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Priester und Detektiv

Gilbert Keith Chesterton: Priester und Detektiv - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titlePriester und Detektiv
publisherFriedrich Pustet
year1920
translatorH. M. von Lama
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060912
projectid95b38bfb
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Der geheime Garten

Aristide Valentin, Chef der Pariser Polizei, hatte sich zu seinem Diner etwas verspätet und einige seiner Gäste begannen vor ihm einzutreffen. Sie wurden jedoch von seinem getreuen Diener Iwan beruhigt, dem Alten mit der Narbe und einem Gesichte, das beinahe ebenso grau war wie sein Schnurrbart, und der immer an seinem Tische in der Vorhalle saß, einer mit Waffen behängten Vorhalle. Valentins Haus war vielleicht ebenso eigenartig und berühmt wie dessen Besitzer. Es war ein altes Haus mit hohen Mauern und mächtigen Pappeln, welche beinahe die Seine überhingen; aber das Seltsame seiner Bauart – und vielleicht sein Polizeiwert – bestand darin, daß es gar keinen anderen Ausgang ins Freie besaß, als den durch die Eingangstüre, die von Iwan und der Waffensammlung bewacht wurde. Der Garten war groß und gut gepflegt und es gab verschiedene Zugänge aus dem Hause in den Garten; aber es gab keinen Ausgang aus dem Garten in die Außenwelt. Ringsherum lief eine hohe, glatte unersteigbare Mauer mit eigentümlichen Stacheln auf dem Rücken, wohl kein übler Garten für einen solchen Mann, wenn man bedenkt, daß einige Hundert Verbrecher geschworen hatten, ihn aus der Welt zu schaffen.

Wie Iwan den Gästen erklärte, hatte ihr Gastgeber telephoniert, er sei noch auf zehn Minuten zurückgehalten. In Wirklichkeit war er dabei, noch einige letzte Anordnungen für Hinrichtungen und ähnliche garstige Dinge zu treffen, und obwohl ihm diese Pflichten von Grund aus widerwärtig waren, vollzog er sie doch stets mit aller Pünktlichkeit. Unbarmherzig in der Verfolgung von Verbrechern, war er sehr nachsichtig bezüglich ihrer Bestrafung. Seit er an der Spitze des französischen und im allgemeinen auch europäischen Polizeiwesens stand, verwandte er seinen großen Einfluß ehrlich zugunsten einer Milderung der Verurteilungen und einer Säuberung der Gefängnisse. Er war einer jener menschenfreundlichen Freidenker, welche das einzige Schlimme an sich haben, daß sie das Erbarmen sogar noch kälter als die Gerechtigkeit machen.

Als Valentin eintraf, steckte er bereits in schwarzer Kleidung mit der roten Rosette – eine elegante Gestalt mit dunklem, jedoch bereits ergrauendem Barte. Er begab sich geradeaus durch sein Haus in sein Studierzimmer, welches auf den dahinter liegenden Grundbesitz hinausging. Die Gartentüre war offen, und nachdem er seine Handtasche an ihren dafür bestimmten Platz versperrt hatte, stand er zwei Sekunden am offenen Fenster und blickte in den Garten hinaus.

