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Priester und Detektiv

Gilbert Keith Chesterton: Priester und Detektiv - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titlePriester und Detektiv
publisherFriedrich Pustet
year1920
translatorH. M. von Lama
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060912
projectid95b38bfb
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Die Sternschnuppen

»Das schönste Verbrechen, das ich je beging,« pflegte Flambeau in seinen überaus moralischen alten Tagen zu erzählen, »war infolge eines ganz eigenartigen Zusammentreffens auch mein letztes. Es wurde an Weihnachten vollführt. Als Künstler war ich von jeher bestrebt, meine Verbrechen so zu begehen, daß sie sich der jeweiligen Jahreszeit oder Landschaft, in der ich selbst mich befand, anpaßten, wobei ich für eine Katastrophe die eine oder andere Terrasse oder den Garten auswählte, wie man das so auch für eine Statuengruppe tut. Adelige Grundbesitzer erforderten eine Begaunerung in langen, in Eiche getäfelten Räumen, während hinwiederum Juden sich unerwartet in der Beleuchtung oder hinter den Wandschirmen des Café Riche ohne auch nur einen Penny zu finden hatten. Wenn ich z. B. in England einen Dekan von seinen Reichtümern befreien wollte (was nicht so leicht ist, als du glauben möchtest), war ich bestrebt, ihn – wenn ich mich klar ausdrücke – in die grünen Wiesen und grauen Türme irgend eines alten Bischofssitzes zu rahmen. Ähnlich freute ich mich in Frankreich, wenn, nachdem ich einen reichen und leichtsinnigen Bauern um sein Geld gebracht hatte (was nahezu unmöglich ist), sich sein entrüstetes Haupt von der grauen Linie der beschnittenen Pappeln und jenen feierlichen Ebenen Galliens abhob, über denen der mächtige Geist Millets ruht.

Nun also, mein letztes Verbrechen war ein Weihnachtsverbrechen, ein lustiges, gemütliches, englisches Mittelstandsverbrechen, ein Verbrechen von der Art Charles Dickens'. Ich beging es in einem guten, alten, bürgerlichen Hause in der Nähe von Putney, einem Hause mit einer halbrunden Auffahrt, einem Hause mit einem Stalle daneben, einem Hause mit dem Namen außen über der Türe, einem Hause mit einer Tanne daneben, genug, du kennst die Sorte. Ich glaube wirklich, meine Nachahmung von Dickens' Art war gelungen und durchaus literarisch. Es scheint beinahe schade, daß sie mich noch am selben Abende gereute.«

Flambeau pflegte dann fortzufahren, uns die Geschichte von ihrer inneren Seite aus zu erzählen, und selbst nach dieser hin war sie eigenartig. Von außen betrachtet war sie vollkommen unverständlich, und dennoch muß sie der Fremde von dort aus studieren. Von diesem Standpunkte aus könnte man sagen, das Drama begann, als die Vordertüre des Hauses mit dem Stalle sich nach dem Garten mit der Tanne öffnete und ein junges Mädchen mit Brot herauskam, um am Nachmittage des Tages nach Weihnachten die Vögel zu füttern. Sie hatte ein hübsches Gesicht mit guten braunen Augen, aber ihre Gestalt entzog sich jeder Vermutung, denn sie war so sehr in braune Pelze gehüllt, daß es schwer war, zu sagen, was Haar und was Pelz war. Wäre ihr anziehendes Gesicht nicht gewesen, so hätte man sie für einen ganz niedlichen Zottelbär halten können.

Der Winternachmittag rötete sich mit den abendlichen Tinten und ein beinahe rubinrotes Licht lag über die blumenlosen Beete gebreitet, gleich als lägen über ihnen die Geister der toten Rosen. Auf der einen Seite des Hauses stand der Stall, auf der anderen führte eine Allee oder ein Kreuzgang von Lorbeer nach dem größeren Garten dahinter. Das Fräulein schritt, nachdem es den Vögeln Brot gestreut hatte (zum vierten oder fünften Male, da der Hund es immer wieder wegfraß), züchtig den Lorbeerpfad entlang, hinüber zu der dahinter liegenden, schimmernden Immergrünpflanzung. Hier stieß sie einen Schrei wirklicher oder angeblicher Überraschung aus, und zu der hohen Gartenmauer emporblickend sah sie dort eine etwas phantastische Gestalt rittlings sitzen.

»O, nicht springen, Mr. Crook,« rief sie ein wenig erschrocken aus, »es ist viel zu hoch!«

Das Individuum, das wie auf einem Pegasus auf der Gartenmauer ritt, war ein starker, vierschrötiger, junger Mann mit schwarzem gleich einer Haarbürste aufrechtstehendem Haare, von intelligenten und sehr scharfgeschnittenen Linien, jedoch blassen und beinahe fremdartigen Zügen. Das trat um so deutlicher hervor, als er ein herausfordernd rotes Halstuch trug, der einzige Teil seiner Gewandung, auf den er einigermaßen zu halten schien. Vielleicht war es ein Sinnbild. Unbekümmert um des Mädchens erschrockenen Zuruf sprang er wie ein Grashüpfer neben ihr zu Boden, wobei er recht leicht seine Beine hätte brechen können.

