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Priester und Detektiv

Gilbert Keith Chesterton: Priester und Detektiv - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titlePriester und Detektiv
publisherFriedrich Pustet
year1920
translatorH. M. von Lama
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060912
projectid95b38bfb
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Israel Gows Ehre

Ein stürmischer Abend von Oliv und Silber neigte sich, als Father Brown in einen grauen schottischen Plaid gehüllt dem Ende eines grauen schottischen Tales zuschritt und das wunderliche Schloß Glengyle gewahrte. Gleich einer Sackgasse schloss es die Talenge ab und sah aus, als sei hier die Welt zu Ende. Mit seinen steilen Dächern und Spitztürmen von seegrünem Schiefer in der Art der alten französich-schottischen Schlösser erweckte es einem Engländer die Erinnerung an die unheimlichen Spitzhüte der Zauberinnen in den Märchenbüchern; und die Tannenwälder, welche die grünen Türme umwogten, sahen in ihrem Schwarz gewissermaßen aus wie Rabenscharen. Diese Note von etwas Träumerischem, fast Schläfrigem und Teuflischem war nicht reine Laune der Landschaft. Denn es lagerte über dem Platze eine jener Wolken von Stolz, Wahnsinn und geheimnisvollem Leid, die schwerer über den Edelsitzen Schottlands lasten, als über denen anderer Menschenkinder. Denn Schottland besitzt ein doppeltes Maß von jenem Gifte, das man Erbteil nennt: das Bewußtsein des Blutes im Edelmann und das des Verhängnisses im Kalvinisten.

Der Priester hatte sich auf einen Tag von seiner Arbeit in Glasgow frei gemacht, um mit seinem Freunde Flambeau, dem Liebhabergeheimpolizisten, zusammenzutreffen, der sich mit einem anderen mehr amtlichen Kollegen in Schloß Glengyle befand, um die Untersuchung über das Leben und den Tod des verstorbenen Grafen von Glengyle durchzuführen. Diese geheimnisvolle Person war der letzte Vertreter eines Geschlechtes, dessen Tapferkeit, Verschrobenheit und gewalttätige Verschlagenheit es sogar bei unheimlichen, vornehmen Kreisen seiner Nation gefürchtet machte. Niemand hatte so tiefen Anteil an jenem Labyrinth von Ehrgeiz, jenem Lügengewebe, das um Maria Stuart, Schottlands Königin, gewoben worden war. Das in der Landbevölkerung erhaltene Sprichwort verriet klar genug Beweggrund und Zweck jener Machenschaften:

»Was der grüne Saft den Bäumen,
Ist den Ogilvies das rote Gold.«

Viele hundert Jahre lang hatte es keinen ehrenwerten Herrn auf Schloß Glengyle gegeben und mit dem Zeitalter Viktorias hätte man meinen mögen, hätten sich all ihre Übergeschnapptheiten erschöpft. Der letzte Glengyle jedoch genügte seiner Stammesüberlieferung, indem er das einzige tat, was noch zu tun übrig blieb: er verschwand. Ich meine damit nicht, daß er ins Ausland ging. Allem Gerede nach war er, wenn irgendwo, noch im Schlosse. Doch obwohl sein Name im Kirchenbuche und dem dicken, roten Hofalmanach stand, bekam den Träger doch niemand zu sehen.

Wenn überhaupt jemand ihn zu Gesicht bekam, war es ein einsamer Knecht, ein Mittelding zwischen Diener und Gärtner. Er war so taub, daß das gewöhnliche Volk ihn für stumm hielt, während die Scharfsinnigeren ihn als Idioten bezeichneten. Ein hagerer, rothaariger Arbeiter mit verbissenem Unterkiefer, aber ganz ausdruckslosen blauen Augen, hörte er auf den Namen Israel Gow und war der einzige und schweigsame Diener auf diesem verlassenen Besitztum. Doch die Ausdauer, mit welcher er Kartoffeln grub, und die Regelmäßigkeit, mit der er in der Küche verschwand, hinterließen im Volke den Eindruck, er bereite die Mahlzeiten für seinen Herrn zu und als sei der merkwürdige Graf noch im Schlosse verborgen. Wenn man noch irgendeines weiteren Beweises bedurfte, so war es der, daß sein Diener ständig versicherte, der Herr sei nicht zu Hause. Eines Morgens wurden der Bürgermeister und der Prediger (denn die Gengyles waren Presbyterianer) auf das Schloß entboten. Dort fanden sie, daß der Gärtner, Diener und Koch seinen vielen Berufen noch den eines Leichenbestatters hinzugefügt und seinen edlen Herrn in einen Sarg vernagelt hatte, wieviel oder wie wenig diese sonderbare Tatsache untersucht worden war, lag noch nicht sehr klar zutage, denn in der Sache hatte niemals eine amtliche Untersuchung stattgefunden, bis Flambeau vor einigen Tagen nach dem Norden abgereist war. Bis dahin hatte der Leichnam Lord Glengyles (wenn dieser es war) seit einiger Zeit in dem kleinen Friedhofe auf dem Hügel gelegen.

