Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 118
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
Schließen

Navigation:

Der Sieger

John hatte böse Tage, und von dem Porzellan und Glas auf Hainbuchen fand manches Stück ein unsanftes Ende. Die Bronzestatuette Goethes nach Rauch wurde zum Projektil des gräflichen Zornes und zerfetzte die steinernen Züge des alten Goethe von Schwerdtgeburth. Aus den heruntergerissenen gelbseidenen Vorhängen der Bibliothek konnte John seiner Geliebten Unterröcke machen lassen. Aus einer ganzen Anzahl der schwarzen Lederbände waren die Exlibris vandalisch gewaltsam entfernt worden. Selbst der seidene Schlafrock hatte zu leiden gehabt, und die Lanze des Kosaken war im Kampfe mit der Felixschen Wut zerbrochen.

– Wenn ich noch in keiner Lebensversicherung wäre, sagte sich John der Weise, jetzt würde ich mir eine Police nehmen. Die Leute, die diesen Menschen für einen Indianer halten, haben nur halb recht: er ist ein verrückter Indianer. Seine Tollwut ist die eines Wilden. Wenn je ein Mensch die Zwangsjacke verdient hat, so ist er es. Aber auch die Reitpeitsche wäre bei ihm angebracht. Ein größeres Vergnügen, als ihm fünfundzwanzig aufzuzählen, kann ich mir nicht vorstellen. Es ist eigentlich würdelos, daß ich bei diesem rasenden Rowdy bleibe. Ebensogut könnte ich einen Posten als Menageriewärter annehmen. Ich glaube, daß jedes Nilpferd mehr Lebensart und Seelenadel besitzt, als er.

– Aber nicht soviel Geld! dachte er dann lächelnd weiter und führte sich zu Gemüte, was für ein hübsches Vermögen er sich in den Diensten dieses tollwütigen Indianers bereits angehäuft hatte, nicht immer auf rechtliche, aber, wie er fand, stets auf entschuldbare Weise, denn schließlich war man es doch seiner Würde schuldig, sich wenigstens materiell für die moralische Demütigung schadlos zu halten, die in einer Stellung bei einem Menschen ohne Erziehung lag. Auch vergaß John den Umstand nicht, daß bei Felix auf die Tollwutsperioden stets solche von ebenso exzessiver Liebenswürdigkeit und Generosität folgten.

– Jedes Schimpfwort, das er mir ins Gesicht wirft, sagte er sich, jedes Gebrüll, womit er mein Ohr beleidigt, wird eines Tages zu einem Goldstück oder, wenns besonders greulich war, auch zu einem blauen Lappen. Seine Flegeleien sind eigentlich Wechsel auf mich, und sie werden, das muß man sagen, stets pünktlich eingelöst, ohne daß ich sie zu präsentieren brauche. Er hat ein unsauberes Gewissen mir gegenüber. Ich bin Mitwisser seiner Gemeinheit. Diese Wissenschaft ist ein Kapital, das schöne Zinsen trägt.

Auch diesmal folgte auf die Periode der Wutentladung eine solche der Abspannung und erst weinerlichen, dann dumpfen und schließlich fast heiteren Gelassenheit.

Im Grunde fiel Felix mit einem Gefühle von Erleichterung auf seine alten, ihm wesentlich gemäßeren Absichten zurück, und was sich so wütend ausgetobt hatte, war nur das Gefühl fehlgeschlagener, gedemütigter Eitelkeit gewesen. Sofort war nun die andere mächtigere da, nun erst recht als Reiter zu glänzen. Sie war die mächtigere, weil sie auf dem Felde seiner eigentlichen Begabung lag, und sie schoß um so kräftiger empor, als sie nicht nur von einem Menschen genährt wurde, wie jene andere, die nur der Fürst gepflegt hatte, sondern von allen, die ihm nahestanden.