»Sie halten mich wohl für einen Einbrecher,« begann er ruhig, »und ich zweifle nicht, ich wäre einer, wenn ich nicht zufällig in jenem hübschen Hause nebenan geboren wäre. Es ist doch nichts Schlimmes dabei?«

»Wie können Sie nur so etwas sagen!« erwiderte sie vorwurfsvoll.

»Nun,« antwortete der junge Mann, »wenn man auf der falschen Seite geboren ist, sehe ich nicht ein, was Schlimmes dabei ist, herüber zu steigen!«

»Bei Ihnen weiß man nie, was Sie im nächsten Augenblicke sagen oder tun.«

»Das weiß ich oft selbst nicht,« gab Mr. Crook zurück, »übrigens bin ich auch jetzt auf der rechten Seite der Mauer.«

»Und welches ist die rechte,« fragte das Fräulein lächelnd.

»Dort, wo Sie sind,« antwortete der Bursche namens Crook.

Während sie zusammen zwischen dem Lorbeer hin dem vorderen Garten zuschritten, ertönte dreimal hintereinander, jedesmal näher, eine Automobilhupe und ein Wagen von hervorragender Schnelligkeit, großer Eleganz und blaßgrüner Farbe schwang sich wie ein Vogel vor das Haustor und blieb bebend stehen.

»Hallo! hallo!« schrie der junge Mann mit dem roten Halstuche, »das ist jemand, der jedenfalls auf der rechten Seite geboren ist. Ich wußte gar nicht, Fräulein Adams, daß Ihr St. Nikolaus so modern ist, wie dieser da.«

»O, das ist ja mein Großvater, Sir Leopold Fischer. Er kommt immer zum Stephanstage.« Dann nach einer unschuldigen, kleinen Pause, welche unbewußt ein klein wenig Mangel an Begeisterung verriet, fügte Ruby Adams hinzu: »Er ist sehr gut.«

John Crook, der Journalist, hatte von dem hervorragenden Großstadtmagnaten schon gehört und es war nicht sein Fehler, wenn der Großstadtmagnat noch nicht von ihm gehört hatte, denn in gewissen Artikeln im »Clarion« und der »Neuen Zeit« war Sir Leopold Fischer sehr kräftig mitgenommen worden. Doch er sagte nichts, sondern beobachtete nur finster das Abladen des Kraftwagens, was ein ziemlich langer Vorgang war. Ein großer, hübscher Chauffeur kam vorne heraus und ein kleiner, hübscher Bedienter kam hinten heraus und zwischen beiden stellten sie Sir Leopold auf die Torschwelle nieder und begannen, ihn auszupacken wie ein besonders empfindliches und peinlich geschütztes Paket. Pelze genug, um einen Bazar damit zu eröffnen, Felle von allen Tieren des Waldes und Schals von allen Regenbogenfarben wurden nacheinander abgewickelt, bis sie etwas enthüllten, was einer menschlichen Gestalt ähnelte, nämlich einen freundlichen, aber fremdaussehenden alten Herrn mit grauem Ziegenbarte und gewinnendem Lächeln, der seine Pelzhandschuhe aneinander rieb.

Lange ehe diese Enthüllung sich ganz vollzogen hatte, hatten sich die beiden großen Flügeltüren der Vorhalle mitten aufgetan und Oberst Adams, der Vater der bepelzten jungen Dame, war selbst herausgekommen, seinen ausgezeichneten Gast zum Eintreten zu laden. Er war ein hochgewachsener, sonnenverbrannter und sehr schweigsamer Mann, der eine rote fezartige Pelzmütze trug, was ihm das Aussehen der englischen Sirdars oder Paschas in Ägypten verlieh. Bei ihm befand sich sein vor kurzem aus Kanada zurückgekehrter Schwager, ein starker und ziemlich geräuschvoller, junger Grundbesitzer mit einem gelben Bart, ein gewisser Jakob Blount. Dazu kam noch die bedeutungslosere Gestalt des Priesters von der benachbarten römisch-katholischen Kirche, denn des Obersten verstorbene Frau war Katholikin gewesen, und die Kinder waren, wie dies in solchen Fällen oft geschieht, ihr hierin gefolgt. Alles an dem Priester bis herab zu seinem Namen ›Brown‹ schien des Besonderen zu entbehren; dennoch hatte der Oberst in ihm einen nicht üblen Gesellschafter gefunden und lud ihn häufig zu derlei Familienveranstaltungen ein.

In der großen Vorhalle des Hauses gab es genügend Raum selbst für Sir Leopold und die Beseitigung seiner Hüllen. Vorhalle und Gang waren im Verhältnisse zum Hause übermäßig geräumig und bildeten gewissermaßen einen einzigen großen Raum mit der Eingangstüre an dem einen und dem Treppenaufgange an dem anderen Ende. Gegenüber dem großen Kaminfeuer, über dem des Obersten Säbel hing, wurde der ganze Vorgang zu seinem Abschluss gebracht und die Gesellschaft einschließlich des melancholischen Crook Sir Leopold Fischer vorgestellt. Dieser ehrenwerte Geldmann schien jedoch immer noch mit einzelnen Teilen seiner gutgeschnittenen Kleidung beschäftigt zu sein und brachte endlich aus einer innersten Gehrocktasche ein schwarzes, länglichrundes Gehäuse zum Vorschein; von dem er strahlenden Auges erklärte, es sei sein Weihnachtsgeschenk für sein Patenkind.

