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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 105
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Das Tee-Thema

Seine Durchlaucht hatten alle Ursache, mit ihrem Günstling zufrieden zu sein. Alle Welt, mit einziger Ausnahme des Grafen Pfründten, war sich darüber einig, daß das Regiment niemals einen prächtigeren, schneidigeren Einjährigen gehabt habe. Er sah glänzend aus und entzückte durch ein Betragen von höchster Artigkeit bei stilvollster Innehaltung des speziell militärisch Standesgemäßen alle Kreise, mit denen er in Berührung kam. Und sein Verhältnis zum Prinzen brachte es mit sich, daß dazu auch die exklusivsten Kreise der Residenzstadt gehörten.

Die eigentlichen Hofkreise waren dies sonderbarerweise nicht. Die waren mit Elementen untersprenkelt, durch deren Hoffähigkeit innerhalb der Exklusiven das doppelsinnige Wort entstanden war, der Hof sei zuweilen eine allerhöchst gemischte Gesellschaft. Mochte der regierende Herr daran Gefallen finden, wie er auch sonst an mancherlei Gefallen fand, worüber man sich mit der altadligen Kunst mokierender Medisance untereinander recht herzhaft ausließ, – zur Gesellschaft gehörte beileibe nicht alles, was von Gnaden Serenissimi mit adligem Titel und Wappen prunkte. »Knoblauchadel« nannte Graf Pfründten diese neue Aristokratie, und als gar der Sohn eines Mannes gegraft worden war, der sein Vermögen der klugen Ausnutzung großstädtischer Fäkalien verdankt hatte, verstieg sich seine Empörung zudem Worte »Klosett-Papier-Adel«, und er verbat es sich eine Weile demonstrativ, Graf genannt zu werden.

Der regierende Herr, ein Mann von alt-grandseigneuralem Geiste, der früher hochpolitisch ehrgeizigen Plänen nachgegangen war, ohne aber mit Bismarcks Kürassierstiefeln Schritt halten zu können, und der sich seitdem darauf resigniert hatte, souverän seinen Leidenschaften nachzuleben; dieser nicht bloß sehr vornehm, sondern auch entschieden geistreich aussehende regierende Herr kümmerte sich um diesen passiven Widerstand Derer von, auf und zu recht wenig. Er übersah es sogar mit hautainer Gleichgültigkeit, als die Offiziere seiner Residenz von Berlin aus bedeutet wurden, den Hofbällen ihrer Garnison bis auf weiteres fernzubleiben, – von wegen des Hofstaates, der ein etwas wunderliches Ansehen gewonnen hatte, seitdem der alte Oberhofmeister nicht mehr an seiner Spitze stand, dessen altadlige Würde es freilich nie geduldet hätte, daß ein ehemaliger Reisender in Seidenwaren den Stab des Zeremonienmeisters führte.

Serenissimus wußte es selbst recht gut, daß die Herrschaften, die seinem Souveränitätsrechte, Standeserhebungen vorzunehmen, sieben- und auch neunzinkige Kronen auf der Visitenkarte verdankten, nicht immer reine Adelsmenschen waren, aber er hatte in seinem langen Leben wohl auch innerhalb der Kreise des Geburtsadels ab und an Begegnungen mit Qualitäten von gleichermaßen fragwürdiger Höhe gemacht, und so fand er das prinzipielle Naserümpfen derer vom echten Blaublute nicht ohne weiteres berechtigt. Er liebte es, derartige Spiele der Gesichtsmuskeln geradezu zu provozieren, und amüsierte sich weidlich darüber. Sein Epikuräismus hatte mit den Jahren einen zynischen Zug angenommen, ohne daß das fürstliche Air darunter gelitten hätte. Die Menschenverachtung, die um seine Mundwinkel spielte und in den Krähenfüßen eingegraben war, die seine kleinen, listigen Augen umgaben, stand ihm recht fürstlich zu Gesichte. Wäre nicht der Bart à la Napoleon III. gewesen, mit dem er manche Charaktereigenschaften, Triebe und Anschauungen gemeinsam hatte, so hätten seine Züge sicherlich an einen älteren Fürstentypus erinnert, an den der wollüstigen, launenhaften, verschwenderischen, aber auf der Höhe des Geistes ihrer Zeit stehenden Souveräne des achtzehnten Jahrhunderts. Die Dreieinigkeit seiner Leidenschaften für Jagd, Weib und Bühne war ganz im Stile des galanten Säkulums, und er gab sich ihr nicht anders hin, als wäre er vor dem kategorischen Imperativ Kants geboren worden. Daß er seine Favoritinnen, die er regelmäßig dem holden Kranze anmutiger Bühnenkünstlerinnen entnahm, als »Vorleserinnen« signierte, war kein schamhaftes Zugeständnis an seine Zeit, denn er hielt es nicht für fürstlich, sich zu genieren. Diese Damen lasen ihm wirklich auch manchmal etwas vor. Aber das sinnliche Vergnügen an der weiblichen Stimme löste bei ihm auch andere sinnliche Tendenzen aus, und je idealer der gesungene oder gesprochene Text war, um so sicherer erfolgte die angenehme Reaktion.

