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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 119
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Noch zu keinem Rennen war Felix in dieser Aufregung gereist, wie zu diesem letzten der Saison, das in der großen Bahn bei Hamburg stattfinden sollte.

Sein Sieg auf dem »Terken« war der allgemeine Tip, und auch er zweifelte so wenig daran, wie an der Exaktheit des pythagoreischen Lehrsatzes.

Trotzdem wagte er es nicht, das Krakersche Haus vor dem Rennen aufzusuchen. Der Anblick Bertas hätte ihn, sagte er sich, um alle Ruhe gebracht, und er wollte vor ihren Augen glänzender, als je, siegen.

Er sandte in einem ungeheuren Strauße dunkelroter Rosen Karten für eine Loge und einen Brief an Berta, worin er sie bat, das Rennen auf alle Fälle zu besuchen, da er nur für sie reite und sich nach dem Rennen mit ihr treffen wolle. Unterschrieben: »der deiner Schönheit, Huld und Herrlichkeit lebenslänglich untertänige Henry Felix.«

Berta verstand diese Unterschrift vollkommen. Der rosenlippige Cherub ihrer Geduld war in den letzten Jahren mehr als einmal nahe daran gewesen, sich in eines der vier Tiere aus der Apokalypse zu verwandeln, die da »waren inwendig voll Augen und hatten keine Ruhe Tag und Nacht«. Aber immer wieder hatte sie ihn beschwichtigt und sich gesagt: Es kommt der Tag.

Jetzt war er da. Sie wußte es. Und die seit Karls Tode schwarze Stoffe getragen hatte, wählte heute zum ersten Male ein farbiges Kleid: türkisblaue, weiche, fließende Seide mit einem altgoldenen Gürtel. Es war betont einfach und kostbar zugleich und folgte nicht der Linie eines Modeblattes, sondern ihres Wesens, die nun bald achtundzwanzig Jahre alt geworden war und mehr die Schönheit einer ernsten wissenden jungen Frau, als eines jungen Mädchens mit obligater Unschuldsheiterkeit angenommen hatte. Was an dieser Schönheit als ebenso bezeichnend auffiel, wie der ruhige Ernst, war Stolz und Bestimmtheit. Sie hatte, ins Blonde, Norddeutsche übertragen, etwas von den Römerinnen Feuerbachs.

Als sie mit den Eltern, die neben ihr etwas rührend Komisches hatten (denn Jeremias sah aus wie ein bekümmerter Backpflaumenmann, und Sannas Äußere ließ die Wahl offen, sie für eine ältere Institutsvorsteherin oder eine bessere Hebamme zu halten), machte sie beim Logenpublikum, Damen wie Herren, unter denen niemand aus dem Krakerschen Kreise war, Sensation, und Prinz Assi, der zu Felixens Leidwesen Zeuge seines letzten Triumphes in diesem Jahre hatte sein wollen, bemerkte zu einem Standesherrn in Gardedukorps-Uniform: »Feodal! Friesisches Vollblut. Verstehe nur Begleiterscheinungen nicht. Unmöglich Produkt dieser Pastorenlenden. Königliche Person!«

Vor dem Hindernisrennen mit Felix auf dem Terken, das den Clou des Tages bildete, begab sich der Prinz zu seinem sieggewohnten Freunde. Es fiel ihm sogleich auf, daß Felix anders war als sonst: nervös, aufgeregt, ärgerlich.

»Na?!« fragte der Prinz, »unzufrieden? Paßt dem Terken was nicht auf der Bahn der Pfeffersäcke? Sieht doch aus wie immer. Aber Sie, Graf! Zappeln ja förmlich. Laus auf der Leber?«

Felix war ärgerlich, Rede und Antwort stehen zu müssen. Auch konnte er den Prinzen heute überhaupt nicht brauchen. Berta allein konnte er ja präsentieren. Aber das übrige Krakersche... Unangenehm.