Als Father Brown durch den düsteren Garten schritt und in den Schatten des Schlosses trat, hing dichtes Gewölk hernieder und die Luft war gewitterschwül und feucht. Im letzten Schimmer des grünlich-goldenen Sonnenunterganges sah er einen schwarzen menschlichen Umriß, einen Mann in einem altmodischen Zylinder, auf der Schulter einen großen Spaten tragend. Die Zusammenstellung gemahnte merkwürdig an einen Totengräber, doch als Brown des tauben, Kartoffel grabenden Dieners gedachte, schien sie ihm ganz natürlich. Er wußte einiges von den schottischen Bauern, er kannte ihre Ehrerbietung, die es ganz gut notwendig erscheinen lassen konnte, bei einer amtlichen Untersuchung in »Schwarz« zu erscheinen. Er kannte auch ihre Sparsamkeit, die darob nicht eine Stunde Kartoffelgrabens verlieren würde. Selbst des Mannes Aufschrecken und argwöhnischer Blick, als der Priester vorüberging, standen hinreichend im Einklang mit der Wachsamkeit und Eifersucht eines solchen Typs.

Die große Pforte ward von Flambeau selbst aufgetan, er hatte einen hageren, eisengrauhaarigen Mann bei sich, der in der Hand Papiere hielt: Inspektor Graven vom Polizeiamt Scotland Yard. Die Vorhalle war zum größten Teile nackt und leer, nur die bleichen, höhnischen Gelichter von ein paar jener gottlosen Ogilvies blickten unter ihren schwarzen Perücken aus gedunkelter Leinwand herab.

Als Father Brown in ein inneres Zimmer folgte, bemerkte er, daß die beiden Berufsgenossen an einem langen, eichenen Tische gesessen hatten, dessen Ende mit beschriebenen Papieren, Whisky und Zigarren belegt war. Seine ganze übrige Länge nahmen einzelne Gegenstände ein, die in Abständen voneinander aufgestellt waren, Gegenstände, so unerklärlich, wie sie nur sein konnten. Man sah da etwas wie ein Häufchen glitzernden zerbrochenen Glases. Dann gab es etwas wie einen höheren Haufen braunen Staubes. Ein drittes sah aus wie ein einfacher Stock aus Holz.

»Sie scheinen eine Art geologischen Museums hier zu haben,« sagte er, als er sich niedersetzte und mit einem kurzen Kopfnicken nach dem braunen Staube und den Glassplittern wies.

»Kein geologisches Museum,« erwiderte Flambeau, »sagen wir, ein psychologisches Museum.«

»O, um's Himmels willen.« rief der Polizeibeamte lachend, »fangen wir doch nicht mit so langen Worten an.«

»Wissen Sie nicht, was Psychologie bedeutet?« fragte Flambeau freundlich erstaunt. »Psychologie bedeutet übergeschnappt sein.«

»Ich verstehe noch nicht recht,« gab der Beamte zurück.

»Nun,« sagte Flambeau mit Bestimmtheit, »ich meine, daß wir bezüglich Lord Glengyles nur eine Tatsache herausgefunden haben. Er war irrsinnig.«

Gows schwarzer Schattenriß mit seinem Zylinderhut und Spaten zog vor dem Fenster vorüber und hob sich gegen den dunkelnden Abendhimmel ab. Father Brown starrte ihn gleichgültig an und begann:

»Ich kann es begreifen, irgend etwas muß bei dem Manne nicht ganz richtig gewesen sein, sonst hätte er sich nicht lebendig begraben, noch auch solche Eile gehabt, sich tot begraben zu lassen. Über was veranlaßte Sie, anzunehmen, daß es Irrsinn gewesen sei?«

»Nun,« sagte Flambeau, »hören Sie nur einmal das Verzeichnis von Dingen, die Mr. Craven im Hause vorgefunden hat.«

»Wir müssen eine Kerze haben,« bemerkte Craven plötzlich, »es zieht ein Gewitter herauf und es wird zu finster zum Lesen.«

»Haben Sie unter Ihren Merkwürdigkeiten Kerzen gefunden?« fragte Brown lächelnd.

Flambeau blickte ernst auf und heftete seine dunklen Augen auf seinen Freund.

»Das ist auch sonderbar,« sagte er.

»Fünfundzwanzig Kerzen und keine Spur von einem Kerzenleuchter.«

Immer rascher verdunkelte sich das Zimmer und immer rascher heulte der Sturm, als Brown den Tisch entlang schritt bis dorthin, wo ein Bündel Wachskerzen inmitten anderen wertlosen Krams lag. Dabei bückte er sich zufällig über den Haufen rotbraunen Staubes und ein scharfes Niesen unterbrach die Stille.

»Hallo!« rief er. »Schnupftabak.«

Er nahm eine der Kerzen, zündete sie vorsichtig an, kam zurück und steckte sie in den Hals der Whiskyflasche. Die ruhelose Nachtluft pfiff durch das rissige Fenster und ließ die lange Flamme gleich einem Banner wehen. Und rings um das Schloß konnte man das meilenweite Rauschen schwarzer Tannenwälder vernehmen, die wie ein schwarzes Meer gegen einen Felsen brandeten.

»Ich werde das Inventar verlesen,« begann Craven ernst und nahm eines der Papiere zur Hand, »die Liste dessen, was wir lose und unaufgeklärt im Schlosse vorfanden. Ich muß vorausschicken, daß der Ort für gewöhnlich aufgeräumt und vernachlässigt war, ein paar Zimmer jedoch waren sichtlich in einfachem, keineswegs dürftigem Stile von irgend jemand bewohnt gewesen, von jemand, der nicht mit dem Diener Gow identisch war. Das Verzeichnis lautet wie folgt:

»Erstens: Eine beträchtliche Menge von Edelsteinen, fast alles Diamanten, sämtlich lose, ohne irgendwelche Fassung. Es ist natürlich begreiflich, daß die Ogilvies Familienjuwelen besaßen, aber das sind gerade jene, die fast immer zu bestimmten Ornamenten vereint sind. Man möchte meinen, die Ogilvies hätten die ihrigen wie Kupfergeld lose in der Tasche herumgetragen.

