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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 103
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Felix benahm sich ganz anders als er am Spieltische, und er war auch ein ganz anderer. Er gab sich lächelnd, ironisch, abschätzig, weil er glaubte, zeigen zu müssen, daß Gewinn und Verlust ihn nicht tangierte. Und dies war auch anfangs sein einziges Gefühl bei der Sache. Bis er zu gewinnen begann und, mit kurzen Unterbrechungen, immer wieder gewann. Damit stellte sich sofort sein Wahngefühl ein, der unbedingte Günstling des Glückes zu sein, der Mann mit dem Stern über sich: Felix. Er konnte bloß ein Lächeln haben über die wilderregten neapolitanischen Signori, die sich bei Fehlschlägen in die schwarzen Haare fuhren und der Madonna greuliche Unehrennamen gaben, und er mußte auch über seines Prinzen andauernden statuenhaften Ernst lächeln, obgleich es seine ganze Anerkennung hatte, daß Seine Durchlaucht auch durch die heftigsten Verluste nicht aus der Ruhe gebracht wurde.

»Warum nehmen Durchlaucht das Spiel eigentlich so ernst?« fragte er einmal, als sie beim Morgengrauen nach Hause schritten.

»Wozu sollte ich sonst spielen?« antwortete der Prinz. »Man spielt doch nicht zu seinem Vergnügen. Liebe ist Pläsier. Jeu ist was anderes. Jeu ist... na... nee: Ernst auch nicht... ist mehr... ist... äh... Jeu ist Zwang... äh... Unterwerfung und... wie heißt es doch in der Bibel... ja: wider den Stachel löken. Unsinn. Ich weiß nicht, was es ist. Kein Mensch weiß es. Wenigstens kein anständiger Mensch. Die andern, na ja: Gewinnen. Lotto. Kümmerlich. Pöbelsentiments. Begreife das. Haste was, so kannste was. Höchst begreifliches Sprichwort. Aber paßt bloß auf Populace. Nicht zum Nachfühlen. – Übrigens habe ich Pech bei den Athenern. Noch einmal: dann Schluß. Capri. Mastkur. Muß Manöver in anständiger Form mitreiten. – Na: felicissima notte!«

»Notte?« meinte Felix und wies zum Himmel, den es blau purpurn überzog.

– »Schlafen ist immer Notte. Wenns keinen andern Grund zum jeuen gäbe, schon genug das: bombensicherer Schlaf hinterher. Beweis: Jeu – geistige Beschäftigung. Versteht sich übrigens am Rande. – Was? Gehen nicht ins Bett?«

Der Prinz fragte so, weil Felix nicht mit ins Hotel trat, sondern nachdenklich auf die Uhr schaute.

– »Verlohnt sich nicht mehr. Muß um acht Gäule ansehn, die mir sonst weggekauft werden.«

– »Gäule?! In Neapel?! Gibts ja gar nicht. Offiziere reiten hier Böcke.«

– »Brauche Viererzug. Will nach Deutschland kutschieren. Muß mein Jahr abdienen.«

– »Was?! Sind noch nicht Offizier?!«

Seine Durchlaucht waren aufs höchste erstaunt. Hatten es für selbstverständlich gehalten, daß dieser, wenn auch bürgerliche, so doch offenbar bessere junge Herr längst Reserveoffizier sei.

Und er fuhr fort, als Henry den Sachverhalt erklärt hatte: »Aber das ist ja... da kann ich vielleicht... Na, später. Noch zwei Minuten, und ich falle um vor Schlaf. Würde sonst die Gäule gerne mit ansehn. Gäule und Frauen, angenehmes Beschauen, braucht aber Weisheit und Gottvertrauen. Fürn Wagen übrigens gut, die Italiener.«

 

In der darauffolgenden Spielnacht waren wieder weder Kugeln noch Karten dem Prinzen hold. Wie Felix fast unausgesetzt gewann, so verlor er fast ohne Unterbrechung, und es kam so heftig, daß er für einen Moment mit all seiner Contenance etwas ins Schwanken kam und fast zitternd nach der Brieftasche griff, ihr eine größere Summe zu entnehmen, die aus dem Häufchen Banknoten nicht zu decken war, das vor ihm lag. Aber die Brieftasche war leer, und der Prinz erkannte mit Schrecken, daß er seine ganze Reisekasse verspielt hatte. Er runzelte die Stirn und war nicht imstande, das Wort zurückzudrängen, das sich ihm auf die Lippen zwang: »Fatal!«

In diesem Moment beugte sich Henry, der hinter ihm stand, weil ihm das ewige Gewinnen langweilig geworden war, ein wenig vor und flüsterte: »Wollen Durchlaucht, bitte, über mich verfügen.«

Der Prinz blickte auf und erwiderte: »Sehr verbunden.« Schrieb einen Gutschein und spielte weiter. Setzte höher und höher und verlor immerzu, so daß die Ziffern auf den Gutscheinen immer länger wurden.

