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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 107
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Im Sattel

Der Stern der rechten Bahn

Vom Nichts zum Grafen!

Sogar Selma war verblüfft. Soviel Einfluß hatte sie sich als Gewesene doch nicht zugetraut, und die Summe, die Felix gestiftet hatte, war zwar recht erklecklich, entsprach aber doch eigentlich nur sieben und nicht neun Zinken. Die ideale Künstlerin war einen Moment fast ärgerlich überrascht, denn sie hatte für ihren angebeteten Orestes eine Nachbildung ihrer berühmten Jungfraubüste in Perlenstickerei anfertigen lassen, und darin nahm keinen kleinen Platz eine siebenzackige Krone ein. Zwei rundliche Liebesgöttchen hielten diese Krone in der Schwebe, während ein himmelblaues S darunter ein scharlachrotes F innig umschlang, – was alles gewiß noch immer sehr »niedlich«, aber nun doch unverwendbar war.

Selma gab sofort eine Korrektur in Bestellung, sollte aber auch für diese keine Verwendung finden, denn Graf Orestes bekam mit einem Male kalte Füße in den Theatersandalen. Er verließ auch seine Villa und kaufte ein kleines Schloß in der Umgebung der Stadt einem geborenen Grafen ab, dessen altes Wappen nicht so gut vergoldet war, wie Felixens neues. Man fand das allgemein sehr stilvoll und machte sich auf große Dinge gefaßt, als Felix die alten Stallungen abbrechen und fünfmal so große neue dafür errichten ließ.

In der Gesellschaft zweifelte, immer nur den obstinaten Grafen Pfründten ausgenommen, der übrigens um diese Zeit den Dienst quittierte, niemand daran, daß die sensationelle Grafung auf Beweise zurückzuführen sei, die der Prinz höchsten Ortes für Felixens hohe Herkunft erbracht habe. Ließen doch Seine Durchlaucht Andeutungen in diesem Sinne genug fallen.

Von der Gesellschaft sickerte diese Meinung, durch das Filter der Dienerschaft nicht etwa verdünnt, sondern verdichtet, in das Publikum, genannt Volk, und so wurde es bald zur allgemeinen Überzeugung, daß der neue Graf eigentlich viel mehr, als bloß ein Graf sei. Da aber das Volk aus angeborener Anhänglichkeit an das angestammte Herrscherhaus immer geneigt ist, romantische Geheimnisse mit diesem in Verbindung zu setzen, so belächelte man an den Stammtischen sowohl wie in den Kaffeekränzchen das Märchen von Mexiko als höfisch ersonnene Fabel, zwinkerte mit den Augen und flüsterte: Uns machen se nischt vor!

Gerade daß der neue Graf, im Gegensatze zu den vielen neuen Baronen usw., nicht offiziell bei Hof verkehrte, sondern nur zuweilen allein zu Serenissimus befohlen wurde, galt als Bestätigung dessen, was die Stimme des Volkes raunte.

Alles in allem: Felixens Standeserhöhung fand überall Verständnis und Beifall, nur nicht bei der neuen Aristokratie, die dafür jetzt ein so reges Interesse für die zu gründende dramatische Pflanzschule zu betätigen begann, daß das Entstehen dieses Kunstinstitutes bald gesichert erschien. Die Portemonnaiebarone zweifelten nicht einen Augenblick daran, daß der Graf lediglich die Folge einer besonders ausgiebigen Stiftung für dieses dem höchsten Herrn offenbar höchst sympathische Institut war.

Indessen verhielt sich die Sache doch etwas anders.

Serenissimus hatte des Prinzen geheimnisvolle Andeutungen immer mit huldvollem Lächeln angehört, oftmals mit dem Kopfe nickend, zuweilen ein interessiertes »ah!« oder ein bedenkliches »hm« einfallen lassend, hatte ein paarmal mit seinem überlebensgroßen Bleistifte Notizen auf seinen entsprechend umfangreichen Papierblock gemacht, war auch einmal an seine Handbibliothek getreten, ein Buch herauszugreifen und in ihm nachzuschlagen, kurz, er hatte die Sache, mit legerem Wohlwollen, aber nicht mit besonderer Anteilnahme behandelt. Dann aber hatte er sich den geheimnisvollen Fahnenjunker einmal in seiner Theaterloge vorstellen lassen, ihn aufmerksam betrachtet und ein paar gnädige Worte des Lobes darüber an ihn gerichtet, daß er ein so erfreuliches Interesse für die dramatische Kunst betätige. »Sehr schön das,« hatte er gesagt; »nobile officium. Freut mich. Ich habe auch erfahren, daß Sie Umgang mit Dichtern gepflogen haben. Wünschte wohl, daß unsere jungen Herren überhaupt ähnliche Neigungen an den Tag legten und sich nicht bloß als Reiter und Pferdezuchtförderer fühlten. Aber die gegenwärtige Zeit ist materiell gesinnt. Sogar die Dichter. Hoffentlich hat Ihr Freund nicht zu den Realisten gehört.«

