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Priester und Detektiv

Gilbert Keith Chesterton: Priester und Detektiv - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titlePriester und Detektiv
publisherFriedrich Pustet
year1920
translatorH. M. von Lama
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060912
projectid95b38bfb
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Die verdächtigen Tritte

Wenn du einmal ein Mitglied jenes auserlesenen Klubs »Die zwölf echten Fischer« triffst, welches anläßlich des jährlichen Klubdiners das Vernon-Hotel betritt, wirst du, wenn er seinen Überzieher abnimmt, bemerken, daß sein Frack grün und nicht schwarz ist. Wenn (vorausgesetzt, daß du die unerhörte Kühnheit hast, solch ein Wesen anzusprechen) du ihn nach dem Grunde fragst, wird er wahrscheinlich antworten, es geschehe das, um eine Verwechselung mit dem Kellner zu vermeiden. Du wirst dann ganz niedergeschmettert weggehen, aber auch ein ebenso ungelöstes Geheimnis, wie eine erzählenswerte Geschichte hinter dir lassen.

Wenn (um denselben Faden unwahrscheinlicher Mutmaßung weiterzuspinnen) du dann einen milden, hart arbeitenden, kleinen Priester namens Father Brown treffen und ihn fragen solltest, was er für den eigenartigsten Zufall seines Lebens halte, würde er wahrscheinlich antworten, daß im ganzen genommen er seinen besten Streich im Vernon-Hotel vollführt habe, wo er einfach dadurch ein Verbrechen verhindert und vielleicht auch eine Seele gerettet habe, daß er ein paar Schritten auf einem Gange gelauscht hatte. Vielleicht ist er ein klein wenig stolz auf diese seine kühne und wunderbare Mutmaßung, und es ist möglich, daß er darauf zu sprechen kommt. Nachdem es jedoch unermeßlich unwahrscheinlich ist, daß du jemals hoch genug in der Gesellschaft steigen wirst, um auf einen der »Zwölf echten Fischer«, oder je so tief bis zu den verrufenen Vierteln und Verbrechern hinabsinken wirst, um auf Father Brown zu stoßen, fürchte ich, wirst du überhaupt nie die Geschichte vernehmen, wenn nicht von mir.

Das Vernon-Hotel, in welchem »Die zwölf echten Fischer« ihr jährliches Mahl abhielten, war eine Einrichtung, wie sie nur in einer oligarchischen Gesellschaft bestehen kann, welche fast bis zur Übergeschnapptheit erpicht auf feine Lebensart ist. Es war das Erzeugnis einer verkehrten Welt – ein »exklusives« kaufmännisches Unternehmen. Das will besagen, es war ein Ding, das sich nicht dadurch bezahlte, daß es die Leute anzog, sondern daß es sie tatsächlich von sich wies. Inmitten einer Plutokratie lebend werden die Geschäftsleute so schlau, lästiger zu werden als ihre Kunden. Sie schaffen geradezu Schwierigkeiten, damit ihre reichen und aufdringlichen Kunden Geld und diplomatisches Geschick aufwenden, um sie zu überwinden. Wenn es in London ein fashionables Hotel gäbe, das niemand betreten dürfte, der unter sechs Fuß hoch wäre: die Gesellschaft würde sich ergebenst in Gruppen von sechs Fuß hohen Leuten zusammenschließen, um dort speisen zu können. Wenn es ein teures Restaurant gäbe, das aus purer Laune seines Besitzers nur Donnerstag nachmittags offen wäre, es wäre am Donnerstag nachmittags zum Erdrücken voll.

Das Vernon-Hotel stand wie durch Zufall in der Ecke eines Platzes in Belgravia. Es war ein kleines Hotel und auch ein sehr unbequemes. Aber eben seine Beschwerlichkeiten wurden als die Schutzmauern einer besonderen Masse angesehen. Vor allem aber galt eine derselben als von vitalster Bedeutung, nämlich der Umstand, daß nicht mehr als vierundzwanzig Personen gleichzeitig dort speisen konnten. Die einzige große Speisetafel war die berühmte Terrassentafel, welche nach dem Freien hinaus auf einer Art offener Veranda stand und den Blick über einen der ausgesuchtesten alten Gärten Londons gewährte. So kam es, daß man selbst der vierundzwanzig Plätze an diesem Tische sich nur bei warmem Wetter erfreuen konnte, und da dies die Schwierigkeit des Genießens nur erhöhte, machte es letzteres nur um so begehrenswerter. Der Besitzer des Hotels war ein Jude namens Lever, und er hatte nahezu eine Million dadurch gemacht, daß er es erschwerte, hineinzugelangen. Natürlich verband er mit dieser Beschränkung der Ausdehnung seines Unternehmens den sorgfältigsten Schliff in allem. Weine und Gerichte waren so gut wie nur irgendwo in Europa, und das Benehmen der Aufwärter entsprach aufs allergenaueste den fixen Gewohnheiten der oberen Zehntausend Englands. Der Besitzer kannte alle seine Kellner wie die Finger an seiner Hand; es waren deren insgesamt genau fünfzehn. Volksvertreter im Parlament zu werden, war viel leichter, als Kellner in diesem Hotel zu werden. Jeder Kellner war ein Meister in ängstlichem Schweigen und unaufdringlicher Zuvorkommenheit, gleich als wäre er der Kammerdiener eines großen Herrn. Und in der Tat stand gewöhnlich wenigstens je ein Kellner bereit für jeden speisenden Gast.

Der Klub der »Zwölf echten Fischer« würde nirgend anderswo zu speisen sich herbeigelassen haben, als an einem solchen Orte, denn er bestand auf luxuriöser Abgeschlossenheit, und der bloße Gedanke, daß irgendein anderer Klub in demselben Hotel auch nur speiste, würde ihn aufs höchste aufgebracht haben. Bei Gelegenheit ihres jährlichen Klubessens pflegten die »Fischer« all ihre Schätze hervorzuholen, als wären sie in einem Privathause, insbesondere das berühmte Gedeck von Fisch-Messern und -Gabeln, die nun einmal das Wahrzeichen des Klubs darstellten, und von denen jedes Stück in Form eines Fisches aufs feinste in Silber gearbeitet und am Knaufe mit einer großen Perle versehen war. Sie wurden jedesmal für den Gang des Fisches aufgelegt, und dieser Gang war von jeher das großartigste des großartigen Mahles. Der Verein besaß eine große Zahl von Zeremonien und Gebräuchen, aber weder eine Geschichte, noch einen Zweck; darin bestand eben das Aristokratische desselben. Du brauchtest gar nichts zu sein, um einer der »Zwölf Fischer« sein zu können; wenn du nicht schon eine gewisse Sorte Person warst, hörtest du überhaupt nichts davon. Seit zwölf Jahren bestand er. Sein Vorsitzender war Mr. Audley, sein Vize der Herzog von Chester.