Mit ungezwungener Selbstgefälligkeit, die etwas Entwaffnendes an sich hatte, hielt er ihnen allen das Gehäuse hin. Ein Druck, es sprang auf und ringsum war alles halb geblendet. Es war wie wenn eine Krystallfontäne ihnen in die Augen entgegensprang. In einem Neste aus orangefarbenem Sammet lagen wie drei Eier drei weiße und feurige Diamanten, welche die Luft ringsum in Brand zu setzen schienen. Fischer stand strahlend von Wohlwollen und tief das Erstaunen und Entzücken des Mädchens, die starre Bewunderung und die klobigen Dankäußerungen des Obersten, sowie das Staunen der ganzen Gruppe trinkend.

»Ich werde sie jetzt wieder einstecken, meine Liebe,« sagte Fischer, indem er das Kästchen zurück in seinen Rockschoß steckte. »Ich mußte gut darauf aufpassen, als ich hierher fuhr. Es sind die drei großen afrikanischen Diamanten, genannt die ›Sternschnuppen‹, so oft wurden sie schon gestohlen. Alle großen Spitzbuben sind hinter ihnen her, aber selbst die Leute von der Straße und von den Hotels hätten es kaum vermocht, ihre Finger davon zu lassen. Es hätte ja sein können, daß ich sie unterwegs verlor.«

»Ganz natürlich, muß ich schon sagen.« brummte der Mann mit der roten Binde. »Ich würde sie nicht schelten, wenn sie sie an sich genommen hätten. Wenn sie Brot verlangen und Sie geben ihnen nicht einmal einen Stein, dann meine ich, hätten sie den Stein wohl selber nehmen können.«

»Ich will Sie nicht so reden hören!« schrie das Mädchen in merkwürdigem Erglühen. »Sie haben erst angefangen, so zu reden, seit Sie so ein entsetzlicher – ich weiß nicht was geworden sind. Sie wissen schon, was ich meine, wie heißt man doch einen Mann, der auch einen Kaminkehrer umarmen würde?«

»Einen Heiligen,« antwortete Father Brown.

»Ich glaube,« warf Sir Leopold ein, indem er von oben herab lächelte, »Ruby meint einen Sozialisten.«

»Einen Radikalen nennt man nicht einen Mann, der von Radischen lebt,« bemerkte Crook mit einiger Ungeduld, »und konservativ heißt nicht einer, der Konserven macht. Ebensowenig ist ein Sozialist ein Mensch, der sich einen sozialen, also einen Gesellschaftsabend an der Seite eines Kaminkehrers wünscht. Unter einem Sozialisten versteht man einen Mann, der fordert, daß alle Kamine gekehrt und alle Kaminkehrer dafür bezahlt werden.«

»– aber der Ihnen nicht erlauben will,« fügte der Priester mit leiser Stimme hinzu, »daß Sie selbst der Besitzer Ihres eigenen Russes seien.«

Crook sah ihn mit einem Blick von Interesse und sogar Achtung an. »Wünscht jemand Ruß zu besitzen?« fragte er.

»Es könnte doch einmal sein.« erwiderte Brown sinnend. »Ich habe gehört, Gärtner bedienen sich seiner. Und einmal machte ich an Weihnachten sechs Kinder glücklich, ausschließlich mit Ruß, äußerlich angewendet, als der St. Nikolaus sich nicht einfand.«

»O, großartig,« klatschte Ruby, »o, ich wollte, Sie würden es dieser Gesellschaft vormachen.«

Der lärmende Kanadier erhob in lautem Beifalle seine Stimme, und auch der Geldmann ließ die seinige hören, allerdings mißbilligend, als an der vorderen Doppeltüre ein Schlag ertönte. Der Priester öffnete, und es zeigte sich wieder der Blick auf den vorderen Garten mit seinem Immergrün, seinen Fichten usw., jetzt in Dunkel getaucht gegen einen prächtigen violetten Sonnenuntergang. Die auf diese Weise gewissermaßen eingerahmte Szene war so farbensatt und phantastisch, wie der Hintergrund einer Bühne, so daß man auf einen Augenblick die unscheinbare Gestalt, welche in der Türe stand, vergaß. Sie sah ein wenig mitgenommen aus, steckte in einem abgetragenen Überrocke, augenscheinlich ein ganz gewöhnlicher Bote.

»Ist jemand von den Herrschaften Mr. Blount?« fragte dieser, und wies im Zweifel einen Brief vor.

Mr. Blount trat herzu und blieb laut beteuernd vor jenem stehen. Offensichtlich überrascht riß er den Briefumschlag auf und las; sein Gesicht färbte sich ein wenig, um sich sofort wieder aufzuheitern, dann wandte er sich an seinen Schwager und Gastgeber.

