfasse, die mit jener Fata Morgana nichts zu tun hat, denn es ist jene einzige, aus den Sinnen kommende und doch unsinnliche Liebe, die lebendige Wirklichkeit ist, – glaube es mir: Du bist nur einer Liebe fähig, und das ist die Liebe zu dir, zu deinem Schicksal und damit, ich hoffe es, zu mir. Die goldfarbigen Ränder werden an den Dingen des Genusses, den du jetzt ersehnst und bald genießen wirst, nicht lange vorhalten. Laß dich das nicht kümmern und sei nicht enttäuscht. Es liegt so in deiner Natur, die dafür nur um so intensiver wirklich genießen darf. Und es liegt in diesem Falle auch daran, daß deine Partnerin darin genau wie du angelegt ist, wenn auch auf anderer Grundlage. Nun, der Tag kommt bald, wo du den Urtext ihrer Empfindungen aus ihren Augen und – Handlungen lesen wirst. Den Kommentar dazu wird dir meine dunkle Schwester liefern.

Ich schließe dich, mein einzig Geliebter, in die Arme und küsse dich auf Mund und Stirn.

Deine Freundin
von Grund aus und in alle Ewigkeit.«

Wenn auf dem Grunde seiner Seele noch ein Rest der Beklommenheit war von der Szene mit Erna her (denn Vergessen ist noch nicht Vertilgen), und wenn auch sonst noch mancherlei unsicher Aufdrängendes, Verdunkelndes, Bedrückendes seine Bräutigamsgefühle zuweilen wolkenschattenhaft verdüsterte, – dieser Brief erfüllte ihn mit einer warmen Zuversicht voller Gewißheit und Selbstgefühl.

Der beklemmende Auftakt zur Ouvertüre der großen Oper seiner Ehe (wie er sie sich vorstellte) war verklungen: von hundert Geigen säuselte die Melodie eines leisen heißen Südwindes über dem Ozeangemurmel des ganzen Orchesters drängender, treibender, schwellender, wogender, aus wimmelnden Tiefen aufwärtsrauschender leidenschaftlicher Begierde auf.

 << Kapitel 119  Kapitel 121 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.