Zweitens: Haufen und Haufen von losem Schnupftabak, weder in Horn noch in Beutel verwahrt, sondern in Haufen auf den Kaminen, dem Anrichtetisch, dem Klavier, kurz überall herumliegend. Es sieht aus, als habe der alte Herr sich nicht die Mühe machen wollen, in eine Tasche, zu langen oder einen Deckel aufzumachen.

Drittens: Da und dort im Hause sonderbare Haufen kleiner, winziger Metallstücke, einige wie Stahlsprungfedern, andere in Form mikroskopischer Räder, als habe man irgendein mechanisches Spielwerk ausgeweidet.

Viertens: Die Wachskerzen, welche in Flaschenhälsen gesteckt haben müssen, weil es sonst nichts gibt, um sie hineinzustecken. Nun möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, wieviel sonderbarer all dieses ist als alle unsere früheren Entdeckungen. Für den Kern des Rätsels sind wir vorbereitet; wir haben alle auf einen Blick erkannt, daß etwas mit dem letzten Grafen nicht in Ordnung war. Wir kamen hierher, um herauszufinden, ob er wirklich hier gelebt hat, wirklich hier gestorben ist, ob die rothaarige Vogelscheuche, die ihn begrub, mit seinem Tode etwas zu tun hatte. Aber einmal von all dem das Schlimmste angenommen, die dunkelste oder melodramatischste Lösung die Sie wollen. Nehmen wir an, der Diener ermordete wirklich den Herrn, oder nehmen wir an, der Herr ist wirklich nicht tot, oder nehmen wir an, der Herr ist als Diener verkleidet oder der Diener wurde anstatt des Herrn begraben; denken Sie sich was immer für eine Schaudergeschichte aus, so haben Sie für eine Kerze ohne Leuchter noch immer keine Erklärung, noch weshalb ein ältlicher Herr aus guter Familie die Gewohnheit haben sollte, auf dem Klavier seinen Schnupftabak zu lagern. Den Kern der Geschichte konnten wir uns vorstellen; der Rahmen, die Fransen, das ist das Geheimnisvolle daran. Selbst bei lebhaftester Einbildungskraft kann der menschliche Verstand Schnupftabak und Diamanten und Uhrwerk und Wachs nicht in Zusammenhang bringen.«

»Mir scheint, ich verstehe den Zusammenhang,« warf der Priester ein. »Dieser Glengyle war ein verbitterter Gegner der französischen Revolution. Er war begeisterter Anhänger des ›ancien régime‹ und bemüht, das Familienleben der letzten Bourbonen buchstäblich wieder ins Leben zu rufen. Er gebrauchte Schnupftabak, weil es der Luxusartikel des achtzehnten Jahrhunderts war; Wachskerzen, weil sie die Beleuchtung des achtzehnten Jahrhunderts waren, die eisernen Mechanikteilchen geben die Schmiedeliebhaberei Ludwigs XVI. wieder, und die Diamanten sind für das Diamantenhalsband Marie Antoinettes.«

Aber die beiden anderen starrten ihn mit großen Augen an.

»Was für eine ganz sonderbare Idee!« rief Flambeau. »Glauben Sie wirklich, das ist die Wahrheit?«

»Ich bin vollkommen sicher, sie ist es nicht,« erwiderte Father Brown, »nur sagten Sie, niemand könne Schnupftabak mit Diamanten und Uhrwerk mit Wachskerzen in Zusammenhang bringen. Ich gebe Ihnen diesen Zusammenhang aus dem Stegreif, aber ich bin ganz sicher, die eigentliche Wahrheit liegt tiefer.«

Er hielt einen Augenblick inne und lauschte dem Klagen des Windes in den Türmen, dann sagte er: »Der verstorbene Graf Glengyle war ein Dieb. Er lebte ein zweites und noch dunkleres Leben als verwegener Einbrecher. Er besaß keine Leuchter, denn er gebrauchte diese Kerzen nur kurz geschnitten in der kleinen Laterne, die er bei sich trug. Den Schnupftabak verwendete er wie die ärgsten französischen Verbrecher den Pfeffer, um ihn plötzlich in dichter Masse einem Verfolger oder Häscher ins Gesicht zu schleudern. Aber der ausschlaggebende Beweis liegt in dem sonderbaren Zusammentreffen der Diamanten und kleinen Stahlräder. Das macht Ihnen doch sicher alles klar? Diamanten und kleine Stahlräder sind die einzigen Werkzeuge, mit denen man eine Glasscheibe ausschneiden kann.«

Der Ast einer verwitterten Tanne schlug im Winde heftig gegen das Fenster hinter ihnen wie in einer Einbruchsparodie, aber sie wandten sich nicht danach um. Ihre Blicke waren auf Father Brown geheftet.