In die Schranken reitend vermied er es, nach den Logen zu sehen. Zu seiner Aufregung Bertas wegen kam jetzt wieder die alte Wut auf die Krakerschen. – Wie fatal, daß der Prinz diese beiden bürgerlichen Karikaturen sehen mußte! Es war kompromittierend, – vor allem für später. Berta war für den Prinzen natürlich entwertet, wenn es herauskam, daß sie die Tochter dieser beiden unmöglichen Menschen war. Und es mußte ja herauskommen. Er konnte doch unmöglich behaupten, daß auch sie ein angenommenes Kind diskreter höchster Herkunft sei. – Scheußlich. Verhängnisvoll scheußlich.

– Er kam völlig aus der Kontenance. Der Gedanke an Berta, der ihn erhoben, mit mächtigen Hoffnungen, ja einer festigenden Zuversicht in seine Zukunft erfüllt hatte, erschien ihm nun mit schreckhafter Plötzlichkeit fragwürdig. Ein Abgrund ins Ungewisse tat sich vor ihm auf, wo er in dieser letzten, innerlich aufs angenehmste bewegten Zeit einen sanften Aufstieg in klare Ruhe und Sicherheit gesehen hatte. Es riß ihn zu Berta hin, es riß ihn von Berta weg. Statt eines Zieles sah er eine Frage. – Verfluchter Unsinn! brüllte der Reiter in ihm auf: das Band ist das Ziel; alles andere kommt jetzt nicht in Betracht, und er ließ den Terken einen Probegalopp machen.

»Wer auf einen anderen Gaul setzt als auf den Terken, wirft sein Geld weg,« bemerkte Onkel Tom, der kein Rennen versäumte, zu seiner in der Ehe mit einem anderen Gastwirt recht üppig gewordenen Tochter Franziska, die ihrerseits von seligen Erinnerungen aus der Jugendzeit durchwogt war, als sie den schönen Offizier galoppieren sah, dem ihre Jungfernschaft geopfert zu haben sie keineswegs bereute.

Onkel Tom aber winkte unausgesetzt mit seinem borstigen Zylinderhute, bis er es auf allgemeinen Einspruch unterlassen mußte. Er hatte fünfhundert Mark auf den Terken gesetzt, und er konnte sich das leisten.

– Solche Zeiten kommen nicht wieder! dachte sich Onkel Tom, der es dem Lyrischen Kükensalat zu verdanken hatte, daß er jetzt kein Budiker mehr war, sondern sich Hotelier nennen durfte.

»Donnerwetter, jeht der Aas ins Zeug!« rief er aus, als das Feld gestartet hatte und der Terke sich sofort in rasender Flucht an die Spitze setzte.

»Er hats schon! Er hats!« rief er nach der ersten Runde, als der Terke, alles übrige weit hinter sich lassend, vorüberbrauste.

»Haste jesehn, Fränzel« schrie er beinahe, »haste jesehn, wie er über den Wasserjraben weg is? Jeflogen is er! Jeflogen! Hätt ich doch bloß nen braunen jesetzt! Viel kommt ja nicht raus, aber n bisken is ooch wat.«

Da, als das Feld den Augen der Sattelplatzbesucher entschwunden war, erhob sich auf der Tribüne ein Gemurmel.

»Was is n los?« grunzte Onkel Tom und drehte sich um. Er sah, daß das Tribünenpublikum erregt nach einer bestimmten Richtung hin gestikulierte und die Logeninhaber sich sämtlich erhoben, und es fiel ihm auf, daß eine Dame in Blau eilig die Treppe hinablief. Und nun kam auch die Kunde schon beim Sattelplatz an: der Terke war hinter der Steinmauer zusammengebrochen, Pferd und Reiter lagen wie in einem Knäuel. Die Tausende, die auf den Favoriten gesetzt hatten, waren konsterniert, niedergeschlagen, wütend, empört, aber ihre Ausrufe, ihr Gemurmel ging in einem merkwürdigen halb verhaltenen Rauschen unter, das die nun verdoppelte Spannung der Menge zum Ausdrucke brauchte, die, zu neuen Hoffnungen erregt, mit neuen Chancenabwägungen beschäftigt, bereits kein Interesse mehr für den offenbar endgültig erledigten Favoriten hatte.

