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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 108
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Hamburger Reflexbewegungen

Nach Hamburg, wohin er bisher nur recht selten geschrieben hatte, meldete Felix seine Standeserhöhung in einem Stile, der nach seiner Meinung dort nicht weniger gräflich wirken mußte, als die Grafung selbst.

Er schrieb: »Meine sehr geliebte Base!« (er fand Base jetzt vornehmer als Cousine und hätte am liebsten Muhme geschrieben) »Gestatte, daß ich dir heute nur ganz kurz eine Mitteilung mache, die dir bei der gütigen Anteilnahme, die du meinem Schicksal widmest, gewiß nicht gleichgültig sein wird, obwohl sie nur etwas Äußerliches betrifft, ein Ereignis, das zwar von erfreulicher, nicht aber von eigentlich wesentlicher Bedeutung für mich ist. Mein gnädigster Herr hat geruht, mich aus eigenem Rechte in den Grafenstand zu erheben. Ich gebrauche den üblichen Ausdruck, ohne mir seinen Sinn zu eigen zu machen. Ich stehe als Graf Hauart nicht höher, als ich bisher gestanden habe, und ich würde auch jeden noch höheren Titel nicht als eine tatsächliche Auszeichnung vor Menschen ansehen, die mein Blut (also mein angeborener Stand sozusagen) als ebenbürtig empfindet.«

Als er so weit gekommen war, legte er die Feder weg und fragte sich: Empfinde ich eigentlich Berta als ebenbürtig?... Ist sie nicht schließlich doch bloß eine Hamburger Krämerstochter?... Empfinde ich überhaupt etwas für sie?... Was ist sie mir denn noch?... Was kann sie mir denn jetzt noch sein?... Ach was? Weg mit diesen Gedanken... Sie hat mein Wort, und das Schicksal wird darüber befinden, ob ich es einlöse... Überlas das Geschriebene noch einmal, fand den Ton gut und schrieb mit wahren Schwadronshieben der Feder weiter:

»Darüber kein Wort mehr. Ich könnte nur sagen, was du selber nicht weniger sicher fühlst, als ich. – Die ganze Affäre hat nur Bedeutung für meine militärische Laufbahn, und ich habe sie nur deswegen durch meinen Freund Prinz Durenburg usw. (sein ganzer Name ist zu lang, als daß ich dich damit behelligen möchte) bei der höchsten Stelle einleiten lassen. Daß ich Soldat mit Leib und Seele bin, weißt du. Es kann keinen mir gemäßeren Stand geben, als den eines Reiteroffiziers. Ich weiß wohl, daß in manchen Kreisen der Kavallerieoffizier als ein Mensch angesehen wird, dessen Horizont über Pferd und Kaserne, Kasino und äußerliche Amüsements nicht hinausgeht, aber ich denke, meine zuweilen zwar etwas boshafte, aber Allgemeinurteilen nicht leicht zugängliche teure Base wird nicht daran zweifeln, daß ich auch im Sattel jene geistigen Interessen nicht verleugnen werde, deren Pflege mir ein angebotenes Bedürfnis ist, und die ich im Umgange mit unserem unvergeßlichen Karl als einzig wesentlichen Lebensinhalt habe begreifen lernen dürfen. Als Beweis dafür diene dir meine Absicht, Karls hinterlassene Schriften demnächst herauszugeben. Da die Manuskripte in deinem Besitze sind, bitte ich dich untertänigst, sie mir recht bald zusenden zu wollen. Es versteht sich, daß ich sie in der denkbar vornehmsten Form an die Öffentlichkeit bringen werde.

Indem ich mich Onkel und Tante ehrerbietigst empfehle, lege ich mich dir zu Füßen als dein getreuer Diener und Vetter Felix.«

Als Berta den Brief gelesen hatte, lächelte sie bitter und geringschätzig. Dann runzelte sie die Stirne und biß die Lippen aufeinander. Sie legte den Brief auf den Tisch und sah ihn starr an. Mt einem bösen Ausdruck. Wie einen Feind. Plötzlich stand sie auf und wischte ihn mit einer zornigen Handbewegung vom Tische. Trat ans Fenster und sah in die ziehenden Wolken. Wandte sich um, hob den Brief auf und ging, erst schnell, aber bald den Schritt verlangsamend, die Treppe hinab zu den Eltern.

