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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 109
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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»Was!?« riefen Sauna und Jeremias wie aus einem Munde aus. Und sie griffen ebenso gleichzeitig zum Briefe.

»Du wirst mir vielleicht gestatten, daß ich ihn vorlese,« sagte der Herr des Hauses, indem er ihn ihr entzog.

Und er las das gräfliche Schreiben in seinem halb kaufmännischen, halb pastoralen Tone vor.

»O Gott,« sagte Sanna weinerlich und sah Berta erschrocken fragend an.

»Eine schlimme Nachricht,« sagte Jeremias und schlug einen nervösen Fingerwirbel auf der Tischplatte.

»Ich finde sie komisch und gleichgültig,« entschied Berta.

Jeremias sah ihr streng ins Gesicht: »Ich begreife dich nicht. Ich verstehe nicht, warum du dich stellst, als fühltest du nicht, was dieser Brief für dich bedeutet. Er enthält eine Absage an dich.«

»Ach ja,« seufzte Sanna tief auf.

Und Jeremias fuhr scheinbar ruhig fort: »Daß er es bisher schon immer vermieden hat, auch nur anzudeuten, in welchem Verhältnis er zu dir stand...«

»Steht,« warf Berta ein.

»Stand,« beharrte Jeremias... »das ließ sich am Ende begreifen, wenn auch nicht entschuldigen, denn er schrieb ja überhaupt nur Briefe, die nichts enthielten. Daß er aber auch in diesem Briefe davon schweigt, der so Wichtiges enthält, eine Sache, die ja auch dich anginge, wenn du ihn noch etwas angingest, das beweist, daß er sein Wort vergessen hat.«

Sanna nickte mit dem Kopfe und sah Berta an, als ob Leben und Tod für sie auf deren Lippen schwebte.

Diese Lippen aber kräuselten sich nur, – stolz und geringschätzig, und erst nach einer Weile sprachen sie: »Es genügt, daß ich es nicht vergessen habe.«

»So?« meinte Jeremias. »Zum Heiraten gehören zwei.«

Diesen vermeintlichen Spott (denn Jeremias hatte diese Worte nicht eigentlich spöttisch gemeint) ertrug Berta nicht. Eine dunkle Röte überdeckte jäh ihr Gesicht, und sie sagte mit bebender Stimme: »Ich werde ihn heiraten, so wahr, wie ich hier stehe und weiß, daß keine andere Gräfin Hauart wird, als ich.«

Gräfin Hauart?... Sie erschrak vor dem Worte. Wie war es auf ihre Lippen gekommen? Gefiel es ihr?

Plötzlich lachte sie kurz auf: »Aber so freut euch doch!! Gräfin Berta! Welch schöner Name! Ich habe mir vieles erträumt; – das nicht! Es ist nur gut, daß die Aussteuer noch nicht bestellt ist. Jetzt dürfen wir die Krone nicht vergessen.«

»»Bist du so sicher,« fragte, doch etwas erleichtert, Sanna, »oder stellst du dich nur so? Ich fürchte, ich fürchte...«

»Was ist zu fürchten!« rief jetzt wieder Berta mit Stirnrunzeln aus.

»Nun, er wird jetzt jede Komtesse kriegen, die er mag,« meinte Sanna.

»Und hat es sicher schon auf eine bestimmte abgesehen,« fügte Jeremias hinzu. »Zwar wäre er zu der Torheit imstande, für einen leeren Titel das viele Geld auszugeben, das ihm zweifellos der Graf gekostet hat, aber der Grund zu dieser törichten Vergeudung liegt entschieden tiefer, liegt in der Absicht, von dir loszukommen, um eine andere, eine Hochgeborene heiraten zu können.«

Jetzt sah Berta ihrem Vater streng ins Gesicht.

Sie sagte: »Möglich, daß er mich so beleidigend gering einschätzt, wie ihr. Sicher, daß ich es verdiente, wenn ich dächte, gleich euch. Dann würde es sich empfehlen, eine Abstandssumme zu verlangen, damit wenigstens etwas gerettet wird. Nicht?«

»Was wagst du...« wollte Jeremias losbrechen.

