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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 112
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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»Süße Rache, o süße Rache!«

Es war bereits voller Frühling geworden, als Gräfin Erna zum ersten Male es wagen durfte, heimlich zu Felix zu kommen.

Gesehen hatten sie sich oft, denn Graf Pfründten hatte es glücklich durchgesetzt, daß ein reger Verkehr zwischen dem gräflichen Paare und Felix zustande gekommen war. Mit großem Geschicke hatte sich die Gräfin dabei ihre Maske der Widerwilligen in behutsamer Abschattierung weggeschminkt und mit einer freundlichen, wenn auch noch immer recht zurückhaltenden Miene vertauscht.

Aber man hatte sich nicht bloß gesehen und immer mehr aneinander entflammt, sondern auch beinahe täglich heimliche Briefe gewechselt, die ebenso viele Brandscheite für die Glut ihrer Leidenschaft gewesen waren.

Als die Gräfin nun in der lauen Dämmerung eines in sanftem Regengeriesel vorübergegangenen Maitages zu Felix kam, waren irgendwelche retardierenden Momente vor der längst vorbereiteten Scène à faire nicht mehr vonnöten. Nur eine ganz kurze Weile herrschte eine Art Befangenheit auf beiden Seiten, bis sich Felix vor der Geliebten niederwarf und seinen Kopf zwischen ihre Knie preßte. Die Gräfin lehnte sich in dem Stuhl zurück und drückte mit beiden Händen seinen Kopf noch tiefer zwischen ihre Glieder. Sie fühlte seine heißen Hände an ihren Beinen hinauftasten und schloß die Augen. Küsse, wie sie sie nie genossen, nur geträumt hatte, lasteten auf ihren Lippen, brachen sie auseinander, senkten sich in den Mund, schienen sie ganz ausfüllen zu wollen. Dann fühlte sie sich fest umspannt und leise hoch gehoben. – O, ewig so, dachte sie, ewig so umfangen, getragen. – Bald dachte sie nichts mehr.

Als sie zum ersten Male die Augen öffnete, sah sie seine Augen dicht über den ihren. Sie umschlang ihn, preßte ihn an sich und hauchte: Noch! Noch!

Aus der Dämmerung wurde Abend, aus dem Abend Nacht. Da erst fanden sie die Sprache wieder.

»Kein Licht, ich bitte, kein Licht!« flüsterte sie, als er sich erhob. »Bleib! dich fühlen ist besser, als dich sehen.«

»Und doch sähe ich dich so gerne,« sagte er; »deine Augen möchte ich jetzt sehen. Nie sind die Augen einer Frau schöner, als wenn sie müde sind vom Glück.«

»Don Juan,« sagte sie, aber es war kein Vorwurf in ihrer Stimme.

Er fühlte sogar eine Art Bewunderung heraus und erwiderte leise, indem er ihre Wangen streichelte: »Wie deine Haut jetzt herrlich zu fühlen ist. Wollust für die Hände. Sie bestätigen mir, was ich nun weiß: Du warst zum ersten Male glücklich.«

– »Ja, und ich wußte es lange schon, daß ich es in deinen Armen sein würde.«

– »Und hast mich doch gehaßt?«

– »Ich habe dich geliebt vom ersten Augenblicke an.«

– »Wann war das?«

– »Du warst etwa zwei Monate hier. Ihr rittet auf Patrouilleübung mit dem kleinen Störkwitz. Mein Mann stand hinter mir. ›Wer war denn der stolze Einjährige,‹ fragte ich. ›Es sind zwei, wie du siehst,‹ antwortete er, der die gräßliche Unart hat, mich ewig zu korrigieren. – ›Aber nicht beide stolz,‹ antwortete ich geärgert, immer noch hinter dir dreinschauend, keinen Blick von dir lassend, bis ihr um die Ecke wart. Noch mit geschlossenen Augen sah ich dein Gesicht. Du hattest, wie immer beim Reiten, die Lippen fest aufeinandergepreßt, hieltest dich ein bißchen zu steif, sahst stolz geradeaus und schienst mit einer Kopfbewegung deinem Nebenmanne sagen zu wollen, er möge schweigen.«

– »Ich weiß! Wahrhaftig, ich weiß! Es war mir unangenehm, daß dieser Herr von Herzfeld gerade vor dem Hause des Oberstleutnants mich ansprach. Denn ich wußte, daß der ihm noch weniger grün war, als die anderen. Ich verbat es mir kurz darauf ein für allemal. – Da also wars!«