»Tut mir leid, daß ich so viele Ungelegenheit verursache, Oberst,« entschuldigte er sich mit froher, kolonialer Höflichkeit, »aber würde es dir Umstände machen, wenn mich heute abends hier ein alter Bekannter besuchen würde, geschäftlich? Tatsächlich ist es Florian, der berühmte Akrobat und Komiker; ich kannte ihn vor vielen Jahren drüben im Westen (er ist von Geburt ein französischer Kanadier) und scheint ein Geschäft für mich zu haben, obwohl ich mir nicht denken kann, welches.«

»Natürlich, natürlich,« antwortete der Oberst leichthin. »Mein lieber Junge, jeden deiner Freunde! Ohne Zweifel wird er eine Bereicherung für uns bedeuten.«

»O, der ist schon dazu zu haben, sich sein Gesicht zu schwärzen, wenn du das meinst; auch weiß macht er es und ich zweifle nicht, er ist bereit, auch euch allen etwas weiß zu machen. Ich bin allerdings mehr für die alte, lustige Pantomime, wo ein Mann sich auf seinen Zylinderhut setzt.«

»Bitte, nicht auf den meinigen,« bemerkte Sir Leopold Fischer mit Würde.

»Gut, gut,« versetzte Crook von oben herab, »streiten wir nicht. Es gibt noch niedrigere Scherze als sich auf jemands Hut zu setzen.«

Mißfallen über den rotbeschlipsten Burschen, wachgerufen durch dessen räubermäßige Anschauungen und offensichtliche Vertraulichkeit mit dem hübschen Patenkind verleiteten Fischer, in seiner sarkastischen, lehrmeisterlichen Art zu erwidern:

»Ohne Zweifel haben Sie noch etwas gefunden, was noch weit darunter ist, als sich auf einen Zylinderhut zu setzen, was meinen Sie damit, bitte?«

»Wenn man den Hut auf sich sitzen läßt zum Beispiel,« gab der Sozialist zurück.

»Genug, genug,« rief der kanadische Landwirt mit seiner barbarischen Gutmütigkeit dazwischen, verpatzen Sie uns den fidelen Abend nicht. Ich bin dafür, wir sollten etwas für unsere Abendgesellschaft veranstalten. Nicht Gesichter schwärzen oder auf Hüten sitzen, wenn Ihnen das nicht gefällt, aber doch etwas dergleichen, weshalb führen wir nicht eine richtige, altenglische Pantomime auf – Clown, Kolombine usw? Ich sah eine, als ich zwölf Jahre alt war, damals, als ich England verließ, und die hat in meinem Gehirn gezündet wie ein Bergfeuer. Erst voriges Jahr bin ich nach dem alten Lande zurückgekehrt und fand den Brauch erloschen. Nur mehr eine Menge schundiger Märchenspiele gibt es heute noch. Mich verlangt nach einem Feuerteufel, und nach einem Polizisten, den man zu Würsten verarbeitet, und dafür bietet man mir sittenpredigende Prinzessinnen beim Mondenschein, ›blaue Vögel‹ und dergleichen. Für Blaubart hätte ich noch Verständnis, und er gefiel mir am besten, wenn er sich in den Hanswurst verwandelte.«

»Ich bin ganz für den Polizisten und das Wurstmachen,« stimmte John Crook bei. »Es ist eine bessere Definition des Sozialismus, als alle anderen aus der letzten Zeit. Aber die Ausführung ist so gut wie unmöglich.«

»Nicht die Spur!« schrie Blount ganz hingerissen. »Eine Hanswurstiade läßt sich am allerleichtesten aufführen, aus zwei Gründen. Erstens kann man den Schnabel aufsperren, soviel man will, und zweitens, was man braucht, sind alles Dinge aus dem Haushalte – Tische und Handtuchgestelle und Wäschekörbe und solche Sachen.«

»Stimmt,« gab Crook eifrig nickend zu, indem er auf und nieder schritt. »Aber ich fürchte, ich kann meine Polizistenuniform nicht auftreiben. Es ist in letzter Zeit kein Polizist mehr umgebracht worden.«

Blount runzelte eine Weile nachdenklich die Stirne und schlug sich auf die Schenkel. »Ja, es geht!« rief er. »Ich habe hier Florians Adresse und er kennt jeden Maskenverleiher in London. Ich will ihn anrufen, er soll eine Polizistenuniform mitbringen.« Und entschlossen schritt er stracks ans Telephon.

»O, es ist riesig lustig, Pate,« jubelte Ruby fast tanzend. »Ich mache die Kolumbine und du wirst der Hanswurst sein.«

Der Millionär tat steif wie in einer Art heidnischer Feierlichkeit.

»Ich glaube,« bemerkte er, »du mußt dich um einen anderen Hanswurst umsehen.«

»Ich mache ihn, wenn du willst,« warf Oberst Adams ein, indem er die Zigarre aus dem Munde nahm und zum ersten und letzten Male sprach.

»Du verdienst ein Denkmal,« schrie der Kanadier, als er strahlend vom Telephon zurückkam. »Wir haben alles beisammen. Mr. Crook macht den Clown, er ist Journalist und weiß daher alle abgedroschenen Witze. Ich kann Harlekin sein, dazu braucht man nur lange Beine zu haben und herumhopsen zu können. Mein Freund Florian telephonierte, er bringt die Polizistenuniform; er zieht sich schon unterwegs um. Wir können gleich in dieser Halle spielen, die Zuschauer sitzen auf der breiten Stiege dort hinten, eine Reihe über der anderen. Diese Vordertüren geben den Hintergrund, offen wie geschlossen. Geschlossen, sieht man das Innere eines englischen Hauses, offen, einen Garten im Mondscheine. Es geht alles wie durch Zauberei.« Und ein zufälliges Stück Billardkreide aus der Tasche ziehend rannte er zwischen Türe und Treppenaufgang entlang und zog die Linie für die Rampenlichter.