Wenn ich die Atmosphäre dieses Hotels einigermaßen zeichnen könnte, dürfte sich der Leser mit Recht wundern, wie ich dazu kam, darum zu wissen, und er wird sogar darüber grübeln, wie eine so gewöhnliche Person wie mein Freund Father Brown dazu kam, sich in dieser goldenen Fütterungsanstalt zu finden. Was das anbelangt, ist meine Geschichte einfach, ja sogar alltäglich. Es gibt in der Welt einen sehr bejahrten Aufrührer und Demagogen, der in die vornehmsten Ruhesitze mit der erschütternden Nachricht einbricht, daß alle Menschen Brüder sind, und wo immer dieser Gleichmacher auf seinem fahlen Rosse hinkam, war es Father Browns Aufgabe, ihm zu folgen. Einer der Kellner, ein Italiener, war an jenem Nachmittage von einem Schlaganfalle getroffen worden, und sein jüdischer Dienstherr gestattete, wenn auch ein wenig die Nase rümpfend ob solchen Aberglaubens, daß nach dem nächsten katholischen Priester geschickt würde. Was der Kellner Father Brown gebeichtet hat, geht uns nichts an, und zwar aus dem ausgezeichneten Grunde, weil der Geistliche es für sich behielt; anscheinend jedoch veranlaßte es ihn, behufs Absendung einer Mitteilung, oder um irgend etwas Krummes gerade zu machen, einen Auftrag oder eine Feststellung niederzuschreiben. Mit der bescheidenen Dreistigkeit, die er auch im Buckingham-Palaste hervorgekehrt hätte, bat daher Father Brown um ein Zimmer und um ein Schreibzeug. Mr. Lever war in zwei Teile zerrissen. Er war ein zuvorkommender Mann und besaß auch jene schlechte Nachbildung von Güte, die Abneigung gegen jede Schwierigkeit, gegen jeden Auftritt. Gleichzeitig aber wirkte die Anwesenheit auch nur eines einzigen außergewöhnlichen Fremden innerhalb seines Hotels an diesem Abende wie ein Flecken auf etwas, das eben erst gereinigt worden war. Niemals hatte es im Vernon-Hotel irgendein Grenzgebiet, eine gemischte Zone gegeben, niemand wartete in der Vorhalle, und Zufallsgäste setzten niemals den Fuß hinein. Es gab dort fünfzehn Kellner, und zwölf Gäste waren da. Es wäre etwas ebenso Unerhörtes gewesen, an jenem Abend einen neuen Gast vorzufinden, wie in der eigenen Familie beim Frühstück einen ganz neuen Bruder neben sich sitzen zu sehen. Außerdem galt des Priesters Erscheinen als nicht erstklassig und seine abgetragenen Kleider noch weniger; ein kurzer Blick nur auf ihn aus der Ferne hätte eine Krise im Klub hervorrufen können. Mr. Lever verfiel endlich auf einen Ausweg, um, da er schon das Unglück nicht ungeschehen machen konnte, es zu verschleiern. Wenn du (was du nie tun wirst) das Vernon-Hotel betrittst, kommst du durch einen kurzen. mit einigen abgedunkelten, aber bedeutenden Gemälden geschmückten Gang nach der Hauptvorhalle, welche zu deiner Rechten in Gänge mündet. Diese führen nach den Gasträumen, und zu deiner Linken bemerkst du einen ähnlichen Gang hin nach der Küche und dem Bureau des Hotels. Unmittelbar zu deiner Linken ist die Ecke eines Glasgehäuses, das in die Vorhalle hereinragt –, gewissermaßen ein Haus innerhalb des Hauses, gleich dem alten Hotel-Büfett, das wahrscheinlich einst diesen Platz einnahm.

In diesem Geschäftsraume saß der Vertreter des Besitzers (niemand an diesem Orte erschien je in eigener Person, wenn irgend es sich machen ließ), und gerade dahinter auf dem Wege zum Dienstbotenabteil befand sich die Herrengarderobe, die letzte Grenze dieses den Gästen zustehenden Gebietes. Zwischen dem Geschäftsraume und der Garderobe lag jedoch ein kleines Privatzimmer ohne anderen Ausgang, das manchmal von dem Besitzer für heikle und wichtige Angelegenheiten benützt wurde, wie zum Beispiel um einem Herzog tausend Pfund zu leihen oder ihm sechs Pence zu verweigern. Es ist ein Beweis der großen Duldsamkeit Mr. Levers, daß dieser geheiligte Ort auf etwa eine Stunde durch etwas wie etwa gar nur einen Priester, der auf ein Stück Papier vor sich hinkritzelte, profaniert wurde. Die Geschichte welche Father Brown niederschrieb, war höchstwahrscheinlich eine viel bessere als die vorstehende, nur wird sie nie veröffentlicht werden. Ich kann nur das eine konstatieren, daß sie beinahe ebenso lang war und daß die letzten zwei oder drei Abschnitte die am wenigsten aufregenden und fesselnden waren. Denn es war um die Zeit, als er dabei angekommen war, dass der Priester seinen Gedanken nachzuhängen sich erlaubte und seine animalischen Sinne zu erwachen begannen. Die Zeit der Dämmerung und des Abendessens rückte heran: sein eigener kleiner, vergessener Raum war ohne Licht und vielleicht war es, wie es manchmal zu geschehen pflegt, die zunehmende Dunkelheit, die seine Sinne schärfte.

Während Father Brown den letzten und am wenigsten wesentlichen Teil seines Schriftstückes niederschrieb, ertappte er sich, wie er sogar im Rhythmus eines von außen kommenden Geräusches schrieb, gerade wie man häufig im Rhythmus des fahrenden Eisenbahnzuges denkt. Als er sich dessen bewußt wurde, erkannte er auch, was es war: nur das gewöhnliche Auftreten von Füßen, die an der Türe vorbeigingen, was ja in einem Hotel nichts außergewöhnliches ist. Nichtsdestoweniger starrte er zur dunkelnden Decke empor und lauschte. Nachdem er einige Minuten träumerisch zugehört, sprang er plötzlich auf die Füße, den Kopf ein wenig zur Seite neigend. Dann setzte er sich wieder nieder und vergrub seine Stirne in seine Hände, nicht nur ausschließlich lauschend, sondern gleichzeitig denkend.

Die Schritte, welche man draußen jeden Augenblick vernahm, waren solche, wie man sie in jedem Hotel hören kann. Und doch, als Ganzes genommen hatten sie etwas sehr Sonderbares an sich. Man hörte keine anderen Schritte, als diese. Es war immer ein sehr stilles Hotel gewesen, denn die wenigen hier verkehrenden Gäste gingen sofort nach ihren Zimmern, und die gut geschulten Kellner hatten Auftrag, nahezu unsichtbar zu sein, solange man nicht nach ihnen verlangte. Es ließ sich kein Ort denken, an dem weniger Grund vorlag, irgend etwas Unregelmäßiges zu vernehmen. Aber diese Schritte waren so eigentümlich, daß man nicht entscheiden konnte, ob sie regelmäßig ober unregelmäßig waren, Father Brown folgte ihnen mit dem Finger auf dem Tischrande, wie ein Mann, der auf dem pianoforte eine Melodie sucht.

Zuerst kam eine lange Reihe von raschen, kleinen Schritten, wie sie etwa ein leichtfüßiger Mann machen würde, um ein Wettgehen zu gewinnen. Bei einem gewissen Punkte hielten sie inne und wurden zu einer Art langsamen, schlendernden Auftretens, wobei sie nicht ein Viertel der Zahl jener Schritte ausmachten, jedoch ungefähr dieselbe Zeit einnahmen. Im Augenblicke, da das letzte dröhnende Auftreten verhallte, kam wieder das Laufen oder Trippeln leichter, eiliger Schritte und dann von neuem der dumpfe Ton schwereren Gehens. Es war unzweifelhaft dasselbe Paar Schuhe, teils weil, wie schon gesagt, kein anderes Paar Schuhe um die Wege war, und teils weil sie ein unbedeutendes, jedoch nicht zu überhörendes Knarren an sich hatten.

