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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 116
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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David

Als Felix dem Prinzen seinen Entschluß, nicht zu reiten und die Gründe dafür mitteilte, nahm Seine Durchlaucht das Monokel mit ungewohnter Schnelligkeit vom Auge und rief aus, indem er sich wie erschrocken niedersetzte»Scheußlich! – Pardon, – aber wirklich scheußlich! Inevitabel, aber scheußlich. Machte am liebsten sofort Kniefall, Gnädigsten umzustimmen. Natürlich hoffnungslos. Nie Reiter gewesen. Außer Pegasus. Na ja. Gänzlich gefühllos in Pferdesachen. Roß Grane einzige Ausnahme. Für Sie direkt Schlag ins Kontor. Regiment um große Hoffnung ärmer. Zum Haarausraufen! Bewundere Ihre Ruhe.«

Graf Pfründten äußerte sich ähnlich. Das ganze Offizierskorps bedauerte und beschwor den anscheinend tief Bekümmerten, in der Verzweiflung nicht zu weit zu gehen und etwa gleich den Rennstall aufzugeben. Eine Reihe Kameraden erbot sich, Felixens Pferde zu reiten.

Dieser Ausweg schien ihm gangbar. Zwei Eisen im Feuer, dachte er sich, Serenissimus hat recht: mein eigentliches Feld ist die Palästra musarum. Gut: auf ihr lasse ich nun Hermann rennen. Warum soll ich aber nicht gleichzeitig auch den Terken rennen lassen. Lassen! Das ist es. – Mein Irrtum war, daß ich selber mittun wollte. Darin lag der prinzipielle Verstoß gegen das Wesen meiner Bestimmung. Eine unbegreifliche Verirrung. Ebensogut könnte ich einmal als Intendant auf die Idee kommen, selber mit zu mimen.

Mittlerweile langte Hermanns Antwort an. Sie war Wasser auf seine Mühle, obwohl ihm nicht alles an ihr behagte. Hermann schrieb:

»Lieber Henfel!

Ich hoffe, Sie gestatten es mir, Sie mit dem Vornamen anzureden, unter dem ich Sie bisher gekannt habe. Es geschieht das deshalb, weil ich mir beim Briefschreiben den Adressaten immer wie einen persönlich Anwesenden vorstelle. Und einen Felix Hauart kenne ich nicht. Er ist mir so fremd wie der Graf Hauart.«

– Angenehmer Genosse. Der Sozialdemokrat steckt ihm doch im Blute.

»Das müssen Sie aber nun nicht falsch verstehen. Ich unterschätze den Wert auszeichnender Titel keineswegs und habe mich seinerzeit über Ihre Grafung aufrichtig gefreut. ›Graf‹ paßt zu Ihnen.«

– Wie huldvoll.

»Nur, nicht wahr, Bekanntes umzutiteln fällt schwer. Derlei ist schließlich für das Publikum. Unsereins hält sich an den Menschen.

Nun verklausulieren Sie, lieber Henfel, in Ihrem freundlichen Briefe Ihre Menschlichkeit zwar ein wenig sonderbar, aber ich lasse mich dadurch nicht irre machen. Ich erkenne sie, begrüße sie mit Freude und nehme ohne alle Umschweife die Wohltat herzlich dankend an, die sie erweist.«

– Na also.

»Ich tue es ohne alle Beschämung. Solange reine Kunstausübung nur zufallsweise entsprechend bezahlt wird, nämlich nur dann, wenn sie, was immer ein Zufall bleibt, das Glück hat, der Menge zu gefallen; solange es der Staat nicht für angebracht hält, sie ausgiebig zu unterstützen, und solange es auch keine andere Organisation gibt, die diese kulturelle Notwendigkeit besorgt: so lange darf der materiell unbemittelte Künstler ohne alles Schamgefühl Geschenke der wenigen annehmen, die ihr Wohlgefallen an seiner Kunst auch durch Wohltaten beweisen wollen. Nicht ein Schatten von Schande haftet dem an. Nur das Betteln darum wäre schmählich, und wer dafür auch nur das geringste Opfer an seiner künstlerischen Art und Persönlichkeit brächte, wäre, ich will mich gelinde ausdrucken, als künstlerischer Charakter nicht sehr achtbar zu heißen und wohl auch überhaupt nicht eigentlich wertvoll.

Und so ruf ich dann mit Herrn Walther von der Vogelweide:

›Ich hab mein Lehen, alle Welt! ich hab mein Lehen!‹

und ich ruf es darum nicht weniger ungeniert als er, weil ich es nicht aus fürstlicher Hand habe gleich ihm, der sich schon für freies Quartier mit lobpreisenden Versen revanchierte:

›Die Hab des Herrn von Österreich
Erfreuet süßem Regen gleich
Sowohl die Leute, wie das Land.‹«

– Die Hab des Herrn von Österreich... Seltsam, seltsam.

