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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 114
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der knochige Zeigefinger des alten Herrn

Felix war gewiß stolz auf den Großen Vogel und genoß das warme Bad des Ruhmes mit Entzücken, das ihn in der Residenz wohlig umgab. Aber der Gedanke, im Sattel zu siegen, nahm ihn doch noch mehr ein. Gerade, weil man ihn jetzt besonders seiner künstlerischen Interessen, seiner poetischen Qualitäten wegen hofierte, drängte es ihn mächtig, die »Welt« durch Siege auf einem Gebiete zu verblüffen, das fernab von diesen Interessen, diesen Gaben lag. Hatte er nicht schon als unbärtiger Jüngling den Namen Lord Byron geführt? Hatte das Schicksal damit nicht wie mit einem Scherze andeuten wollen, aus welchen Ingredienzien sich einmal sein Ruhm zusammensetzen sollte? Wohl! Der dichtende Herrenreiter, der Kunstförderer zu Pferde, das war die Note, die ihn auszeichnen sollte, – vor den Poeten sowohl wie vor den gewöhnlichen Turfgrößen, die er im Grunde auch schon rechtschaffen geringschätzte.

Er meldete sich und seine Pferde also fleißig überall an, wo sein Debüt in einem glänzenden Rahmen vor sich gehen konnte, und er verfolgte mit hoher Genugtuung die Kommentare, mit denen seine Nennungen in den Sportblättern begleitet wurden.

Indessen sollte seine Begeisterung eine fatale Dusche erfahren, unter der er schwer zu leiden hatte.

Er wurde von Serenissimus zu alleruntertänigster Dankabstattung in besonderer Audienz empfangen, die über eine Stunde lang währte. Aber gerade diese ungewöhnliche Auszeichnung war gar nicht dazu angetan, ihn zu beglücken. Der Fürst hatte trotz seines leidenden Zustandes, der ihm das Sprechen offenbar zu einer Anstrengung machte, fast ohne Unterbrechung und sehr eindringlich zu ihm gesprochen. Felix durfte sich ohne seine gewöhnliche Überschwenglichkeit sagen, daß der regierende Herr ein außerordentliches Interesse für ihn empfand und Absichten mit ihm hegte, die ihm im höchsten Grade schmeichelhaft und bedeutsam sein mußten. Aber, ach, dieses Interesse galt eigentlich einem anderen, einem früheren Felix, nicht dem gegenwärtigen, und diese Absichten zielten durchaus nicht auf das, worauf der gegenwärtige Felix sein Trachten gerichtet hatte.

Erst sprach der Fürst in allgemeinen Wendungen über die Notwendigkeit einer intensiveren Anteilnahme der Aristokratie an kulturästhetischen Bestrebungen. Er entwickelte den Begriff des Mäzenatentums als nobile officium und wies darauf hin, daß, wenn der Adel diese Pflicht vernachlässigte, die hohe Finanz sie übernehmen werde, womit nach seiner Meinung die Herrschaft des Judentums, ohnehin schon sehr fest begründet, geradezu stabiliert werden müßte. »Sie wissen,« sagte er, »daß ich nicht Antisemit bin, und daß ich deswegen mancherlei Widerspruch zu erfahren habe. Ich kann es nicht sein. Kann es nicht als Fürst und kann es nicht als Kunstfreund. Denn ich sehe jetzt schon, daß die jüdischen Kreise in Deutschland an Kunstförderung mehr leisten, als alle anderen zusammen. Aber, wenn ich das auch anerkenne, so bin ich doch nicht unbedingt erfreut darüber. Ja, ich erblicke eine gewisse Gefahr darin. Wenn der deutsche Geist ästhetisch im allgemeinen zu schwerfällig ist, so ist der jüdische, wie überhaupt, so besonders in Dingen des Geschmackes, der Kunst zu beweglich. Er faßt schneller auf, läßt aber auch schneller fallen. Die Juden drängen, mit wenigen Ausnahmen, immer nach links. Das schadet so lange nichts, als auf der andern Seite genug Gegengewichte vorhanden sind. Gegengewichte, nicht Hemmschuhe. Sie verstehen mich. So ein Gegengewicht ist unsere große Tradition. Der Name Goethe spricht sie am vollsten aus. – Sie haben«, sagte er, »meine ganze Zuneigung dadurch gewonnen und mich zu Dank verpflichtet, weil Sie eine Hoffnung in mir erregt haben: die Hoffnung, daß nun doch in der Generation der Erben junge Männer von entschiedenem Sinne für die höheren Aufgaben der Zeit erstehen, echte, ganze, geistig tatbereite Aristokraten im Sinne des herrlichen Gedichtes Ihres genialen Freundes. Ich hoffe, das Gefühl des Dankes dafür Ihnen gegenüber auch noch weiterhin zum Ausdrucke bringen zu können, wenn mir Gott noch eine Weile das Leben gönnt, und zwar durch mehr als nur Titel und Orden. Sie sind über Ihre Jahre reif, und so werde ich mich im gegebenen Augenblicke nicht für gebunden erachten, Ihnen gegenüber Ancienitätsrücksichten walten zu lassen. Wenn sich in Ihrer Generation künstlerische Kräfte regen, die einen neuen Idealismus erhoffen lassen, so ist es wohl an der Zeit, auch die öffentliche Kunstpflege Angehörigen dieser Generation anzuvertrauen. An mir soll es nicht fehlen. – Aber etwas hat mich stutzig gemacht. Ich habe erfahren, daß Sie einen Rennstall halten, daß Sie beabsichtigen, sich als Herrenreiter zu betätigen. Ich hoffe sehr, daß ich falsch berichtet worden bin, oder daß es sich nur um eine Laune bei Ihnen handelt. Die Bemühungen um Hebung der Pferdezucht haben natürlich mein landesväterliches Interesse, und ich verdenke es auch Ihnen nicht, daß Sie sich als Kavallerist und Grundbesitzer daran beteiligen wollen. Aber ich setze voraus, daß dies mit weiser Zurückhaltung geschieht und Sie in der Pflege höherer Interessen nicht im mindesten stört. Überlassen Sie das Rennwesen denen, die nichts Besseres wissen und können, und vergessen Sie den alten guten Gemeinplatz nicht: ›Man kann nicht zween Herren dienen.‹ Sie gehören in die Palaestra musarum und nicht auf den Concours hippique.«

Damit war Felix gnädigst entlassen. Aber es war ihm höchst unwohl von dieser Gnade zumute. Er fühlte sich im eigentlichsten Sinne aus dem Sattel geworfen.

Daß er nun nicht mitreiten durfte, daß er alle seine Nennungen, bis auf ein paar wenige zu Flachrennen mit bezahlten Schenkeln, zurückziehen mußte, war ihm klar. Das Gegenteil wäre offene Auflehnung gewesen, Fronde gegen den Lehensherrn gewissermaßen, Beweis unaristokratischen Sentiments.

Noch vorgebeugter, als gewöhnlich, schritt er durch die Straßen der Stadt, und er produzierte so schmerzlich düstere Schrägfalten in der Lippenpartie des gräflichen, sonst so stolzgemuten Antlitzes, daß alle, die ihm begegneten, sich erstaunt und fast bekümmert fragten: Wie ist es nur möglich? Trotz des Großen Vogels betrübt? – Und mancher brave Bürgersmann dachte sich in der sanften Tonart des Landes: I nu ja, nee, nee; auch bei die Großen is nich alle Tage scheenes Wetter, und sei Päckchen hat e jeds zu tragen.

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