Wie selbst eine so improvisierte Veranstaltung in so kurzer Zeit zustandekommen konnte, bleibt nach wie vor ein Rätsel. Genug, man machte sich an die Arbeit mit jenem Gemisch von Rastlosigkeit und Fleiß, das sich findet, wo Jugend im Hause ist, und deren gab es an jenem Abende in jenem Hause. Wie es immer dabei zu geschehen pflegt, wucherten die Erfindungen immer wilder aus den Spießbürgergewohnheiten hervor, aus denen sie geschaffen werden mußten. Die Kolumbine sah sehr nett aus in ihrem abstehenden Rock, der sehr verdächtig dem großen Lampenschirme aus dem Wohnzimmer gleichsah. Der Clown und Pantalon puderten sich mit vom Koche geliefertem Mehle und die rote Schminke lieferte ein Dienstbote, der (wie alle wahrhaft christlichen Wohltäter) ungenannt bleiben soll. Der Harlekin in Silberpapier aus alten Zigarrenkisten konnte nur mit Mühe abgehalten werden, nicht den alten Viktoria-Kronleuchter zu plündern, um sich mit gläsernen Kristallen zu putzen. Wirklich hätte er das auch getan, hätte nicht Ruby irgendwo ein paar vergessene Theaterjuwelen ausgegraben, die sie einst auf einem Maskenballe als Diamantenkönigin getragen hatte. In der Tat fuhr ihr Onkel James Blount vor Aufregung beinahe aus der Haut darüber, wie ein richtiger Schuljunge. Father Brown setzte er meuchlings eine Papiermütze auf, die dieser auch geduldig trug, wobei er sogar noch eine besondere Art herausfand, mit den Ohren zu wackeln; und Sir Leopold Fischer versuchte er einen Papierschwanz an die Rockschösse zu heften, was jedoch stirnrunzelnd abgelehnt wurde.

»Onkel sieht zu verrückt aus,« rief Ruby Crook zu, um dessen Schultern sie mit großem Ernste einen Kranz Würste geschlungen hatte. »Was sieht er denn so wild drein?«

»Der richtige Hanswurst zu Ihrer Kolumbine,« gab Crook zurück. »Ich bin nur der Clown, der die alten Spässe macht.«

»Ich wollte, der Hanswurst wären Sie,« gab sie, den Wurstkranz schwingend zurück.

Obwohl Father Brown jede Einzelheit, die hinter der Szene vorbereitet wurde, mitangesehen hatte und durch die Umwandlung eines Kissens in ein Theaterwickelkind sogar selbst Beifall geerntet hatte, begab er sich doch in den Zuschauerraum hinüber und setzte sich mit der ganzen feierlichen Erwartung eines Kindes, das zum ersten Male ein Theater sieht, unter das Publikum. Der Zuschauer waren wenige: Verwandte, ein paar Freunde aus dem Orte und die Dienstboten. Sir Leopold Fischer saß in der Mitte, und seine volle Gestalt und der Pelz, den er immer noch um den Hals hängen hatte, benahmen dem kleinen Geistlichen hinter ihm fast den ganzen Ausblick; doch ist noch von keiner Kunstbehörde festgestellt worden, ob er dadurch viel verloren hat.

Die Pantomime war überaus chaotisch, jedoch nicht zu verachten. Zur Aufführung gelangte ein improvisierter Unsinn, der hauptsächlich von Crook, dem Clown ausging. Er war für gewöhnlich ein wirklich geweckter Mann und heute abends war er von einer so wüsten Allwissenheit besessen, von einer die Welt an Weisheit überbietenden Narrheit, wie sie einen jungen Mann überkommt, der für einen Augenblick einen besonderen Ausdruck auf einem besonderen Gesichte gesehen hat. Er hatte den Clown zu spielen, in Wirklichkeit aber war er beinahe alles andere, nämlich der Verfasser (so weit von einem solchen die Rede sein kann), der Souffleur, der Dekorationsmaler, der Regisseur und vor allem das Orchester. Mittendrinnen während der zügellosen Vorstellung war er imstande, in voller Verkleidung ans Klavier zu wirbeln und irgend ein ebenso absurdes wie passendes Musikstück herunterzuhämmern.

Der Gipfelpunkt hiervon wie überhaupt der Glanzpunkt des Abends war der Augenblick, als die Flügeltüren im Hintergrunde aufflogen und den lieblich vom Mond beschienenen Garten zeigten, deutlicher aber noch den berühmten Künstler und Gast, den großen Florian, verkleidet als Polizisten. Der Clown am Klavier spielte den Schutzmannchor aus den »Piraten von Penzance«, doch wurde er übertönt vom betäubenden Beifall, denn jede Bewegung des großen Komikers war eine wundervolle, nicht im mindesten übertriebene Darstellung des Auftretens und Benehmens eines wirklichen Polizisten. Der Hanswurst sprang auf ihn zu und hieb ihn über den Helm, während der Mann am Klavier »Ach, ich hab' sie ja nur ...« spielte und der Getroffene in wunderbar geheucheltem Erstaunen um sich blickte; dann versetzte ihm der Hanswurst noch einen Schlag, wobei der Pianist mit ein paar Takten von »Aber nur, aber nur noch einmal ...« nachhalf. Dann fiel der Clown dem Polizisten richtig in die Arme und warf ihn unter einem Schauer von Beifall vor sich nieder. Nun spielte der berühmte Schauspieler die berühmte Rolle des toten Mannes, von der man sich in Putney noch heute erzählt. Es schien beinahe unglaublich, daß ein lebender Mensch wirklich so schlaff tun konnte.

