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Priester und Detektiv

Gilbert Keith Chesterton: Priester und Detektiv - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titlePriester und Detektiv
publisherFriedrich Pustet
year1920
translatorH. M. von Lama
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060912
projectid95b38bfb
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Der Unsichtbare

Durch das kalte, blaue Dämmerlicht zweier steiler Straßen in Camden Town glühte der Eckladen, eine Konditorei, wie das Ende einer Zigarre. Vielleicht wäre es richtiger zu sagen: wie die Glutreste eines Feuerwerks, denn es war ein vielfarbiges und vielteiliges Licht, gebrochen durch reichliche Spiegelscheiben, das über vielen goldverzierten und grellfarbigen Kuchen und Süßigkeiten flimmerte. Gegen dieses eine feurige Schaufenster preßten sich die Nasen zahlreicher Gassenjugend, denn die Schokoladen waren alle in jenes metallige Rot und Gold und Grün gehüllt, das fast noch besser ist als die Schokolade selbst; und der mächtige weiße Hochzeitskuchen im Schaufenster war gleichsam ebenso unerreichbar wie anziehend, als ob der ganze Nordpol eine solche Leckerspeise wäre. Solch herausfordernder Regenbogenglanz konnte natürlich die Jugend der Nachbarschaft bis zu zehn oder zwölf Jahren anlocken. Doch diese Ecke besaß auch für die reifere Jugend ihre Anziehung und ein junger Mann nicht unter vierundzwanzig starrte in dasselbe Schaufenster. Auch für ihn hatte der Laden einen feurigen Reiz, doch diese Anziehungskraft fand ihre Erklärung nicht ausschließlich in der Schokolade, die zu verachten er jedoch weit entfernt war. Er war von hohem Wuchs, stark gebaut, hatte rotes Haar und ein entschlossenes Gesicht, doch zeugte sein Benehmen von Sorglosigkeit. Unter dem Arm trug er eine flache graue Mappe mit Federzeichnungen, welche er mit mehr oder weniger Erfolg an Verleger verkaufte, seit sein Onkel (der ein Admiral war) ihn wegen seines Sozialismus enterbt hatte, und zwar infolge eines Vortrages über das Wirtschaftssystem. Sein Name war Johann Turnbull Angus.

Nachdem er endlich eingetreten, begab er sich durch die Konditorei in das hintere Zimmer, eine Art billiges Restaurant, und lüftete nur den Hut vor dem dort bedienenden Fräulein. Es war ein brünettes, elegantes, flinkes Mädchen in Schwarz, von lebhaften Farben und sehr munteren dunklen Augen, und nachdem die üblichen Augenblicke verstrichen waren, folgte sie ihm in den inneren Raum, nach seiner Bestellung zu fragen.

Er bestellte sichtlich nichts Außergewöhnliches. »Ich wünsche, bitte,« sagte er mit klarer Betonung, »einen Fünfpfennigwecken und eine kleine Tasse schwarzen Kaffee.« Knapp ehe das Mädchen sich noch umwandte, fügte er hinzu, »auch wünsche ich Sie zu heiraten.«

Das junge Ladenmädchen wurde plötzlich steif: »Derartige Scherze verbitte ich mir!«

Der rothaarige Jüngling richtete seine grauen Augen mit unerwartetem Ernste auf sie. »Wirklich und wahrhaftig,« sagte er, »es ist mir ernst, – so ernst wie mit dem Fünfpfennigwecken. Es kostet, so wie der Wecken, man muß dafür bezahlen. Es ist unverdaulich wie der Wecken, es schmerzt.«

Das brünette Fräulein hatte die dunklen Augen nicht eine Sekunde von ihm gewandt, sie schien ihn vielmehr mit fast tragischer Genauigkeit zu beobachten. Am Ende ihrer Beobachtung angelangt, überflog sie etwas wie ein Schatten eines Lächelns und sie ließ sich auf einen Stuhl nieder.

»Meinen Sie nicht,« bemerkte Angus geistesabwesend, »daß es eigentlich grausam ist, diese Fünfpfennigwecken zu essen? Wenn man sie wachsen läßt, könnten Zehnpfennigwecken daraus werden. Ich werde diesen brutalen Sport aufgeben, wenn wir verheiratet sind.«

Das brünette Fräulein erhob sich und schritt ans Fenster, sichtlich mit tiefem doch nicht mitgefühllosem Nachdenken beschäftigt. Als sie sich endlich mit entschlossener Miene wieder umwandte, bemerkte sie hocherstaunt, daß der junge Mann verschiedene Sachen aus dem Schaufenster nahm und sorgfältig auf einen Tisch verteilte. Darunter befand sich die Pyramide von buntfarbigen Süßigkeiten, mehrere Teller Sandwiches, und die beiden Karaffen mit dem geheimnisvollen Portwein und Sherry, die jeder englischen Konditorei eigen sind. In die Mitte dieser zierlichen Aufmachung hatte er sorgfältig den riesigen weißen verzuckerten Kuchen gestellt, der das größte Zierstück des Fensters gewesen war.

»Was in aller Welt tun Sie denn?« fragte sie.

»Meine Pflicht, meine liebe Laura,« begann er.

»O, um's Himmels willen, hören Sie endlich auf, mit mir so zu reden,« rief sie. »Ich meine, was soll denn all das bedeuten?«

»Ein Hochzeitsmahl, Miß Hope.«

»Und was ist das?« fragte sie ungeduldig, auf den Riesenzuckerberg deutend.

»Der Hochzeitskuchen, Frau Angus,« erwiderte er.

Das brünette Fräulein trat auf diesen Gegenstand zu, hob ihn ziemlich geräuschvoll auf und stellte ihn wieder in das Schaufenster: dann kehrte sie zurück, stützte ihre zierlichen Ellenbogen auf den Tisch und blickte den jungen Mann zwar nicht ungnädig, aber doch ziemlich gereizt an.

»Sie lassen mir gar keine Zeit zum Überlegen,« begann sie.

»Solch ein Narr bin ich nicht,« antwortete er, »das ist so meine christliche Demut.«

Ihre Augen waren noch auf ihn gerichtet, doch ihr Lächeln hatte tiefen Ernst angenommen.