»Ja, ich halte es für einen glücklichen Umstand, daß ich diese Aufhellung meines zwar nicht düsteren, aber doch von allzu vielen kleinen Sorgen bewölkten Alltages keinem gekrönten Haupte verdanke. Die heutigen Souveräne haben, auch wenn sie mit ihrer Persönlichkeit tagtäglich ins grelle Rampenlicht der Presse treten, immer etwas Unpersönliches. Was sie immer tun mögen, es wirkt als Repräsentation, wie persönlich auch die Gebärde sein mag. Ein heutiger Fürst ist immer offiziell, er kann sich nicht die Nase schneuzen, ohne daß es in alle Welt hinaustelegraphiert wird; – und wenn einer es darauf anlegt, nicht offiziell zu scheinen (denn es bleibt immer bloß Schein), so ärgert sich das Publikum und zischt (man sagt jetzt Publikum statt Volk, – alles Öffentliche hat etwas Theaterhaftes bekommen).

Aber wir, nicht wahr, lieber Henfel, wir spielen nicht miteinander Theater! Ihre Unterschrift auf dem Scheck ist mehr als Tinte auf Papier, – ist ein Händedruck.

Ich möchte ihn gerne persönlich erwidern, möchte Sie gerne von Angesicht zu Angesicht sehen, möchte ein lebendiges Bild vom gegenwärtigen Henfel mit nach Italien nehmen. Also ein Bild des Grafen Felix Hauart. Welche Linien hat das Leben ihm eingegraben? Welche Züge seines Wesens hat er herausgearbeitet? – Und ich hörte auch gerne aus dem Munde eines reichen Mannes von seinem ›Glück‹ und ›Unglück‹. Möchte gerne wissen: Fühlt er sich fest, sicher, ist er mit sich – und seinem Reichtum einig? War dieser für ihn ein Mittel, schneller zu sich zu kommen (was die Hauptsache im Leben ist) oder hat er ihn zuweilen abgelenkt, verführt, – von sich selbst weggeführt?«

Der Herr ist neugierig, wie alle Literaten, dachte sich Felix, und überschätzt als echter Plebejer die Bedeutung des Geldes. Ich bin für ihn ein – Kapitalist. Von meinem Wesen hat er keine Ahnung. Wie könnte er auch? Weil er Romane schreibt, glaubt er, ich müsse mich interessant »entwickeln«, müsse »Züge meines Wesens herausarbeiten«. Die Macht edlen Blutes scheint ihm ein verschlossenes Gebiet zu sein. Ich bin ich, mein zudringlicher Herr. Ich bin, der ich war, und ich werde immer sein, der ich bin. Veränderungen im Menschen geschehen durch Anpassung. Ich aber habe es nicht nötig, mich anzupassen. Wer den Versuch macht, mich zu modeln, fliegt über eine Mauer ins Meer – Auch das Geld modelt mich nicht. Der Reichtum ist mir nicht angeflogen als etwas Fremdes, dem ich mich anpassen müßte; er gehört zu mir als ein Teil meines Wesens, und so bin ich natürlich mit ihm einig, – viel einiger, als Sie es mit Ihrem Genie zu sein scheinen, da Sie sich offenbar unablässig »entwickeln«. Was schließlich ein Zeichen schwacher Grundanlage, mangelnder Wohlgeborenheit ist. Wüßten Sie wirklich, was die Hauptsache im Leben ist, so würden Sie mich fragen, ob ich mit meinem Schicksal einig bin.

Jonathan fühlte sich so erhaben über seinen David, daß er den Schluß von dessen Brief nur ganz schnell und gleichgültig überlas:

»Nun, ich hoffe, daß unsere Wege uns jetzt auch zuweilen persönlich zusammenführen werden. Fürs erste geh ich jetzt als Stipendiat Ihres freundschaftlichen Interesses nach Italien. Goethe soll mein Reisebegleiter sein, er, in dessen Auge und Geist sich dieses Land zu einem Bilde verspiegelt hat, das gewiß alles das enthält, was uns Deutschen von kosmopolitischer Bildung das Wertvollste an diesem Lande der großen klaren Natur, großen klaren Kunst, großen klaren Tatkraft ist. Das Deutschchristlich-gemütliche möge zeigen, ob es sich gegenüber dem Romanisch-antik-sinnlichen behaupten kann. Goethe dem antiken Wesen kongenial, eine römische Patriziernatur, ins Deutschgründliche und Modern-poetische vertieft, aber auch verdifferenziert, kam in seinem Wesen viel weniger verwandelt zurück, als die erschrockenen Weimaraner glaubten; er hatte sein Eigentlichstes vielmehr bestätigt gefunden und hat es mit der nur ihm in diesem Maße eigen gewesenen ungeheuren Kunst der Selbstherausbildung in demselben antiken Stile und Geist, der seine Dichtung damals durchdrang, monumental vereinheitlicht, vereinfacht. Man fand ihn einesteils ›sinnlich‹, andernteils ›steinern‹ geworden. Beides erschien als Fehler und war in seiner Vereinigung die gewaltigste Leistung des Goethischen Lebens. Daß nach ihr die Entwicklung nicht innehielt, daß der sinnliche Stein wuchs, der monumentale Mensch immer menschlicher wurde, ohne an Monumentalität einzubüßen, das grenzt ans Wunderbare und ist einzig. – An mir wird sich Ähnliches so wenig vollziehen, wie an irgendeinem Menschen dieser unserer Zeit.

Alles Moderne ist einstweilen noch maßlos, ja maßfeindlich. – So kann ein Mensch wie ich nur das eine hoffen: daß wenigstens der Sinn für Maß und ruhige Haltung (wie im Leben so in der Kunst) gekräftigt werde auf den Schauplätzen antiken Geistes. Erfüllt sich die Hoffnung, so ist Ihr Geld nicht schlecht angelegt, denn es wird sich dann auch meine andere Zuversicht erfüllen, ohne die ich jetzt die Feder überhaupt aus der Hand legen würde: Dichtungen hervorzubringen, die innerlich und äußerlich Stil haben, indem sie gleichsam eine Lichtung in das Wirrsal des Lebens schlagen, klare Einblicke, weite Aussichten und vom Ganzen ein zugleich reiches und im Sinne der Freskomalerei simplifiziertes Bild gebend. Gelingt mir dies einmal, so haben Sie, lieber Henfel, in der Tat einen Anteil an dem Erfolge, denn Ihrem Geschenke verdanke ich die Gunst, endlich einmal so arbeiten zu dürfen, wie der Künstler arbeiten können muß, der große Pläne groß gestalten will: in voller äußerer Harmonie und Ruhe, frei von den bei aller Kleinlichkeit zu Boden drückenden Sorgen des Tages, nicht bloß mit dem Nötigsten kümmerlich versehen, das ›anständig‹ zu leben erlaubt, sondern auch mit den reicheren Mitteln ausgestattet, die ihm die Wahl einer anregenden Umgebung, freie Bewegung und ein wenig Schönheit gestatten, kurz: das Gefühl eines freien Herrn verleihen, das schließlich auch beim Dichter von gewissen äußeren Umständen abhängig ist.

Nochmals Dank für diese Gunst und die herzlichsten Grüße wie von meiner Frau, so von mir.

Ihr Hermann.«

Von alledem hafteten in Felix nur die Worte »sinnlich« und »steinern«. Seine bedenkliche Gabe, alles auf sich zu beziehen, was er leicht aufnehmen konnte (wenn es nicht anders ging, korrumpiert und verzerrt), machte ihn zu der törichten Einbildung fähig, sich nun auch als goethische Natur zu empfinden.

Von jetzt ab, sagte ihm sein Instinkt (denn er brauchte sich derlei nicht einmal zu überlegen), würde es entsprechend sein, etwas Steinernes zur Schau zu tragen. Das Altersbild Goethes von Schwerdtgeburth und die Totenmaske Napoleons, beide bisher nur selten mit Aufmerksamkeit von ihm betrachtet, sah er sich nach der Lektüre des Hermannschen Briefes genau an. Nicht, um danach die Maske für seine neue Rolle festzustellen. Beileibe nicht. Auch sein Komödiantentum bedurfte keines Studiums, keiner Anstrengung. Er hatte es nicht nötig, gleich den Charaktermaskendarstellern auf der Varietébühne, seine Gesichtsmuskeln gewaltsam zu verzerren und, wenn auch nur zu sich selbst, zu rufen: Napoleon der Erste Kaiser der Franzosen! oder Wolfgang von Goethe Dichterfürst! Zwar war sein ganzes Leben nichts, als eine derartige Varietéproduktion vor sich selber und seinem jeweiligen Publikum, aber, vor wem er auch grimassieren mochte, vor Huren oder Gräfinnen, gemeinen Reitern oder Offizieren, seinen Dienern oder dem gnädigsten Herrn: er grimassierte unbewußt, seine Allüre war sein Ernst.

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