»Diamanten und Rädchen,« murmelte Craven mehrmals. »Ist das alles, was Sie dies als die wahre Erklärung ansehen läßt?«

»Ich halte es nicht für die wahre Erklärung,« erwiderte der Priester gemächlich, »aber Sie sagten, niemand kann die vier Dinge miteinander in Verbindung bringen. Der wahre Sachverhalt ist natürlich ein viel eintönigerer. Glengyle hatte auf seinem Besitztume Edelsteine gefunden oder glaubte sie gefunden zu haben. Irgend jemand hatte ihn mit diesen losen Brillanten beschwindelt und ihm gesagt, sie seien in den Höhlen des Schloßbesitzes gefunden worden. Die Rädchen haben etwas mir der Diamantenschleiferei zu tun. Er verstand die Sache nur sehr oberflächlich und betrieb sie in kleinem Maßstabe mit Hilfe von Hirten und unerfahrenen Leuten. Schnupftabak ist der einzige große Luxusartikel solcher schottischer Hirten, es ist das einzige Mittel, womit man sie gefügig machen kann. Sie hatten keinen Leuchter, weil sie keinen brauchten, sie trugen die Kerzen in der Hand, wenn sie die Höhlen durchforschten.«

»Ist das alles?« fragte Flambeau nach einigem Sinnen. »Sind wir endlich der albernen Wahrheit auf den Grund gekommen?«

»O nein,« sagte Father Brown.

Während der Wind in den fernen Tannenforsten mit langgezogenem, geradezu höhnischem Heulen erstarb, fuhr Father Brown mit vollkommen teilnahmsloser Miene fort:

»Ich wies nur darauf hin, weil Sie sagten, man könne nicht in annehmbarer Weise Schnupftabak mit Uhrwerk, Kerzen und funkelndem Gestein in Verbindung bringen. Zehnerlei falsche Philosophien lassen sich auf das Weltall anwenden und zehnerlei falsche Theorien werden für Schloß Glengyle passen. Wir wollen jedoch die richtige Erklärung von Schloß und Weltall. Aber gibt es keine anderen?«

Craven lachte, während Flambeau sich lächelnd erhob und bedächtig den Tisch entlang schritt. »Fünftens, sechstens, siebtens usw.« sagte er, »alles gewiß mehr abwechslungsreich, als belehrend. Da ist eine sonderbare Sammlung nicht von Bleistiften, sondern von Blei aus Bleistiften. Ein nichtssagender Stock aus Bambus, oben ziemlich zersplittert. Es könnte möglicherweise das Werkzeug sein, womit das Verbrechen begangen wurde. Nur daß kein Verbrechen vorhanden ist. Die einzigen anderen Gegenstände sind ein paar alte Missale und kleine Heiligenbilder, welche die Ogilvies, glaube ich, noch aus dem Mittelalter her aufbewahrten; ihr Familienstolz war eben doch stärker als ihr Puritanismus. Wir fügten sie nur dem Museum bei, weil sie in merkwürdiger Weise zerschnitten und entstellt scheinen.«

Der draußen rasende Sturm trieb gerade schreckhafte Wolkenungetüme über Glengyle hin und hüllte den Raum in Finsternis, als Father Brown die kleinen, handgemalten Blätter zur Hand nahm, sie zu prüfen. Er äußerte sich noch, ehe die Finsternis gewichen war: doch es schien die Stimme eines ganz anderen Menschen.

»Mr. Craven.« sagte er im Tone eines um zehn Jahre Jüngeren, »Sie haben eine gesetzliche Vollmacht, nicht wahr, hinauf zu gehen und das Grab zu untersuchen? Je eher wir das tun und dieser entsetzlichen Geschichte auf den Grund kommen, um so besser. Ich an Ihrer Stelle würde mich sofort aufmachen.«

»Sofort,« wiederholte der erstaunte Detektiv, »und weshalb sofort?«

»Weil das hier hochernst ist,« antwortete Brown; »das ist nicht ausgeschütteter Schnupftabak oder lose Kiesel, das hier kann eine hundertfache Bewandtnis haben. Meines Wissens gilt es nur einen Grund, weshalb dies hier geschehen sein kann, und dieser Grund reicht hinauf bis zu den Anfängen der Welt. Diese Heiligenbilder sind nicht nur eben abgegriffen oder zerfetzt oder bekritzelt, wie es aus Unbedacht oder Fanatismus Kinder oder Protestanten getan haben könnten. Mit diesen hier hat man sehr sorgfältig und sehr eigentümlich verfahren. An jeder Stelle, wo der reichvergoldete Name Gottes in der alten Handmalerei vorkommt, ist er vorsätzlich ausgeschnitten. Das einzige was sonst noch entfernt wurde, ist der Heiligenschein um den Kopf des Jesukindes. Deshalb sage ich, machen wir von unserer Vollmacht, unserem Spaten und unserer Hacke Gebrauch und gehen wir hinauf, den Sarg zu öffnen.«

»Aber weshalb denn meinen Sie das?« fragte der Londoner Beamte.

»Ich meine,« antwortete der kleine Priester und seine Stimme schien im Heulen des Windes anzuschwellen, »ich meine, daß der böse Geist von Anbeginn in diesem Augenblick in hundertfacher Elefantengröße auf der Turmspitze dieses Schlosses sitzt, brüllend wie in der Apokalypse. Der ganzen Geschichte steckt irgendeine Zauberei zugrunde.