An den Hof dieses Fürsten hätte Felix vortrefflich gepaßt. Die vornehme Gleichgültigkeit gegenüber herrschenden Meinungen des höheren und niederen Volkes in Dingen der Moral; der wollüstige Grundton, getragen und überzogen vom großen Orchester der Liebe zu allem Künstlerischen; das auf alten Vorrechten mit absoluter Selbstherrlichkeit Fußende und doch von der zeitüblichen Art der Ausübung dieser Rechte durchaus Abweichende, gleichzeitig Würdevolle und Frivole dieses Hofes entsprach eigenen Neigungen in ihm und zog ihn an. Aber, einmal, der regierende Herr war alt, und man wußte, daß nach ihm nicht allein eine andere Linie, sondern auch sehr andere Anschauungen zur Herrschaft kommen würden, und dann, was das Ausschlaggebende war, Felix befand sich, ohne eigentlich zu ihm zu gehören, doch im anderen Lager. Die habsburgischen Lippen schürzten sich mit nicht weniger geringschätzigem Spotte über den Knoblauchadel, als die Lippen der alten Landesaristokratie, und Felix hatte wahrhaftig keine Lust, zu der allerhöchst gemischten Gesellschaft zu gehören.

Indessen: eher wäre ein Kamel durch ein Nadelöhr gegangen, als daß ein simpler Herr Hauart hier Offizier geworden wäre. Und Felix wollte, mußte Offizier werden, aktiver Offizier in seinem Regimente. Er kaprizierte sich darauf, nicht allein, weil diese Uniform ihm gefiel, und weil hier schließlich eine Anzahl Voraussetzungen bereits erfüllt waren, die anderswo erst noch zu erfüllen gewesen wären, sondern auch, weil er wußte, daß Graf Pfründten sich die Gelbsucht an den Hals ärgern würde, wenn es ihm hier gelänge.

Mit dem bloßen Adel, das wußte er wohl, wäre es aber auch noch nicht getan gewesen. Einjähriger von Herzfeld war immer noch bloß gemeiner Reiter. Auch sein durchlauchtiger Gönner, Förderer und Freund gab sich darüber keinem Zweifel hin. Es galt, stärkere Trümpfe auszuspielen.

Der Prinz hatte von Anfang an, schon um sein auffälliges Interesse für diesen nichts als Herrn Hauart zu motivieren, Andeutungen fallen lassen, daß man es hier mit mehr als bloß einem besseren Millionär zu tun habe.

– »Geheimnisvolle Sache. Mysteriöse Herkunft. Nicht völlig eingeweiht, aber positiv überzeugt: Vater sehr hoher Herr. Mutter exotische Dame. Kennen das schöne Lied: ›In Mexiko, da lebt man froh, macht mit dem Fächer immer so‹. Daher von Pfründten beanstandete Nase, die persönlich sehr edel finde. Bitte, von Herzfeldsche Nase zu vergleichen. Übrigens Pfründten selber sehr krummen Zinken. Na ja. Gleichgültig. Im übrigen: Siehe Konversationslexikon, Mexiko. Habe sehr genau nachgeforscht. Stimmt mit Zeit auffallend. Auch sonst vollkommenen Indizienbeweis. Lege Hand ins Feuer. Klipp und klar natürlich niemals nachzuweisen. Derlei Geheimnisse immer delikat. Überdies Mund versiegelt.«

Wirkte das schon im Offizierkorps sehr plausibel, so fand man es in den Salons nicht bloß plausibel, sondern direkt überzeugend.

Ein ganzer Legendenkranz wand sich um Felixens jetzt glatt gescheiteltes Haupt. Die ältesten wie die jüngsten Damen beteiligten sich daran, die geheimnisvollen Andeutungen des Prinzen mit wunderbaren Arabesken zu schmücken, und kein Thema beherrschte die Damentees so, wie das Thema Felix.

»Ich bin eine alte Frau,« rief einmal die verwitwete Baronin Mettwitz aus, »und so darf ich es sagen: ich bin eine Spur verliebt in unsern Mexikaner.«

»Bitte: Indianer!« warf die Gräfin Cham ein.

