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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der junge Lord

Der Mann mit der Taschenlaterne

Der »geniale Pinsel«, der es Madam Sara angetan hatte, weil er als durchaus neue Nummer auf sie wirkte nach einer ganzen Anzahl anderer, die inzwischen in Lalas Tagebuche aufgezeichnet worden waren, wirkte nicht bloß auf amouröse Damen vom geistreich kapriziösen Schlage der schönen Jüdin anziehend; fast noch in höherem Grade erfreute er sich männlicher Schätzung.

Eben im kräftigsten Mannesalter stehend, strotzend von Eigenart und Energie, sein künstlerisches Wollen und Können leidenschaftlich, rücksichtslos und mit unermüdbarem Eifer betätigend, dabei geflissentlich eine altbayerische Ungeschliffenheit herauskehrend, die um so kurioser auffiel, als dem scheinbaren Holzknecht ein sehr reicher und im Grunde sehr freier Geist zu Gebote stand, war er nicht bloß von Kennern seiner Kunst wegen aufgesucht, die von der damals im Schwange stehenden Süßmalerei scharf abstach durch eine fast brüske Kraft ungeschmeichelter oder zum mindesten sehr geistreich geschmeichelter Charakteristik, sondern er besaß auch rein als Mensch keine geringe Anziehungskraft.

Ein Freund von ihm behauptete: Der Tonl ist die wandernde Mausefalle, und der Speck sind seine Augen. Für die Weibsen sitzt der berühmte und mit Recht so beliebte gleißende Wurm darin, und den Mannsen, wenn sie Geist haben, verraten sie so viele gescheite Verruchtheiten, daß es männiglich sehr wünschenswert erscheinen muß, von seinen Rasiermesserlippen ein paar Grobheiten hingesäbelt zu bekommen.

In Wirklichkeit stand es so, daß Tonl ein unverkrümmtes Stück Natur war, dem der Geist (eigner und fremder) nichts hatte anhaben können. Aber doch dabei Natur mit Geist. Ein Bauer, aber im Bauern ein Künstler vom Geschmacke eines Renaissancefürsten und ein Künstler, dem Künstlertum Königtum galt, auch äußerlich. Nichts Gedrücktes, Hungeriges, Untertäniges: ein »Kerl« im Heldensinne. Hochhinaus wollend, nach Macht, Pracht, Reichtum verlangend. Unter Umständen bereit, zu diesem Zwecke auch Hofmannsallüren anzunehmen, aber mit dem Air eines Mannes, der derlei bloß mitmacht, weil es der Stil erheischt, und er sich auch auf diesem Gebiete nicht lumpen lassen will. Deutsch durch und durch, aber ohne alles Polizisten- und Lakaientum und ohne alle Phrase.

Das Schicksal hatte ihn, den ehemaligen Maurergesellen, dazu bestimmt, schöne Frauen und große Männer zu malen, und es hatte damit einen vortrefflichen Griff getan. Er war seinem Schicksal gewachsen. Das gab seinem ganzen Wesen das in diesem Zeiten selten werdende Gepräge männlicher, in sich ruhender und doch stetig nach außen bewegter Harmonie. Alles Lyrische, Beschauliche, Empfindsame war ihm fremd, aber auch alles Hastige, Revoltierende, Hin- und Herfahrende. Er stand vor seiner Leinwand breitbeinig gestemmt und mit visierendem Blicke wie ehemals als Maurergesell vor der Mauer. Und so stand er auch vor dem Leben.

Daher mußte die Begegnung mit ihm allen denen Freude gewähren, die im wimmelnden Schwarme der Menschheit nach besonderen Exemplaren suchen und eine Bereicherung ihres eigenen Lebens darin erblicken, resolut auf eigene Faust gelebte Leben kennen zu lernen.

Diogenes, heißt es, ist ein solcher Sucher gewesen. Da er arm war, mußte er sich dazu einer Laterne bedienen, die er, um seine Mitmenschen zu ärgern, am hellen Tage anzündete.

Wer Geld besitzt, hat diese Laternen im Portemonaie, die beste Taschenlaterne, die jemals konstruiert worden ist. Nur daß sie, leider, recht selten solchen eignet, die was Suchenswertes damit zu suchen angelegt sind.

Zu diesen nicht gar häufigen Leuten gehörte der Mann, der damals Saras »genialen Pinsel« am meisten beschäftigte – aus Menschensucherschaft nicht weniger als aus Kunstkennerschaft.

