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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 115
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Jonathan

Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, und Felix hatte die Eskadron in die Kirche zu führen, statt daß er ausschlafen durfte, wurde ihm ein eingeschriebener Brief übergeben, dessen Adresse eine ihm unbekannte Handschrift zeigte. Er legte ihn in den letzten Roman Honraders, mit dessen Lektüre er während des Kommandos zum lieben Gotte zu beginnen dachte.

Nachdem er seine Schnürenjungen untergebracht hatte, nahm er den Brief vor und ersah aus der Unterschrift mit Erstaunen, daß er von Herrn Kurt von Herzfeld geschrieben war.

– Was fällt denn dem ein? dachte er sich und las:

»Hochverehrter Herr Graf!

Wollen Sie es gütigst verzeihen, wenn ich mir erlaube, Ihnen eine Angelegenheit vorzutragen, die einen gemeinschaftlichen Freund angeht.«

– Gemeinschaftlichen Freund? Ist das Jüdchen meschugge?

»Ich beeile mich, vorauszuschicken, daß ich ohne jeden Auftrag handle, ja nicht einmal weiß, ob der Schritt, den ich rein aus persönlicher Anteilnahme an den Verhältnissen eines der wertvollsten Menschen unsrer Zeit nehme, dessen Beifall finden würde. Es handelt sich um Hermann Honrader.«

– Merkwürdig. Also selbst das Jüdchen wird vom Schicksal mit Missionen betraut. Sonderbar.

»Ich brauche Ihnen über Wesen und Bedeutung dieses außerordentlichen Mannes nichts zu sagen, hochverehrter Herr Graf. Sie kennen ihn besser, genauer, länger als ich, da ich erst seit einem halben Jahre das Glück und die Ehre seines vertrauten Umgangs genieße. Er lebt ganz einsam in einem Bauernhäuschen bei Dachau; man möchte sagen: wie ein Verschollener. Selbst in den eigentlichen Literaturkreisen gilt er als abgetan, ›ausgeschrieben‹, wie das dumme Wort heißt. Nun, Sie wissen es so gut, wie ich, daß das Gegenteil wahr ist. Der Verfasser des ›Großen Helfers‹ ist ein Dichter, der von sich sagen kann, daß alles, was bisher von ihm erschienen ist, nur die Bedeutung einer kurzen Ouvertüre hat. Sein eigentliches Werk hebt erst an. Auch ›Der Helfer‹ ist gewissermaßen nur Exposition.«

– Wie ich gleich selber sehen werde, Kleiner. Aber so viel weiß ich nun schon: Hermann der Gewaltige, mein Herzog von ehedem, hat keine Heerscharen mehr hinter sich.

Felix konstatierte das nicht ohne Schadenfreude.

»Leider sind die äußeren Verhältnisse des Dichters nicht so, wie sie ihm gebühren und wie sie notwendigerweise hergestellt werden müssen, damit er in voller Freiheit, Stimmung, Anregung schaffen kann.«

– Aha.

»Verstehen Sie mich nicht falsch. Honrader lebt nicht in Not und Elend. Er gilt sogar, weil er ja eine Reihe sogenannter Erfolge gehabt hat und weil er seine Arbeiten gut honoriert bekommt, für wohlhabend. Und, da er zu geschmackvoll und stolz dazu ist, den armen Poeten zu mimen, vielmehr in Kleidung und Auftreten sich deutlich von den Schriftstellern unterscheidet, die es für angemessen halten, sich äußerlich gehen zu lassen, ist er sogar einem gewissen albernen und kleinlichen Neide seitens derer verfallen, die es ihm nicht verzeihen, daß er mehr genannt und besser bezahlt wird als sie.«

– Ich kenne die erhabenen Herrschaften.

»In Wahrheit kommt er eben durch; nicht dürftig, sondern anständig, aber doch eigentlich recht kümmerlich und im Engen. Er beklagt sich nie. Aber Frau Christine, die es sich sonst gleichfalls nie merken läßt, daß nicht alles so steht, wie es sollte, hat es mir doch mehr als einmal gestanden, daß er unter dieser Kleinlichkeit der Verhältnisse leidet. Er möchte einmal hinaus aus der Enge, möchte zumal Italien kennen lernen, – wenigstens Venedig, das so nahe und ihm dennoch unerreichbar ist.«

– Schiller hat Genua auch nicht gesehen und doch den Fiesco geschrieben. Das Genie muß nicht von allem haben.