Seiner Durchlaucht wurde doch etwas unheimlich zumute, und er wollte mehr als einmal aufhören, aber erst der äußerste vom Klub angesetzte Termin zum Schluß machte dem Spiel ein Ende.

Der Prinz war in sehr gedrückter Stimmung, als er mit Felix nach Hause ging. Es war ihm höchst peinlich, dem Fürsten, seinem Vater, ein Telegramm um Geld schicken zu müssen, denn damit mußte es aufkommen, daß er, entgegen seinem bestimmten Versprechen, gespielt hatte. Auch war die Summe so groß, daß er sich doch nicht ganz sicher darüber war, ob dieser bessere junge Herr sie sogleich werde vorstrecken können.

Darüber beruhigte ihn Felix nun freilich schnell, wie er zu ahnen begann, daß sein Begleiter von derartigen Zweifeln geplagt wurde.

»Scharmant,« entgegnete der Prinz, »wirklich sehr verbunden. Sonst in der Tat peinliche Situation gegenüber diesem Mann im schwarzen Barte. Mein Lebtag nicht so unglückliche Hand gehabt. Und gerade hier, von allen Quellen entfernt. Scheußlicher Leichtsinn. Papa diesmal alle Ursache zu höchst fatalen Reprimanden. Kennen das vermutlich auch? Alte Geschichte: Väter und Söhne. Überall gleich. Na, saurer Apfel gesund, wenn auch reinbeißen eklig.«

Felix durchschaute die Situation nicht ganz, denn, unerfahren, wie er war, glaubte er, daß ein Prinz mit so langem Namen überhaupt nicht in gewöhnliche Verlegenheiten kommen könne, aber er ahnte sie doch ungefähr. Er entgegnete fürs erste, daß er vollkommen selbständig in der Verfügung über sein Vermögen sei, und dies vom Tage seiner Mündigkeitserklärung an. Väterliche Gewalt habe er überhaupt nie gespürt.

»Müssen aber doch sozusagen Vater gehabt haben,« meinten erstaunt Seine Durchlaucht.

»Einen Pflegevater, ja,« entgegnete Felix, »aber selbst dieser hat mir nie verraten, wer mein eigentlicher Vater war. Ich weiß, durch einen Testamentsbrief meines Pflegevaters, nur, daß ein Geheimnis im Spiele ist, das zu lüften auch er nicht befugt war.«

»Haben aber doch noch nachgeforscht?!« fragte interessiert der Prinz.

»Ja,« antwortete Felix mit leise betonter Wichtigkeit, »soweit ich selber durfte. Ich habe gewisse – Rücksichten zu nehmen, deren Mißachtung gegen die besondere Art meiner Abstammung verstoßen würde.«

Seine Durchlaucht blickte ihn musternd an, hüstelte und sprach: »Verstehe. Kommt vor. Na ja. Im Grunde angenehme Position. Hat Vorteile, keine direkten Verpflichtungen zu haben. Und schließlich: Blut die Hauptsache.«

Es war ihm recht angenehm und eine Art Erleichterung, daß er das Geld einem nicht schlechtweg und ganz gewöhnlich bürgerlichen Herrn verdankte, sondern einem bloß quasi Bürgerlichen, der unter Umständen von höher her sein konnte, als der ehrwürdigen Durenburg. Bei diesem Sachverhalte durfte er sich auch herbeilassen, anzudeuten, daß es ihm sehr angenehm wäre, wenn er das Telegramm an des Papas Durchlaucht jetzt nicht abzuschicken brauchte, sondern die Begleichung seiner Schuld bis zu seiner Rückkehr zu den Quellen verschieben dürfte. Er deutete nur an, aber Felix war feinhörig genug, die Melodie zu verstehen, die mit der Sordine gespielt wurde. Die gleichfalls feine und gedämpfte Art, mit der er darauf reagierte, erleichterte dem Prinzen die Annahme auch dieser weiteren Gefälligkeit, indem sie seine Überzeugung bestärkte, daß er es hier mit einem besonders edlen Halbblute zu tun habe.

Dieser junge Mann gefiel ihm jetzt von Grund aus, und er fühlte sich einem weiteren Verkehr mit ihm nicht abgeneigt.

»Schon Regiment gewählt?« fragte er am nächsten Tage.