»Zauberei,« wiederholte Flambeau leise, denn er war ein zu aufgeklärter Mann, um sich nicht in diesen Dingen auszukennen; »aber was können diese anderen Sachen bedeuten?«

»O, etwas Fluchwürdiges, vermute ich,« erwiderte Brown ungeduldig, »Was weiß ich? Wie kann ich all ihre Irrgänge dort unten erraten? Vielleicht kann man aus Schnupftabak und einem Bambusrohr ein Folterwerkzeug herstellen, vielleicht haben Umnachtete ihre Freude an Wachs und Stahlspänen. Vielleicht stellt man aus Bleistiften Zaubertränke her! Unser kürzester Weg, das Geheimnis aufzuklären, führt hinauf zum Grabe.«

Seine Gefährten merkten es kaum, daß sie ihm gehorchten und folgten, bis ein Nachtwindstoß sie im Garten fast zu Boden warf. Nichtsdestoweniger hatten sie ihm wie Automaten gehorcht; denn Craven fand sich mit einer Hacke in der Hand und der Vollmacht in der Tasche, Flambeau schleppte den schweren Spaten des absonderlichen Gärtners mit sich, und Father Brown trug das kleine goldbemalte Buch, aus dem der Name Gottes ausgeschnitten war.

Der Pfad den Hügel hinauf zum Friedhof war gewunden, aber kurz: nur in diesem heulenden Sturme schien er mühsam und lang. Soweit das Auge reichte und je höher hinauf sie stiegen, desto weiter und weiter erstreckte sich das Meer von Tannen, jetzt alle unter dem Winde nach derselben Seite gebeugt. Und dieses ganze umfassende Gewoge schien ebenso zwecklos wie endlos, so zwecklos, als pfiffe jener Wind um irgendeinen zwecklosen, unbewohnten Planeten. Durch all das unermeßliche Wachstum graublauer Forste sang schrill und hoch das alte Klagen, das im Tiefinnern alles Heidnischen wohnt. Man hätte meinen mögen, die Stimmen aus dem undurchdringlichen Blättermeere seien die Schreie der verlorenen und unstäten heidnischen Götter, Götter, die in diesen grundlosen Forsten umherstreiften, um nie wieder ihren Weg zum Himmel zurückfinden zu können.

Sie waren auf dem grasbedeckten Scheitel des Hügels angelangt, einem der wenigen freien Plätze, der sich deutlich vom ächzenden und stöhnenden Tannenwald abhob. Eine ärmliche Einfriedung halb aus Holz und halb aus Draht, rüttelte im Sturmwinde, um ihnen die Umgrenzung des Friedhofes kenntlich zu machen.

Doch eben als Inspektor Craven am Rande des Grabens angekommen war und Flambeau seinen Spaten zu Boden gesenkt hatte, um sich darauf zu stützen, machte etwas sie beide ebenso erbeben wie das wankende Holz und der klingende Draht. Am Fußende des Grabes wuchsen große, hohe Disteln, grau und silbern verblüht. Ein paarmal, als ein Knollen Distelwolle vom Winde losgelöst vorüberflog, sprang Craven leicht zur Seite, als wäre es ein Pfeil.

Flambeau grub seinen Spaten durch das pfeifende Gras in den aufgeweichten Lehmboden. Dann schien er einzuhalten und sich wie auf einen Stab darauf zu lehnen.

»Vorwärts,« ermunterte der Priester freundlich, »wir suchen ja nur nach der Wahrheit, was fürchten Sie?«

»Ich fürchte mich, sie zu finden,« versetzte Flambeau.

Der Londoner Beamte sprach plötzlich mit hoher, krähender Stimme, die zwanglos und unbefangen klingen sollte. »Ich möchte wissen, weshalb er sich tatsächlich so verborgen hielt. Ich vermute etwas Widerwärtiges. War er ein Aussätziger?«

»Etwas Schlimmeres noch,« erwiderte Flambeau.

»Und was denken Sie sich,« fragte der andere, »wäre schlimmer als ein Aussätziger?«

»Ich stelle mir das gar nicht vor,« gab Flambeau zurück. Schweigend grub er einige bange Minuten weiter und sagte dann mit unterdrückter Stimme: »Ich fürchte, es ist da etwas nicht ganz richtig.«

»So war es auch mit der Form jenes Papierstückes, wie Sie wissen,« sagte Father Brown ruhig, »und wir kamen sogar über das Papierstück hinweg.«

Flambeau grub mit blindem Eifer weiter. Inzwischen hatte der Sturm die drückenden grauen Wolkenmassen, die wie Rauch an den Hügeln hingen, hinweggefegt und einzelne mattgraue Sternenfelder enthüllt, bis Flambeau die Gestalt eines einfachen Holzsarges freilegte und diesen ein wenig aus der Erde emporhob.

Craven trat mit seiner Hacke näher, als ihn eine Distel streifte, vor der er aufschreckte. Dann noch ein fester Schritt und er hieb und riß so kräftig wie zuvor Flambeau, bis der Deckel nachgab, und alles, was darunter war, im grauen Sternenschimmer vor ihnen lag.

»Knochen,« sagte Craven, und dann fügte er hinzu, »aber es ist ein Mann,« als sei dies etwas Unerwartetes.

»Ist er,« fragte Flambeau mit sonderbar schwankender Stimme, »ist er in Ordnung?«

»Es scheint,« erwiderte der Beamte rauh und beugte sich über das fahle und vermodernde Skelett im Sarge. »Warten Sie einen Augenblick.«

Ein tiefes Stöhnen überlief Flambeaus riesige Gestalt.