»Mr. Angus,« sagte sie fest, »bevor Sie noch eine Silbe mit diesem Unsinn fortfahren, muß ich Ihnen, so kurz ich kann, etwas sagen, was mich betrifft.«

»Sehr angenehm,« erwiderte Angus ernst. »Sie könnten mir dann auch gleich etwas sagen, was mich selbst betrifft, da Sie schon daran sind.«

»O, halten Sie den Mund und hören Sie,« verwies sie. »Es ist nichts, dessen ich mich schäme, nicht einmal etwas, was mir besonders leid tut. Doch was würden Sie dazu sagen, wenn es etwas wäre, was mich nichts angeht und mich dennoch wie ein böser Geist verfolgt?«

»In diesem Falle,« versetzte der junge Mann ernst, »würde ich vorschlagen, den Kuchen wieder zurückzubringen.«

»Nun, sie müssen die Geschichte erst anhören,« bestand Laura. »In erster Linie muß ich Ihnen sagen, daß mein Vater das Gasthaus ›Zum Goldfisch‹ in Ludbury besaß, und ich pflegte im Bar die Leute zu bedienen.«

»Ich habe mich oft gewundert,« warf er ein, »woher diese Konditorei einen gewissen christlichen Anstrich hatte.«

»Ludbury ist ein verschlafenes, grasreiches, kleines Nest in den Ostprovinzen, und die einzige Sorte von Leuten, welche in den ›Goldfisch‹ kamen, waren gelegentliche Handlungsreisende oder sonst die schrecklichste Gesellschaft, die Ihnen vor Augen kommen kann, Ihnen aber nie unter die Augen kam. Ich meine, unbedeutende, umherlungernde Leute, die gerade noch genug zum Leben und nichts weiter zu tun hatten, als sich in Wirtshäusern herumzudrücken, auf Pferde zu wetten, in schäbigen Kleidern, die für sie aber immer noch viel zu gut waren, herumzulaufen. Aber diese verkommenen jungen Nichtsnutze sah man nicht allzuoft in unserem Hause. Zwei derselben waren ganz besonders gemeine Subjekte, gemein in jeder Beziehung. Beide lebten von ihrem eigenen Gelde und waren zum Ekel faul und geckenhaft. Und dennoch taten sie mir ein wenig leid, denn ich glaube fast, sie schlichen sich in unsere kleine leere Schankstube, weil jeder von ihnen etwas verunstaltet war, von der Art, wie dumme Jungen sie auslachen. Sie waren nicht gerade verunstaltet, sondern eher sonderbar. Der eine war auffallend klein, etwa wie ein Zwerg oder jedenfalls wie ein Jockey; er besaß einen runden schwarzen Kopf, einen wohlgepflegten schwarzen Bart, Augen lebhaft wie ein Vogel, klimperte mit dem Geld in seinen Taschen oder mit seiner dicken goldenen Uhrkette und nie sah man ihn anders als allzu fein gekleidet, um wirklich für fein gekleidet gelten zu können. Trotzdem war er kein Dummkopf, aber doch ein unnützer Müßiggänger. Er war merkwürdig geschickt in allerlei völlig nutzlosen Dingen, etwas wie ein Gelegenheitszauberer. Aus fünfzehn sich gegenseitig entzündenden Zündhölzern wußte er ein regelrechtes Feuerwerk herzustellen oder aus einer Banane oder anderem Derartigen eine tanzende Puppe zu schneiden. Er hieß Isidor Smythe, und ich sehe ihn noch vor mir, mit seinem kleinen dunklen Gesichte, wie er an den Schanktisch trat und aus fünf Zigarren ein hüpfendes Känguruh machte.

»Der andere Bursche war ruhiger und von gewöhnlicherer Art, aber dennoch ängstigte er mich viel mehr als der arme kleine Smythe. Er war sehr groß und schlank, hatte lichtes Haar, einen hohen Nasenrücken und hätte ein ganz schönes Gespenst darstellen können, aber er schielte in einer so auffallenden Weise, wie ich es nie zuvor gesehen oder gehört hatte. Wenn er einen gerade ansah, wußte man nie, wo man war, geschweige denn, wo er hinblickte. Ich glaube, dieses entstellte Äußere verbitterte den armen Kerl ein wenig, denn während Smythe bereit war, seine Kunststückchen überall zu zeigen, tat James Welkin (so hieß der Schielende) niemals mehr, als in unserer Schankstube hocken oder auf dem ebenen grauen Lande ringsum lange und einsame Spaziergänge machen. Immerhin, ich glaube, Smythe empfand es einigermaßen, so klein zu sein, obwohl er es geschickt zu verbergen wußte. Und so kam es, daß ich wirklich verwirrt und erschrocken zugleich und sehr verärgert war, als beide in ein und derselben Woche mir einen Heiratsantrag machten.

»Nun, ich tat, was mir seitdem wohl als eine Torheit erschien. Doch waren diese Sonderlinge immerhin in gewissem Sinne meine Freunde, und ich schreckte davor zurück, sie könnten auf den wahren Grund meiner Absage kommen, nämlich, daß sie für mich von einem geradezu unmöglichen Äußeren waren. So schützte ich vor, ich würde niemals einen Mann heiraten, der sich nicht selbst seinen Weg in der Welt gebahnt hat. Ich sagte, es sei mein grundsätzlicher Standpunkt, nicht von Geld leben zu wollen, das wie das ihrige nur ererbt war. Zwei Tage darauf, nachdem ich mich in dieser wohlgemeinten Weise ausgesprochen hatte, begann das ganze Unheil. Das erste, was ich hörte, war, daß beide fortgegangen waren, ihr Glück zu machen, als handelte es sich um ein albernes Märchen.

Zeit jenem Tage habe ich keinen von ihnen mehr zu sehen bekommen. Nur von dem kleinen Manne, namens Smythe, erhielt ich zwei Briefe, die mich wirklich etwas aufregten.«

»Und von dem anderen haben Sie nichts mehr gehört?« warf Angus dazwischen.

