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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 113
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der Große Vogel

Obwohl es sich Felix vom Prinzen her angewöhnt hatte, jetzt stark vornübergebeugt zu gehen, da er immer irgendeine Affektiertheit brauchte, sich äußerlich vom Gewöhnlichen zu unterscheiden, stand er nun in der Fülle seiner Kraft, im Hochtriebe seines Selbstgefühls. Die Anwandlungen eines krankhaft verstiegenen, grellen, aber zwischenhinein durch sonderbare Ängste verschatteten Höhenwahns wurden seltener, da der Dienst, die Liebe und die Morgenarbeit mit den Rennpferden ihn strapaziös hernahmen. Je mehr er sich körperlich ausgab, um so mehr schien er an Kraft und Frische zuzunehmen, und je weniger Zeit er fand, dem nachzuhängen, was er seine Gedanken nannte, um so weniger verfiel er den fixen Ideen, die der dunkle Untergrund aller seiner Gedanken waren. Sie waren ihm jetzt auch deshalb weniger gefährlich, weil er sie der Gräfin gegenüber immerhin manchmal aussprechen konnte. Und für Felix bedeutete das nichts anderes, als wahre Fugen der Selbstbespiegelung. Da die Gräfin immer leidenschaftlicher in ihrer Liebe zu ihm wurde, verfiel auch sie schließlich bis zu einem gewissen Grade der Macht dieser geheimnisvoll überschwenglichen Töne. Wenigstens gewöhnte sie es sich an, ihnen mit dem Ausdruck hingegebener Aufmerksamkeit zu folgen, indem sie voller Bewunderung zu Felix aufblickte.

Das genügte ihm, und er kam schließlich dahin, diese Genügsamkeit als das Resultat aristokratischer Selbstzucht anzusehen. Hatte er nicht das Dichten, hatte er nicht allen literarischen Ehrgeiz aufgegeben? Die Lehren Karls, dazu bestimmt gewesen, allen reellen Tätigkeitstrieb in ihm zu schwächen, ihn hohl zu machen und daher immer bereiter, alles Fremde und, wie Karl vorhatte, besonders alles ihm Schädliche aufzunehmen, saßen fest in ihm. Das Aufgehen im rein Äußerlichen seines Berufes, wie er ihn auffaßte, begünstigte den Aushöhlungsprozeß ebensosehr, wie die billigen Erfolge, die er überall hatte.

Er war Graf, war Offizier, die schönste Frau der Stadt war seine Geliebte, ihr Mann, einmal sein offenkundiger Feind, war ebenso offenkundig sein Freund geworden; alle übrigen Kameraden bewunderten seinen Stall, seine Reitkunst, erkannten sein ganzes Auftreten als über alles Lob erhaben an, prophezeiten ihm einen glänzenden Namen als Herrenreiter; der weibliche Teil der Gesellschaft umgab ihn mit deutlichen Zeichen dafür, daß sie in ihm den Inbegriff alles interessant Männlichen, Außerordentlichen verehrte. Nun kam noch eine große öffentliche Auszeichnung hinzu.

Der Grundstein zur Pflanzschule für dramatische Talente wurde durch den Landesfürsten persönlich im Rahmen eines feierlichen Aktes gelegt, dem der ganze Hof, die Spitzen aller Behörden, das Offizierskorps, die echte und die Talmi-Gesellschaft, die angesehensten Vertreter des Bürgertums, sowie die meisten ortsansässigen Koryphäen der Kunst, Literatur und Wissenschaft beiwohnten. Es war einer der großen Tage der Residenz.

Alles war gespannt und die Bleistifte der Reporter wie mit Elektrizität geladen.

Von der eigentlichen Grundsteinlegung versprach man sich nichts Sensationelles. Das Programm, die Aufeinanderfolge der Hammerschläge, hatte schon im Amtsblatt gestanden: Zuerst natürlich der Fürst, dann der Ministerpräsident, dann der Hoftheaterintendant, dann der Bürgermeister. Aber gerade hierbei geschah Außerordentliches. Erstens: Serenissimus hielt, obwohl er müde und krank aussah, eine Rede. Nun, man verstand von ihr nichts, denn er sprach sehr leise. Aber: Zum Schlusse ließ er sich von einem Lakaien ein prachtvoll gebundenes Buch überreichen und legte es in die Höhlung des Steines.