»Und nun, wenn ich darüber nachdenke,« rief er, »warum in aller Welt sollte er denn nicht sein wie er sollte? Was ist es, das einen Menschen überkommt auf diesen verwünschten, kalten Bergen? Ich glaube, es ist das düstere stumpfsinnige Einerlei: all diese Waldungen und dazu über allem das ewige Schrecknis der Unbewußtheit. Es ist wie der Traum eines Atheisten. Tannenbäume und noch mehr Tannenbäume und noch Millionen von Tannenbäumen –«

»Himmel!« rief der Mann bei dem Sarge, »er hat ja keinen Kopf!«

Wahrend die anderen starr dastanden, zeigte der Priester zum erstenmal einen Anfall von Fassungslosigkeit.

»Keinen Kopf!« wiederholte er. »Keinen Kopf?« als hätte er erwartet, daß irgend etwas anderes fehle.

Törichte Visionen von einem den Glengyles geborenen kopflosen Kinde, von einem im Schlosse sich verbergenden kopflosen Jünglinge, von einem kopflosen Manne, der diese altertümlichen Hallen oder diesen prächtigen Garten durchmaß, zogen an ihrem Geiste vorüber. Doch selbst in diesem Augenblicke des Erstarrens schlug die Sage keine Wurzel in ihnen und schien jeder Vernunft zu ermangeln. Sie standen und lauschten wie verzaubert den rauschenden Wäldern und heulenden Winden, gerade wie erschöpfte Tiere. Das Denken schien etwas ganz Außerordentliches, das sich plötzlich jeder Macht entzogen habe.

»Es gibt drei kopflose Menschen,« sagte Father Brown, »und die stehen um dieses offene Grab herum.«

Der bleiche Londoner Detektiv öffnete den Mund zum Sprechen und hielt ihn wie ein dummer Junge offen, während ein langgezogenes Windesheulen durch die Wolken fuhr; dann besah er sich die Axt in seiner Hand, wie wenn sie nicht zu ihm gehöre, und ließ sie fallen.

»Father,« sagte Flambeau mit jener kindlichen, schweren Stimme, die er so selten anwandte, »was sollen wir tun?«

Die Antwort seines Freundes kam mit der raschen Bestimmtheit eines Gewehrschusses.

»Schlafen!« rief Father Brown. »Schlafen, wir sind am Ziele angelangt, wissen Sie, was Schlaf ist? Wissen Sie, daß derjenige, der schläft, an Gott glaubt? Es ist ein Sakrament, denn es ist ein Glaubensakt und eine Nahrung zugleich. Und wir benötigen ein solches und wäre es auch nur ein natürliches. Etwas hat uns befallen, was den Menschen sehr selten befällt, vielleicht das Schlimmste, was einen befallen kann.«

Cravens offener Mund schloß sich in der Frage: »Was meinen Sie?«

Der Priester hatte sein Gesicht dem Schlosse zugewandt, als er antwortete.

»Wir haben die Wahrheit gefunden und die Wahrheit ergibt keinen Sinn.«

Er ging schweren, achtlosen Schrittes, wie man es bei ihm nicht gewohnt war, voran und den Pfad hinab, und als sie das Schloß erreichten, überließ er sich dem Schlaf mit der Sorglosigkeit eines Hundes.

Trotz seines mystischen Lobliedes auf den Schlummer war, den schweigsamen Gärtner ausgenommen, Father Brown früher als alle anderen auf und rauchte seine Pfeife, wobei er jenem Sachverständigen bei seiner wortlosen Arbeit im Gemüsegarten zusah. Um Tagesanbruch hatte der rasende Sturm mit einem rauschenden Regen geschlossen und der Tag begann mit eigenartiger Frische. Es schien sogar, als hätte der Gärtner mit sich selbst eine Unterhaltung geführt, als er jedoch der Detektive ansichtig wurde, steckte er mürrisch seinen Spaten in ein Beet und etwas von Frühstück brummend, schritt er langsam die Kohlbeete entlang und schloß sich in der Küche ein.

»Der ist ein brauchbarer Kerl,« sagte Father Brown. »Er widmet sich den Kartoffeln in ganz auffallender Weise. Und dennoch,« fügte er unbefangen und nachsichtig hinzu, »er hat seine Fehler; wer von uns hätte deren nicht? Er gräbt dieses Beet nicht regelmäßig um. Dort zum Beispiel,« und er stampfte plötzlich auf eine Stelle zu. »Ich bin wirklich sehr im Zweifel über diese Kartoffel.«

»Und weshalb?« fragte Craven belustigt über des kleinen Mannes neuen Einfall.

»Ich bin darüber im Zweifel,« meinte der, »weil auch der alte Gow selbst darüber im Zweifel war. Er grub seinen Spaten ganz planmäßig überall hinein, nur nicht hier. Es muß da eine ganz ausnehmend schöne Kartoffel liegen.«

Flambeau zog den Spaten heraus und trieb ihn heftig an der Stelle ein. Unter einem Haufen Erde kam etwas zum Vorschein, das nicht wie eine Kartoffel aussah, sondern eher einem ungeheuerlichen, gewölbten Pilze glich. Doch als dieser den Spaten berührte, gab er einen harten Klang, rollte auf die Seite wie ein Ball und grinste sie an.