Die scharfe Mondsichel kämpfte mit den fliegenden Fetzen und Trümmern eines Sturmes und Valentin betrachtete ihn mit einer für eine wissenschaftliche Natur, wie es die seinige war, ungewöhnlichen Nachdenklichkeit. Vielleicht besitzen solche wissenschaftliche Naturen irgendeinen seelischen Weitblick auf die schrecklichsten Probleme ihre Lebens. Wenigstens beeilte er sich, eine solche Stimmung von sich abzuschütteln, denn er wußte, er war spät daran und seine Gäste hatten schon begonnen einzutreffen. Ein Blick in den Salon genügte ihm bei seinem Eintreten, ihn zu vergewissern, daß sein hauptsächlichster Gast jedenfalls noch fehlte. Er sah all die anderen Stützen der kleinen Gesellschaft: er sah Lord Galloway, den englischen Gesandten, einen cholerischen alten Herrn mit einem rotbraunen Gesichte wie ein Apfel, und dem blauen Bändchen des Hosenbandordens. Er sah Lady Galloway, schmächtig und dünn wie ein Faden, mit silbernem Haar und einem empfindsamen und überlegenen Gesicht. Er sah deren Tochter, Lady Margaret Graham, ein bleiches und hübsches Mädchen mit einem Elfengesicht und kupferfarbenem Haar. Er sah die Herzogin von Mont St. Michel, schwarzäugig und üppig, und mit ihr ihre zwei Töchter, ebenfalls schwarzäugig und üppig. Er sah Dr. Simon, den typischen französischen Gelehrten mit Brille, braunem Spitzbart und einer von jenen parallelen Runzeln durchfurchten Stirne, welche die Strafe des Hochmutes sind, da sie durch fortwährendes Hochziehen der Brauen entstehen. Er sah Father Brown aus Cobhole in Essex, den er vor kurzem in England kennen gelernt hatte. Er sah – vielleicht mit mehr Interesse als irgend jemand von all diesen – einen großen Mann in Uniform, der sich zu den Galloways herabbeugte, ohne jedoch ein besonders herzliches Entgegenkommen zu finden, und nun herantrat, dem Gastgeber seine Aufwartung zu machen. Das war Hauptmann O'Brien von der französischen Fremdenlegion. Er war eine geschmeidige und doch etwas großtuerische Gestalt, glattrasiert, dunkelhaarig, blauäugig und, wie es bei einem Offizier jenes berühmten Regimentes siegreicher Mißerfolge und erfolgreicher Selbstmorde natürlich schien, mit einem Ausdrucke von Ungestüm sowohl wie von Schwermut. Er war von Geburt Irländer und hatte in jungen Jahren die Galloways gekannt – besonders Margaret Galloway. Von Gläubigern bedrängt, hatte er seine Heimat verlassen und brachte jetzt seine vollständige Verachtung für britische Etikette dadurch zum Ausdruck, daß er in Uniform und mit Säbel und Sporen umherschlenderte. Als er sich zur Familie des Gesandten herniederbeugte, verneigten sich Lord und Lady Galloway steif und Lady Margaret blickte zur Seite.

Doch aus welchen alten Gründen auch immer solche Leute aneinander interessiert sein mochten, ihr ausgezeichneter Gastgeber nahm kein besonderes Interesse an ihnen. Keines von ihnen war wenigstens in seinen Augen der Gast des Abends. Valentin erwartete aus besonderen Gründen einen Mann von weltumfassendem Rufe, dessen Freundschaft er sich auf einigen seiner großen Detektivreisen in den Vereinigten Staaten erworben hatte. Er erwartete Julius A. Brayne, jenen Multimillionär, dessen riesige und selbst erdrückende Schenkungen zugunsten kleiner Religionsgemeinschaften den amerikanischen Blättern Anlaß zu manchem leichten Scherz und zu manchem leichten Ernst gaben. Niemand konnte genau angeben, ob Mr. Brayne Atheist war oder Mormone oder Gesundbeter; aber er war stets bereit, Geld in jedes geistige Gefäß zu schütten, solange dieses keins war, das sich überlebt hatte. Eines seiner Steckenpferde bestand darin, auf den amerikanischen Shakespeare zu warten – ein Steckenpferd, das mehr Geduld erforderte als Angeln. Er bewunderte Walt Whitman, hielt aber Lukas P. Tanner aus Paris, Pa., für »fortschrittlicher« als Whitman. Er hatte eine Vorliebe für alles, was er für fortschrittlich hielt. Auch Valentin hielt er für fortschrittlich, tat ihm damit aber ein großes Unrecht an.