Seine Laterne repräsentierte den Wert von mehr als drei Millionen Talern, die er als Armeelieferant in südamerikanischen Kriegen so skrupellos erworben hatte, wie es die Umstände und die geographische Lage seiner Tätigkeit mit sich brachten. Geboren war er Mitte der zwanziger Jahre in Hamburg aus halbenglischem Blute. Der ursprüngliche Name der Familie mochte Howart geschrieben worden sein; er schrieb sich Hauart und meinte: eigentlich müßte es Hauhart heißen. Englisch geblieben war der Vorname Henry. Es war ein langer, sich sehr straff haltender Herr, mit merkwürdig schmalem, dabei aber kurznasigem Kopfe von zartester Gesichtsfarbe. Stets glatt rasiert, stets im langen Rocke auftretend, stets sehr reserviert in seinem ganzen Gehaben. Die schmalen Lippen seines Mundes pflegten so fest aufeinander zu liegen, daß, wenn er sie öffnete, eine Art Schmatzen den Worten vorausging, als sei eine starke Kraftanstrengung nötig gewesen, den Verschluß zu heben. Die Worte selbst folgten einander langsam, abgehackt, fast mechanisch in einem etwas gequetschten Tone. Aber die Augen waren die eines Grüblers, nicht die eines Geschäftsmannes, ja sie hatten etwas fast Schwärmerisches an sich, – kalt Schwärmerisches freilich, wie die Augen protestantischer Sektierer. Das Haar, noch sehr dicht, war kurz gehalten und grau.

Er lebte in München, weil er die Berge und die alte Kunst liebte und weil es unter den großen Städten Deutschlands die ist, die von Hamburg am weitesten abliegt. Denn in Hamburg, das er sonst sehr schätzte als einen Konzentrationspunkt nationaler Energie, saßen noch Verwandte von ihm, und die waren ihm sehr zuwider. Er, der äußerlich nicht weniger kalt erschien, als sie, und nichts so sehr vermied, wie Temperamentsäußerungen, haßte doch im Grunde diese »Amphibien«, denn sein Gemüt war nicht kalt, geschweige denn schleimig. Er liebte die Schönheit und alles stark Eigene, und er liebte die Natur. Daß er sich Geld zusammengerafft hatte, war nicht aus Liebe zu dieser Art Beschäftigung geschehen, sondern aus dem Willen, damit die Machtmittel zu erwerben, die ihm volle Ellenbogenfreiheit im Leben geben sollten. In seiner Sippe war mehr das Zusammenscharren von Geld beliebt. Diese Leute gingen darin auf, und das Geld, um sie herum anwachsend, machte sie nicht frei, sondern schloß sie ein. – Auch hatte es nicht an einem Anlasse gefehlt, der in unerquicklichster Weise den Gegensatz zwischen seiner Lebensrichtung und der seiner Verwandten offenbart hatte.

Henry Hauart, damals noch in Hamburg lebend, war im Alter von vierzig Jahren, als die werte Sippe schon in die Zuversicht hineingewachsen war, er werde einmal als Junggeselle und somit ohne Leibeserben sterben, noch eine Ehe eingegangen und gar, statt wenigstens mit einer Hamburger Kommerzenstochter, die in die Lokalfarbe der Hauartschen Verwandtschaft gestimmt hätte, mit einer Sängerin, und noch dazu mit einer »Sängerin in Kostüm«, die auf der Bühne auftrat und die somit jeder »junge Mann« gegen Eintrittsgeld sehen konnte, sogar in Hosenrollen. Vergeblich hatte man versucht, ihn von dieser moralischen Verirrung abzubringen, vergeblich allen Unrat von unkontrollierbaren Gerüchten zusammengetragen, der sich an jede Bühnenkünstlerin anhängt, vergeblich erklärt, daß es ganz unmöglich sei, eine »solche Person« als Verwandte zu betrachten. Henry Hauart preßte zu alledem die Lippen nur noch fester zusammen, als es ohnehin seine Art war, zuckte, ohne auch nur verächtlich zu lächeln, mit den Achseln und verließ sogleich nach der Hochzeit die Stadt.

Er hatte seine Wahl in keiner Hinsicht zu bereuen. Seine Frau besaß nicht nur Schönheit, sondern auch stille Güte, klaren, ruhigen Verstand und eine unbeirrbare Vornehmheit des Empfindens, gepaart mit der schönsten weiblichen Gabe, dort, wo sie liebte, selbst solche Schwächen zu verzeihen, die ihr wehtun konnten. Komödiantinnenhaftes hatte sie also gar nichts an sich. Auch entsagte sie, bei aller Hingebung an die Kunst, der Bühne aus freien Stücken, weil sie fühlte, daß dies, wenn auch nicht sein Wille, so doch sein Wunsch war, und weil sich ihre Art von Weiblichkeit in der Tat im Getriebe des Bühnenlebens nicht am rechten Platze fand. Sie war keine Moralistin von der übel selbstgerechten Art, die aus pharisäischem Sichbesserdünken jedes leichte Blut verurteilt, aber ihr eigenes Blut war nicht so mächtig, wie ihr Gefühl für das, was sie, ganz im Sinne der bürgerlichen Moral, aber aus eigenstem Wesen, als weibliche Ehre empfand. Trotzdem war sie keine kalte Natur. Wie hätte sie sonst Mozart so singen können, wie sie tat!

