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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 110
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der gräfliche Kommentar

»Diese Gouvernante!« rief Graf Felix aus, als er Bertas Brief gelesen hatte. Und er warf ihn zornig auf einen Haufen Sportzeitungen. »Glaubt sie, mir mit diesem Tone zu imponieren?« grollte er, indem er sporenklirrend durch das Zimmer schritt und jedem Stuhle einen Fußtritt gab, der im Wege stand.

– Denkt sie vielleicht, ich lasse mich durch Drohungen zwingen?

– Bildet sie sich vielleicht ein, ich sei noch immer der, der sich Trense und Kandare anlegen läßt?

– »Teilnehmend«. Als ob sie einen Beileidsbrief geschrieben hätte.

– Die richtige Bürgermamsell. Möchte mit zeigen, daß einer Hamburger Pfeffersacktochter kein Grafentitel imponiert.

– Und besteht doch darauf, Frau Gräfin zu werden. Läßt nicht locker.

– »Patience«. Jawoll! Bitte, sich nur zu bedienen. Geduld bringt Rosen. Aber geben Sie auf Ihre Fingerchen acht, wenn Sie danach langen!

– Und immerzu der göttergleiche Karlemann. Als ob ich mich vor Gespenstern fürchtete.

– Zu dumm nur, daß sie die unsterblichen Produkte des glücklich Abgehalfterten nicht herausrücken will. Ich brauche sie ja... gottverdammich Was soll ich denn dem Gnädigsten sagen?

Felix warf sich in seinen Armstuhl, daß das Leder krachte, rollte mit ihm an den Tisch heran und riß den Brief an sich.

Diesmal las er ihn langsam. Wort für Wort überdenkend. Und, je weiter er las, desto nachdenklicher wurde er. Seine Wut dampfte ab, und ein sonderbares, recht unangenehmes Gefühl von Unsicherheit kam über ihn. Er ward sichs nicht bewußt, aber es war wieder der Geist Karls, der ihn lähmte und zugleich empörte. Ein würgendes Gefühl von Ohnmacht beherrschte ihn. Er hatte die bestimmte Empfindung, mit unendlich vielen dünnen Fäden festgebunden zu sein.

Sie macht sich lustig über mich, grübelte er, und gibt sich gar keine Mühe, das zu verbergen. – Sie ist ihrer Sache ganz sicher.

Er dachte zurück, und es wurde ihm klar, daß Berta das einzige menschliche Wesen war, an dem er hing, von dem er nicht loskommen konnte. –

Gegen sie hatte selbst die schwarze Perle nichts vermocht. – Hatte sein »Schicksal« nicht immer vor ihr gewarnt? Aber er? Hatte er auf die Warnungen gehört?

Er konstruierte sich einen begrifflichen Gegenstand zwischen Schicksal und Verhängnis, und er personifizierte beides in den zwei Frauengestalten, die den größten Einfluß auf ihn hatten.

Die hütende, warnende Frau, die ihn auf sein innerstes Wesen hingewiesen hatte, ihm geheimnisvoll seine Abstammung andeutend, war die Verkörperung seines Schicksals, und das war sein Blut. Folgte er ihr und somit ihm, so ging er den geraden Weg seiner Bestimmung. Aber das Verhängnis, verkörpert in Berta, lauerte am Wege und zog ihn abseits, – abwärts.

Konnte es fraglich sein, wem er folgen mußte?

Er stampfte mit dem Fuße auf, daß es an seinen Hacken klirrte, und drehte sich um. Das Zimmer erschien ihm jetzt ganz dunkel. Nur das Weiße des Briefes leuchtete von der schwarzsamtenen Tischdecke her. Er konnte seinen Blick nicht davon abwenden.

Wenn ich sie wenigstens liebte! dachte er sich.

Und plötzlich: Wahrscheinlich – liebe ich sie. Sie ist das einzige Weib, das ich begehrt und nicht besessen habe. Vermutlich ergibt das das, was man Liebe nennt.

Bis tief in die Nacht hinein warfen sich ihm Erwägungen, Befürchtungen, Drohungen entgegen. Je schwerer die Weine waren, die er gegen sie ins Feld führte, um so mehr gewannen sie selbst an Last und Wucht. Erst der Halbbetrunkene vermochte es, sich vor ihnen in die Wolken alkoholbeflügelten Selbstbewußtseins zu retten, wo er sich zwischen Wahrheit und Einbildung wieder wohl fühlte.

Ich liebe sie, sprach der Wein aus ihm, ich liebe sie mit meinem Hasse auf alles, was von Karls Art ist. Sie muß mein werden, ganz mein. Ich will mein Verhängnis besiegen, indem ich es meinem Schicksal untertan mache. – Was kann die Schönheit gegen meinen Stern? Ihr Blut ist Wasser gegen meins. – Sie haßt mich, weil sie den Toten liebt. Aber sie soll seinen Mörder lieben lernen und den Toten vergessen. Dann erst werde ich ganz frei sein von ihm, – und auch von ihr.

Kein Haß wird mehr sein und auch keine Liebe. – Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Liebe, was habe ich mit dir zu schaffen? – Mein Schicksal duldet keine Liebe. Wer zum Genuß bestimmt ist, muß auf Liebe verzichten. Die Liebe wird ihm zum Verhängnis, wenn er sie nicht tötet durch Genuß.

Sprach der Wein.

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