»Nein, er hat nie geschrieben,« fuhr das Mädchen nach einer Sekunde Zögerns fort. »Smythes erster Brief besagte nur, er habe sich mit Welkin auf den Weg nach London gemacht, aber der war so gut zu Fuß, daß der kleine Mann zurückblieb und sich am Straßenrande etwas ausruhte. Zufällig vorbeikommende Zirkusleute nahmen ihn auf, und einesteils weil er ein halber Zwerg, anderenteils ein wirklich geschicktes Kerlchen war, kam er in dieser Laufbahn ganz gut voran, wurde am Aquarium angestellt, wo er einige Kunststücke vollführte, deren ich mich nicht mehr recht entsinne. Das war sein erster Brief. Sein zweiter war viel aufregender und ich erhielt ihn erst vorige Woche.«

Der Mann namens Angus leerte seine Kaffeetasse und sah sein Gegenüber mit sanften und geduldigen Augen an, als sie von neuem begann.

»Sie haben wohl an den Bretterzäunen genug über ›Smythes Stumme Diener‹ gelesen? Jedenfalls, Sie wären sonst der einzige Mensch, der nichts davon wüßte. Na, ich verstehe nicht viel davon, aber es ist eine Erfindung wie ein Uhrwerk, das alle Hausarbeit mechanisch verrichtet. Sie kennen ja diese Dinger. ›Man drückt auf einen Knopf – ein Bedienter, der nie trinkt.‹ ›Man dreht den Griff – zehn Kammerzofen, die nie kokettieren.‹ Sie müssen die Plakate gesehen haben. Nun, was es auch für Maschinen sind, sie bringen haufenweise Geld ein und alles dem kleinen Kobold, den ich von drüben in Ludbury her kannte. Es freut mich aufrichtig, daß das arme Kerlchen so auf alle viere gefallen ist; aber worum es sich dreht, ist, ich fürchte, daß er jeden Augenblick auftaucht, um mir zu sagen, er habe sich seinen Weg gebahnt. Und das hat er auch.«

»Und der andere?« wiederholte Angus mit hartnäckiger Ruhe.

Laura Hope stand plötzlich auf. »Mein guter Freund,« sagte sie, »ich glaube, Sie sind ein Zauberer. Ja. Sie haben ganz recht. Ich habe von dem anderen keine Zeile je gesehen und ich weiß ebensoviel wie der Kaiser von China, was und wo er ist. Aber gerade vor ihm fürchte ich mich. Er ist es, der mich halb verrückt gemacht hat. Ja, ich glaube sogar, ganz verrückt, denn ich fühle, daß er da ist, wo er nicht sein kann, und ich hörte seine Stimme, wo er ganz unmöglich sprechen konnte.«

»Nun, meine Liebe,« warf der junge Mann ein, »wenn es der Teufel selbst wäre, sein Handwerk wäre jetzt gelegt, nachdem Sie jemand davon gesprochen haben. Nur allein kann man verrückt werden, Fräuleinchen. Aber wann, schien es Ihnen, fühlten Sie seine Nähe und hörten unseren schielenden Freund?«

»Ich hörte James Welkin so deutlich lachen, wie ich Sie sprechen hörte,« sagte das Mädchen ernst. »Es war niemand zugegen, denn ich stand gerade an der Ecke vor dem Laden und konnte gleichzeitig beide Straßen hinab sehen. Ich hatte vergessen, wie er lacht, obwohl es so eigenartig ist wie sein Schielen. Fast ein Jahr hatte ich nicht mehr an ihn gedacht. Aber es ist die volle Wahrheit, daß ein paar Sekunden darauf der erste Brief von seinem Nebenbuhler kam.«

»Haben Sie sonst niemals das Gespenst sprechen oder quieken gemacht?« fragte Angus nachdenklich.

Laura schauderte plötzlich und erwiderte dann mit fester Stimme: »Ja, gerade als ich Isidor Smythes zweiten Brief, worin er seinen Erfolg mitteilte, zu Ende gelesen hatte, gerade da hörte ich Welkin sagen, ›Und dennoch bekommt er dich nicht!‹ Es war ganz deutlich, wie wenn er im Zimmer gewesen wäre. Er ist schrecklich, ich glaube, ich muß verrückt sein.«

»Wenn Sie wirklich verrückt wären,« beruhigte der junge Mann, »dann würden Sie glauben, Sie müssen bei gesundem Verstande sein. Aber jedenfalls, scheint mir, ist etwas mit diesem unsichtbaren Herrn nicht ganz in Ordnung. Zwei Köpfe sind gescheiter als einer – um von anderen Organen zu schweigen – und im Ernste, wenn Sie mir als einem standhaften, praktischen Manne erlauben wollten, den Hochzeitskuchen wieder aus dem Fenster zu holen –«

Eben als er noch sprach, tönte von der Straße draußen ein schriller metallener Pfiff und ein kleines, mit teuflischer Geschwindigkeit rasendes Automobil schoß auf die Ladentüre zu und hielt an. Im gleichen Augenblick stand ein kleiner Mann mit glänzendem Zylinderhut stampfend im vorderen Zimmer.

Angus, der bisher mit Rücksicht auf sein geistiges Wohlsein seine gute Laune beibehalten hatte, verriet nun seine seelische Spannung, indem er kurz aus dem inneren Zimmer hervor- und dem Ankömmling gegenübertrat. Ein Blick auf diesen genügte, um den Wirbel milder Vermutungen eines Verliebten darzutun. Diese äußerst flinke, aber zwerghafte Gestalt mit dem trotzig nach vorne gebogenen schwarzen Spitzbarte, den klugen, unruhigen Augen, den gepflegten doch sehr nervösen Fingern konnte kein anderer als der ihm soeben beschriebene Mann sein: Isidor Smythe, der Bananenschalen- und Zündholzschachtel-Künstler, Isidor Smythe, der aus metallenen Dienern, die nicht trinken, und Kammerzofen, die nicht kokettieren, Millionen machte. Einen Augenblick sahen die beiden Männer, welche instinktmäßig ein jeder des anderen Besitzermiene begriffen, einander mit jener eigentümlich kühlen Großmut an, in der sich die Seele der Nebenbuhlerschaft bekundet.

Mr. Smythe machte jedoch keinerlei Andeutung bezüglich des Urgrundes ihrer Gegnerschaft, sondern sagte einfach und gerade heraus: »Hat Miß Hope das Ding dort am Fenster gesehen?«

»Am Fenster?« wiederholte Angus, dorthin starrend.