»Gleichviel,« fuhr die Baronin fort, »er ist entzückend, und ich hoffe sehr, daß er uns erhalten bleibt. Haben Sie bemerkt, wie belesen er ist, wie hübsch er zu plaudern versteht, wie wenig ihm die Unart vieler unsrer Herren anhaftet, immer wieder auf das alleinseligmachende Thema Pferd zurückzufallen.«

»Er ist ungemein gebildet,« sagte eine gleichfalls ältere Dame, »und zitiert reizend Gedichte.«

»Ja, wissen Sie denn nicht, daß er sogar einem Dichter ein Denkmal gesetzt hat?« rief die Baronin aus, froh des Umstandes, daß der Prinz ihr als der ersten diese Mitteilung gemacht hatte.

– »Ein Denkmal?«

– »Einem Dichter?«

– »Wo denn?«

– »Welchem Dichter?«

– »In Marmor?«

– »Es steht irgendwo am Mittelmeer, ganz aus Marmor und mit einer lateinischen Inschrift. Der Prinz sagt, es ist so schön, daß man davon träumen könnte. Nur schade, daß der Dichter, der als römischer Kaiser dargestellt ist...«

– »Ah!«

– »Wie bezeichnend!«

– »... sich in einem Wahnsinnsanfall ins Mittelländische Meer gestützt hat.«

– »Wie entsetzlich!«

– »Furchtbar!«

– »Aber warum denn?«

– »Ich sagte es ja: er wurde plötzlich wahnsinnig, und es hätte nicht viel gefehlt, daß er seinen Freund mit sich hinabgezogen hätte.«

– »Und trotzdem ein Denkmal!«

– »Wie edel!«

– »Das sieht ihm ähnlich.«

– »Was für Erlebnisse!«

– »Daher oft sein düstrer Zug.«

»Den hat er von der Mutter,« entschied die Baronin mit Bestimmtheit. »Übrigens erklärt der Prinz, noch viele andere edle Züge aus seinen Leben zu kennen. Ich hoffe, daß er mir keinen vorenthält.«

»Ich begreife nur eines nicht,« sagte die Gräfin Cham nach einer Pause, »das eine begreife ich nicht, daß er nicht wenigstens geadelt worden ist, wie es doch immer mit natürlichen Söhnen von Fürsten geschieht.«

»Es ist auffällig,« bemerkte die Baronin, »aber aus den Umständen zu erklären. Wir alle kennen ja doch den fürchterlichen Schluß des Trauerspieles von Mexiko. Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn diese infamen Rebellen nicht gesiegt hätten. Ich kann den jungen Mann nicht ohne tiefes Mitgefühl ansehen. Er kommt mir immer wie ein unschuldig Verbannter vor, wie ein Ausgestoßener, ohne Heim und Anschluß trotz seines Reichtums.«

– »Ach ja.«

– »Es ist wirklich wahr.«

– »Traurig.«

»Aber das läßt sich doch reparieren?« meinte eine von den jüngeren Damen. »Unser gnädigster Herr könnte ja auch einmal einen Würdigen adeln.«

»Das weiß der liebe Himmel,« seufzte die Baronin auf, »aber: ob ers tut? Es wäre eine zu merkwürdige Ausnahme, als daß man daran glauben könnte. Und schließlich dürfte unser Mexikaner zu stolz dazu sein.«

Da lachte die junge Gräfin Pfründten, die die Tochter ihres Gatten hätte sein können und den, wenn auch von ihren Standesgenossinnen angefochtenen, Ruf hatte, die schönste Frau des Regiments zu sein, ironisch auf.

Alles wandte sich empört ihr zu, und die Baronin warf ihr ein spitziges »Nun?« entgegen.

Aber die schöne junge Gräfin zuckte bloß die Achseln und meinte: »Wir werden ja sehen. Einstweilen möchte ich nur darauf aufmerksam machen, daß Herr Hauart nicht zu stolz dazu gewesen ist, die zuletzt von unserm gnädigsten Herrn abgelegte Vorleserin zu seiner Geliebten zu erküren.«

War schon der Inhalt dieser Worte geeignet, den Teekreis heftigst zu schockieren, so mußte der schlechthin gehässige Ton, mit dem sie vorgebracht wurden, die gesamte Damenschaft geradezu entsetzen.

Es hätte jede gerne Pfui gesagt, aber man sagte nur einmütig indigniert: »Oh!«

Doch es kam noch schlimmer. Die schönste Dame des Regiments lehnte sich ruhig zurück und sagte: »Wer weiß. Er wäre der erste nicht, der versucht hätte, sich auf diese Manier allerhöchsten Ortes beliebt zu machen. Vielleicht heiratet er sie gar. Dafür wird er mindestens Baron.«

Das war zuviel. Sowohl die indianische, wie die mexikanische Partei war im Tiefsten ihrer Gefühle verletzt. Eine kurze Pause eisigen Schweigens noch, dann erhob man sich und nahm mit vielsagenden Blicken von der Baronin Abschied, die der boshaften Gräfin kaum die Fingerspitzen reichte.

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