Das Erscheinen Julius K. Braynes im Zimmer wirkte so entscheidend wie die Tischglocke. Er besaß jene große Eigenschaft, welcher sehr wenige von uns sich rühmen können, nämlich daß seine Gegenwart so fühlbar wirkte wie seine Abwesenheit. Er war von mächtiger Gestalt, ebenso fett wie stark, steckte in tadelloser Abendtoilette, ohne ihr auch nur durch so viel wie eine Uhrkette oder einen Ring nachzuhelfen. Sein Haar war weiß und wie bei einem Deutschen glatt nach rückwärts gekämmt, das Gesicht rot, leidenschaftlich und unschuldig, mit einem dunklen Knebelbarte an der Unterlippe, was diesem sonst kindlichen Gesichte etwas Theatralisches, ja selbst Mephistophelisches verlieh. Nicht lange jedoch beschränkte sich dieser Salon darauf, den berühmten Amerikaner anzustarren, sein verspätetes Kommen war schon ein häusliches Problem geworden und mit aller Beschleunigung wurde er mit Lady Galloway am Arme in das Speisezimmer geschickt.

Einen Punkt ausgenommen, waren die Galloways ganz heiter und unbefangen. Solange Lady Margaret nicht den Arm jenes Abenteurers O'Brien nahm, war ihr Vater ganz zufrieden, und sie hatte es nicht getan, sie war, wie es sich geziemte, mit Dr. Simon eingetreten. Nichtsdestoweniger war der alte Lord Galloway unruhig und beinahe grob. Während des Diners benahm er sich noch halbwegs als Diplomat, als aber bei den Zigarren drei von den jüngeren Herren – Simon, der Doktor, Brown, der Priester, und der störende O'Brien, der Verbannte in fremder Uniform – sich verzogen, um sich unter die Damen zu mischen oder im Gewächshause zu rauchen, wurde der englische Diplomat in der Tat sehr undiplomatisch. Alle sechzig Sekunden stachelte ihn der Gedanke auf, der Taugenichts von einem O'Brien könnte irgendwie Lady Margaret Zeichen machen; auf welche Weise, bemühte er sich erst gar nicht sich vorzustellen. Er war mit Brayne, dem weißhaarigen Yankee, der an alle Religionen glaubte, und Valentin, dem ergrauenden Franzosen, der an gar keine glaubte, seinem Kaffee überlassen. Miteinander streiten, das konnten sie, aber keiner von ihnen war imstande, ihn ins Gespräch zu ziehen. Nach einiger Zeit hatte die fortschreitende Wortklauberei den Gipfelpunkt der Langweile erreicht und Lord Galloway erhob sich und suchte den Salon auf. Sechs bis acht Minuten verlor er in den langen Gängen seinen Weg, bis er die hochgestimmte, dozierende Stimme des Doktors und dann die langsame des Priesters gefolgt von allgemeinem Gelächter hörte. Aber im Augenblicke, da er die Salontüre öffnete, sah er nur eines – er sah was nicht dort war. Er sah, daß Hauptmann O'Brien fehlte und daß auch Lady Margaret nicht da war.

Ungeduldig, wie er das Speisezimmer verlassen hatte, den Rauchsalon verlassend, stampfte er nochmals den Gang entlang. Sein Bestreben, seine Tochter vor dem irisch-algerischen Tunichtgut zu beschützen, war etwas wie der Mittelpunkt seines Geistes, eine nahezu fixe, verrückte Idee geworden. Als er der Rückseite des Hauses zuschritt, wo Valentins Arbeitszimmer lag, war er überrascht, seine Tochter zu treffen, welche mit blassem, achtlosem Gesichte vorüberschoß, was ein zweites Rätsel darstellte. Wenn sie mit O'Brien zusammen war, wo war O'Brien? Wenn sie mit O'Brien nicht zusammengewesen war, wo war sie gewesen? Mit dem dem Alter eigenen leidenschaftlichen Verdachte strebte er vorwärts dem hinteren, dunklen Teile des Hauses zu und traf zufällig auf eine Dienstbotentüre, welche auf den Garten hinausführte. Der Mond hatte jetzt mit seiner Sichel die ganzen Reste des Sturmes zerrissen und vor sich hergewälzt. Sein Silberlicht erhellte alle vier Winkel des Gartens. Eine hohe Gestalt in Blau schritt über den Rasen der Türe des Arbeitszimmers zu und ein Schimmer des Mondlichtes auf ihrem Umrisse ließ sie als den Hauptmann O'Brien erkennen.