Father Brown besaß jene Art von Kopf, die nicht umhin kann, Fragen zu stellen, und über diese anscheinend alltägliche Frage zerbrach er sich beinahe eben diesen Kopf. Er hatte Menschen laufen gesehen, die sich anschickten, zu springen. Er hatte Menschen einen Anlauf zum Gleiten nehmen gesehen. Doch weshalb um alles in der Welt sollte ein Mensch einen Anlauf nehmen, um zu gehen? Oder anders, weshalb sollte er gehen, um dann zu laufen? Und doch, keine andere Erklärung wollte sich mit den Possen dieses unsichtbaren Paares von Füßen decken. Der Mann lief entweder sehr rasch die Hälfte des Ganges entlang, um sehr langsam die andere Hälfte des Ganges entlang zu schreiten, oder er schritt sehr langsam an dem einen Ende, um am anderen plötzlich in das Tempo des Laufens zu fallen. Keine Vermutung schien viel Sinn zu haben. In dem Kopfe des Priesters wurde es dunkler und dunkler wie in seinem Zimmer. Und doch, als er anhaltend zu denken begann, schien das Dunkel der Zelle allein schon seinen Gedanken mehr Leben zu verleihen; wie in einer Art Gesicht begann er die phantastischen Füße zu schauen, wie sie in unnatürlichem und bedeutungsvollem Tun den Gang entlang hüpften. War es ein heidnischer religiöser Tanz? Oder irgendeine ganz neue Art wissenschaftlicher Übung? Father Brown begann sich eingehend zu befragen, worauf die Schritte schließen lassen konnten. Erst der langsame Schritt; es war sicherlich nicht der des Besitzers. Leute von seiner Sorte bewegen sich in raschem Getrippel oder sie sitzen stille. Es konnte auch kein Kellner oder Bote sein, der auf einen Auftrag wartete; es klang nicht danach. Wesen niederer Ordnung taumeln wohl manchmal umher, wenn sie leicht betrunken sind, im allgemeinen jedoch und in so glanzvoller Umgebung stehen oder sitzen sie in gezwungener Haltung. Nein, dieser schwere und doch springende Schritt mit etwas wie sorglosem Nachdrucke, nicht sonderlich geräuschvoll und doch des Geräusches achtend, das er verursachte, war nur einem Lebewesen dieser Erde eigen. Das war ein Mann aus dem westlichen Europa und wahrscheinlich einer, der nie um seinen Lebensunterhalt gearbeitet hatte.

Eben als der Priester zu dieser festen Gewißheit gelangte, wechselte der Schritt zum raschen Tempo und rannte an der Türe vorbei, so behend wie eine Ratte. Der Lauscher bemerkte, daß, obwohl dieser Schritt viel rascher war, er auch viel geräuschloser war, beinahe als liefe der Mann auf den Zehenspitzen. Und dennoch verband sich damit in seinem Empfinden nichts Geheimes, sondern irgend etwas anderes, etwas, dessen er sich nicht zu entsinnen vermochte. Er war wütend über dieses halbe Sicherinnern. Sicher, jenen eigenartig raschen Gang hatte er schon irgendwo gehört. Plötzlich sprang er auf die Füße, einen neuen Gedanken im Kopfe, und schritt der Türe zu. Sein Zimmer besaß keinen direkten Ausgang nach dem Korridor hinaus, sondern führte auf der einen Seite in den Glasverschlag und auf der anderen in die dahinter liegende Garderobe. Er versuchte die Türe zu dem ersteren zu öffnen und fand sie verschlossen. Dann sah er nach dem Fenster, einer viereckigen Scheibe jetzt voll purpurner Wolken, gespalten vom fahlen Sonnenuntergange, und für einen Augenblick witterte er Übles, wie ein Hund Ratten wittert.

Der vernünftige Teil seines Ichs (vielleicht der klügere, vielleicht auch nicht) gewann die Oberhand. Er erinnerte sich, daß der Besitzer ihm gesagt hatte, er wolle die Türe absperren und würde später zurückkehren, um ihn herauszulassen. Auch sagte er sich, daß noch ein Dutzend Dinge, an die er nicht gedacht hatte, die verrückten Schritte draußen erklären kannten. Dann fiel ihm ein, daß es gerade noch hinreichend licht war, um die Arbeit vollenden zu können. Indem er sein Papier zum Fenster brachte, um noch die letzte Abendhelle auszunützen, beschäftigte er sich fest entschlossen von neuem mit dem nahezu vollendeten Schriftstücke. An die zwanzig Minuten hatte er so geschrieben, wobei er sich näher und näher auf das Papier herniederbeugte; dann setzte er sich plötzlich aufrecht. Er hatte die merkwürdigen Füße von neuem vernommen.

Diesmal wiesen sie eine dritte Eigentümlichkeit auf. Bisher war der Unbekannte gegangen, flüchtig zwar und mit blitzartiger Behendigkeit, aber er war gegangen. Jetzt lief er. Man konnte die raschen, weichen, springenden Schritte den Gang entlang kommen hören, gleich den Fußbällen eines fliehenden und springenden, Panthers. Wer immer da kommen mochte, er war ein sehr starker, gelenkiger Mann in stummer, doch heftiger Erregung. Doch als das Geräusch gleich einem flüsternden Wirbelwinde beim Glasverschlage angekommen war, verfiel es plötzlich wieder in das alte, langsame Schlendern.

Father Brown warf das Papier zur Seite, und da er wußte, daß die Türe zum Verschlage geschlossen war, trat er ohne weiteres auf der anderen Seite in die Garderobe. Der hier beschäftigte Bedienstete war im Augenblick abwesend, wahrscheinlich weil die einzigen Gäste sich bei Tisch befanden und sein Amt eine Sinekure war. Nachdem er sich durch einen grauen Wald von Überziehern durchgetastet hatte, fand er, daß der dunkle Ankleideraum auf einen erleuchteten Gang mündete, getrennt durch einen Schalter oder eine Halbtüre, wie die meisten Schalter, über welche wir alle schon Schirme hinübergereicht und Marken dafür entgegengenommen haben. Unmittelbar über dem halbmondförmigen Bogen dieser Öffnung brannte ein Licht. Es beleuchtete nur schwach Father Brown, der als dunkler Umriß gegen das Sonnenuntergangsfenster sich abhob. Ein nahezu theatralisches Licht aber lag auf dem Mann, der außerhalb der Garderobe im Gange stand.