Die saßen einander steif gegenüber am Tische, als ob sie sich eben gezankt hätten. Aber so saßen sie seit Karls Tode immer in der Dämmerstunde. Sie sprachen nie von ihm, waren überhaupt noch einsilbiger geworden als früher, aber er stand unsichtbar zwischen ihnen. – Ein Schatten, den sie fühlten.

Äußerlich schienen sie nicht verändert. Was konnte sich an diesen harten Zügen viel verändern.

Aber beide fühlten, daß sie innerlich alt geworden waren, daß sie abstarben, einander abstarben.

Ihr Inneres war voll gegenseitiger Anklagen. Sanna wiederholte sich immer wieder: Er ist schuld daran; er hat ihn verdorren lassen, bis giftige Säfte in ihm schändlich lebendig wurden.

Jeremias aber verstockte in dem Zorne: Sie hat die Schuld. Sie hat mit mütterlicher Eitelkeit und sündhafter Verblendung Nachsicht geübt gegenüber der Geilheit seines Geistes, der sich früh schon von Gott ab- und dem Götzendienste der Selbstüberhebung und Weltsucht zuwandte. Durch das Weib ist die Sünde in die Welt gekommen.

Die Frömmigkeit der beiden nahm nicht ab, eher zu. Aber gegen diesen Schatten half sie nicht.

Nur eines verband sie noch: Berta. Und seltsam: sie spürten, daß auch dieses Kind ihnen verloren war, aber sie taten nichts, es zu retten. Darin waren sie sich einig: nur Gott selbst konnte diese Seele zu sich wenden. Sie war so starr und kalt. Ganz unnahbar so guten, wie bösen Worten. Nie gab Berta ein Ärgernis. Ging in die Kirche, wie sie. Betete zu Tische. Aber sie fühlten wohl: Tönendes Erz und klingende Schelle. – Sie verkehrte mit niemand und schreckte ihre Altersgenossen, die jungen Mädchen sowohl, wie die jungen Männer, durch eisige Kälte und stummen Hochmut ab. Theater, Bälle, Konzerte besuchte sie nie. Nur die Kunsthalle. Aber sie las, wie beide Eltern übereinstimmend meinten, sündhaft viel. Sie hatte nicht allein die Manuskripte, sondern auch die Bücher Karls an sich genommen und duldete es nicht, daß die Eltern Einsicht nahmen. Das hatte böse Kämpfe gegeben, aber Berta war Siegerin geblieben. Sie wußte wohl: Ein Blick in diese Bücher, und sie wären dem Feuer überantwortet worden.

Lektüre für ein junges Mädchen war es wohl auch eigentlich nicht, und gewiß nicht Lektüre für Jeremiassens und Sannas Tochter, wohl aber Lektüre für Karls Schwester. Es befand sich darunter der ganze bis dahin erschienene Nietzsche, alles von Taine und Stendhal, das meiste von Balzac, Beaudelaire und den Goncourts, die Fragments d'un journal intime von Henri Frédéric Amiel, Burckhardts Kultur der Renaissance, die Briefe des Abbé Galiani, der Principe Macchiavells, Heinses Petronübersetzung, Casanovas Memoiren, Rétif de la Bretonnes Monsieur Nicolas und eine Unmenge englischer und französischer Pornographien. Von älterer deutscher Literatur war vollständig nur Goethe vertreten, dann Brentano, Novalis, Friedrich von Gentz, Adam Müller. Die antike Literatur aber fand sich fast lückenlos in durchschossenen Exemplaren mit zahlreichen Übersetzungsversuchen vor. Selbst die Spätrömer und späteren Hellenen, wie Longus, fehlten nicht. – Was Berta von diesen Büchern nicht in der Ursprache lesen konnte, schaffte sie sich in Übersetzungen an, da ihr Wunsch, Lateinisch und Griechisch zu lernen, bei den Eltern auf heftigsten Widerspruch gestoßen war.