Der riesenstarke Harlekin warf ihn wie einen Mehlsack hin und her und schwang ihn wie eine indische Keule, während gleichzeitig die verrücktesten und tollsten Tänze vom Klavier her schollen. Als der Hanswurst den Komiker-Polizisten keuchend vom Boden aufhob, spielte der Clown »Reich mir die Hand, mein Leben« und als er ihn über seinen Rücken hinabgleiten ließ »Behüt dich Gott, es wäre so schön gewesen«. Als der Hanswurst endlich den Schutzmann mit einem überaus überzeugenden Plumps niederfallen ließ, ging der Verrückte am Instrument in ein klimperndes Tempo über.

Im Augenblicke, als dieser Ausbruch von Verstandesanarchie bei diesem Punkte angelangt war, verdunkelte sich Father Browns Erkenntnis gänzlich, denn der Großstadtmagnat, der gerade vor ihm saß, erhob sich zu voller Höhe und fuhr mit den Händen in allen Taschen umher; dann noch immer kramend setzte er sich nieder, um sofort wieder von neuem aufzustehen. Einen Augenblick schien es, als wolle er allen Ernstes über die Rampenlichter hinwegsteigen, dann heftete er einen durchdringenden Blick auf den klavierspielenden Clown und rannte plötzlich ohne ein Wort aus dem Saale. Der Priester hatte noch ein paar Minuten länger den tollen, dabei aber durchaus nicht ungewandten Tanz des Liebhaber-Hanswursten um seinen hervorragend bewußtlosen Gegner beobachtet. Mit wirklicher, wenn auch ungeübter Kunst tanzte der Harlekin langsam rückwärts zur Türe hinaus in das Mondlicht und Stillschweigen des Gartens. Das zusammengekleisterte Kleid aus Silberpapier, das im Scheine der Lampen zu grell und zu deutlich gewirkt hatte, sah immer zauberischer und silberiger aus, als er durch den matten Schimmer des Mondes hintanzte. Die Zuschauer fielen mit einem Beifallssturme ein, als Brown unvermittelt sich am Arme ergriffen fühlte und flüsternd gebeten wurde, in das Arbeitszimmer des Obersten zu kommen.

Er folgte seinem Boten mit steigenden Zweifeln, die auch nicht zerstreut wurden durch die feierliche Komik der ganzen Szene. Da saß Oberst Adams, noch immer in seiner vollständigen Verkleidung als Pantalon mit betrotteltem Fischbein, das über seinen Brauen tanzte, doch seine armen, alten Augen blickten ganz traurig drein in ihrem Bewußtsein, ein Spaßverderber sein zu müssen. Sir Leopold Fischer lehnte beklommen am Kamingesimse und trug alle Anzeichen des Schreckens an sich.

»Es ist eine sehr peinliche Geschichte, Father Brown,« begann Adams. »Es handelt sich darum, daß jene Diamanten, die wir alle heute nachmittags gesehen haben, aus meines Freundes Rockschoß verschwunden sind. Und da Sie –«

»– da ich,« ergänzte Father Brown mit breitem Grinsen, »genau hinter ihm gesessen bin –«

»Nichts dergleichen soll angenommen werden,« fiel Oberst Adams mit einem festen Blicke auf Fischer ein, der eher bestätigte, daß tatsächlich etwas dergleichen angenommen worden war. »Ich bitte Sie nur um eines, um Ihre Beihilfe, wie man es von jedem Ehrenmanne erwarten darf.«

»– nämlich, daß er seine Taschen umkehrt,« bemerkte Father Brown und begann schon dies zu tun, wobei ein paar Kupfermünzen, eine Rückfahrkarte, ein kleines Silberkreuz, ein kleines Brevier und eine Stange Schokolade herausfielen.

Der Oberst blickte ihn lange an, dann sagte er: »Sie verstehen, ich möchte lieber die Innenseite Ihres Kopfes, als die Ihrer Taschen kennenlernen. Meine Tochter gehört ja wohl zu Ihren Glaubensgenossen, und sie hat neulich –« stockte er.

»– sie hat neulich,« rief der alte Fischer dazwischen, »einem waschechten Sozialisten ihres Vaters Haus geöffnet, der offen sagt, er wäre imstande, jedwedes Ding den Reicheren wegzunehmen. Das ist das Ende vom Liede. Und hier haben wir den Reicheren – und darum doch nicht reicheren.«

»Wenn Sie das Innere meines Kopfes wollen, das können Sie haben,« sagte Brown gelangweilt. »Was es wert ist, können Sie mir später sagen, aber das erste, was ich darin finde, ist, daß Leute, die Diamanten stehlen, nicht von Sozialismus reden. Sie sind eher von jener Art, welche ihn ablehnen.«

Die anderen winkten heftig ab, aber der Priester fuhr unbekümmert fort.