– »Was war denn das für ein Buch? Haben Sie gehört? Eine Urkunde? Nein, ich glaube, er hat von einem Gedicht gesprochen? Was? Ein Gedicht? Von wem denn? Vom Wirklichen Geheimen? Natürlich. Aber nein, ich glaube...«

Die tuschelnden Rätselrater wurden sogleich und auf höchst erstaunliche Art belehrt.

Der Fürst, statt den Hammer dem Minister zu überreichen, ließ den Grafen Hauart hinaufwinken, gab ihm die rechte Hand, legte die linke auf seine Schulter, sprach aufs freundlichste lächelnd zu ihm und überreichte ihm schließlich den Hammer.

Alle Welt stimmte darin überein: es war ein unvergeßliches Bild und ein Ereignis.

»Un – er – hört!« murmelte die Gattin des Ministers.

»Welche Improvisation!« meinte der Wirkliche Geheime.

»Das Programm durchbrochen!« notierte der Redakteur des Regierungsboten.

»Dieser junge Mann wird in einer Weise bevorzugt!« sagte Herr Martin von Herzfeld zu seiner Gattin, geborene Silberstein.

»Ein Offizier, wo doch der Fürst Offiziere gar nicht mehr mag!« bemerkte die Bürgermeisterin.

»Na, bei der Ähnlichkeit...!« erwiderte die Konsistorialpräsidentin.

»Das ist stark!« dachte bloß ihr Gatte.

»Wer jetzt noch zweifelt, ist blind und blöde,« entschied der Führer der Opposition im Landtage, Fleischermeister Knoll.

»Der Minister macht ein Gesicht wie ein Waisenknabe,« konstatierte der witzige Wochenplauderer der oppositionellen »Volksstimme«.

So lief, wie in flachen, lautlos hüpfenden Wellen, flüsterndes Getuschel durch alle vorderen und hinteren Reihen bis zur Masse des Volkes, das jetzt vor gespannter Neugierde auf den Fußzehen stand. Dann hörte man kurze Hammerschläge und glaubte etwas zu vernehmen wie: »Verewigter Freund... Dein Geist... adelige Kunst... Zukunft... Kultur... hoher Fürstensinn.«

Und der Fürst richtete wiederum, aufs huldvollste lächelnd, leise Worte an den zum Mittelpunkte der ganzen Feierlichkeit Gewordenen, winkte den Kammerherrn vom Dienste heran, entnahm einem dargebotenen Etui etwas Glitzerndes, in alle Augen und Herzen Leuchtendes, das jeder und jede kannte: den Großen Vogel, und heftete die höchste Auszeichnung »Für besondere Verdienste um das fürstliche Haus und gemeine Wohl« zwischen die silbernen Schnüre der gräflichen Attila.

Ein »Ah!« der Ergriffenheit drängte in jeglicher Brust empor und war bereit, sich von tausend Lippen stürmisch aufzuschwingen, dem huldreichen Fürsten und dem prächtigen jungen Manne entgegen, der so hohe Gnade so ruhig, bescheiden und schön mit einer schlechthin großartigen Verbeugung hinnahm. Aber man war denn doch zu wohl erzogen, als daß man seine Ergriffenheit in Gegenwart des höchsten Herrn hätte laut werden lassen. Das Ah blieb stumm auf halbgeöffneten Lippen liegen, als schönes Zeichen residenzlicher Erziehung.

Das übrige der festlichen Handlung, die programmgemäßen Hammerschläge und selbst Selmas Jambengewoge fand nur geringes Interesse.

Das Wort des Tages war und blieb: »Der Graf«. Die Stadt war voll davon zum Überfließen, aber der Telegraph sorgte dafür, daß es auch über ganz Deutschland hinwegflog. Soweit die deutsche Zunge klingt und in Druckerschwärze festgehalten wird, erfuhr der Zeitungsleser das große Ereignis. Graf Felix Hauart war einen Augenblick lang berühmt. Ein Strahl aus der Höhe fiel von seinem Namen auf die Frühstücksbuttersemmel des Bürgers.

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