»Es ist keine Zeit zu weiteren Erklärungen,« sagte der kleine Millionär kurz, »hier geht irgendein schlechter Scherz vor sich, der untersucht werden muß.«

Er wies mit seinem polierten Spazierstocke nach dem kurz vorher durch Mr. Angus zu seinen Hochzeitsvorbereitungen geleerten Fenster, und dieser Herr staunte nicht wenig, auf der Scheibe einen langen Papierstreifen aufgeklebt zu sehen, der vorhin, als er eine Weile früher hinausgesehen hatte, ganz sicher noch nicht dort gewesen war. Indem er dem tatkräftigen Smythe auf die Straße hinaus folgte, fand er, daß ein ungefähr anderthalb Meter langer gummierter Briefmarkenpapierstreifen sorgfältig auf die Außenfläche der Scheibe geklebt war, worauf in ungelenken Buchstaben stand: »Wenn Sie Smythe heiraten, wird er sterben«.

»Laura,« rief Angus und steckte seinen dicken roten Kopf zur Ladentüre hinein, »Sie sind nicht verrückt!«

»Es ist die Schrift jenes Burschen Welkin,« erklärte Smythe barsch. »Seit Jahren habe ich ihn nicht gesehen, aber immerfort tritt er mir in den Weg. Fünfmal hat er in den letzten vierzehn Tagen Drohbriefe in meiner Wohnung hinterlassen, und ich kann nicht einmal herausbekommen, wer sie abgibt, geschweige denn, ob es gerade Welkin selbst war. Der Portier schwört, daß keine verdächtigen Gestalten gesehen wurden, und hier klebt jemand auf ein öffentliches Schaufenster anderthalb Meter Papier auf, während, die Leute im Laden –«

»Sehr richtig,« warf Angus bescheiden ein. »während die Leute im Laden Tee tranken. Gewiß, mein Herr, ich kann Ihnen versichern, ich schätze Ihre gesunden Sinne, daß sie so direkt sich mit der Sache beschäftigen. Über andere Dinge können wir später reden. Der Bursche kann noch nicht weit fort sein, denn ich schwöre, es war kein Papier da, als ich vor zehn oder fünfzehn Minuten zuletzt ans Fenster ging. Andererseits ist er schon zu weit fort, als daß man ihm nachjagen könnte, da wir nicht einmal die Richtung kennen. Wenn Sie meinen Rat annehmen wollen, Mr. Smythe, legen Sie dies sofort in die Hände eines tüchtigen Geheimpolizisten, eher eines privaten, als eines amtlichen. Ich kenne einen äußerst geriebenen Burschen, der sein Geschäft gleich hier in der Nähe aufgeschlagen hat, fünf Minuten mit Ihrem Auto. Sein Name ist Flambeau, und wenn er auch eine ein bißchen stürmische Jugend hinter sich hat, ist er doch ein durchaus ehrenwerter Mann und sein Verstand ist Goldes wert. Er wohnt in Lucknow Mansions, Hampstead.«

»Sonderbar,« versetzte der kleine Mann, seine Augenbrauen hochziehend. »Ich selbst wohne in Himalaja Mansions, gerade um die Ecke, vielleicht möchten Sie mitkommen; ich kann inzwischen nach meiner Wohnung gehen und diese merkwürdigen Welkinschriftstücke heraussuchen, während Sie weitergehen und Ihren Freund, den Detektiv, holen.«

»Sehr liebenswürdig,« bedankte sich Angus höflich. »Also vorwärts, je eher wir handeln, desto besser.«

Mit einer eigenartigen, erzwungenen Unbefangenheit verabschiedeten sich beide in gleich förmlicher Weise von dem Fräulein und sprangen mitsammen in den flinken, kleinen Wagen. Als Smythe das Steuer ergriff und sie um die Straßenecke bogen, belustigte es Angus nicht wenig, ein riesengroßes Plakat von »Smythes Stumme Diener« vor sich zu sehen, mit der Abbildung einer mächtigen eisernen Figur, einen Tiegel mit der Aufschrift »Eine Köchin, die nie mürrisch ist« tragend.

»Ich verwende sie in meiner eigenen Wohnung,« sagte lachend das schwarzbärtige Herrchen, »teils als Reklame, teils zu meiner wirklichen Bequemlichkeit. Offen gestanden und ganz aufrichtig gesagt, bringen Ihnen diese großen mechanischen Puppen Kohlen oder Rotwein oder einen Fahrplan schneller als irgendein anderer Dienstbote, den ich je kannte, man muß nur wissen, auf welchen Knopf zu drücken. Aber unter uns gesagt, will ich nicht leugnen, daß solche Dienstboten auch ihre Nachteile haben.«

»Wirklich?« fragte Angus. »Gibt es etwas, was sie nicht tun können?«

»Ja,« erwiderte Smythe kühl, »sie können mir nicht sagen, wer jene Drohbriefe in meiner Wohnung abgab.«

Das Auto des Mannes war klein und flink wie er selbst, es war in der Tat ebenso wie seine häusliche Dienstbotenschaft eigene Erfindung. Wenn er schon ein Marktschreier war, so war er doch einer, der an seine eigene Ware glaubte.

Das Gefühl von etwas Kleinem, Dahinfliegendem machte sich besonders geltend, als sie in dem ersterbenden aber klaren Mondlichte über die langen, weißen Straßenwindungen dahinschwebten. Bald wurden diese schärfer und schwindelnder; sie befanden sich auf aufsteigenden Spiralen, wie es in der modernen Religionswissenschaft zu heißen pflegt. Denn wirklich waren sie auf dem Scheitel eines Teiles Londons, der beinahe ebenso steil, wenn nicht minder malerisch abfällt wie Edinburg. Terrasse erhob sich über Terrasse, und der Gebäudeblock, dem sie zustrebten, stieg vom Abendsonnengold gerötet in fast ägyptischer Höhe über alle anderen empor. Der Wechsel, als sie um die Ecke schwenkten und in das Häuserhalbrund einbogen, das als Himalaja Mansions bekannt ist, war so unvermittelt wie das Öffnen eines Fensters, denn der London überragende Haufen Mietshäuser lag da wie über einem schiefergrünen See. Dem Häuserblock gegenüber, auf der anderen Seite des Kieshalbrundes, lag eine gebüschbewachsene Einfriedung, mehr eine Hecke oder ein Damm, als ein Garten, und etwas darunter floß ein künstlich angelegter Wasserstreifen, eine Art Kanal, gleichsam der Wallgraben jener verborgenen Festung. Als das Auto um den Platz herumhuschte, ließ es an der Ecke den einsamen Stand eines Kastanienbraters hinter sich und gerade drüben, am anderen Ende des Bogens, konnte Angus die langsam wandelnde, verschwommene Gestalt eines blauen Polizisten erkennen. Dies waren die einzigen menschlichen Wesen in dieser hohen, vorstädtischen Einsamkeit; doch lag ein unklares Empfinden darin, als offenbare sich hier die stumme Poesie Londons. Sie kamen ihnen vor wie die Personen eines Märchens.

