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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 101
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Das Monument

Die Krakers waren fort. Karl war auf dem Friedhofe des alten Wachtturms begraben. Henry verhandelte tagelang mit einem Bildhauer aus Neapel über ein Monument, das er an der Stelle von Karls Absturz errichten wollte.

Da ließ sich eines Tages eine Dame bei ihm melden.

Die Türe tat sich auf: – »Die Frau«...!

Henry stürzte ihr entgegen und umarmte sie in selig hingenommener Entzückung.

– »Sie! Sie! Welches Glück!«

– »Mußte ich nicht kommen? Bin ich dir nicht nötig jetzt?«

– »Oh, es ist alles gut vorbeigegangen.«

– »Bis auf eins, Henry. Ich habe die Person mit den kalten Augen in Neapel gesehen. Sie weiß alles.«

– »Ja, sie weiß es. Sie hat es nicht gesagt, aber sie weiß es. Und auch Sie... Woher wissen Sie es?«

– »Henry! Wie hätte es anders kommen sollen!? Ich wundere mich nur, daß es nicht früher geschehen ist. Du mußtest ihn beseitigen, oder er hätte dich beiseite gebracht. Oh, geholfen hat es nicht viel, daß ich dich damals gewarnt habe.«

– »Doch! Doch! Ich bin ein andrer seitdem. Ich habe meinen Stern nie vergessen! Und Ihre schwarze Perle hat sich in seinen Hals eingedrückt wie ein letztes Andenken an Sie. Ich habe das Mal noch an der Leiche gesehen.«

– »Recht so. Es ist eine große Wollust, einen Feind zu töten. Ich bin stolz darauf, daß du es getan hast. Ich bin glücklich darüber. – Nur die andre... Sie ist gefährlicher!«

– »Ich werde sie heiraten.«

Frau Sara sah ihren Sohn entsetzt an. – Aber nach einer Weile schweigenden Sinnens sprach sie: »Vielleicht hast du recht. Ja, gewiß, es ist gut so. Vielleicht zwingst du sie doch unter dich... Im Kampfe zwischen Mann und Weib gibt es eigentlich nur diesen einen Sieg... Doch nein. Sie ist eine von den Fredegunden, von diesen kalten Germaninnen, die zwar brünstig sein können, aber nicht wissen, was Weibeswollust ist. – Oh, wie ich diese norddeutschen Weiber hasse! Entweder es sind gelbe, sentimentale Kätzchen mit Vergißmeinnichtaugen und Zuckerlippen, schmachtend und lappig, brav und gewöhnlich, oder es sind heimtückische Bestien: stolz, grausam, kalt. Ihre Sinnlichkeit läuft, wenn ihre Stunde da ist, ab, wie der Wecker einer Uhr, schrill, keuchend, und dann tackt das ruhige, sichere Uhrwerk weiter, Schlag für Schlag. – Berechnung auf Berechnung. – Sie sehen gut aus. Es ist wahr. Obwohl sie meistens keinen Geschmack haben. Sie sitzen gut zu Pferd, aber schlecht im Wagen. Zu steif. Zu bewußt. Oh, sie wissen immer, was sie wollen. Schon als junge Mädchen. Sie schonen sich. Sie bereiten sich vor. Lernen gut. Reden langsam und sicher. Sie kokettieren nicht, aber sie lassen immerzu ahnen und verstehen sich auf schnelle Blicke. Aristokratische Allüre ohne Grazie. Keine Kapricen, aber sichere Haltung. Logische Schönheiten. Die geborenen Frauen für geschmeidige Offiziere mit kräftigen Ordonnanzen. Nicht eine Spur Humor, kein Hauch von echter Zärtlichkeit. Solid bis zur Verruchtheit. Geht es ihnen schlecht, so werden sie tadellose Gouvernanten, die die kleinen Jungen schon im zehnten Jahre verführen, ihnen aber das korrekteste Deutsch beibringen. Überhaupt: korrekt, korrekt. Aber zu jeder Niederträchtigkeit fähig aus dem Antriebe einer impertinenten Herrschsucht. Als Fürstinnen von widerwärtiger Leutseligkeit bei grenzenlosem Stolze. Und doch immer von kleinlicher Gemütsart, weil ohne Temperament und Schwung. Kein Feuer, aber ein ewig fressendes Glimmen. Entweder verstandesmäßig fromm oder verstandesmäßig gottlos. In diesem Falle gebildet bis zur Gelehrsamkeit. Selber lieblos, aber scheußlich erpicht auf Liebe. Wollen erotisch bedient sein und Kinder haben, die sie erziehen lassen, um sich an ihrer Korrektheit zu erfreuen. Amphibien! Es schüttelt mich stets, wenn ich einer dieser blonden Schlangen begegne.«

Henry war verblüfft über diesen Ausbruch einer wilden Rassenantipathie, die er als solche erkannte.