– »Ja! Und ich war entschieden sofort in love, denn das ist mehr als verliebt. Ich war sogar unbesonnen, denn ich reizte meinen Mann, indem ich noch sagte: ›Der, den ich meinte, sieht gut aus.‹ Er wurde unangenehm aufgebracht.«

– Was sagte er denn?«

– »Ach, du weißt ja, daß er dich nicht leiden konnte.«

– »Aber es interessiert mich wirklich, zu erfahren, wie er sich damals ausgesprochen hat.«

– »Gott, laß das doch. – Es würde dich ärgern, und er hat sich ja bekehrt.«

– »Jetzt machst du mich erst recht neugierig. Also sags, ich bitte dich.

– »Es ist absurd. Er nannte dich einen aufgeblasenen Judenbengel.«

– »Mich?«

Felix richtete sich im Bett auf und bebte am ganzen Leibe vor Zorn.

– »Siehst du, daß es dich ärgert.«

Die Gräfin richtete sich gleichfalls auf, schlang die Arme um ihn und küßte ihn in überströmender Zärtlichkeit und drückte ihn aufs Bett nieder, immer noch den Mund auf seinem.

Aber er erwiderte den Kuß nicht.

Sie ließ von ihm ab und sagte: »Jetzt habe ich dir richtig die Laune verdorben. Komm! Vergiß die Albernheit. Er sieht in jedem Menschen einen Juden, dessen Stammbaum er nicht kennt. Es ist nicht seine einzige Narrheit.«

Felix schwieg. Er erinnerte sich an die Szene, wie ihm der Graf verboten hatte, das »Jüdchen« nachzuahmen. Vergessen hatte er sie nie, und hinter der Leidenschaft für die Gräfin war immer der Haß gegen den Grafen gestanden. Aber die Leidenschaft hatte schließlich den Haß verschattet. Jetzt stand er wieder grell und heiß auf.

»Das soll er mir büßen,« knirschte er.

»Laß es mich büßen!« hauchte sie. »Räche dich an ihm – an mir!«

Felix lachte kurz und grimmig auf und vollzog die Rache mit einer Glut, daß die Gräfin glaubte, vergehen zu müssen.

»So sehr haßt du ihn?« sagte sie in wonniger Erschöpfung. »O, diese Rache ist süß.«

»Ich liebe dich,« antwortete er, heftig atmend, »ich liebe dich, wie ich nie eine Frau geliebt habe. Es ist eine Liebe, die sich nie erschöpfen kann, und sie kann auch mit niemand geteilt werden.«

Da lachte die Gräfin kurz auf: »Was für Ideen du hast. Denkst du, ich habe ihm jemals angehört? Denkst du, ich könnte ihm jetzt angehören? Ich habe die Ehe mit ihm schon in dem Augenblicke gebrochen, als ich dich damals vorüberreiten sah, und ich werde sie von jetzt ab nie so sündhaft brechen, als wenn er glaubt, mich zu besitzen. – Dessen sei gewiß. Für mich lebt nur ein Mann: Du. Außer dir nichts als Schatten. Ich war selbst bisher einer unter den andern. Du erst hast mich lebendig gemacht. Was gehen mich jetzt – Schatten an?«

Vom Kirchturm des benachbarten Dorfes schlug es zwölf Uhr.

»Gütiger Himmel!« rief sie aus, »ist das möglich? Zwölf?! Vergeht die Zeit so schnell, wenn man liebt? Mir ist, als ob ich eben erst hier eingetreten wäre.«

Sie sprang auf: »Jetzt, bitte, Licht. Nur einen Blick in den Spiegel, dann muß ich fort.«

Felix drehte das Licht auf, und der halbrunde Rokokopavillon, seinerzeit von einem italienischen Baukünstler aufgeführt und La Nicchietta genannt, weil seiner Gestalt die Form einer Muschel zugrunde lag und überall in ihm Muschelformen sich wiederholten, glühte rosig auf, wie das Innere der großen Meermuschel, die die Neapolitaner Venusohr nennen.