»Wir kennen ja diese Leute mehr oder weniger alle, nicht? Der Sozialist dort würde ebensowenig einen Diamanten stehlen, wie eine Pyramide. Wir müssen sofort nach dem einen Menschen sehen, den wir nicht kennen, dem Burschen, der den Schutzmann machte, Florian. Ich möchte wissen, wo er in diesem Augenblicke steckt.«

Der Pantalon sprang hoch auf und ging mit langen Schritten zur Türe hinaus. Drinnen setzte inzwischen eine Kunstpause ein, während welcher der Millionär auf den Priester und der Priester in sein Brevier sah; dann kehrte der Pantalon zurück und berichtete in abgerissenem Ernste:

»Der Polizist liegt noch auf der Bühne. Der Vorhang ist schon sechsmal auf- und niedergegangen, aber er liegt noch immer dort.«

Father Brown ließ sein Buch sinken und stand da, das Bild einer geistigen Niederlage. Sehr langsam nur, aber dennoch kehrte Licht in seine grauen Augen wieder, dann gab er die schwerverständliche Antwort.

»Verzeihen Sie, Oberst, aber wann ist Ihre Frau gestorben?«

»Meine Frau?« wiederholte der erstarrte Soldat. »Vor einem Jahre und zwei Monaten. Ihr Bruder Jakob kam gerade eine Woche zu spät an, um sie noch zu sehen.«

Der kleine Priester machte einen Satz wie ein angeschossenes Kaninchen. »Vorwärts!« rief er in ganz ungewöhnlicher Aufregung. »Vorwärts! Wir müssen fort und nach dem Polizisten sehen!«

Sie eilten nach der jetzt verlängerten Bühne, brachen ohne weiteres zwischen der Kolumbine und dem Clown durch (die sehr angelegentlich zu flüstern schienen) und Father Brown beugte sich über den am Boden ausgestreckten Schutzmann-Komiker.

»Chloroform,« sagte er, als er aufstand, »ich kam erst jetzt darauf.«

Ein erschrecktes Schweigen erfolgte, dann sagte der Oberst langsam: »Bitte, sagen Sie im Ernste, was das bedeutet.«

Father Brown schüttelte sich plötzlich vor Lachen, dann hielt er inne und kämpfte noch einige Male dagegen an, während er weiter sprach.

»Meine Herren,«, schnappte er, »wir dürfen nicht viel Zeit mit Reden verlieren; ich muß dem Missetäter nachlaufen. Aber dieser große, französische Schauspieler, der so naturgetreu den Wachmann spielte, dieser biegsame Körper, mit dem der Hanswurst sich balgte und seine Possen trieb und den er hin- und herwarf – das war –.« Seine Stimme schien wieder ihm zu versagen und er wandte sich ab um davonzurennen.

»Der war?« rief ihm Fischer nach.

»Ein wirklicher Polizist,« gab Father Brown zurück und verschwand im Dunkel.

Am Ende dieses laubreichen Gartens gab es Dickichte und Lauben, von denen der Lorbeer und das andere immergrüne Buschwerk selbst in diesem tiefsten Winter gegen den Saphirhimmel und den Silbermond wie warme, südländische Farbentöne sich abhoben. Das freundliche Grün des sich wiegenden Lorbeers, das reiche, satte Purpurindigo der Nacht, der einem ungeheuerlichen Kristall gleiche Mond ergaben ein nahezu unverantwortlich romantisches Bild und zwischen den höchsten Zweigen der Gartenbäume kletterte eine eigenartige Gestalt, die weniger romantisch, als vielmehr unmöglich aussah. Sie glitzerte von Kopf bis zum Fuß, als wäre sie in zehn Millionen von Monden gekleidet, der wirkliche Mond hielt sie jeden Augenblick fest, um immer wieder einen neuen Zoll an ihr in Feuer zu setzen. Aber funkelnd und mit Erfolg schwang sie sich von den niedrigeren Bäumen dieses Gartens zu dem höheren, überragenden auf und hielt dort nur einen Atemzug lang inne, weil ein Schatten unter dem kleineren Baume hinglitt und emporrief:

»Nun, Flambeau,« sagt jetzt die Stimme. »Sie schauen wirklich aus wie eine Sternschnuppe, aber schließlich versteht man darunter doch immer nur einen fallenden Stern.«

Die silberne, glitzernde Gestalt oben scheint sich nach dem Lorbeer vornüber zu neigen, und des Entkommens ohnehin sicher, hört sie auf die kleine Gestalt unten.

»Sie haben niemals besseres geleistet, Flambeau. Es war durchtrieben, aus Kanada zu kommen (mit einem Pariser Billet, vermute ich), genau eine Woche nach Mrs. Adams Tod, als niemand in der Stimmung war, Fragen zu stellen. Noch geriebener war es, die ›Sternschnuppen‹ und den Tag von Fischers Ankunft sich genau zu merken. Aber es ist nicht mehr Geriebenheit, sondern wirkliches Genie in dem was folgte. Die Steine zu stehlen, war wohl keine Kunst für Sie. Sie hätten es mit einem Taschenspielertrick auf Hunderterlei andere Weisen auch zuwege gebracht, als durch das Vorgeben, Fischers Rock einen Papierschwanz anzuheften. Im übrigen aber haben Sie sich selbst übertroffen.«

Die silberige Gestalt zwischen dem Grün der Blätter scheint wie hypnotisiert zu schwanken, obwohl das Entkommen nach rückwärts ganz leicht wäre, doch sie starrt auf den Mann dort unten.