»Niemand wird besser, als Sie, hochverehrter Herr Graf, zu ermessen vermögen, wie drückend eine derartige Beengung von einem gestaltenden Geiste, einem dichterischen Ingenium empfunden werden muß. Sie, der Sie selbst poetisch angelegt sind und bereits einmal einem bedeutenden Dichter die Möglichkeit gewährt haben, seine Phantasie zu befruchten und zu vertiefen durch eine freie Fahrt in die Welt, – Sie werden gewiß auch gerne bereit sein, in diesem Falle Hilfe zu verschaffen. – Sie stehen überdies dem Dichter nahe von Kindheit an...«

– Ich will nicht hoffen, daß Christine oder Hermann selber aus der Schule geplaudert hat. Das wäre peinlich. Wäre fatal.

»... Weder Herr noch Frau Honrader haben mir Näheres darüber mitgeteilt...«

– Gott sei Dank!

»... aber ich durfte aus den wenigen Andeutungen entnehmen, daß Sie nicht bloß literarisches, sondern auch menschliches Interesse für unsern Freund seit lange her betätigt haben. So werden Sie es also, hoffe und glaube ich, begreiflich finden, wenn ich mich mit der Frage an Sie wende, ob Sie nicht Ihre bekannten engen Beziehungen zu unserm Fürsten, der Sie erst kürzlich in Anerkennung Ihrer kunstfördernden Bestrebungen in so ungewöhnlicher Weise ausgezeichnet hat, im Interesse Honraders dahin ausnutzen möchten, daß Sie eine möglichst große Unterstützung für ihn aus der fürstlichen Privatschatulle erwirkten.«

– Er schreibt schon wie ein Professor. – Aber wie merkwürdig: er muß das ungefähr zur selben Zeit geschrieben haben, als mir Serenissimus ungefähr dasselbe nahelegte, was ich nun ihm nahelegen soll. Wenn das ein Zufall ist, so ist die ganze Welt ein Zufall.

In diesem Augenblicke endete das Choralvorspiel auf der Orgel, und die Gemeinde hub zu singen an:

»Der heißt und ist auch recht beglückt,
Dem Gott solch einen Freund zuschickt,
Der Feind ist falschen Sinnen,
Und als ein treuer Jonathan
Sich seines Davids nimmet an,
Wenn Hilf und Rat zerrinnen.«

Schon die zweite Strophe hätte Felix belehren können, daß der alte brave Michael Hörnlein, der dieses Lied »von der wahren Freundschaft« der theologischen Muse abgenötigt hat, unter dem Freunde natürlich Christum meinte:

»Indem des Allerhöchsten Sohn,
Der besten Freunde Kern und Kron,
Mein Freund hat wollen werden.«

Aber die zweite Strophe hörte er schon gar nicht mehr, völlig eingenommen von der orakelhaften Bedeutung, die für ihn die erste hatte.

Jonathan und David. Ein neues Stück, eine neue Rolle. Und genau die, in der er nun seit zwanzig Stunden etwa lebte.

Seine Eskadron hätte jetzt Skat spielen können, statt zu singen und dem Generalsuperintendenten zu lauschen, und der hätte ein Kapitel aus dem Dekameron vortragen dürfen, statt seine Predigt über die wahre Freundschaft des Christenmenschen, – Felix hätte von alledem nichts bemerkt, nichts vernommen. Er war ganz wo anders; hier saß bloß die Uniform, die er im Geiste längst ausgezogen hatte.

Felix der Mäzen, Felix der Intendant, Felix die Exzellenz. Eine neue Walze drehte sich in seinem schicksalergebenen Gehirne.

Zu Hause angekommen legte er die Uniform sofort ab. Denn sie erschien ihm nun weniger dekorativ als lächerlich. Zu dem, was er jetzt vorhatte, stimmte einzig der seidene, geblümte Schlafrock.

Er nahm eine seiner mächtigen Adlerfedern zur Hand, die zwar mehr klexten, als daß sie schrieben, der Schrift aber eine gewaltige Körperlichkeit verliehen, so daß eine Seite, von ihr bedeckt, aussah wie ein Wald vom Sturm gepeitschter Bambusschäfte.