Aber Berta schnitt ihm kühl das Wort ab: »Ach, bitte, Papa, nur keine großen Worte. Wer, wie du, bereit wäre, sich damit abzufinden, daß dieser... dieser... Graf sich einfach auf dem Absatz herumdreht und sagt: Ich habe etwas Passenderes gefunden, – der hat nicht das Recht, beleidigt zu sein. Ich aber, hörst du, ich finde mich mit Unverschämtheiten nicht ab. So wenig ich ihm nachlaufe, so wenig laß ich ihn davonlaufen. Mir liegt an seiner Person nicht mehr, als an seinem neuen Titel. Eher weniger. Trotzdem werde ich, muß ich ihn heiraten. Mag er mich immerhin warten lassen. Um so besser für mich. Um so schlimmer für ihn. Aber der Tag kommt. Verlaßt euch darauf«

Die beiden Alten waren sprachlos.

Endlich flüsterte Sanna: »Ja, aber, Berta, wenn du ihn nicht magst, weshalb willst du ihn dann...«

– »Habt ihr ihn vielleicht gemocht, als ihr ihn ins Haus nahmt?«

»Es war Christen- und Bürgerpflicht,« erklärte Jeremias.

»Und wir dachten auch an...« Sanna schloß plötzlich die Lippen. Sie hatte sagen wollen: euch.

Und Berta rief: »So sprichs doch aus! So habe doch endlich einmal den Mut, dich zu bekennen, zu sagen, daß auch du an ihn denkst, jetzt noch öfter als früher, wo ihr seinet- und meinetwegen den Menschen zu euch genommen habt, der euch so verhaßt war, wie uns. Auch du, Papa!«

»Nein! Nein!« schrie Jeremias und ließ unentschieden, was er verneinen wollte.

Sanna ließ den Kopf sinken und bewegte die Lippen.

Es war das erstemal, daß von »ihm« die Rede war.

Berta fuhr nach einer Pause fort: »Ich weiß, daß ihr an ihn denkt. Jeder Mensch muß an ihn denken, der ihn gekannt hat. Immer. Und ich sage euch: Ich denke nur an ihn, und nur, indem ich an ihn denke, kann ich daran denken, den Menschen zu heiraten, der ihn... Gleichviel. Ihr habt diesen Menschen in unser Haus genommen um unsertwillen. Ich setze euer Werk fort, indem ich ihm in sein Haus folge um Karls willen. Es ist Pflicht, wenn auch nicht Christenpflicht. O nein! Christenpflicht wäre es ja, zu verzeihen. Warum aber soll ich diese Pflicht einem Fremden gegenüber üben, da ihr sie nicht einmal eurem Sohne gegenüber anerkennt?«

»Es ist ihm verziehen,« sagte Jeremias ernst und traurig, »doch die Sünde vergessen kann nur Gott.«

Es trat eine Pause ein, während der Jeremias den Brief nochmals überlas.

»Willst du antworten, Berta?« fragte er.

– »Ja.«

»Willst du nicht lieber mich antworten lassen?« fragte Sanna.

– »Nein. Deine Antwort würde keine Antwort sein, sondern ein Glückwunsch.«

– »Du willst ihm etwa doch nicht so antworten, wie du eben gesprochen hast?«

– »Bitte, Mama, überlaß das mir. Den Brief könnt ihr ja lesen.«

Und der Brief lautete so:

»Lieber Vetter!