Er war elegant, sehr einfach gekleidet, im Frack; stark, doch ohne daß der Eindruck dieser Stärke sich fühlbar machte. Man hatte das Empfinden, er würde imstande sein, wie ein Schatten dahinzugleiten, wo viel kleinere Männer aufgefallen wären und Anstoß erregt hätten. Sein Gesicht, jetzt zurückgeworfen und von der Lampe beleuchtet, schien gebräunt und lebhaft, das Gesicht eines Ausländers. Seine Gestalt war regelmäßig, sein Auftreten zeugte von guter Laune und Zuversicht; nur ein Kritiker hätte zu erkennen vermocht, daß sein schwarzer Frack um einen Schatten nicht seiner Figur und seinem Auftreten entsprach und sogar in eigentümlicher Weise etwas ausgebaucht und angeschwollen aussah. Im Augenblick, da er Browns schwarzer Umrisse im Sonnenuntergange ansichtig wurde, warf er ein Stückchen Papier mit einer Nummer darauf hin und befahl mit leutseliger Gebietermiene:

»Ich möchte meinen Hut und Rock, bitte: ich sehe, ich muß sofort weggehen.«

Father Brown nahm ohne ein Wort das Papier und ging gehorsam den Rock zu suchen; es war nicht das erstemal in seinem Leben, daß er niedrige Arbeit tat. Er brachte ihn herbei und legte ihn auf den Schalter, während der Fremde, der in seiner Westentasche herumsuchte, lachend bemerkte: »Ich habe kein Silber bei mir; Sie können das behalten,« ein Zehnfrankstück hinwarf und seinen Rock nahm.

Father Browns Gestalt blieb ganz dunkel und stille, aber in jenem Augenblick hatte er seinen Kopf verloren. Sein Kopf war immer am wertvollsten, wenn er ihn verloren hatte. In solchen Augenblicken machte er aus zweimal zwei vier Millionen. Oftmals war die katholische Kirche (die mit dem gesunden Menschenverstande vermählt ist) nicht damit einverstanden. Oft auch war er selbst damit nicht einverstanden. Aber es war wirkliche Eingebung – von großer Bedeutung in seltenen Krisen –, daß, wer immer seinen Kopf verliert, ihn dadurch rettet.

»Ich glaube, Sir,« erwiderte er höflich, »Sie haben doch Silber in Ihrer Tasche.«

Der große Herr starrte.

»Verflucht noch einmal,« rief er, »wenn ich Ihnen Gold gebe, weshalb halten Sie sich darüber auf?«

»Weil Silber manchmal wertvoller ist als Gold,« erwiderte der Priester sanft, »das heißt, in größeren Mengen.«

Der Fremde sah ihn eigenartig an. Dann blickte er noch eigenartiger gegen den Haupteingang hin den Gang hinab. Schließlich kehrte sein Blick zu Father Brown zurück und wandte sich sehr eingehend zum Fenster über Father Browns Kopf empor, das noch mit dem Nachglühen des Gewitters gefärbt war. Jetzt schien er sich zu etwas entschlossen zu haben. Er legte eine Hand auf den Schalter, schwang sich leicht wie ein Akrobat hinüber und warf sich auf den Priester, indem er die gewaltige Hand um dessen Kragen legte.

»Stillgehalten!« stieß er flüsternd hervor. »Ich will Sie nicht bedrohen, aber –«

»– aber ich will Sie bedrohen,« fuhr Father Brown mit der Stimme einer rollenden Trommel fort, »ich will Sie bedrohen mit dem Wurm, der nicht stirbt, und dem Feuer, das nicht verlöscht.«

»Sie sind eine merkwürdige Sorte von Garderobier,« meinte der andere.

»Ich bin ein Priester, Monsieur Flambeau,« versetzte Father Brown, »und ich bin bereit, Ihre Beichte zu hören!«

Einige Augenblicke stand der andere und schnappte nach Luft, dann taumelte er zurück in einen Stuhl.

Die ersten beiden Gänge des Mahles der »Zwölf wahren Fischer« waren als stillschweigender Erfolg vorübergegangen. Ich besitze kein Stück der Speisenfolge, und wenn schon, würde ich niemanden davon wissen lassen. Sie war in einer Sorte von Über-Französisch abgefaßt; wie es Köche anwenden, für Franzosen daher unverständlich. Es gab im Klub eine Überlieferung, daß die Vorspeisen verschiedenartig und mannigfaltig bis zum Punkte der Verrücktheit sein mußten. Sie würden in tiefem Ernste hingenommen, denn sie waren eingestandenermaßen unnütze Besonderheiten, wie das ganze Mahl und der ganze Klub. Es bestand ferner eine Überlieferung, daß die Suppen leicht und anspruchslos zu sein hatten – eine Art einfacher und strenger Vorfasten auf das Fischfest, das bevorstand. Die Unterhaltung war jenes eigenartige, seichte Gerede, welches das britische Reich beherrscht, es im geheimen regiert und das doch einem gewöhnlichen Engländer unverständlich bliebe, selbst wenn er es belauschen könnte. Kabinettminister von beiden Seiten wurden bei ihrem Taufnamen mit einer Art gelangweilter, ernster Zurückhaltung genannt. Der radikale Schatzkanzler, von dem man annahm, daß ihn die ganze Torypartei wegen seiner Erpressereien verfluche, wurde wegen seiner minderwertigen Dichtereien oder auch wegen seines Reitsattels beim letzten Rennen hochgehoben. Der Toryführer. den angeblich alle Liberalen als einen Tyrannen haßten, wurde in die Quere genommen und – im ganzen betrachtet – als Liberaler gepriesen. Man gewann den Eindruck, daß Politiker etwas sehr Wichtiges seien. Und dennoch, alles an ihnen schien wichtig, nur nicht ihre Politik.

Mr. Audley, der Vorsitzende, war ein liebenwürdiger, ältlicher Herr, der noch Gladstonekrägen trug: er war eine Art Sinnbild jener ganzen verschwommenen und doch bestimmten Gesellschaft. Niemals hatte er etwas getan – nicht einmal etwas Böses. Er war nicht leichtlebig, er war nicht einmal besonders reich. Er war einfach mit von der Partie, und damit hatte die Sache ihr Ende. Keine Partei konnte ihn ignorieren, und wenn er gewünscht hätte, Minister zu sein, würde man ihn gewiß dazu gemacht haben. Der Herzog von Chester, der stellvertretende Vorsitzende, war ein junger und eben emporkommender Politiker, das heißt, er war ein angenehmer, junger Mensch mit flachgebürstetem, tadellosem Haar und einem mit Sommersprossen bedeckten Gesichte, von mäßigem Verstande und enorm begütert. In der Öffentlichkeit war sein Auftreten stets erfolgreich und sein Grundsatz war außerordentlich einfach. Wenn ihm ein Witz einfiel, machte er ihn, und man pflegte ihn dann als glänzend zu bezeichnen. Wenn ihm kein Witz einfiel, sagte er, es sei nicht die Zeit zu Witzen, und das wurde dann »fähig« genannt. Im Privatverkehre, in einem Klub seiner eigenen Gesellschaftsklasse war er recht nett, freimütig und harmlos wie ein Schuljunge. Mr. Audley, der sich nie mit Politik beschäftigte, behandelte seine Gefährten mit etwas mehr Ernst. Manchesmal brachte er sogar die Gesellschaft in Verwirrung durch Andeutungen, wie, es bestehe ein gewisser Unterschied zwischen einem Liberalen und einem Konservativen. Er selbst war ein Konservativer, selbst in seinem Privatleben. Er hatte eine Locke grauen Haares rückwärts über seinen Kragen herabhängen, wie gewisse altmodische Staatsmänner, und von hinten gesehen sah er aus wie der Mann, dessen das Reich bedurfte. Von vorne gesehen sah er aus wie ein gutmütiger, sich etwas gehen lassender Junggeselle, der in Albany wohnte – und das war er auch.