Die Wände ihres Zimmers waren wie tapeziert mit Kunstblättern und Photographien, die Karl auf seiner Reise gesammelt hatte, soweit sie nicht Nacktheiten wiedergaben, die Berta unter Verschluß halten mußte, weil Sanna sie kurzweg in Fetzen gerissen haben würde. Alle diese Bilder steckten in schmalkantigen schwarzen Rahmen, die ein Auswechseln der Blätter zuließen, denn es hatte sich in Karls Nachlaß eine solche Menge vorgefunden, daß Berta ihr Museum wöchentlich erneuern konnte.

Ihr Museum – Karls Museum. Denn das Ganze war im Grund nichts als ein fortwährender Kultus mit dem Geiste Karls, ein unablässiges Bemühen, diesen Geist zu durchdringen, ihn sich ganz zu eigen zu machen. Sie hätte seine Briefe und Tagebücher, sie hätte alles, was er hinterlassen hatte, aus dem Kopfe hersagen können, aber sie las es immer wieder in seinen Schriftzügen. Das Unleserlichste, sie vermochte es zu entziffern. Selbst Durchstrichenes wußte sie zu enthüllen. Sie konnte stundenlang über einem einzigen Worte sitzen und genoß ein wahres Glück, wenn es ihr gelungen war, seinen Sinn zu finden.

Kein Wunder, daß sie blaß und schmächtig wurde. Kein Wunder auch, daß sie um die Lippen einen verkniffenen Zug und tiefe Schatten unter die Augen bekam, etwas von einer Gelehrten oder von einer Nonne.

Denn sie war im Grunde wahrhaftig nicht darauf angelegt, ganz im Geistigen aufzugehen; auch ohne die üppigen Schilderungen in Karls erotischen Büchern hätte ihr Blut revoltiert. Es gab Augenblicke, wo sie sich die Kleider vom Leibe riß und sich in der Wut ihrer hungrigen Sinne auf dem Teppich wälzte, ekstatisch stöhnend. Nur Stolz und Berechnung hielten sie davon ab, sich nach den historischen und erdichteten Mustern auszulassen, von deren Praktiken sie aus ihrer Lektüre aufs genaueste Bescheid wußte. Sie wurde zu einer Messalina der Phantasie, so angefüllt mit wollüstigen Vorstellungen, daß sie manchmal die Empfindung hatte, selbst ihr Gehirn sei ein Organ der Wollust.

Und immer wieder tauchte in diesen üppigen und krassen Bildern die Gestalt des mit höchstem Ingrimm gehaßten, verabscheuten, verachteten und dennoch gierig ersehnten Vetters auf. Er sollte es mit seinem Leibe bezahlen, was der ihrige erduldete – und mit seinem Leben das Leben Karls. Dann erst würde ihr Leben beginnen, ein Leben im Sinne ihres Bruders, tief beeinträchtigt zwar durch sein Fehlen, aber gewürzt durch das hohe Gefühl, ihn gerächt zu haben.

 

Berta trat ruhig vor die Eltern und legte den Brief auf den Tisch: »Von Henry.«

»So nenne ihn doch Felix, wenn ers haben will!« verwies sie Sanna, die immer darauf drang, daß Berta den »Verlobten« gelinder behandelte, denn sie führte dessen Kälte auf die mangelnde Wärme der »Braut« zurück. Und, wie vieles auch in ihr ein anderes Aussehen gewonnen hatte seit dem Verluste Karls – der Wunsch, daß »das Geld« in die Familie käme, hatte nichts an Entschiedenheit verloren. Bei ihr nicht und bei Jeremias nicht.

»Wir werden ihn jetzt noch ganz anders nennen müssen,« sagte Berta. »Lest nur. Er ist Graf geworden.«

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