Nur von Gräfin Erna nicht. Die aber mußte sehr bald merken, daß ihr Einfluß auf Felix nicht über die Sphäre hinausging, deren Grenze innerhalb des Himmelbettes in der Muschel lag.

Jussuff war seiner Zelmi im Grunde schon überdrüssig. Dieser Ehebruch begann ihm zur Langeweile zu werden, erschien ihm nachgerade ehemäßig trivial. Sein Ideal der Geschlechtsbetätigung war eigentlich der Harem. So geschickt und beflissen er sonst dazu war, seine Eigenschaften immer in der bengalischen Beleuchtung seiner Einbildung als etwas Ungemeines zu betrachten, – in diesem Punkte konnte er zuweilen ehrlich vor sich selbst sein und sich sagen: Dauernden Reiz übt das Weib auf mich nur in seiner Erscheinung als Hure aus.

Da er nicht lieben konnte, auch nicht in dem besonderen Sinne des Don Juans, der jedes einzelne Abenteuer brünstig-leidenschaftlich wie eine erste und einzige Liebe durchkostet, – treu bis zum nächsten; da er nichts kannte, als sinnliche Wollust schlechthin, Geschlechtsausübung ohne jedes andere begleitende Gefühl außer der bei ihm überall mitdominierenden Eitelkeit; da er im Grunde eigentlich immer nur das animalische Männchen in Aktion war, nicht der ganze Mann, so mußte er, um in seiner Art ganz genießen zu können, immer auch brutal sein dürfen, brutal in der Zärtlichkeit und brutal im Wegstoßen des Weibchens nach Beendigung der Szene.

Gräfin Erna, die ihren Jussuff liebte, merkte es wohl, daß er nicht mehr der gleiche war wie in ihren Muschelflitterwochen, aber sie schob die Schuld daran auf den Fehlschlag seiner Hoffnungen, und sie verdoppelte ihre Zärtlichkeit, ihn zu trösten und aufzurichten. Sie paßte sich auch schließlich dem Umschwung seiner Stimmung an und ließ davon ab, ihm seinen Rennehrgeiz ausreden zu wollen. Alle ihre Mahnungen liefen nur noch darauf hinaus, daß er beim Reiten vorsichtig sein und die schlechten Gewohnheiten der Turfhelden nicht mitmachen möge.

Diese zärtliche Sorge tat Felix wohl. Er empfand es wie eine angenehme Wärme im Rücken, in der Liebe dieser Frau eine Art Zuhause zu haben, das ihn immer wohlig aufnehmen würde, wenn er von seinen Fahrten und Siegen zurückkehrte. Wunderschön: die Burgfrau, im Turmzimmer sitzend, ihre Blicke dorthin gewandt, wo der traute Buhle kämpft; und mit wehendem Schleier auf dem Altane stehend, wenn er heimkommt. Zärtliche Bewunderung dem Sieger, zärtliche Pflege dem Verwundeten. Ein Herz im Rückhalt. Es gibt keinen Mann, der das zu seinem Glücke nicht brauchte. Aber, während der rechte Mann dieses Glück mit seinem ganzen Herzen bezahlt, war Felix auch hierin der kalte Nehmer und Betrüger.

 