Doch schon die Anrede machte Schwierigkeiten.

– »Lieber Hermann!«? Unmöglich. Zu kordial. Hätte Fortsetzung in Du-Form erfordert, und das ging denn doch nicht an. – Felix erinnerte sich des Umstandes zu deutlich, daß Hermann ihn einmal beinahe die Treppe hinuntergeworfen hatte. Und überhaupt: Schranken aufrichten! Gerade jetzt. – Wie sagte doch Papa Hauart? –: Die Hand, die schenkt, schwebt immer über der nehmenden.

Also: »Sehr geehrter Herr!« – N...nein! Zu demonstrativ kühl. Schon mehr unfreundlich. Beinahe verletzend. Und – gefährlich! Denn Hermann konnte sich beleidigt fühlen und die Spende ablehnen. Was unbedingt vermieden werden mußte, da es Felix sehr darauf ankam, daß Hermann seine Gabe nicht zurückwies. Denn er wollte seine mäzenatische Betätigung dem gnädigsten Herrn sogleich mitteilen als Beweis dafür, wie schnell und in welchem Grade er beflissen war, den leisesten Andeutungen der höchsten Stelle Folge zu leisten.

– »Hochgeehrter Herr!«?- Nicht viel besser. Auch »Sehr« oder »Hoch verehrter Herr« nicht angängig.

Warum nicht einfach »Lieber Freund!«? – Doch nicht! Zu intim, auch bei folgendem Sie.

Felix sann und sann. Da fuhr die Erleuchtung auf ihn nieder, wie ein Lichtstrahl aus Wolkenschlitz niederfährt auf ekstatisch vergrübelte Heilige.

Er stürzte zum Schreibtisch und schrieb:

Werter Meister!«

– Wie man doch bei der Kavallerie verblödet! dachte er sich. Früher hätte ich das instinktiv erraten.

Und nun gings schneller, wenn auch nicht wie gefegt:

»Ein erfreuliches und bedeutsames Zusammentreffen verschiedener Ereignisse, das ich Zufall weder nennen mag noch darf, legt mir den angenehmen Zwang auf, Ihnen diesen Brief zu schreiben. Möge ihm gute Statt bei Ihnen beschieden sein, dessen dichterischen Aufstieg ich, wie die gesamte kunstliebende Welt, mit höchster Anteilnahme immer verfolgt habe.

Sie wissen, wie lebhaft ich von jeher das Bedürfnis empfunden habe, am Literaturleben unsrer Zeit teilzunehmen, – nicht so sehr als Schaffender, wie als Empfangender und, wenn ich so sagen darf, als Fördernder. In den Jahren der Unerfahrenheit habe ich, wie manch anderer, geglaubt, zeitgenössische Begabungen durch Herausgabe einer Zeitschrift fördern zu sollen. Darüber bin ich hinaus. Es wird damit wenig und selten an rechter Stelle getan. Auch ist es eine Art Dilettantismus, wenn ein Nichtliterat sich in dieser Weise betätigt.

Ich aber bin dezidierter Nichtliterat, wenngleich ich nicht leugne, daß ich immer noch hier und da einen Vers kritzele.

Was mir jetzt als die Hauptsache erscheint, ist: Schöpferische Kräfte, die durch Ungunst der Verhältnisse eingeengt sind, freizumachen aus dieser Umengung. Mir scheint das geradezu eine Pflicht derer zu sein, die das Schicksal äußerlich bevorzugt hat.«

Bloß äußerlich? Das ist Unsinn; stimmt ganz und gar nicht; ist eigentlich Blasphemie. Aber: egal. Weiter!

»Besitz verpflichtet. Nur der besitzt mit Recht, der seinen Besitz wirken läßt.«

– Nettes Zeug schreib ich da zusammen. Seit ich nicht mehr reiten will, reitet mich irgendein wahnwitziger Teufel.