»Der Graf von Glengyle,« sagte Brown traurig und blickte bedrückt auf den Totenschädel nieder.

Dann nach einem Augenblicke Nachdenkens entnahm er Flambeau den Spaten, und mit den Worten: »Wir müssen ihn wieder verbergen« vergrub er den Schädel in die Erde. Sodann lehnte er seinen kleinen Körper mit dem großen Kopf auf den breiten Griff des Spatens, der fest und aufrecht im Boden steckte, und seine Augen waren leer und seine Stirne gerunzelt. »Wenn man nur wenigstens,« murmelte er, »die Bedeutung dieser letzten Widernatürlichkeit entziffern könnte!« Und auf den breiten Spatengriff gelehnt, barg er sein Gesicht in die Hände, wie man in der Kirche zu tun pflegt.

An allen Seiten färbte sich der Himmel in Blau und Silber; die Vögel zwitscherten in den lichten Bäumen des Gartens und so laut schien es, als sprächen die Bäume selbst. Nur die drei Männer schwiegen.

»Na, ich gebe alles auf,« sagte endlich Flambeau ärgerlich. »Mein und dieser Welt Gehirn vertragen sich nicht miteinander, und damit Schluß! Schnupftabak, zerschnittene Gebetbücher, das Gehwerk von Spieldosen – was –«

Brown erhob seine gedankenschwere Stirne und schlug mit einer bei ihm ungewohnten Ungeduld auf den Spatengriff. »O, weg, weg, fort damit!« rief er. »Das ist ja alles sonnenklar. Ich erklärte mir den Schnupftabak und das Uhrwerk usw., als ich heute früh die Augen aufschlug. Und seitdem habe ich den alten Gow, den Gärtner, durchschaut, der weder so taub noch so blöde ist, wie er tut. Es liegt gar nichts Unsinniges in all diesem losen Kram. Auch in bezug auf das zerschnittene Gebetbuch war ich im Irrtum, es ist nichts Unrechtes daran. Aber es ist diese letzte Enthüllung. Gräber zu entweihen und toter Leute Schädel zu stehlen – darin liegt doch das Unrechte? Darin liegt doch gewiß Teufelswerk? Das reimt sich nicht zu der ganz einfachen Geschichte vom Schnupftabak und den Kerzen.« Und wieder auf und ab schreitend, rauchte er verdrießlich seine Pfeife.

»Mein Freund,« sagte Flambeau mit grimmem Humor. »Sie müssen mit mir vorsichtig sein und bedenken, daß ich einst ein Verbrecher war. Der große Vorteil dieses Zustandes bestand darin, daß ich mir stets selbst meine Geschichte zurechtlegte und sie dann so schnell, als es mir paßte, ausführte. In dieser Weise aber als Detektiv herumzuwarten, ist zuviel für meine französische Ungeduld. Mein ganzes Leben habe ich, im Guten wie im Bösen, alles sofort und ohne Aufschub getan. Duelle focht ich stets am nächsten Morgen aus, Rechnungen bezahlte ich stets auf der Stelle, niemals verschob ich auch nur einen Besuch beim Zahnarzt –«

Father Browns Pfeife entfiel seinem Munde und zerbrach auf dem Kiespfade in drei Stücke. Er ließ seine Augen rollen und stand da ganz wie ein Idiot. »Himmel, was für ein Dummkopf ich bin! Himmel, was für ein Dummkopf,« wiederholte er. Dann brach er in ein schallendes Gelächter aus.

»Der Zahnarzt!« wiederholte er. »Sechs Stunden in geistigen Abgründen, und das alles, weil ich niemals an den Zahnarzt dachte! Solch ein einfacher, solch ein schöner und friedlicher Gedanke! Freunde, wir haben eine Nacht in der Hölle verbracht; jetzt aber ist die Sonne aufgegangen, die Vögel singen und die strahlende Gestalt des Zahnarztes erfüllt die Welt mit Trost.«

»Ich muß doch der Sache auf den Grund kommen,« schrie Flambeau, einige Schritte vorwärts machend, »und wenn ich von den Foltern der Inquisition Gebrauch machen muß.«

Father Brown mußte sich Zwang antun, um nicht auf dem sonnenbeschienenen Rasen einen Tanz aufzuführen, und rief mit der bittenden Stimme eines Kindes: »O, laßt mich ein bißchen töricht sein! Sie wissen nicht, wie unglücklich ich gewesen bin. Und jetzt weiß ich, daß in dieser ganzen Geschichte es sich um keine schwere Sünde handelt. Nur und vielleicht um ein wenig Verrücktheit – und was ist daran Schlimmes?«

Er wandte sich um und blickte die anderen voll Ernst an.

»Dies ist nicht die Geschichte eines Verbrechens,« sagte er, »es ist vielmehr die einer seltsamen und übelangewandten Ehrlichkeit. Wir haben es vielleicht mit dem einzigen Manne auf Erden zu tun, der sich nicht mehr aneignete, als was ihm zukam. Er ist eine Studie von roher, lebendiger Logik, welche die Religion dieser Rasse gewesen ist. Jener alte Reim auf das Haus Glengyle galt buchstäblich sowohl, wie im übertragenen Sinne. Er bedeutete nicht nur, daß die Glengyles nach Reichtum strebten, es traf auch zu, daß sie buchstäblich Gold anhäuften; sie besaßen eine gewaltige Sammlung von Zieraten und Gerätschaften aus diesem Metall. Sie waren in der Tat Geizhälse, deren Manie eben darin bestand.