Das kleine Fahrzeug schoß wie aus der Kanone auf das rechte Haus zu und entlud sich seines Besitzers, als wäre dieser das Geschütz. Er erkundigte sich sofort bei einem glänzend gekleideten Torwart und einem untersetzten Hausbesorger in Hemdärmeln, oh irgend jemand oder irgend etwas seine Wohnung aufgesucht habe. Er erhielt die Versicherung, daß seit seiner letzten Nachfrage niemand und nichts seitens beider Angestellter bemerkt worden sei, worauf er und der etwas verblüffte Angus wie eine Rakete im Fahrstuhl in das oberste Stockwerk emporgeschossen wurden.

»Kommen Sie einen Augenblick herein,« sagte Smythe atemlos. »Ich will Ihnen Welkins Briefe zeigen. Dann können Sie um die Ecke laufen und Ihren Freund holen.« Er drückte auf einen in der Wand verborgenen Knopf, und die Türe öffnete sich von selbst.

Sie führte in ein langes, geräumiges Vorgemach, dessen einzige auffallende Ausstattung in Reihen halb lebensgroßer mechanischer Figuren bestand, die wie Schneiderpuppen zu beiden Seiten aufgestellt waren. Gleich Schneiderpuppen waren sie kopflos und wie Schneiderpuppen hatten sie einen hübschen, unnützen Buckel zwischen den Schultern und vorne einen hühnerbrustartigen Auswuchs, aber abgesehen davon glichen sie nicht mehr einer menschlichen Gestalt, als irgendein etwa mannshoher Automat auf einem Bahnhofe. Sie besaßen zwei große armartige Haken, um Servierbretter zu tragen und waren hellgrün, hochrot oder, zum Zwecke der Unterscheidung, schwarz angestrichen; im übrigen waren es nur Automaten, und niemand würde sich weiter nach ihnen umgesehen haben. Im vorliegenden Falle wenigstens tat dies niemand. Denn zwischen den beiden Reihen dieser Dienstbotenpuppen lag etwas Beachtenswerteres als alle Mechanismen der Welt. Es war ein zerknittertes Stück weißen Papiers mit roter Tinte bekritzelt und wurde, sowie sich die Türe öffnete, von dem behenden Erfinder ergriffen. Er reichte es ohne ein Wort Angus hin. Die rote Tinte darauf war nicht einmal trocken und der Inhalt lautete: »Wenn Sie ihr heute einen Besuch abgestattet haben, bringe ich Sie um.«

Ein kurzes Schweigen, dann sagte Isidor Smythe ruhig: »Wünschen Sie ein wenig Whisky? Ich glaube, mir würde er guttun.«

»Danke, ich wünsche ein wenig Flambeau,« erwiderte Angus düster. »Diese Geschichte scheint mir ernst werden zu wollen. Ich gehe ihn sofort holen.«

»So ist's recht,« versetzte der andere mit bewundernswertem Gleichmut. »Bringen Sie ihn so schnell als möglich her.«

Als Angus die Türe hinter sich schloß, sah er Smythe einen Knopf drücken, und eine der mechanischen Figuren verließ ihren Platz, glitt eine Furche im Boden entlang, ein Servierbrett mit Sodaflasche und Wein tragend. Es wirkte fast unheimlich, den kleinen Mann allein mit diesen toten Dienern zu lassen, die, sobald sich die Türe schloß, lebendig wurden.

Sechs Stufen unterhalb von Smythes Treppenabsatz war der Mann in Hemdärmeln mit einem Eimer beschäftigt. Angus blieb stehen und nahm ihm, indem er ihm ein gutes Trinkgeld in Aussicht stellte, das Versprechen ab, auf dieser Stelle zu bleiben, bis er mit dem Detektiv zurückkehrte, und auf jeden Fremden achtzuhaben, der diese Treppe herauf käme. Dann zum Haustor hinabstürzend gab er dem dort stehenden Türhüter einen ähnlichen Auftrag, wobei er den die Sache vereinfachenden Umstand erfuhr, daß das Haus keine Hintertüre besaß. Damit noch nicht zufrieden, griff er den auf und nieder treibenden Polizisten auf und veranlaßte ihn, sich dem Hauseingang gegenüber aufzustellen und denselben zu bewachen. Und schließlich hielt er noch einen Augenblick an, für einen Penny Kastanien zu kaufen und sich zu erkundigen, wie lange der Verkäufer sich in dieser Nachbarschaft aufzuhalten gedenke.

Der Kastanienhändler schlug seinen Rockkragen empor und bemerkte, es werde wohl zum Schneien kommen. In der Tat war der Abend trübe und bitterkalt, doch Angus Zungenfertigkeit gelang es, den Kastanienmann an seinem Posten festzunageln.

»Wärmt Euch an Euren eigenen Kastanien,« sagte er ernst. »Eßt Euren ganzen Vorrat auf, ich komme dafür auf. Ich gebe Euch einen Souvereign, wenn Ihr hier wartet, bis ich zurück bin, und mir dann sagt, ob irgend jemand, Mann, Frau oder Kind in das Haus dort, wo der Türhüter steht, eingetreten ist.«

Dann lief er mit einem letzten Blick auf den belagerten Turm eilends davon.