Mozart war der musikalische Hausheilige dieser schönen ruhigen Ehe, die weder von dem Gespenste der Sorge, noch von dem Alp der Langeweile heimgesucht wurde. Das einzige, das ihr fehlte, war ein Kind.

Für die Frau war dieser Mangel hier leichter zu tragen, da sie ja ihre Kunst hatte, aber Henry Hauart fing, je älter er wurde, je mehr an, darunter zu leiden.

Nur wenige Männer sind für ein rein rezeptives Leben geschaffen. So gibt es Sammlernaturen, die ihr Genüge darin finden, wenn sie ihre Mappen, Kästen, Regale oder Galerien füllen, und es gibt Lesernaturen, die in ausgedehnter Lektüre wirklich aufgehen. – Henry Hauart gehörte scheinbar zu den Sammlern. Er brachte Bild auf Bild, Stich auf Stich, Gemme auf Gemme an sich, und auf antike Münzen jagte er geradezu. Aber dies alles machte ihm nur Spaß. In seinem Innern war ein unbefriedigter Trieb nach Produktion. Er hatte Ideen, die nach Gestaltung drängten, aber jede Gestaltungskraft war ihm versagt. Wäre er nun eine gesprächige Natur gewesen, so hätte er sich plaudernd, disputierend ausgeben können, aber dazu fehlte ihm jede Neigung, ja, es war ihm sogar zuwider, von dem zu reden, was ihn erfüllte – wenn das Reden nicht auf direkte Wirkung zielte. Denn er hatte das sonst unter ideenreichen Menschen nicht gar häufige Gefühl für die Tatsache, daß Gedanken wirklich wirksam nur durch Gestaltung werden können. Sie aber mit den Mitteln eines unzulänglichen künstlerischen Dilettantismus zu gestalten, verbot ihm schon sein Stolz, ganz abgesehen von der Einsicht, daß mangelhafte Gestaltung von Ideen diese nicht propagiert, sondern kompromitiert.

Henry Hauart fühlte, daß ihm nur eine Möglichkeit offen stand zur Hineinprojizierung seiner Gedanken und Überzeugungen ins Leben: die Erziehung eines Menschen in seinem Sinne. Daß es ihm nicht vergönnt war, sich diesen Menschen mit der Frau zu zeugen, die er als wirklich seine Frau erkannt hatte, war ihm sehr schmerzlich. Und eine Aussicht darauf bestand nach der Erklärung aller von ihm und seiner Frau konsultierten Frauenärzte nicht.

Als, schon im dritten Jahre ihrer Ehe, diese Gewißheit festgestellt worden war, hatte die junge Frau einen Vorschlag gemacht, der besser als alles andere bewies, wie tief ihr Verständnis und ihre Liebe zu ihrem Manne war. Sie hatte sich bereit erklärt, einen Sohn Henry Hauarts ins Haus zu nehmen, den ihm fünf Jahre vor seiner Verehelichung eine kleine Münchner Putzmamsell geboren hatte. Aber Henry Hauart hatte diesen Gedanken von sich gewiesen. Seine Frau fühlte sich durch diese Abweisung verletzt, denn sie glaubte, es spräche mangelndes Vertrauen zu ihrer Fähigkeit daraus, dem Kinde wirkliche ganze Liebe zu widmen. »Du fürchtest, ich werde dem kleinen Hermann eine böse Stiefmutter werden, oder, wenn auch das nicht, ich würde unter seiner Anwesenheit eifersüchtig leiden. Das eine wie das andere ist ein Verdacht, der mir weh tut. Denn er beweist, daß du in einem gewissen Sinne gering von mir denkst.« So ging ihre Rede.

Er aber erwiderte: »Du irrst dich. Ich bitte dich, von deiner Absicht meinetwegen abzustehen. Nur meinetwegen. Ich würde unter der Anwesenheit des Kindes leiden, und um so mehr, je liebevoller du zu ihm sein würdest.«

Auf die Entgegnung, daß sie nicht imstande sei, das zu begreifen, versprach er ihr, seine Gründe bei Gelegenheit schriftlich niederzulegen, und als er bald darauf zu einer Münzauktion nach London gereist war, erhielt sie in einem Briefe die folgende Aufklärung:

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