»Nein,« antwortete Felix, »ich habe die ganze Angelegenheit auf unentschuldbare Weise vernachlässigt. Bin auch ganz unwissend in militärischen Verhältnissen.«

»Demnach böser Reinfall nicht ausgeschlossen,« sagte der Prinz, indem er sein Monokel umständlich putzte, was er nur in wichtigen Gesprächsmomenten zu tun pflegte. »Waffe natürlich klar: Kavallerie. Alles andere mehr oder weniger gemischt, obgleich, versteht sich, ehrenwert und notwendig. Na ja. Aber auch Kavallerie hat Nuancen. Kenne Regimenter, die nichts sind als Fußvolk zu Pferde. Besser zu vermeiden.« Er putzte nochmals seine Scherbe. Dann fuhr er fast schüchtern fort: »Möchte mich, äh, revanchieren. Rat erteilen. Kann von Nutzen sein. Wenn in mein Regiment treten, meine Empfehlung ohne weiteres sicher. Kommen dadurch über allerhand weg. Auch für später gut.«

Felix griff entzückt mit beiden Händen zu, und als er dann Näheres über das Regiment, seine Uniform, seine Garnison, eine kleine, schön gelegene Residenzstadt, hörte und über den Fürsten, den Hof, das Theater und die Damen des Theaters wie der Gesellschaft gleichfalls nur Verlockendes vernahm, konnte er seinen Gefühlsäußerungen nur mit Mühe den Ton der Gleichmütigkeit verleihen, den im Verkehr mit dem Prinzen unbedingt beizubehalten er mit Recht für angebracht hielt.

»Also abgemacht!« beschloß der Prinz das Thema, indem er Felix die Hand reichte. »Freue mich, weiterhin das Vergnügen zu haben. Schade, daß jetzt nach Capri muß. Werde Ihre Gesellschaft sehr entbehren. Italiener nicht mein Fall. Zu laut.«

Er nahm daher mit unverstelltem Vergnügen Felixens Anerbieten, ihn nach Sorrent zu kutschieren, an, und Felix seinerseits empfand hohe Wonne, als der Prinz seinen vier neuen Gäulen sowohl, wie der »prachtvollen Donnerkutsche« (so nannte er den riesigen und bequemen englischen Reisewagen, den Felix gekauft hatte) uneingeschränkten Beifall zollte. Aber geradezu triumphatorische Hochschwellung des Gefühls durfte er genießen, als der Prinz angesichts seiner Kutschierkunst in die Worte ausbrach: »Fahren ja wie der liebe Gott! Gäule sind zu beneiden. Entschieden angeborenes Talent!«

Er war jetzt felsenfest überzeugt, daß Felix bestes Halbblut war.

Da das Schiff des Prinzen in Sorrent erst zwei Stunden nach ihrer Ankunft abging, beschloß man, die Straße nach Amalfi ein Stück zu befahren.

»Was ist denn das fürn Ding?« fragte Seine Durchlaucht, als Karls Monument auftauchte.

»Ein kleines Denkmal, das ich einem hier verunglückten Freunde habe setzen lassen,« antwortete Felix ruhig.

»Was Tausend!« sagte, von wirklichem Respekt ergriffen, der Prinz. »Setzen Denkmäler? Höchst anständige Passion. Muß ich natürlich genau betrachten!« Und er dachte, während er ausstieg, bei sich: »Allerbestes Halbblut. Direkt kaiserliche Anwandlungen. Merkwürdiger Mensch. Sieht auch wirklich tadellos aus. Wird sich in Uniform blendend machen. Regiment kann sich freuen. Müßte unbedingt dabei bleiben, wenn von Adel wäre.«

Er betrachtete das Denkmal mit befriedigtem Neigen des Kopfes, indem er sprach: »Brillante Sache. Sehr geschmackvoll. Lateinische Aufschrift guter Einfall. Dichter gewesen, der Bedauernswerte? Merkwürdig. Müssen mir nachher erzählen. Verse natürlich von ihm. Sehr pietätvoll. Kommen mir etwas dunkel vor. Aber entschieden genial. Müssen mir wirklich ausführlich erzählen.«

Und Felix erzählte wirklich ausführlich eine gar ergreifende Geschichte von einem Poeten, der trotz seines bürgerlichen Namens bestimmt war, der Dichter der Aristokratie, des Glanzes, der Macht, des souveränen Herrenrechtes zu werden. »Aber diese hohen Gedanken«, schloß er mit bedeutsam sich senkender Stimme, »standen wohl in einem unüberbrückbaren Widerspruche mit den innersten Instinkten des Verewigten, mit seiner Herkunft, seinem Blute. Sein Gehirn führte gewissermaßen ein Dasein ohne nährendes Hinterland. Es mußte sich verzehren, und ein tragisches Ende war der von einem unerbittlich folgerichtigen Schicksal bestimmte Schluß.«

»Ja,« meinte der Prinz, »es gibt so Sachen.«

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