Wie schon bemerkt, gab es vierundzwanzig Sitze längs des Tisches auf der Terrasse und nur zwölf Mitglieder im Klub. Somit stand ihnen die Terrasse in der verschwenderischesten Weise zur Verfügung. Sie saßen längs der inneren Seite der Tafel und daher ohne Gegenüber, und ungehindert beherrschte der Blick den Garten, dessen Farben noch Leben besaßen, wenngleich der Abend für diese Jahreszeit etwas verdüstert sich niedersenkte. In der Mitte der Reihe saß der Vorsitzende, am rechten Ende der Vizepräsident. Bevor die zwölf Gäste sich auf ihre Sitze niederließen, war es aus irgendeinem unbekannten Grunde Sitte, daß alle fünfzehn Kellner wie Truppen, welche vor dem König die Waffen präsentierten, in einer Reihe die Wand entlang standen, während der fette Besitzer in froher Überraschung sich gegen die Klubmitglieder verbeugte, als hätte er niemals von ihnen gehört. Doch vor dem ersten Klirren von Messer und Gabel war diese Armee von Dienern verschwunden, während nur noch der eine oder die zwei, welche zur Wegnahme oder Verteilung der Teller notwendig waren, in tödlichem Schweigen umherschossen. Mr. Lever, der Besitzer, war natürlich längst vorher unter Höflichkeitskrämpfen verschwunden. Es wäre übertrieben, ja in der Tat unehrerbietig, zu sagen, daß er jemals noch in voller Wirklichkeit erschien. Wenn jedoch der wichtigste Gang, der Fisch, aufzutragen war, da gab es – wie soll ich es ausdrücken? – so etwas wie einen lebendigen Schatten, ein Aufleuchten seiner Persönlichkeit, das besagte, daß er in der Nähe weilte. Der geheiligte Fischgang bestand (für das Auge des gewöhnlichen Sterblichen) in einer Art ungeheuren Puddings, etwa in der Größe und Gestalt eines Hochzeitskuchens, worin irgendeine beträchtliche Anzahl interessanter Fische schließlich ihre ihnen von Gott verliehene Gestalt verloren hatten. Die zwölf wahren Fischer ergriffen ihre berühmten Fischmesser und Fischgabeln und machten sich mit so furchtbarem Ernste daran, als koste jeder Zoll des Puddings so viel wie die Silbergabel, mit der er verspeist wurde. Und das kostete er auch, soviel ich weiß. Dieser Gang wurde mit Interesse und verzehrendem Schweigen behandelt, und erst, als sein Teller nahezu geleert war, machte der junge Herzog die vorgeschriebene übliche Bemerkung:

»Das verstehen sie nirgends so wie hier!«

»Nirgends!« bestätigte Mr. Audley in tiefem Basse, indem er sich an den Redner wandte und mit seinem ehrwürdigen Haupte eine Anzahl Male nickte. »Nirgends, auf Ehre, so wie hier. Es wurde mir geschildert, daß man im Café Anglais –«

Hier wurde er unterbrochen und auf einen Augenblick selbst aus dem Geleise gebracht durch das Wegnehmen seines Tellers, doch erfaßte er von neuem den kostbaren Faden seines Gedankens: »– es wurde mir geschildert, daß man das im Café Anglais ebenso zubereite. Nicht die Spur davon, Sir!« versicherte er, indem er sein Haupt in grausamer Wut schüttelte wie ein aufhängender Richter. »Nicht die Spur davon!«

»Überschätzter Ort,« meinte ein gewisser Oberst Pound, indem er seinem Blicke nach zum erstenmal seit mehreren Monaten sprach.

»O, ich weiß nicht,« erwiderte der Herzog von Chester, der ein Optimist war, »ganz famos für gewisse Dinge. Nicht zu überbieten in –«

Ein Kellner kam rasch den Salon entlang und stand plötzlich starr. Sein Stehenbleiben war so geräuschlos wie sein Gang, doch alle jene bestimmungslosen und liebenswürdigen Herren waren so an den absolut glatten Gang des unsichtbaren Mechanismus, der sie umgab und ihr Leben erhielt, gewöhnt, daß ein Kellner, der etwas Unerwartetes tat, ihnen einen Ruck gab wie ein Mißton. Sie fühlten sich wie du oder ich, wenn auf einmal die leblose Welt den Gehorsam versagen würde – wie wenn ein Stuhl davonlaufen würde.

Der Kellner stand und starrte einige Sekunden, während auf jedem Gesichte am Tische eine eigentümliche Scham zutage trat, voll und ganz ein Erzeugnis unserer Zeit. Es ist die Vermischung des modernen Menschlichkeitsdusels mit dem schrecklichen modernen Abgrunde zwischen den Seelen der Reichen und der Armen. Ein echter historischer Aristokrat würde dem Kellner alles mögliche an den Kopf geworfen haben, anfangend mit leeren Flaschen und aufhörend höchst wahrscheinlich mit Bargeld. Ein echter Demokrat würde mit kameradschaftlicher Geradheit in der Stimme gefragt haben, was zum Teufel er denn habe. Aber diese modernen Plutokraten konnten einen armen Mann nicht in ihrer Nähe vertragen, weder als Sklaven noch auch als Freund. Daß irgend etwas mit der Bedienung nicht stimmte, war für sie eine höchst peinliche Zwickmühle. Brutal wollten sie nicht sein, und wohlwollend sein zu wollen, davor schreckten sie zurück. Sie wollten, das Ding, was immer es auch sei, wäre vorüber. Und es war vorüber. Der Kellner drehte sich, nachdem er ein paar Sekunden steif wie vom Starrkrampf befallen dagestanden hatte, herum und schoß wie verrückt hinaus. Als er wieder erschien, war er in Begleitung eines zweiten Kellners, mit dem er tuschelte und in südländischer Lebhaftigkeit gestikulierte. Dann ging der erste Kellner weg, ließ den zweiten zurück und erschien wieder mit einem dritten. Um die Zeit, als ein vierter Kellner dieser hurtigen Synode sich zugesellt hatte, empfand Mr. Audley im Interesse des Taktes für notwendig, das Schweigen zu brechen. Das tat er an Stelle einer Präsidentenglocke mit einem sehr lauten Räuspern, sowie indem er sagte:

»Famos, wie der junge Moocher in Birma wirkt! Ich glaube kein anderes Volk der Welt besitzt –«

Ein fünfter Kellner war wie ein Pfeil auf ihn zugeschwirrt und raunte ihm ins Ohr.

»Sehr leid! Wichtig! Kann Sie der Besitzer sprechen?«

Der Vorsitzende wandte sich verwirrt, und in stummem Starren sah er Mr. Lever in schwerfälliger Eilfertigkeit herankommen. Die Haltung des guten Besitzers war in der Tat seine gewöhnliche, keineswegs aber das gewöhnliche war sein Gesicht. Sonst pflegte es ein frisches Kupferbraun zu sein, jetzt war es ein kränkliches Gelb.