Wir haben mit Vergnügen davon Kenntnis genommen, daß du Graf geworden bist und nächstens Offizier werden wirst. Weder die Eltern noch ich unterschätzen das Glück, das dir damit beschieden worden ist und das dir noch bevorsteht. Dieser Titel, dieser Stand passen zu dir. Insbesondere zweifle ich nicht daran, daß du in der Uniform glänzend aussiehst und durchaus so auftrittst, wie man es in den Kreisen, denen du nun angehörst, von einem gräflichen Reiteroffizier erwartet. Schade nur, daß du dich bei uns noch nicht hast sehen lassen. Du treibst die Zurückhaltung etwas weit, mein lieber Vetter, und ich würde Ursache haben, dein Ausbleiben übel anzusehen, wenn ich es mir nach deinem letzten Briefe nicht dahin ausdeuten könnte, daß du nur nicht als bürgerlicher Einjährig-Freiwilliger hast kommen wollen, da du vorhattest, später in höherem Glanze vor uns zu erscheinen. Dieser Umstand beweist, daß du Sinn für mise en scène und die Gabe ruhigen Abwartens hast, – beides meiner Meinung nach aristokratische Eigenschaften.

Ist es unbescheiden von mir, einer Bürgerlichen, wenn ich sage, daß ich beide auch besitze? Zumal die Kunst, ruhig abzuwarten, ist mir zu eigen, – soweit und solange sie als vornehm gelten kann. Denn es gibt da einen Moment, von wo an es als niedrig gelten muß, sie auszuüben; einen Moment, wo Geduld zur Erbärmlichkeit, Langmut zur Schwachmütigkeit wird. Der edle Mohr darf sagen: Patience, thou young and roselipp'd cherubin, aber auch der tapfere Clifford hat recht: Patience is for poltroons.

Du wunderst dich vielleicht, daß ich Shakespeare zitiere, und fragst dich, woher ich diese Weisheit habe. Ich kann es dir sagen: Diese Zitate stehen hart hintereinander auf der letzten Seite von Karls Tagebuch. Karls Tagebuch... Es ist auch deins, mein Vetter... Da ich täglich in ihm lese, denke ich also täglich an dich...

Patience, thou young rose-lipp'd cherubin...

Aber Karls Manuskripte kann ich, darf ich dir nicht schicken. Zwar würde kein Wort aus ihnen verloren gehen, wenn sie verloren gingen, denn jedes Wort, das Karl hinterlassen hat, ist in mir aufbewahrt. Jedes Wort. Aber diese Abschriften dürfen an keinem anderen Orte sein, als wo ich atme, und ihre Herausgabe soll erst erfolgen, wenn du sie lesen – darfst.

Im übrigen freut es mich, daß du solche Absichten, solche Interessen hast. Ich habe nie daran gezweifelt, daß du ihnen auch im höchsten Glanze stets treu bleiben wirst. – Ein Vers von Karl:

Glas glänzt gemein,
Glänzt nur im Licht von draußen.
Hat keinen eignen Schein.
Es spiegelt nur, es äfft; es ist ein Grausen:
Schlecht und modern, gefällig und gemein.
 
Der echte Glanz entbricht aus innern Kräften,
Kristallgesetzlich, fest und festlich, rein, –
Geheimnisvoll durchglüht von eignen Lebens Säften:
Dem Blut der Gottheit, das, erstarrt im Stein,
Des Körpers Dunkelheit mit Licht durchbrach
Und dem Kristall sein Werde leuchtend! sprach.

Das Gedicht ist überschrieben: ›Pöbel und Adel‹. Es stammt noch aus der Schulzeit Karls und ist von ihm durchstrichen. Er hat es, wie aus einer Anmerkung hervorgeht, in einer Physikstunde geschrieben. Ich denke, es wird dich interessieren, und du wirst für seine Mitteilung dankbar sein

Deiner teilnehmenden Cousine Berta.«

Frau Sanna war tief gerührt von dem Gedichte Karls, das sie tief religiös fand, weil das Blut der Gottheit darin vorkam, und auch Jeremias zeigte sich ergriffen davon als einem Beweise dafür, daß der »Unglückliche« nicht immer auf den Pfaden der Gottlosigkeit gewandelt sei. Über den Brief Bertas aber schüttelten beide den Kopf. Sie ahnten nicht, wie wohlberechnet jedes Wort darin war.

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