So die Menge, aber nicht Berta.

»Ist er tot?« war ihr einziger, starrer Gedanke. Er drückte – nicht ganz den Wunsch aus, daß er es wäre. Und mehr und mehr überraschte sie die Empfindung, daß sie seinen Tod nicht wünschte, daß sie ihn – lebend ihren Händen überantwortet sehen wollte. Nur das? Nur der Wunsch nach einer Möglichkeit der Rache? Nicht auch etwas wie...?

Ihrer kalten, harten Natur war ein Stoß versetzt worden, der sie verwirrte. In ihrer Entsetztheit war Schreck, Freude, Bangen, Wollust, Grauen und ein böses Gefühl der Genugtuung. Ihre Ungewißheit drängte sie wie zu dem Lebenden, so zu dem Toten. Sie hätte quer über die Bahn rennen mögen, nur um zu wissen, woran sie war.

Aber schon, wie sie am Fuße der Treppe angelangt war, hatte sie sich wieder.

Der Prinz, der hinter ihr hereilte, stellte sich kurz vor und geleitete sie zum Zimmer der Rennleitung, ihr schnellste Nachricht versprechend.

Sie erwartete ihn mit aufeinandergebissenen Lippen.

Er verkündete: »Nichts von Bedeutung. Kleine Gehirnerschütterung. Wenigkeit gebrochen. Bewußtlos. Aber kaum gefährlich. Der Terke leider fertig. Schon Kugel. Schade um Gaul. Wahres Unglück. Unbegreiflich. Wie das ganze Rennen. Graf zum ersten Male nicht auf gewohnter Höhe. Trotzdem weitaus erster Sieger der Saison. Immerhin: sehr schade für Stall. Terke unersetzlich.«

Berta lächelte und bat den Prinzen, dem Grafen zu sagen, daß sie glücklich sein werde, als Erste etwas Gutes von seinem Zustande zu erfahren.

– Wenn die nicht Rasse hat, dachte sich der Prinz, hab ich auch keine. – Er hatte damit die höchste Anerkennung in sich produziert, der er fähig war.

Noch am selben Abend erschien John bei Krakers und gab einen Brief und ein Paket ab. Der Brief lautete so:

      »Meine teuerste Berta!

Trotz fürchterlichen Schädelwehs und sonstiger Schmerzen meinen Gruß und das Versprechen, daß ich morgen früh komme. Als Vorboten schick ich dir das, was dein Eigentum ist seit einer Stunde, die ich als die schönste meines Lebens immer verehrt habe. Jeder dieser Opale ist ein Schwur unwandelbar treu ergebener Angehörigkeit

Deines
Henry Felix.«

»Was war denn das für eine Stunde?« fragte Sanna. »Er hat dir diese wundervolle Kette geschenkt und doch nicht gegeben?«

»Weil ich sie nicht genommen habe,« antwortete Berta.

»Aber jetzt?...« fragte Sanna etwas ängstlich!

– »Jetzt gehört sie mir.«

Die glückliche Mutter schloß die Tochter in die Arme und weinte Tränen der Freude.

Bertas Augen aber leuchteten.

Als am nächsten Vormittage der unwandelbar treu Ergebene erschien, den linken Arm in der Binde und ein ganz klein bißchen hinkend (gerade so viel, daß es interessant, aber nicht unästhetisch wirkte), trug Berta die Opale zu dem türkisblauen Kleide.

Felix litt noch an einem dumpfen Kopfschmerz, der seine Stimmung stark herabdrückte; als er aber Berta vor sich sah, überwallte ihn ein großes Gefühl, und er legte seinen rechten Arm um sie und küßte sie auf den Mund.

Sanna schluchzte auf, und Jeremias konnte es nicht unterlassen, zu sagen: »Gott segne euch!«

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