»Sie werden verzeihen. Mr. Audley,« begann er in asthmatischer Atemlosigkeit. »Ich hege eine große Befürchtung. Nämlich Ihre Fischteller, sie sind mitsamt den Messern und Gabeln weggeräumt worden!«

»Well, ich hoffe,« erwiderte der Vorsitzende mit etwas Wärme.

»Sehen Sie ihn?« schnappte der aufgeregte Hotelwirt. »Sehen Sie den Kellner, der sie wegnahm? Kennen sie ihn?«

»Den Kellner kennen?« antwortete Mr. Audley entrüstet. »Natürlich nicht!«

Mr. Lever rang mit einer Bewegung von Todesangst die Hände. »Ich habe ihn niemals geschickt,« sagte er. »Ich weiß nicht, wann und weshalb er kommt. Ich schicke meinen Kellner, um die Teller abzuräumen, und er findet sie bereits weggeräumt!«

Mr. Audley blickte beinahe zu verwirrt drein, um wirklich der Mann zu sein, dessen das Reich bedarf: niemand von der Gesellschaft war imstande, etwas zu sagen, ausgenommen der Mann aus Holz – Oberst Pound –, der zu unnatürlichem Leben galvanisiert zu sein schien. Steif erhob er sich von seinem Stuhle, ließ alle anderen sitzen, quetschte sich den Glasscherben ins Auge und sprach mit heiserer, gedämpfter Stimme, als hätte er das Sprechen zur Hälfte verlernt:

»Meinen Sie, daß jemand unser Silber-Fischservice gestohlen hat?«

Der Besitzer wiederholte seine Händebewegung, diesmal nur noch mit noch größerer Hilflosigkeit, und im Nu standen alle am Tische auf den Füßen.

»Sind Ihre Kellner hier?« fragte der Oberst in seiner leisen, rauhen Art.

»Ja, es sind alle hier. Ich habe das selbst konstatiert,« rief der junge Herzog, sein knabenhaftes Gesicht in die Mitte drängend. »Ich zähle sie jedes Mal, wenn ich hereinkomme; sie sehen so spaßig aus. wenn sie so längs der Wand dastehen.«

»Aber man kann sich doch gewiß nicht so genau erinnern,« begann Mr. Audley in schwerfälligem Zögern.

»Ich entsinne mich ganz genau, sage ich Ihnen,« rief der Herzog erregt. »Es waren nie mehr als fünfzehn Kellner an diesem Platze, und es waren nicht mehr als fünfzehn heute abend, das kann ich beschwören; nicht mehr und nicht weniger!«

Zitternd, als träfe ihn ein Schlaganfall der Überraschung, wandte sich der Besitzer zu ihm: »Sie sagen – Sie sagen,« stammelte er, »daß Sie sahen alle meine Kellner?«

»Wie gewöhnlich,« bestätigte der Herzog: »was soll es damit?«

»Nichts,« erwiderte Lever mit vertieftem Nachdrucke. »nur daß Sie es nicht taten. Denn einer von ihnen liegt tot im Zimmer oben.«

Für einen Augenblick herrschte beängstigende Stille im Zimmer. Es mag sein – so übernatürlich ist das Wort »tot« –, daß ein jeder von diesen Tagedieben auf eine Sekunde in seine Seele Einblick hielt und sie wie eine kleine vertrocknete Erbse erblickte. Einer von ihnen – der Herzog glaube ich – meinte sogar mit der idiotischen Liebenswürdigkeit des Reichen:

»Können wir vielleicht etwas tun?«

»Er hat einen Priester gehabt,« antwortete der Jude nicht ohne Rührung.

Dann wie beim Getöse des Jüngsten Gerichtes erwachten sie zu ihrer eigenen Lage. Denn ein paar unheimliche Sekunden lang hatten sie wirklich das Empfinden gehabt, der fünfzehnte Kellner könnte der Geist des toten Mannes von dort oben gewesen sein. Sie hatten unter jenem Drucke vor sich hingestarrt, denn Geister waren für sie etwas ebenso Entsetzliches wie Bettler. Aber die Erinnerung an das Silber brach den Zauber des Wundersamen, brach ihn unvermittelt und erzeugte eine heftige Gegenwirkung. Der Oberst warf seinen Stuhl rücksüber und schritt eilig der Türe zu.

»Wenn ein fünfzehnter Mann hier war, meine Freunde,« sagte er. »war der fünfzehnte Bursche ein Dieb. Sofort hinab an die Vorder- und Hintertüre und alles besetzt! Dann wollen wir weiterreden. Die vierundzwanzig Perlen des Klubs sind es wert, daß wir sie herbeischaffen.«

Mr. Gudley schien anfangs zu zögern, ob es sich schicke, wegen irgend etwas so in Eile zu geraten; als er aber den Herzog in jugendlichem Ungestüm die Treppen hinabschießen sah, folgte er mit etwas gereifteren Bewegungen. Im gleichen Augenblicke rannte ein sechster Kellner ins Zimmer und erklärte, er habe den Stoß Fischteller auf einem Anrichtetisch gefunden, aber ohne eine Spur des Silbers.

Der Haufe der Gäste und Kellner, der Hals über Kopf die Gänge hinabstürzte, teilte sich in zwei Gruppen. Die meisten der »Fischer« folgten dem Besitzer nach dem nach vorne gelegenen Raume, um zu fragen, ob irgend jemand hinausgegangen sei. Oberst Pound mit dem Vorsitzenden, dem Vize und noch einigen anderen stürmte den zu den Dienerschaftsräumen führenden Weg als den wahrscheinlicheren der Flucht entlang. Dabei kamen sie an der dunklen Nische oder Höhle des Kleiderraumes vorüber und sahen dort eine untersetzte, schwarzberockte Gestalt, vermutlich einen Diener, der sich ein wenig rückwärts im Schatten hielt.

»Hallo! Sie dort!« rief der Herzog. »Haben Sie jemanden vorüberkommen gesehen?«

Die untersetzte Gestalt beantwortete die Frage nicht direkt, sondern sagte nur:

»Vielleicht habe ich, was Sie suchen, meine Herren.«

Sie hielten an, unschlüssig und neugierig, während jener ruhig nach dem Hintergrund der Dunkelkammer ging und dann zurückkehrte, beide Hände voll glänzenden Silbers, das er mit der Ruhe eines Verkäufers auf der Bank vor sich ausbreitete. Es nahm schließlich die Form eines Dutzend eigentümlich geformter Gabeln und Messer an.

»Du – du –« begann der Oberst endlich ganz außer Fassung. Dann guckte er in das dämmerige, kleine Loch und erkannte zwei Dinge, erstens, daß der untersetzte, schwarzberockte Mann wie ein Geistlicher gekleidet war, und zweitens, daß das Fenster dahinter geborsten war, wie wenn jemand mit Gewalt durchgebrochen wäre.

»Wertvolle Sachen zum Aufbewahren in einer Garderobe, nicht?« bemerkte der Geistliche mit heiterer Ruhe.

»Haben – haben Sie diese Dinger gestohlen?« stotterte Mr. Audley starren Blickes.

»Wenn schon,« erwiderte jener vergnügt, »so bringe ich sie jetzt wenigstens wieder zurück.«

»Aber Sie haben es doch nicht getan? Nicht?« warf der Oberst dazwischen, immer noch das zerbrochene Fenster anstarrend.

»Offen gestanden, nein,« gab jener frohgelaunt zurück und setzte sich ganz ernsthaft auf einen Stuhl nieder.