»O ja,« fuhr der Mann dort unten fort, »ich weiß die ganze Geschichte. Ich weiß, Sie haben nicht nur die Pantomime durchgesetzt, sondern Sie benützten sie sogar zu einem doppelten Zwecke. Erst haben Sie ganz ruhig die Steine gestohlen. Durch einen Komplizen erhielten Sie Nachricht, daß man Sie bereits im Verdacht habe und ein gewandter Polizeioffizier schon unterwegs sei, um Sie gerade heute abends aufzuspüren. Ein gewöhnlicher Dieb wäre für die Warnung dankbar gewesen und hätte sich aus dem Staube gemacht. Sie aber sind ein Dichter. Sie hatten bereits den guten Gedanken gehabt, die Juwelen im Gefunkel falscher Theaterjuwelen zu verbergen, und dann sahen Sie, wenn das Gewand das eines Hanswursten war, das Erscheinen eines Polizisten vollkommen dazu passen würde. Der brave Sicherheitsbeamte brach von der Polizeiwache in Putney auf, Sie zu suchen und ging in die merkwürdigste Falle, die man ihm je in seinem Leben gestellt hatte. Als die Türflügel sich öffneten, glaubte er das Haus zu betreten, betrat aber direkt die Bühne einer Weihnachtspantomime, allwo er von dem tanzenden Hanswurst unter dem schallenden Gelächter all der ehrenwerten Leute von Putney geschlagen, gestoßen, geschwungen und betäubt wurde. O, nie werden Sie etwas Besseres vollführen! Übrigens geben Sie mir jetzt jene Diamanten zurück, ja?«

Der grüne Zweig, auf dem die glitzernde Gestalt schwankte, raschelte wie in Erstaunen, doch die Stimme fuhr fort.

»Ich möchte wirklich bitten, daß Sie sie zurückgeben, Flambeau, und auch, daß Sie dieses Leben aufgeben. Noch steckt Jugend und Ehrgefühl und Temperament in Ihnen; bilden Sie sich doch nicht ein, die würden bei solchem Wandel lange ausreichen. Im Guten mag man sich wohl auf einer gewissen Stufe halten können, im Bösen aber hat dies noch nie jemand vermocht. Dort führt der Weg nur immer weiter abwärts. Der Gute trinkt, und wird grausam, der Freimütige tötet, und leugnet es. Manchen von Ihrer Art habe ich gekannt, der so wie Sie damit anfing, ein ehrlicher Verächter des Gesetzes zu sein, der ganz munter nur den Reichen bestahl und dann damit endete, daß er im Schlamme erstickte. Moritz Blum begann als grundsätzlicher Anarchist, ein Vater der Armen, und er endete als schäbiger Spion und Angeber, den beide Seiten ausnützten und verachteten. Harry Burke begann in aller Einfalt seine Bewegung zur Beseitigung des Geldes, jetzt erpreßt er seiner halbverhungerten Schwester endlose Schnäpse ab. Lord Amber stieg gewissermaßen aus Ritterlichkeit in eine tiefe Gesellschaft herab, jetzt zahlt er, was die elendesten Geier Londons von ihm erpressen. Hauptmann Barillon war der große Gentleman-Apache vor Ihnen, heulend aus Angst vor seinen Genossen und Hehlern, die ihn verraten und zu Tode gehetzt hatten. Ich weiß, Flambeau, der Wald hinter Ihnen sieht sehr frei aus, ich weiß. Sie können jetzt wie ein Affe darin im Nu verschwinden. Eines Tages aber werden Sie ein alter, grauer Affe sein, Flambeau. Sie werden sich in Ihrem freien Walde aufrecht setzen, kalt im Hetzen und dem Verenden nahe und die Baumwipfel werden kahl sein.«

So ging es weiter, wie wenn der kleine Mann dort unten den anderen auf dem Baume oben an einer langen, unsichtbaren Leine hielte, und er fuhr fort: »Ihr Weg nach abwärts hat begonnen. Sie taten sich immer etwas darauf zugute, nichts Gemeines, nichts Niedriges zu tun, aber heute abends tun sie etwas Gemeines. Sie bringen einen ehrlichen Jungen, gegen den ohnehin schon ein gut Teil spricht, noch mehr in Verdacht. Sie trennen ihn von dem Weibe, das er liebt und das ihn liebt. Aber Sie werden noch Niedrigeres vollbringen, ehe Sie sterben.«

Drei funkelnde Diamanten fielen vom Baume auf den Rasen. Der kleine Mann bückte sich, sie aufzulesen, und als er wieder zu dem grünen Gitterwerke des Baumes aufblickte, war es leer, der silberne Vogel fort.

Die Zurückstellung der zufällig gerade von Father Brown aufgelesenen Diamanten beschloß den Abend in überlautem Triumph und Sir Leopold Fischer auf dem Gipfel seiner guten Laune meinte sogar zu dem Priester, daß, obwohl, was ihn betraf, er weniger engherzigen Ansichten huldige, er dennoch jene, deren Glaube ihnen Abgeschlossenheit und Welt-Unkenntnis auferlegte, zu achten vermöge.

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