»Er war ein großer Idealist,« hatte Felix leise, aber doch emphatisch erwidert. »Ja, er ist gewissermaßen an seinem Idealismus zugrunde gegangen.« Darauf der höchste Herr: »Besitzen Sie ein Werk von ihm?« Und Felix: »Leider nur ein einziges im Druck. Ich gedenke, die übrigen später herauszugeben.« – In diesem Augenblicke hatte der Kammerherr vom Dienst gemeldet, daß auf der Bühne umgebaut sei. »Lassen Sie anfangen!« hatte Serenissimus befohlen und Felix mit den Worten verabschiedet:«Schicken Sie mir das Werk Ihres Freundes.«

Auf den höchsten Herrn hatte die prachtvolle Dichtung gewaltig gewirkt. Er war tief ergriffen davon gewesen und hatte den Prinzen beauftragt, am nächsten Tage Felix mit ins Schloß zu bringen.

»Ihr Freund war ein Genie,« hatte er gesagt. »Es ehrt Sie aufs höchste, daß er Sie seines Umganges gewürdigt hat, und Sie haben meinen ganzen Respekt, daß Sie in so jungen Jahren schon begriffen haben, daß einem solchen Dichter ein Denkmal gebührt. Die Nachwelt würde ihm viele Monumente gesetzt haben, wenn er länger am Leben geblieben wäre. Ich beneide Sie darum, daß Sie sich den Ruhm erworben haben, ihn als einziger zu erkennen und ihm so zu danken, wie es sonst nur das schöne Vorrecht der Fürsten oder der Ausdruck der Verehrung eines ganzen Volkes ist. Sie haben damit ganz im Sinne seiner herrlichen Dichtung gehandelt, im Sinne echten Adeltums. Es ist ein Unglück, daß das Gedicht damals nicht in meine Hände gelangt ist. Ich würde ihn auf der Stelle zu mir berufen haben, obwohl es sich an eine höhere Adresse wendet... Nun, das war ein Irrtum. Berichten Sie mir, was darauf erfolgt ist.«

Felix hatte das in wohlgesetzten Worten getan und der Fürst darauf mit Lächeln erwidert: »Hm. Ich verstehe das. Hofmarschälle, auch wenn sie vom urältesten Adel sein mögen, sind nicht immer die geeigneten Kapazitäten, Genie zu erkennen. Es kann vorkommen, daß ihnen derlei – fremd ist...

Daher ich es von jeher vorgezogen habe, mich in Dingen der Kunst auf mich selbst zu verlassen. Wenn Karl August seinen Hofmarschall befragt hätte, wäre Goethe nie nach Weimar gekommen. – Aber an großen Höfen kann man wohl von diesen Zwischenstationen nicht Umstand nehmen. Auch ist Konzentration auf Kunst in unsrer Zeit dort noch kaum möglich. Die Kunst ist nicht bloß lang, sondern auch tief, und um Tiefe zu erkennen, muß man für Tiefe Zeit haben. Kunst ist ein Kräutlein, nicht für alle Leutlein, heißt ein alter Spruch in meinem Lande. Und:

Die höchste Liebe, wie die höchste Kunst,
Ist Andacht. Dem zerstreueten Gemüt
Erscheint die Wahrheit und die Schönheit nie –

sagt Herder.«

Dann hatte er sich noch ausführlich von Karls Wesen berichten lassen, hatte der begeisterten Schilderung, die Felix davon gab, hohes Lob gezollt, den Wunsch geäußert, Einsicht in alles Ungedruckte des Gottbegnadeten zu nehmen, und den beglückten Freund des genialen Dichters aufs allerhuldvollste verabschiedet.

Und kurz darauf war die Grafung erfolgt.

Prinz Assi hatte ganz recht, wenn er einmal bemerkte: »Verdanken Grafen, glaube ich, allererster Linie poetischem Freund. Nichts so Eindruck gemacht, wie sonderbares Gedicht und Monument. Wollen aber lieber andern gegenüber beiseite lassen.«

Felix irritierte es gar nicht, daß er die Grafenkrone gewissermaßen aus den toten Händen dessen empfangen hatte, der von seinen Händen erwürgt worden war. Er fand vielmehr, daß sein Stern ihm überaus folgerichtige Bahnen vorwies. – Alles für mich! sagte er sich, selbst das Genie Karls. Ihn leuchtete es zum Hades hinab, mich auf die Höhen der Menschheit. O, mein fürstlichen Schicksal! O, du mein geheimnisvoller Stern, der alles fremde Licht sammelt, es auf mich fallen zu lassen. So gehen Fürsten ihren Weg. Ihr Blut ist ihre Auszeichnung; sie brauchen sich nicht zu mühen, brauchen nicht zu schaffen. Sie brauchen nur an sich zu glauben und an die Macht ihres Blutes, das den Glanz alles Schaffens auf sie lenkt, wie eine Leuchte, die von ihnen selbst ausgeht. Das ist das Geheimnis der zum Herrschen Geborenen.

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