»Aber Sie wissen, wer!« forschte der Oberst weiter.

»Seinen wirklichen Namen kenne ich nicht,« antwortete der Priester sanft, »aber ich weiß einiges von seinem Kampfwerte und ein gutes Stück mehr von seinen geistlichen Nöten. Ich lernte ihn von seiner physischen Seite stark schätzen, als er versuchte, mich zu erwürgen, und von der moralischen, als er bereute.«

»O wirklich – bereute?« rief der junge Chester unter krähendem Lachen.

Father Brown stand auf und, die Hände auf dem Rücken, bemerkte er: »Spassig, nicht, daß ein Dieb und Landstreicher bereuen sollte, wenn so viele andere, die reich sind und ohne Sorgen, hart und leichtfertig bleiben und ohne Früchte für Gott und die Menschheit? Aber verzeihen Sie gefälligst, damit überschreiten Sie ein wenig die Grenze meines Gebietes. Wenn Sie die Reue als eine vorkommende Tatsache bezweifeln, hier, bitte, sind Ihre Messer und Gabeln. Sie sind die »Zwölf wahren Fischer« und hier sind all Ihre Silberfische. Er aber hat mich zum Menschenfischer gemacht.«

»Haben Sie den Burschen gefangen?« fragte der Oberst mit gerunzelter Stirne.

Father Brown blickte ihm voll ins Gesicht.

»Ja,« sagte er, »ich fing ihn mit einer unsichtbaren Angel und einer unsichtbaren Leine, die lang genug ist, ihn bis ans Ende der Erde laufen zu lassen und ihn mit einem einzigen Zucken des Garnes zurückzubringen.«

Ein langes Schweigen folgte. Die anwesenden Männer verzogen sich einer um den anderen, um den Gefährten das wiedergewonnene Silber zurückzubringen. Nur der Oberst mit dem grimmigen Gesichte saß immer noch auf dem Tische, seine langen, dürren Beine schlenkernd und seinen dunklen Schnurrbart kauend. Endlich wandte er sich in aller Ruhe zu dem Priester:

»Muß ein geriebener Bursche gewesen sein, aber ich glaube, ich kenne einen noch geriebeneren.«

»Das war er auch,« gab dieser zurück, »aber ich verstehe nicht ganz, welchen anderen Sie noch meinen.«

»Sie meine ich,« erwiderte der Oberst mit kurzem Lachen. »Ich verlange nicht, daß der Kerl ins Loch kommt, machen Sie sich darob keine Sorge, aber eine Handvoll Silbergabeln gäbe ich, wenn ich genau wüßte, wie Sie in diese Geschichte verwickelt wurden und das Zeug wieder von ihm herausbekamen. Ich denke, Sie sind der allermodernste Gauner der geehrten Anwesenden.«

Father Brown schien die grimmige Biederkeit des alten Soldaten eher zu gefallen.

»Nun,« meinte er lächelnd, »über die Identität des Mannes darf ich Ihnen nichts sagen, noch auch etwas von seiner Erzählung: aber ich sehe keinen besonderen Grund, weshalb ich Ihnen nicht die rein äußerlichen Tatsachen, die ich selbst herausfand, mitteilen sollte.«

Mit unerwarteter Behendigkeit schwang er sich über die Schranke und setzte sich neben Oberst Pound, indem er wie ein kleiner Junge auf einem Zaun die kurzen Beine schlenkerte. Wie wenn er zu einem alten Freunde vor dem Kaminfeuer spräche, so unbefangen begann et seine Geschichte zu erzählen.

»Sehen Sie, Oberst,« hub er an, »ich war in jene kleine Kammer dort eingeschlossen und hatte etwas zu schreiben, als ich ein paar Füße in diesem Gange einen Tanz aufführen hörte, der so merkwürdig war wie ein Totentanz. Erst kamen kurze, spassig kleine Schritte wie von einem Manne, der um die Wette auf den Zehenspitzen läuft: dann kamen langsame, sorglose, knarrende Schritte wie von einem großen Manne, der herumschlendert und dabei Zigarren raucht. Aber ich schwöre Ihnen, beide wurden von denselben Füßen hervorgebracht und folgten sich abwechselnd; erst das Laufen, dann das Gehen und dann wieder das Laufen. Erst ohne mir etwas dabei zu denken, dann aber tausenderlei vermutend, wunderte ich mich, weshalb ein Mensch diese beiden Rollen auf einmal spielen wollte. Die eine Gangart kannte ich, sie war gerade wie die Ihrige, Oberst. Es war der Schritt eines wohlgenährten Herrn, der auf etwas wartet, der umherschlendert, eher weil er physisch behend, als geistig ungeduldig ist. Ich kannte auch die andere Gangart, aber es fiel mir nicht ein, welche es war. Welches Geschöpf hatte ich doch auf meinen Reisen angetroffen, das auf den Zehenspitzen in dieser ungewöhnlichen Weise einherhüpfte? Dann hörte ich von irgendwoher das Klirren von Tellern und die Antwort stand klar vor mir, so gewaltig wie die Peterskirche. Es war der Schritt eines Kellners, jenes Laufen mit vorgebeugtem Oberkörper, die Augen gesenkt, mit den Ballen den Boden hinter sich stoßend, mit fliegenden Frackschößen und wehender Serviette. Dann überlegte ich anderthalb Minuten. Und ich glaube, ich durchschaute das Verbrechen in allen seinen Einzelheiten, so klar, als beginge ich es selbst.«

Oberst Pound blickte ihn durchdringend an, doch des Sprechers milde, graue Augen waren in beinahe inhaltslosem Sinnen zur Decke gerichtet.

»Ein Verbrechen ist wie jedes andere Kunstwerk. Sehen Sie mich nicht erstaunt an, Verbrechen sind keineswegs die einzigen Kunstwerke, die aus der Höllenwerkstätte hervorgehen. Aber jedes Kunstwerk, ob höllisch oder göttlich, weist ein unerläßliches Kennzeichen auf, nämlich das, daß sein Kern, so vielgestaltig auch die Ausführung sein mag, durchaus einfach ist. So haben wir z. B. in Hamlet die Groteske des Totengräbers, die Blumen der Wahnsinnigen, den phantastischen Putz Osrics, die Fahlheit des Geistes und den grinsenden Schädel, aber all diese Absonderlichkeiten sind wie ein Drahtgewirr geflochten um die einfache, tragische Gestalt, eines Mannes in Schwarz. Nun gut,« fuhr er fort, indem er langsam und mit einem Lächeln von seinem Sitze herabglitt, »auch dies ist die einfache Tragödie eines Mannes in Schwarz. Ja,« bemerkte er unbeirrt, als er den Oberst verwundert aufblicken sah, »diese ganze Geschichte dreht sich um einen schwarzen Frack. Hier, wie in Hamlet, sind die Rokokoverschnörkelungen – Sie selbst zum Beispiel. Da haben wir den toten Kellner, der zur Hand war, als er nicht zur Hand sein sollte, da haben wir die unsichtbare Hand, die von Ihrem Tisch das Silber fegte und dann in nichts zerrann. Aber jedes geschickt ausgeführte Verbrechen beruht im letzten Grunde auf irgendeiner ganz einfachen Tatsache, einer Tatsache, die an sich selbst nichts Geheimnisvolles hat. Die Täuschung, das Geheimnis entsteht erst durch die Entdeckung, dadurch daß die Gedanken der Menschen immer weiter und weiter geleitet werden. Dieses große und fein angelegte und (bei ungestörtem Verlaufe) sehr einträgliche Verbrechen war aufgebaut auf die simple Tatsache, daß die Abendkleidung eines Gentleman und die eines Kellners ein und dieselbe ist. Alles übrige war Spiegelfechterei und noch dazu ganz ausnehmend gute Spiegelfechterei.«