»Auf alle Fälle habe ich einen Ring um den Raum gelegt,« sagte er sich. »Sie können doch nicht alle vier Mr. Welkins Spießgesellen sein.«

Lucknow Mansions standen sozusagen auf einer niederen Stufe jenes Häuserhügels, als dessen Gipfel Himalaja Mansions bezeichnet werden kann. Mr. Flambeaus halbamtliche Geschäftsniederlassung lag zu ebener Erde und stellte in jeder Hinsicht den ausgesprochenen Gegensatz zu dem amerikanischen Mechanismus und kalten hotelähnlichen Luxus des »Stummen-Diener-Heimes« dar. Flambeau, mit Angus befreundet, empfing ihn in einem kunstvollen Rokokostübchen hinter seinem Bureau, dessen Schmuckstücke in Säbeln, Hakenbüchsen, orientalischen Merkwürdigkeiten, italienischen Weinflaschen, innerafrikanischen Kochtöpfen, einer wollfelligen Angorakatze und einem kleinen, verstaubten römisch-katholischen Priester bestand, der ganz besonders wenig in diese Umgebung hereinpaßte.

»Mein Freund, Father Brown,« stellte Flambeau vor. »Schon lange wünschte ich, Sie bekannt zu machen. Herrliches Wetter heute; etwas kalt für Südländer wie ich.«

»Ja, ich glaube, es wird gut bleiben,« gab Angus zurück, indem er sich auf eine lilagestreifte Ottomane niederließ.

»Nein,« sagte der Priester, »es hat angefangen zu schneien.«

Und wirklich begannen, während er sprach, die von dem Kastanienbrater vorhergesagten ersten Flocken am dunkelnden Fenster vorbeizutreiben.

»Well,« begann Angus ernst, »ich bedauere, ich bin in Geschäften hier, und zwar in einer ziemlich kitzlichen Sache. Es handelt sich darum, daß einen Sprung von Ihrem Hause jemand wohnt, der dringend Ihre Hilfe braucht; er wird fortwährend von einem unsichtbaren Feinde gehetzt und bedroht, einem Schurken, den niemand noch zu Gesicht bekommen hat.« Als nun Angus mehr und mehr von der ganzen Geschichte Smythes und Welkins erzählte, mit Lauras Erlebnissen beginnend und fortfahrend mit seinen eigenen, mit dem übernatürlichen Lachen an der Ecke zweier menschenleerer Straßen und den in einem leeren Zimmer deutlich gesprochenen Worten, wuchs Flambeaus Aufmerksamkeit immer mehr, und der kleine Priester blieb schließlich so unbeachtet wie das nächstbeste Möbelstück. Bei dem auf das Fenster geklebten, bekritzelten Papierstreifen angelangt, erhob sich Flambeau und seine mächtigen Schultern schienen den ganzen Raum auszufüllen.

»Wenn es Ihnen recht ist,« sagte er, »erzählen Sie mir den Rest lieber auf dem nächsten Wege nach dem Hause dieses Mannes. Ich habe gewissermaßen das Gefühl, daß keine Zeit zu verlieren ist.«

»Mit Vergnügen,« nahm Angus an und erhob sich gleichfalls, »obwohl er für den Augenblick sicher genug ist, denn ich habe vier Mann bestellt, den einzigen Zugang zu seinem Bau zu bewachen.«

Sie bogen in die Straße ein, während der kleine Priester mit der Gelehrigkeit eines Hündchens hinter ihnen her trippelte. »Wie schnell der Schnee am Boden liegen bleibt!« meinte er.

Während sie die steilen, schon silberbestreuten Seitenstraßen durchschritten, beendete Angus seine Geschichte, und als sie das Kieshalbrund mit den darüber sich auftürmenden Gebäuden erreichten, hatte er bequem Zeit, seine Aufmerksamkeit den vier Wachtposten zuzuwenden. Der Klastanienverkäufer schwor sowohl vor wie nach Empfang des Sovereigns Stein und Bein, daß er das Tor ständig im Auge behalten und keinen Besucher eintreten gesehen habe. Der Schutzmann äußerte sich sogar noch nachdrücklicher. Er besitze Erfahrung genug in jeder Art Gesindel, sei es in Zylinderhut oder in Lumpen, so grün sei er nicht, zu erwarten, verdächtige Personen würden in verdächtigem Äußeren auftreten, er hätte es sich sehr angelegen sein lassen, jemand aufzuspüren, aber so wahr ihm Gott helfe, niemand habe sich gezeigt. Und als alle drei um den goldbetreßten Torwart standen, der noch immer lächelnd und mit gespreizten Beinen unterm Tore stand, lautete das Urteil noch bestimmter.

»Ich habe das Recht, einen jeden zu fragen, Prinz oder Bettler, was er in diesem Hause sucht,« sagte der gutgelaunte goldbetreßte Riese, »und ich kann schwören, kein Mensch war hier, den ich zu befragen gehabt hätte, seit dieser Herr wegging.«

Der nebensächliche Father Brown, der im Hintergrund geblieben war und bescheiden zu Boden blickte, wagte hier die ergebene Frage einzuwerfen: »Ist also niemand die Treppe hinauf oder hernieder gegangen, seit es zu schneien begann? Es fing an, während wir alle drüben bei Flambeau saßen.«

»Niemand ist hier gewesen, Sir, verlassen Sie sich auf mich,« versicherte der Diener im vollen Bewußtsein seiner Wichtigkeit.

»Dann möchte ich nur wissen, was das ist?« bemerkte der Priester und starrte ausdruckslos wie ein Fisch auf den Boden.

Auch die anderen blickten nun alle dorthin und Flambeau entschlüpfte ein Kraftausdruck, von einer französischen Geste begleitet. Denn es stand vollkommen außer Frage, daß längs der Mitte des von dem goldbetreßten Manne behüteten Einganges, und zwar genau zwischen den anmaßend gespreizten Beinen des Kolosses eine graue in den weißen Schnee getretene Fußspur unverkennbar hinlief.

»Himmel!« rief Angus unwillkürlich aus, »der Unsichtbare!«

Ohne noch ein Wort zu verlieren, wandte er sich und rannte, von Flambeau gefolgt, die Treppe hinauf; Father Brown jedoch stand noch auf der schneebedeckten Straße und blickte um sich, als ginge ihn die ganze Geschichte nichts mehr an.