Durchgehen Sie einmal im Lichte dieser Tatsache alles, was wir im Schlosse fanden. Diamanten ohne die dazu gehörigen Goldringe, Kerzen ohne ihre goldenen Leuchter, Schnupftabak ohne die goldenen Dosen, einen Spazierstock ohne seinen goldenen Knopf, Bleistifte ohne die goldenen Halter, Uhrwerke ohne die goldenen Gehäuse. Und so verrückt es auch klingen mag, da die Heiligenscheine und der Name Gottes in den alten Missalen von echtem Golde waren, waren auch sie entfernt worden.«

Der Garten erschien jetzt lichter, das Gras munterer unter der steigenden Sonne, da die unsinnige Wahrheit offenbar ward. Flambeau zündete sich eine Zigarette an, während sein Freund fortfuhr.

»– entfernt worden,« knüpfte Father Brown an. »entfernt worden, aber nicht gestohlen! Diebe würden niemals dieses Geheimnis hinterlassen haben. Diebe hätten die goldenen Tabaksdosen mitsamt dem Schnupftabak und allem anderen mitgenommen, die goldenen Bleiftifthalter, das Blei samt dem Nest, wir haben es mit einem Manne von ganz eigenartigem Gewissen, aber doch von Gewissen zu tun. Ich entdeckte diesen verrückten Moralisten heute früh im Gemüsegarten und vernahm dort die ganze Geschichte.

Der verstorbene Archibald Ogilvie war der einzige vom Stamme der Glengyle, der dem Begriffe eines guten Menschen noch am nächsten kam. Aber seine verbissene Tugend verkehrte ihn zum Menschenfeind; er beklagte die Unehrlichkeit seiner Vorfahren, aus der er weiß Gott wie auf eine allgemeine Unehrlichkeit des Menschengeschlechtes schloß. Ganz besonderes Mißtrauen hegte er gegen die Philanthropie oder Freigebigkeit, und er schwor, daß, wenn er einen Mann fände, der nur und ganz seinem Rechte lebe, er ihm all das Gold von Glengyle überlasse. Nachdem er der Menschheit diese Herausforderung entboten hatte, schloß er sich ein ohne die geringste Erwartung, darauf je eine Antwort zu erhalten. Eines Tages jedoch brachte ihm ein tauber und anscheinend aus dem Gleichgewicht geratener Bursche aus einem entfernten Dorfe ein verspätetes Telegramm und Glengyle reichte ihm dafür in seiner bissigen Herablassung ein neues Zweipencestück. Das heißt, er glaubte, ihm dieses gegeben zu haben, als er jedoch sein Geld besah, fand er, daß das Zweipencestück noch da war, dafür aber ein Zwanzigschillingstück fehlte. Der Vorfall eröffnete ihm Ausblicke für hohnvolle Spekulationen. Auf jeden Fall würde der Bursche seine Art verraten. Entweder würde er als Dieb, der eine Münze gestohlen hat, sich nicht mehr sehen lassen, oder er würde hübsch brav zurückkehren und gierig seine Belohnung einfordern. Mitten in der Nacht wurde Lord Glengyle aus dem Bette geklopft – denn er lebte allein – und genötigt, dem tauben Idioten die Türe zu öffnen. Der Idiot überbrachte ihm – nicht das Zwanzigschillingstück, sondern neunzehn Schillinge und 10 Pence, den ganzen Rest.

Die unerhörte Korrektheit dieser Handlungsweise wirkte wie Feuer auf das Hirn des gräflichen Sonderlings. Er schwor, er sei Diogenes, der lange nach einem ehrlichen Menschen gesucht und ihn endlich gefunden habe. Er machte ein neues Testament, welches ich eingesehen habe. Er nahm den sklavisch getreuen Burschen in sein mächtiges, vernachlässigtes Haus und zog ihn zu seinem Diener heran und – nach Art der Sonderlinge – auch zu seinem Erben. Und wie wenig auch immer dieses eigentümliche Geschöpf begreifen mochte, die beiden fixen Ideen seines Herrn begriff es vollständig. Erstens, daß der Buchstabe des Rechtes über alles geht, und zweitens, daß ihm selbst alles Gold von Glengyle zukomme. Das ist alles und sonst ist nichts daran. Er hat das Haus von allem Golde entblößt und nicht ein Stückchen genommen, das nicht Gold war, auch nicht einmal ein Stäubchen Schnupftabak. Er hob die Goldblättchen aus den alten Handmalereien, ganz befriedigt, all das übrige unberührt gelassen zu haben. Das alles begriff ich, aber die Geschichte mit dem Totenschädel konnte ich nicht begreifen. Ich war wirklich in Unruhe über diesen menschlichen, unter Kartoffeln begrabenen Kopf. Es verstimmte mich – bis Flambeau das Wort sprach.«

»Es wird wieder alles in Ordnung kommen. Er wird den Schädel in das Grab zurückbringen, sobald er das Gold aus dem Zahn genommen haben wird.«

Und tatsächlich, als Flambeau an jenem Morgen über den Hügel wanderte, sah er jenes seltsame Wesen, den gerechten, armen Teufel an dem entweihten Grabe arbeiten, das bunte Halstuch im Bergwinde flatternd und auf dem Kopfe den schlichten Zylinder.

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