»Sie sind eine südliche Natur,« meinte er, »und können das nordische Wesen nicht goutieren.«

»Oh nein«, entgegnete sie, »ich bin nur einfach eine Natur und perhorresziere diese schlechten Kulturprodukte. Die Süddeutsche, auch die Mitteldeutsche noch, ist mir ganz sympathisch, und die Dänin, Schwedin, zumal die Norwegerin, liebe ich geradezu. Selbst die Engländerin kann ich unter Umständen vertragen. Alles das sind Frauen. Aber die Norddeutsche, wenn sie nicht ein sentimentales Weibchen ist, ist eine Virago, ein Mannweib mit weiblichen Zügen oder vielmehr weiblicher Maske.«

– »Aber mit schöner Maske.«

– »Sie hält nicht lange vor. Schwindet gewöhnlich schon mit der Jungfräulichkeit. Dann werden sie eckig oder schwammig. – Aber lassen wir die Allgemeinheiten. – Deine Braut haßt dich. Das weißt du hoffentlich.«

– »Sie liebt mich auch.«

– »Sie verzehrt sich in gieriger Wut nach einem gewissen Moment. Wehe dir, wenn du sie enttäuschst! Und ihre Erwartungen sind in einem gefährlichen Maße gespannt.«

Henry lächelte unangenehm: »Sie soll genug haben; so viel, daß sie ihren geliebten Bruder auf ewig vergessen soll.«

»Das wird nie geschehen, Henry,« antwortete Frau Sara sehr ernst. »Du gibst dich einer verhängnisvollen Täuschung hin. – Wollte Gott, dieses Amphibium läge auch schon unter der Erde! – Deine Braut wird nur den einen Gedanken haben: dich schwach machen, und dann den Bruder rächen. Du hast sehr unsinnig gehandelt, sie zur Erbin deines Vermögens einzusetzen.«

– »Sie wissen?«

Frau Sara lächelte: »Habe ich dir nicht schon in Hamburg gesagt, daß ich stets alles weiß, was dich angeht? Wie sollte ich, deine Schicksalsbegleiterin, das nicht wissen? – Glaubst du, du hättest unseren lieben Pater Cassian kennen gelernt ohne mich?«

Henrys Erstaunen war grenzenlos. Er wollte durchaus den Zusammenhang erfahren.

Den wollte und konnte ihm nun aber Frau Sara nicht gut mitteilen. Sie konnte ihm doch nicht sagen, daß sie die Geliebte des Jesuiten gewesen war, und daß dieser sogar wußte, in welchem Verhältnis sie zu Henry stand. – Das Geheimnis, in dieser Nacktheit enthüllt, hätte kaum den gewünschten Effekt gemacht.

Aber eins enthüllte sie ihm: daß Berta damals in Wien auf seine Kosten equipiert worden war, denn das hatte sie als Kundin der beteiligten Ateliers bald genug erfahren. Und ihre Klugheit hatte sofort richtig kombiniert, daß die schöne Hamburgerin mit Wissen der Eltern zu dem Zwecke von Hamburg gekommen war, ihn vorm Katholischwerden zu retten.

– »Also nicht aus Liebe?!« rief Henry aus.

– »Mein guter Henry! Wenn du mir doch das eine glauben wolltest, mir, die ich alles weiß, was dich angeht, daß dieses Wesen ebensowenig Liebe für dich empfindet, wie der gottlob erledigte Bruder.«

»So löse ich die Verlobung auf!« schrie Henry.

»Das wäre unklug,« antwortete Frau Sara. »Erstens weiß die Person genau, daß du es gewesen bist, der ihren Bruder beseitigt hat, und sie könnte dir immerhin Unannehmlichkeiten damit bereiten. Denn, und das möchte ich dir wohl zu bedenken geben, die Würgestellen an Karls Hals haben mehr Verdacht erregt, als man dir gesagt hat. Der Gerichtsarzt war sehr geneigt, zu glauben, daß Karl bereits erdrosselt war, als er – zur Mauer hinabsprang. Eine neuerliche Untersuchung könnte also immerhin fatal für dich werden. Aber auch abgesehen davon: du bist sicherer, wenn sie deine Frau ist. Sie ist dann in deinen Händen, und du kannst sie überwachen. Nur mußt du zu diesem Zwecke meine Negerin ins Haus nehmen, die ein ausgezeichnetes Talent zur Aufpasserin hat und allem, was ich liebe, anhänglich ist, wie der treueste Hund. Sie ist es seit Kindheit gewöhnt, sich taub zu stellen, hört aber und verzeichnet in einer geheimen Schrift jedes Wort. Sie wird deine Sklavin sein, wie sie die meine ist. Ich entbehre sie sehr ungern, aber für dich muß ich sie entbehren. Denn sie wird dich von dieser greulichen Person befreien. Mit ihr wirst du ein Wesen im Hause haben, das dich bewacht wie ein Schutzengel, und das dir, wenn es nötig ist, die Dienste eines Leibteufels erweist. Ich informiere dich, wenn es so weit ist, genau. – Aber versuche nicht, von ihr etwas über dein Geheimnis zu erfahren. Sie würde in diesem Falle sofort dein Haus verlassen; denn sie bleibt meine Dienerin.«

– »Weiß sie es denn?«

– »Sie weiß alles.«

– »Und ich darf nichts wissen?«

– »Nein. Nichts. Es ist Bestimmung!«

– »Aber es peinigt mich, dieses Nichtswissen.«

Frau Sara sah ihn seltsam an: »Das Wissen würde dich noch mehr peinigen. Auch weißt du ja genug. Pater Cassian hat es mir verraten.«

– »So ist meine Ahnung richtig?!!«

Henry stand hochaufatmend vor Frau Sara.