Flambeau war sichtlich in einer Stimmung, daß er am liebsten mit seinen gewaltigen Schultern die Türe ausgehoben hätte. Aber der Schotte, vernünftiger, wenn auch weniger ahnungsvoll, tastete am Türrahmen umher, bis er den unsichtbaren Knopf gefunden hatte und die Türe sich langsam öffnete.

Sie zeigte im wesentlichen dasselbe abgeschlossene Innere; in der Vorhalle war es jetzt dunkler, obwohl hie und da noch einige rote Streifen sinkender Sonne lagerten und ein paar der kopflosen Maschinen zu irgendeinem Zwecke auf ihrem Platze fehlten und in dem dämmerigen Raume umherstanden. Das Grün und Rot ihrer Kleidung erschien im Halbdunkel verdüstert, und eben durch ihre Unförmigkeit gewannen sie die Gestalt menschlicher Formen. Doch in der Mitte von all dem, gerade dort, wo das Papier mit roter Tinte gelegen hatte, dort lag etwas, das sehr an rote Tinte erinnerte, aus irgendeiner Flasche verschüttet. Aber es war nicht rote Tinte.

Mit einer echt französischen Mischung von Verstand und Heftigkeit stieß Flambeau kurz hervor: »Mord!«, drang in die Wohnung ein und hatte in fünf Minuten jeden Winkel und jeden Schrank durchsucht. Wenn er aber den Leichnam zu finden erwartet hatte, sah er sich getäuscht. Isidor Smythe war einfach nicht da, weder tot noch lebendig. Nach hastigem Suchen trafen sich die beiden Männer wieder im Vorraume mit schweißtriefender Stirne und starrenden Augen. »Mein Freund,« sagte Flambeau in seiner Aufregung französisch, »Ihr Mörder ist nicht nur unsichtbar, sondern er hat auch den Ermordeten unsichtbar gemacht.« Angus blickte in dem düsteren Raum voll stummer Puppen umher, und in irgend einem noch keltischen Winkel seiner Schottenseele regte sich ein Schaudern. Eine der lebensgroßen Figuren stand genau den Blutflecken überschattend, von dem Ermordeten vielleicht gerade noch herangerufen, ehe er niederstürzte. Der eine der hochschulterigen Hacken, die dem Dinge als Arme dienten, war etwas erhoben, und Angus drängte sich plötzlich der furchtbare Gedanke auf, daß den armen Smythe sein eigenes Eisenkind erschlagen habe. Der Urstoff hatte sich aufgelehnt, und diese Maschinen ihren Schöpfer getötet. Aber wenn auch, was hatten sie mit ihm gemacht?

»Aufgefressen?« raunte ihm der finstere Geist ins Ohr, und einen Augenblick ekelte der Gedanke ihn an, daß menschliche Überreste von all diesen kopflosen Mechanismen ergriffen und verschlungen sein könnten.

Mit Aufgebot aller seiner gesunden Geisteskräfte rief er sich wieder zu sich und sagte zu Flambeau: »Also so liegt die Sache! Der arme Bursche hat sich gleich einer Wolke aufgelöst und einen roten Streifen Blut auf dem Boden hinterlassen. Das geht nicht mit menschlichen Dingen zu.«

»Da ist nur eines zu machen,« erwiderte Flambeau, »ob es nun mit menschlichen oder anderen Dingen zugeht: ich muß hinab und mit meinem Freunde reden.«

Sie gingen hinab, trafen den Mann mit dem Eimer, der nochmals beteuerte, er habe niemand eindringen lassen, dann weiter den Torwart und den noch dastehenden Kastanienmann, welche beide fest und steif ihre Wachsamkeit betonten. Als aber Angus nach seinem vierten Beweisstücke ausblickte, konnte er es nicht entdecken, und etwas ungeduldig rief er aus: »Wo steckt denn der Polizist?«

»Verzeihen Sie,« bemerkte Father Brown, »das ist meine Schuld. Ich schickte ihn die Straße hinab, etwas zu untersuchen –, etwas, was ich des Untersuchens wert hielt.«

»Schön, aber wir brauchen ihn sehr bald hier,« gab Angus schroff zurück, »denn man hat den Unglücklichen dort oben nicht nur ermordet, sondern er ist auch weg.«

»Wieso?« fragte der Priester.

»Father,« sagte Flambeau nach einer Pause, »auf Ehrenwort, ich glaube, die Sache liegt mehr auf Ihrem Gebiete als auf meinem. Weder Freund noch Feind hat das Haus betreten und doch ist Smythe fort, wie wenn ihn eine Fee geraubt hätte. Wenn das nicht mit übernatürlichen Dingen zugeht, dann –«

Während er noch sprach, wurden sie alle durch etwas Ungewohntes unterbrochen. Der dicke, blaue Polizist kam um die Ecke des Halbrundes gerannt, gerade auf Brown zu.

»Sie haben recht, Sir,« keuchte er, »eben hat man die Leiche des armen Mr. Smythes im Kanal drunten gefunden.«

Angus schlug sich wild die Hand vor den Kopf. »Ist er hinuntergelaufen, sich dort zu ertränken?« fragte er.

»Auf keinen Fall ist er hinabgelaufen, das beschwöre ich,« erwiderte der Polizist, »und er wurde auch nicht ertränkt, denn er starb durch einen starken Stich ins Herz.«

»Und dennoch sahen Sie niemand eintreten?« fragte Flambeau mit ernster Stimme.

»Gehen wir ein wenig die Straße hinab,« meinte der Priester.

Als sie am anderen Ende des Häuserhalbrundes ankamen, bemerkte er unvermittelt: »Wie dumm von mir! Ich vergaß ganz, den Polizisten etwas zu fragen. Ich möchte wissen, ob man etwa einen hellbraunen Sack gefunden hat.«

»Weshalb einen hellbraunen Sack?« fragte Angus erstaunt.

»Weil, wenn es ein anderer Sack war, wir die Untersuchung wieder von vorne beginnen müssen,« gab Father Brown zurück. »Wenn es aber ein hellbrauner Sack war, dann ist der Fall erledigt.«

»Freut mich, das zu hören,« versetzte Angus mit unverkennbarer Ironie. »Meines Erachtens stehen wir noch nicht einmal am Anfang.«

»Sie müssen uns alles näher erklären,« bat Flambeau mit sonderbarer, schwerfälliger, beinahe kindlicher Einfalt.