Er merkte gar nicht, daß er nach Diktat schrieb, und daß wieder einmal Carolus Poeta lebendig über ihn war. Und er schrieb fast mit Karls Worten:

»Der Reiche ist nie reicher, als wenn er seinen Reichtum auf geistige Zinsen anlegt, indem er produktive Kräfte damit unterstützt. Indem er zu schaffen hilft, schafft er selbst. Sein Geld wird Geist.«

Felix mußte aufstehen. Es überwältigte ihn. Er kam sich wie inspiriert vor. – Aber Karl diktierte weiter:

»Wenn sich aber der Reichtum den besten Geistern seiner Zeit kongenial erweist, erhöht er den Genuß seiner selbst zu einer Intensität, die weit über alle materiellen Genüsse hinausgeht. In diesem Sinne kann man Reichtum als persönliche Begabung genießen.«

Die Adlerfeder fuhr dahin, als ob der heilige Geist sie selber führte. Daß diese Inspiration aus einem Grabe kam, – nicht direkt aus dem auf dem Sarazenenturm, sondern aus dem in seinem Gehirn, wo alle diese Meinungen begraben gewesen waren unter anderen ebenso wahren Wahrheiten –, spürte der glückliche Wiederkäuer nicht. – Aber er mußte nun wohl zur Sache kommen. Und so ließ er sich aus den Höhen scheinbarer Selbstergriffenheit herab und schrieb:

»Ich handle also nicht aus bloßer Pflicht, sondern aus dem, ich darf wohl sagen: höheren egoistischen Instinkte geistig interessierten Reichtums, wenn ich, eine mehr äußerlich glänzende Episode meines anscheinend planlosen Lebens beschließend, mir vorsetze, mich künftig wieder der Förderung künstlerischer Tendenzen zu widmen.

Daß ich dabei zuerst an Sie, wertester Meister und Freund...«

Das Wort saß da wie ein Bolzen, unbewußt hingeschnellt von der vibrierenden Sehne eines von sich selbst entzückten Gemütes. Und so mochte es denn stehen bleiben.

»... denke, wird Sie nicht in Erstaunen versetzen. Wer könnte mir, seit Karl Kraker dahingegangen ist, näher stehen, als Sie? Wem gegenüber könnte mich so wie gegenüber Ihnen gleichzeitig ein Gefühl schuldigen Dankes erfüllen?

Freilich, ich weiß, Sie leben nicht in Not. Sie sind ein Anerkannter, der keine fremde Hilfe braucht, um sich durchzusetzen. Aber ich weiß auch, daß ein sensibler Geist, wie der Ihrige, mehr braucht als das gemeinhin Notwendige.

Ich würde es als eine hohe Auszeichnung des Schicksals betrachten, wenn es mir gestattete, der zu sein, von dem Sie das anzunehmen geneigt sein wollten, was ich nicht als eine Unterstützung, sondern als eine Art Beitrag zu Ihrem Freiheitskapitale angesehen wissen möchte.«

– Dieser Satz ist zwar nicht sehr schön, aber sehr gut, fand Felix. Nie hat sich ein freigebiger Spender mehr in Bescheidenheit gewunden, als ich es hier tue.

»Es steht bei Ihnen, ob Sie den beifolgenden Scheck bei der Münchner Reichsbankstelle präsentieren wollen oder nicht. Ich hoffe, daß Sie mir nicht den Schmerz einer Ablehnung antun, vielmehr auch künftighin bereit sein werden, mich auf diese Weise an Ihrem Schaffen Anteil nehmen zu lassen.

Daß mein fürstlicher Gönner und Landesherr eine Annahme Ihrerseits nicht weniger freudig begrüßen würde als ich selbst, möchte ich hinzuzufügen nicht unterlassen.

Und so habe ich Sie schließlich nur noch zu bitten, meine ergebensten Empfehlungen Ihrer sehr verehrten Frau Gemahlin zu Füßen zu legen und zu glauben, daß

ich bin und bleibe
Ihr getreuer Verehrer und Freund
Felix Hauart.«

– Dieser David kann mit seinem Jonathan wahrhaftig zufrieden sein, sagte Felix zu seinem lieben Herzen, als er den Brief zum fünften Male durchgelesen hatte.

Er lehnte sich behaglich im Schreibstuhle zurück und führte seine Blicke auf den Bücherrücken seiner Bibliothek spazieren. Es war ihm, als ob er eine Revue über seine Truppen abhielte.

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