»Noch bin ich nicht sicher,« meinte der Oberst im Aufstehen, und indem er seine Schuhe besah, »ob ich verstehe.«

»Oberst,« erwiderte Father Brown, »ich sage Ihnen, daß dieser Erzengel von Unverschämtheit, der Ihre Gabeln gestohlen hat, zwanzigmal im vollen Lichte all dieser Lampen auf und nieder gelaufen ist, vor aller Augen! Er ging nicht hin und verbarg sich in finstern Winkeln, wo der Verdacht seine Entdeckung verursacht haben würde. Er war beständig in den erleuchteten Gängen auf den Füßen, und überall, wohin er kam, schien er mit vollem Rechte zu sein. Fragen Sie mich nicht, wie er aussah; Sie haben ihn heute abend selbst sechs- oder siebenmal gesehen. Sie warteten mit all den anderen hohen Herren dort am Ende des Ganges, hinter dem die Terrasse liegt. So oft er unter Sie trat, geschah es in der blitzartigen Weise eines Kellners, mit gesenktem Kopfe, fliegender Serviette und eiligen Laufes. Er schoß auf die Terrasse hinaus, machte sich irgendwie am Tischtuche zu schaffen und schoß wieder zurück zum Bureau und hinab zu den Räumen der Kellner. Sowie er in den Gesichtskreis des Bureaubediensteten und der Kellner gekommen war, hatte er sich in jedem Zoll seines Körpers, in jeder instinktiven Bewegung in einen anderen Mann verwandelt. Mit der geistesabwesenden Überlegenheit, welche diese von all ihren Herren gewohnt sind, schlenderte er unter den Kellnern umher. Ihnen war es nichts Neues, daß irgendein Taugenichts von der Tischgesellschaft in allen Teilen des Hauses herumrannte wie ein Tier im zoologischen Garten; sie wissen, daß nichts besser die oberen Zehntausend kennzeichnet als ein Herumstrolchen, wo es ihnen paßt. War er dann des Lustwandelns in diesem besonderen Gange müde, so kehrte er um und verschwand wieder hinter dem Bureau; genau dahinter, im Schatten des Bogens verwandelte er sich wie durch Zauberschlag und lief wieder emsig zwischen den »Zwölf Fischern« hin, der Typus des ergebensten Dieners, weshalb sollten die Herren einen zufälligen Kellner beachten? Weshalb sollte bei den Kellnern ein tadellos umherschlendernder Gentleman Verdacht erregen? Ein paarmal vollführte er sogar die gewagtesten Tricks. In den Privaträumen des Besitzers verlangte er lärmend eine Flasche Soda, er sei durstig. Herablassend bemerkte er, er wolle sie selbst tragen, und das tat er auch. Rasch und korrekt trug er die Flasche mitten zwischen Ihnen hindurch, ohne Zweifel ein Kelln er mit einem Auftrage. Natürlich, lange ließ sich das nicht durchhalten, aber es war ja nur notwendig bis nach dem Fischgange.

Sein schlimmster Augenblick war, als die Kellner in einer Reihe standen, doch selbst da brachte er es fertig, gerade um die Ecke herum, an der Wand zu lehnen in einer Weise, daß in jenem gefährlichen Augenblicke die Kellner ihn für einen Gast und die Gäste ihn für einen Kellner hielten. Alles übrige ging wie der Blitz. Wenn je ein Kellner ihn fern von der Tafel angehalten hätte, würde er einen nachlässigen Aristokraten angehalten haben. Er brauchte sich alles nur gut einzuteilen, zwei Minuten ehe der Fisch abzutragen war; da mußte er ein flinker Kellner werden und selbst abräumen. Er stellte die Teller auf einen Anrichtetisch beiseite, stopfte das Silber in seine Brusttasche, gab dieser ein gerundetes Aussehen und rannte dann wie ein Wiesel – ich hörte ihn kommen –, bis er den Ankleideraum erreichte. Dort hatte er wieder ein Plutokrat zu sein, ein Plutokrat, der unerwartet in irgendeiner Sache abgerufen wurde. Er brauchte nur seine Marke dem Kleiderbewahrer zu reichen und dann elegant wie er gekommen war wegzugehen. Nur – nur daß eben zufällig ich der Kleiderbewahrer war.«

»Und Sie, was machten Sie mit ihm?« unterbrach ihn der Oberst. »Was sagten Sie zu ihm?«

»Verzeihen Sie,« antwortete der Priester, »aber hier hört die Geschichte auf.«

»– und beginnt erst der interessante Teil,« brummte Pound. »Ich glaube, seinen Gaunerstreich verstehe ich, aber mir scheint, den Ihrigen habe ich noch nicht begriffen«

»Ich muß gehen,« schloß Father Brown.

Sie schritten mitsammen den Gang entlang der Vorhalle zu, wo sie das frische Sommersprossengesicht des Herzogs von Chester erblickten, der ihnen frohgestimmt entgegenlief.

»Kommen Sie mit, Pound,« rief er atemlos. »überall habe ich nach Ihnen gesucht. Das Diner nimmt ganz prächtig seinen Fortgang und der alte Audley ist beauftragt, zu Ehren der Rettung der Gabeln eine Rede zu halten, Wir müssen irgendeine neue Zeremonie einführen, nicht? Zum Andenken an das Ereignis. Was schlagen Sie vor?«

»Nun,« erwiderte der Oberst, indem er ihn mit einer gewissen grimmigen Zustimmung ins Auge faßte, »ich würde vorschlagen, wir tragen in Zukunft grüne Fräcke anstatt der schwarzen. Man weiß nie, was für Mißverständnisse entstehen können, wenn man wie ein Kellner aussieht.«

»A bah!« wehrte der junge Mann, »ein Gentleman sieht nie wie ein Kellner aus.«

»Noch auch ein Kellner wie ein Gentleman, denke ich,« gab Oberst Pound mit demselben bitteren Lachen auf dem Gesichte zurück, »Hochwürdiger Herr, Ihr Freund muß sehr gerieben gewesen sein, um den Gentleman spielen zu können.«

Father Brown knöpfte sich seinen Alpakaüberzieher bis zum Halse hinauf zu, denn die Nacht war windig: dann nahm er sein Alltagsregendach vom Ständer. »Ja,« meinte er, »es muß eine sehr harte Arbeit sein, ein Gentleman zu sein; aber manchmal schon habe ich mir gedacht, es muß beinahe ebenso anstrengend sein, Kellner zu sein.«

Und mit einem »guten Abend« stieß er die schweren Türen dieses Vergnügungspalastes auf. Die goldenen Pforten schlossen sich hinter ihm und schnellen Schrittes wanderte er durch die dunstigen, finsteren Straßen dahin auf der Suche nach einem Penny-Omnibus.

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