Die lächelte und sprach: »Mein Mund ist versiegelt. Möge es auch der deine sein! – Du solltest deine Gedanken fester verschließen. Schon zur Marchesa hast du zu viel gesagt.«

Henry fühlte etwas wie einen Schwindel: »Die kennst du auch?«

»Gewiß antwortete Frau Sara, die in ganz ähnlichen Kreisen geabenteuert hatte, »ich kenne auch die kleine Bianca.«

»Oh!« rief Henry aus, »was ist mit ihr? Hat sie mir verziehen?!«

Frau Sara streichelte ihm die Wangen: »Diavolino mio! Hättest du doch immer so einen richtigen Geschmack! Aber verziehen, – nein, verziehen hat dir die kleine Heilige nicht. Doch hast du ihr einen großen Dienst erwiesen. Nun erst wird sie wirklich eine Heilige werden. Seit deinem Überfalle hat sie Visionen, und kein Mensch zweifelt daran, daß sie einmal die Wundmale haben wird. Sie liegt Tag und Nacht in verzücktem Gebete, und ihr Kloster, das vornehmste Frauenkloster übrigens in Rom, ist sehr stolz auf diese Novize, die noch einmal von sich reden machen wird. – Und das ist dein Verdienst. Das Leben hat wunderliche Manieren, Heilige hervorzubringen.«

– »Die Ärmste!«

– »Ärmste?! Sie ist so selig, als ein Mensch nur sein kann. Wer den Teufel gesehen und vertrieben hat, – muß der nicht glückselig sein? Und gar so einen schönen Teufel!«

Sie sah ihn verzehrend an, und auch Henry fand, daß sein Schicksal eigentlich eine recht begehrenswerte Frau war. Ein wenig üppig zwar und ans Überreife grenzend, aber hinreißend in ihrer Üppigkeit und stolzen Reife.

Er sank vor ihr nieder und umklammerte ihre Knie.

»Nicht! Nicht!« hauchte Frau Sara, »wir zwei dürfen das nicht. Nicht einmal träumen dürfen wir es, obgleich es ein schöner Traum wäre. – Deshalb reise ich auch heute noch fort, mein Liebling. Ich entreiße mich dir schweren Herzens. Aber täglich, täglich denke ich an dich voll einer Liebe, die du nie wirst ganz begreifen können. Nie!«

Ihre Augen schwammen. Sie umarmte ihn fest und küßte ihn heiß auf den Mund.

Dann ging sie.

In der Türe wandte sie sich noch einmal um und sah ihn umfassend zärtlich, mit unendlicher Liebe an: »Am Tage deiner Hochzeit erscheint Lala in deinem Hause mit einem Brief von mir.«

Die Türe schloß sich.

Henry sank in seinen Stuhl und küßte die schwarze Perle.

 

Schon nach ein paar Wochen erhob sich das Monument.

Es war in neapolitanischem Barockstile gehalten, ein Architrav auf üppig gewundenem Doppelsäulenpaar, hinter dem eine Ausbuchtung in der Mauer eine breite Bank umrahmte. Das rund geschwungene, mit reichen Früchtenornamenten geschmückte Epistylion, an beiden Seiten von Putten flankiert, die brennende Fackeln senkten, aber gar nicht wie Engel des Todes aussahen, ließ, in der Mitte abbrechend, Raum für eine Büste Karls in der Gewandung eines spätrömischen Kaisers mit einem Lorbeerkranz auf dem Haupte. Ein breiter, grader Fries darunter zeigte die Worte:

Carolo Kraker Poetae
erexit
Henricus Felix Hauart Amicus

Und wieder darunter standen aus Karls letztem Gedichte, das man in seiner Brieftasche gefunden hatte, die Verse:

Und Tod? Was ist der Tod? Es fällt ein Haar
Vom Haupte Gottes, – weniger noch: ein Sämlein wirbelt
In Nichts. – Und geht verloren? Nein. Wie könnt es denn?
Wer weiß, wohin wir fallen! Sicherlich
Aufs neu in Gottes Schoß...

Die jungen Mädchen und Burschen zwischen Sorrent und Amalfi kamen bald darin überein, in diesem Carlo einen neuen Schutzpatron der Liebe zu verehren, auf dessen Denkmalsbank man ungestört die süßesten Stelldicheins genießen konnte.

Die armen schwarzäugigen Mädchen aber, die unglücklich liebten, stellten, durch fromme Werke des Glaubens Aussicht auf Erhörung zu gewinnen, zwischen den Säulen kleine farbige Vasen und Gläser mit glutroten Blüten des Granatapfels oder weißen, fleischigen, üppig duftenden Orangenblumen auf.

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