Es folgten zwei Jahre des Sieges für ihn und seine Farben. Schwarz-gelb wurde zum Losungswort des Glückes aller Totalisatorsüchtigen, der gräflich Hauartsche Stall zu einem Faktor der Berechnung auf allen größeren Rennplätzen, der verwegene und, wie sich bald herausstellte, ebenso rücksichtslose wie verschlagene, jedoch immer besonnen korrekt bleibende Reiter zu einer Turfberühmtheit ersten Ranges. Sein Regiment hatte alle Ursache, mit diesem Offizier zufrieden zu sein, der seine Uniform in den Rennbahnen von Sieg zu Sieg führte und prachtvoll darin aussah: ein Bild kavalleristischer Eleganz und Entschlossenheit zugleich. Wie der in Erz gegossene Wille zum Siege selber sah er aus, wenn er, den Blick geradeaus gerichtet, die Lippen fest geschlossen, die seidene Uniformmütze straff über den kurz geschornen Kopf gespannt, vom Wageplatz langsam in die Bahn ritt, scheinbar gleichmütig, aber schon jetzt bis in die Fingerspitzen erfüllt von einer gespannten Energie, die, wenn das Zeichen fiel, Pferd und Reiter zusammenschweißte zu einem einheitlichen animalischen Organismus, der prachtvoll elementar funktionierte. Dieser in jedem andern Verhältnisse zum Leben grundwillenlose Mensch machte aus sich und seinem Pferde einen Willenskomplex, der in der Betätigung ein wundervolles Bild restloser Energieentfaltung bot. In diesem Zentauren war kein Blutstropfen, der nicht beseelt war von dem unbedingten, durch keinerlei Erwägung anderer Art beeinträchtigten Willen: zu siegen um jeden Preis. Hinter jedem Rennreiter sitzt der Trainer allen Lebens im Sattel: der Tod, bereit, jede Gelegenheit zu seinem unwiderruflichen Einspruch gegen das Leben zu erheben, wenn es sich um eine Haaresbreite vergaloppiert. Felix fühlte, aber er ignorierte ihn. Er ritt mit Todesverachtung, weil er die felsenfeste Überzeugung hatte, nicht bloß fest im Sattel seines Gaules, sondern auch des Lebens zu sitzen. Hier hatte er wirklich das Gefühl einer sicher begnadeten Souveränität, das er sich sonst immer nur vortäuschte.

Das Böse war nur, daß, je mehr er sich an den Sieg gewöhnte, je mehr sein Ruhm als Reiter und Besitzer des erfolgreichsten Rennstalles wuchs, um so mehr auch sein übriges Selbstbewußtsein zunahm. Je mehr er als Reiter gepriesen, als vornehmer, reicher Kavalier umdienert wurde, um so verächtlicher ließ er die Unterlippe hängen und die Lider sinken.

Weit entfernt zu fühlen, daß er sein Wesentlichstes gab, indem er ritt, bildete er sich nur immer mehr ein, daß diese Betätigung, diese Siege nichts seien, als ein Vorspiel, ein Symbol seiner eigentlichen Wirksamkeit auf höheren Gebieten. Er nahm sich selbst ein gutes Teil der Freude an seinen Erfolgen, indem er sich diesen Einbildungen hingab, fühlte sich in ihnen aber in der Tat wohler, als er sich je im Genusse von etwas selbständig Erworbenem fühlen konnte.

Schon nach seiner ersten Rennsaison hatte er den Namen »Seine Impertinenz« zum dauernden Titel innerhalb der Herrenreiterkreise gewonnen, in denen, wie in allen Kreisen, die von Ringern nach öffentlichem Beifall gebildet werden, Konkurrenzneid, Medisance und tatentschlossene Intrige üppig gedeihen. Man konnte Worte hören, wie »der gegrafte ›Schwung‹«, und ein altreichsgräflicher Ulan, den Felix in der Siegerliste abwärts placiert hatte, behauptete, das Schwarz in seinen Wappenfarben deute auf den schwarzen Pfeffer und das Gelb auf den Tee, mit welchen Handelsartikeln die ehedem bürgerlichen Millionen des niegelnagelneuen Grafen erworben worden seien. Auch diese Nase Felixens mußte wieder herhalten, zum Haken zu dienen, an dem Despektierlichkeiten aus der Rüstkammer des Antisemitismus aufgehängt wurden.

Felix hörte von alledem nichts, aber er fühlte, daß er hier wieder die atmosphärische Schicht vor sich hatte, die in der Garnison so glücklich schnell zum Weichen gebracht worden war. Doch gab er sich keine Mühe, sie zu beseitigen. Er fühlte sich sicher und erhaben, obwohl es ihn innerlich heftig wurmte, auf passiven Widerstand zu stoßen. Er spürte, daß der Neid die Grundsuppe dieser ungemütlichen Empfindungen war und sagte sich ingrimmig resolut: das beste ist, ich gebe ihm noch mehr Nahrung; wenn sich der Neid überfressen hat, platzt er, und was zurückbleibt ist die Beschämung, aus der sich dauerhaftester Respekt entwickelt.