Unbewußt beschleunigten sie ihre Schritte den langen, breiten Weg auf der anderen Seite des hohen Häuserviertels hinab, Father Brown schnellfüssig, doch schweigend voran. Endlich meinte er mit fast rührender Undeutlichkeit: »Hm, ich fürchte, Sie werden es sehr prosaisch finden, wir fangen immer beim abstrakten Ende einer Sache an, und Sie können diese Geschichte nicht anders anpacken. Haben Sie noch nie bemerkt, daß die Leute niemals das antworten, was man zu ihnen sagt? Sie antworten, was sie meinen, oder vielmehr, was sie glauben, daß man meint. Gesetzt den Fall, eine Dame in einem Landhause fragt eine andere: ›Ist jemand bei Ihnen?‹, so wird die Dame nicht antworten. ›ja, der Hausmeister, die drei Diener, das Stubenmädchen‹ usw., obwohl das Stubenmädchen vielleicht im Zimmer ist und der Hausmeister hinter ihrem Stuhle steht. Sie sagt, ›es ist niemand bei mir‹ und meint damit niemand von denen, die Sie meinen. Aber nehmen wir an, ein Arzt, der einen epidemischen Fall festzustellen hat, fragt: ›wer ist in diesem Hause?‹, dann wird die Dame sofort an den Hausmeister, das Stubenmädchen und alle die anderen denken. Das ist so allgemeiner Sprachgebrauch. Man wird Ihnen niemals eine Frage buchstäblich beantworten, selbst dann, wenn die Antwort noch so sehr der Wahrheit entspricht. Wenn all diese vier ganz ehrenwerten Leute sagten, niemand habe das Gebäude betreten, so meinten sie in Wirklichkeit nicht, daß kein Mensch hineingegangen sei. Sie meinten nur, niemand, den sie als den von Ihnen gesuchten im Verdacht hätten haben können. Jemand ging in das Haus und kam wieder heraus, aber ohne daß sie ihn beachteten.«

»Ein Unsichtbarer also?« fragte Angus und zog die roten Augenbrauen hoch.

»Ein geistig Unsichtbarer,« erklärte Father Brown.

Nach ein paar Minuten begann er von neuem mit derselben anspruchslosen Stimme, wie jemand, der mit sich selbst beschäftigt ist. »Natürlich fällt einem ein solcher Mensch nicht ein, bis man wirklich an ihn denkt. Und hier knüpft seine Verschlagenheit an. Mein Gedanke fiel nur auf ihn infolge einiger unbedeutender Umstände in Mr. Angus' Erzählung. Da haben wir erstens die Tatsache, daß dieser Welkin lange Spaziergänge zu machen pflegte. Und dann die große Menge gummierter Papierstreifen an der Fensterscheibe. Und schließlich vor allem die beiden Dinge, welche das Fräulein erwähnte, Dinge, die nicht wahr sein konnten. – Nehmen Sie es mir nicht übel,« unterbrach er sich hastig, da er eine rasche Kopfbewegung des Schotten bemerkte, »sie glaubte, sie seien wahrheitsgetreu, konnten es aber nicht sein. Jemand kann nicht ganz allein in einer Straße sein, wenn er eine Sekunde vorher noch einen Brief erhält. Sie konnte nicht ganz allein in der Straße sein, wenn sie einen soeben erst erhaltenen Brief erst zu lesen beginnt. Da muß jemand ziemlich in ihrer Nähe gewesen sein, der geistig unsichtbar ist.«

»Weshalb muß jemand in der Nähe sein?« fragte Angus.

»Weil abgesehen von Brieftauben,« klärte Father Brown auf, »irgendjemand ihr den Brief gebracht haben mußte.«

»Wollen Sie damit sagen,« fragte Flambeau barsch, »daß Welkin es war, der die Briefe seines Nebenbuhlers der jungen Dame brachte?«

»Ja,« nickte der Priester. »Welkin brachte die Briefe seines Nebenbuhlers seiner Auserwählten. Er mußte es tun.«

»O, ich halte das nicht länger aus,« platzte Flambeau heraus, »Wer ist der Kerl? Wie sieht er aus? Wie pflegt sich ein geistig unsichtbarer Mensch zu kleiden?«

»Er ist ziemlich hübsch gekleidet in Rot, Blau und Gold,« erwiderte der Priester sofort mit Bestimmtheit, »und in diesem eigentümlichen und sogar auffälligen Anzuge betrat er Himalaya Mansions unter acht menschlichen Augen, ermordete kalten Blutes Smythe und kam wieder auf die Straße herab, den Leichnam in den Armen.«

»Hochwürden,« protestierte Angus, »sind Sie verrückt oder bin ich es?«

»Sie sind nicht verrückt,« beruhigte Brown, »nur ein schlechter Beobachter. Sie haben zum Beispiel nie einen Mann wie diesen beachtet.«

Er machte drei rasche Schritte vorwärts und legte seine Hand auf die Schulter eines vorübergehenden gewöhnlichen Briefträgers, der unbemerkt im Schatten der Bäume an ihnen vorübergehuscht war.

»Sonderbarerweise beachtet kein Mensch Briefträger,« fuhr er nachdenklich fort, »und doch haben sie Leidenschaften wie andere Menschen und tragen manchmal sogar große Säcke, in denen eine kleine Leiche ganz leicht verstaut werden kann.«

Der Briefträger, anstatt wie natürlich sich umzuwenden, war zur Seite gewichen und gegen den Gartenzaun gestolpert. Er war ein hagerer, blondbärtiger Mann von ganz gewöhnlichem Aussehen, doch als er sein geängstigtes Gesicht umwandte, waren alle drei von seinem fast haßerfüllten schielenden Blicke betroffen.

Flambeau kehrte zu seinen Säbeln, roten Teppichen und seiner Angorakatze zurück, da er noch vieles zu erledigen hatte. John Turnbull Angus begab sich wieder nach dem Laden zu dem Fräulein, mit welchem dieser unerfahrene Jüngling noch äußerst glücklich zu werden gedenkt. Father Brown aber wanderte auf diesen schneebedeckten Hügeln stundenlang mit einem Mörder umher, und was sie einander anvertrauten, wird niemand je erfahren.

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