Gräfin Erna sah sich entzückt um. »Wie reizend!« sagte sie, »und das alles habe ich gar nicht gesehen. Nur dich. Nur dich.«

»Heute haben wirs gemacht wie die Räuber im Walde,« sagte sie dann, indem sie ihren Hut aufhob, der zerknüllt am Boden lag; »nicht einmal den Regenmantel hast du mich ausziehen lassen, du ungeduldiger, unpassender Mensch, du! Morgen wollen wir es uns bequem machen. Dann will ich auch deinen berühmten Schlafrock sehen, den Prinz Assi ›Harun al Raschid‹ getauft hat, und von dem mein Kammermädchen mir erzählt hat, er stamme vom Kaiser von China.«

Felix lächelte geheimnisvoll und sagte, nicht ohne einen Ton von Herablassung in der Stimme: »Du sollst ihn sehen.«

Die Gräfin band sich den Schleier vor, Felix öffnete ein Fenster und rief halblaut:

»Friedrich!«

Keine Antwort.

– »Ach so, er ist ja halbtaub. Außerdem wird er eingeschlafen sein, der alte Knabe. Übrigens unbezahlbar für uns jetzt. Hört kaum, sieht schlecht, redet keinen Ton. Und was hast du zu der alten Landlordkutsche gesagt? Bist du nicht erschrocken, wie du sie an den vier Pappeln hast halten sehen? Aber: Gummiräder. Für die Stadt! Ich hätte am liebsten auch den Gäulen Gummischuhe anziehen lassen. Man kann nie vorsichtig genug sein.«

– »Das weiß Gott. Aber solange mein Mann weg ist, hats keine Gefahr.«

– »Morgen!«

– »Morgen!«

Felix führte seine schöne Gräfin die kleine Treppe hinunter zum Mauerpförtchen und trug sie über den regenfeuchten Wiesengrund zu der ehrwürdigen, unendlich bieder aussehenden Kutsche, auf deren Bock ein altes, sonst nur zu Gartenarbeiten verwandtes Männchen schlief, dem es kein Mensch ansehen konnte, daß es gewürdigt wurde, gräflich Hauartsche Rosse zu zügeln.

Felix sah so lange in die Nacht hinaus, bis das Licht der Kutschlaterne verschwunden war. Da der Wagen durch die Wiese fuhr, hörte man nicht Räder, nicht Hufe. Nur das Rauschen des nahen Flusses und das Rieseln des Regens war vernehmbar.

Das war wundervoll, sagte sich Felix. Das war anders und mehr, als alles Frühere. Es besteht da ein deutlicher Unterschied. Erstens: eine wirkliche Dame. Die kluge Liane hatte doch nicht recht. Die große Kurtisane ist doch nur ein Surrogat für die geborene Dame. Möglich, daß sie für alte Fürsten höhere Reize hat. Aber, um das zu genießen, muß man alt sein und die Damen bereits hinter sich haben. Oder, worauf es wohl hinausgeht, Damen nicht mehr reizen können. Vielleicht, wenn ich einmal mit Prinzessinnen und Königinnen geschlafen habe, komme ich auch dazu, die höhere Raffiniertheit mehr zu schätzen, als vornehmen Ehebruch. Einstweilen finde ich, daß er unendlich reizvoller ist. Denn, und das ist der zweite Punkt: Hierbei ist Liebe. Die Gräfin liebt mich. Was ist gegen diese Leidenschaft die Kunst einer Liane? Gute Komödie. Gewiß: Man kann dabei lernen. Sie hat mehr Nuancen, im gewissen Sinne auch mehr Schönheit. Aber sie gibt doch weniger Wesentliches her. Das vorhin war verschwenderisch wie die Natur selber, gewitterhaft. Und dann dazu: die Gefahr. Köstlich. Das Geheimnis. Herrlich. Und schließlich, das Beste von allem: Daß ich gleichzeitig an diesem impertinenten Pfründten Revanche nehme. O, ich wünschte, es käme einmal der Tag, da ihm die Augen aufgingen!

Er pfiff die Melodie Bartolos »Süße Rache, o süße Rache!«

Dann, schon halb im Einschlafen: Wenn ich sie ihm ganz wegnähme? Wäre es nicht ein Triumph für mich, wenn sie sich scheiden ließe?... Aber der Skandal... Meine Stellung hier... Das Offizierkorps... Ehrengericht... Duell... Der alte Schuft schießt wie ein Cowboy...

Er schlief ein und träumte wieder einmal recht unangenehm von dem langen Friesen in Jena.

 

Am Abend darauf empfing Felix die Gräfin in türkischem Kostüm und lud sie ein, ein Paar türkische Damenpumphöschen nebst einer goldgestickten Jacke anzuziehen. Sie hatte es aber sehr eilig, dieses Gewand wieder abzulegen. Aber sie nannten sich von diesem Tage an Jussuff und Zelmi.

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