Als das zweite Jahr seiner Tätigkeit als Herrenreiter zu Ende ging und es bereits feststand, daß die Summe seiner Siege und Preise die aller übrigen diesmal weit hinter sich zurücklassen würde, hatte er dies noch nicht völlig zwar, aber beinahe erreicht. Aber er war mittlerweile stark blasiert geworden, und er freute sich des Resultates nicht eben sehr.

Auch sonst befand er sich in schlechter Stimmung.

Er hatte sich ausgiebig »amüsiert« und war nun wieder zu der Überzeugung gelangt, daß »diese Weiber« seinen höheren Bedürfnissen nicht genügten. Zum Teil aus Eitelkeit, zum Teil in der Absicht, seine minderbemittelten Konkurrenten zu ärgern, hatte er sich eine berühmte professionelle Schönheit als Renommiergeliebte zugelegt, die unter allen ihren Nebenbuhlerinnen am höchsten im Kurse stand, weil sich erlauchte Alkovengeschichten an sie knüpften. Sie war viel älter als er, schien aber das Geheimnis ewiger Jugend zu besitzen, soweit sich Jugend körperlich äußert. Gescheit und bedeutend, wie Liane, war sie nicht, hatte auch nicht deren vornehmen Charakter. Sie war Amerikanerin und praktisch. Temperament zeigte sie nur in geschäftlichen Angelegenheiten. Aber sie war im höchsten Grade dekorativ. Wenn sie neben Felix im Dogcart saß, ein Bild moderner Eleganz, wurden die ältesten Berühmtheiten des Amüsements in den exklusivsten Rendezvous-Orten der internationalen »Welt« aufmerksam. Felix, im hellgrauen Gehrock und Zylinder, eine Orchidee im Knopfloch, die naturbraunen Zügel in der Hand, nahm sich neben ihr im Sinne der Eleganz tadellos aus und durfte sich mit gutem Fuge der angenehmen Überzeugung hingeben, daß ihn die Damenwelt der grande vie nicht weniger bewunderte, als seine Partnerin von der Herrenwelt bewundert wurde.

Dies und anderes, was mehr die Befriedigung von Trieben anging, die sich nicht so öffentlich produzieren ließen, und wobei ihn Miß Maud eigentlich im Stiche ließ, da dieser raffiniert gepflegte angelsächsische Körper in der Tat mehr ein schönes Objekt der Betrachtung, als des Genusses zu sein schien (»ach, laß das, my dearling!«), – alles dies war für den Moment sehr reizvoll, und Felix war nicht faul, sich möglichst viele reizvolle Momente zu verschaffen, in denen er seiner Eitelkeit oder seiner Wollust dienen konnte. Aber, je mehr von ihnen er hinter sich hatte, um so entschiedener gruben sich die Falten um die Lippen ein, die da kündeten: Langweilig! Ekelhaft!

Felix dachte in der Tat recht oft, wenn er ihr fern war, an seine Burgfrau. Sooft er aber heimkam und in ihren Armen lag, fand er regelmäßig, daß sie nicht auf der Höhe seiner Sehnsucht sei.

Ich möchte ein Haus, sagte er sich, ein stilles, vornehmes Heim, in dem eine Frau wartete, eine schöne Herrin, die mich nicht bloß liebte, sondern auch ganz begriffe. Ganz begriffe, weil ich sie zur Mitwisserin meines Eigentlichsten machen könnte, und weil sie fähig wäre, dieses Geheimnis durchzufühlen bis auf den Grund mit all seinem Glanze und all seiner Dunkelheit und Trauer.

 << Kapitel 117  Kapitel 119 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.