Er verschwand durch die französische Glastüre in das Haus und ließ Lord Galloway in einer ganz unbeschreiblichen Geistesverfassung, giftig und zugleich unentschlossen. Der Garten, der in seinem Blau und Silber wie die Bühne eines Theaters erschien, schien ihn zu verhöhnen mit all jener aufdringlichen Zartheit, gegen die seine weltliche Überlegenheit vergebens anzukämpfen suchte. Die Länge und Eleganz der Schritte des Irländers versetzten ihn auch in Zorn, als wäre er nicht der Vater, sondern der Nebenbuhler, und das Mondlicht machte ihn vollends rasend. Wie in einer Watteauschen Märchenlandschaft fühlte er sich von dem Zauber eines Troubadourgartens gefangen, und entschlossen, sich solch verliebten Verrücktheiten durch Unterhaltung zu entziehen, lief er hinter seinem Feinde drein. Er strauchelte dabei über eine Wurzel oder einen Stein im Grase. Er blickte zu Boden, zuerst ärgerlich, dann ein zweites Mal neugierig. Im nächsten Augenblick schien der Mond und sahen die hohen Pappeln auf etwas ganz Außergewöhnliches hernieder – auf einen ältlichen englischen Diplomaten, der davonsprang und dabei schrie oder brüllte.

Seine heiseren Schreie riefen ein bleiches Gesicht in die Türe des Studierzimmers, die blitzende Brille und die hochgezogenen Brauen Dr. Simons, der des Edelmannes erste klare Worte vernahm. Lord Galloway schrie:

»Eine Leiche im Grase, eine blutige Leiche!«

An O'Brien dachte er gar nicht mehr.

»Wir müssen sofort Valentin davon verständigen,« meinte der Doktor, als der andere in abgerissenen Worten alles beschrieb, was er zu erkennen gewagt hatte. »Ein Glück, daß er hier ist!« und eben als er sprach, trat der große Detektiv ins Studierzimmer, herbeigerufen durch den Schrei. Es war beinahe amüsant, seine typische Veränderung zu beobachten. Er war eingetreten mit der gewöhnlichen Unruhe des Gastgebers und Gentlemans, welcher fürchtet, daß einer seiner Gäste oder Dienstboten erkrankt ist. Als er jedoch die blutige Tatsache erfuhr, wurde er bei all seinem feierlichen Ernste plötzlich munter und geschäftsmäßig, denn, so unerwartet und gräßlich es sein mochte, es war sein Beruf.

»Seltsam, meine Herren,« sagte er, als sie in den Garten hinauseilten, »daß ich Geheimnisse um die Erde herum verfolgt haben sollte und nun kommt eines und nistet sich in meinem eigenen Garten ein. Wo ist der Ort?«

Sie überquerten den Rasen mit etwas weniger Zuversicht, da ein leichter Dunst vom Flusse sich zu erheben begonnen hatte, doch unter der Führung des verstörten Galloway fanden sie den in das tiefe Gras gesunkenen Körper, den Körper eines sehr großen und breitschulterigen Mannes. Er lag mit dem Gesichte nach unten, so daß man nur gewahrte, daß seine starken Schultern von schwarzem Tuche bekleidet waren und sein mächtiger Kopf außer einigen Haarbüscheln, die wie nasses Seegras an dem Schädel klebten, kahl war. Eine Scharlachschlange von Blut kroch unter seinem Gesichte hervor.

»Wenigstens,« meinte Simon mit einem tiefen und eigentümlichen Ausdruck, »ist es niemand aus unserer Gesellschaft!«

»Untersuchen Sie ihn, Doktor,« rief Valentin ziemlich hastig, »er könnte noch nicht ganz tot sein.«

Der Doktor bückte sich nieder.

»Er ist nicht ganz kalt, aber ich fürchte, er ist tot genug,« entschied er. »Helfen Sie mir einmal, ihn aufzurichten.«

Sorgfältig hoben sie ihn einen Zoll hoch vom Boden empor, und alle Zweifel, ob er wirklich tot sei, waren sofort aufs gräßlichste beseitigt, denn – das Haupt fiel herab. Es war gänzlich vom Körper getrennt gewesen. Wer immer ihm den Hals durchgeschnitten haben mochte, der hatte ihm auch den Nacken durchgeschnitten. Selbst Valentin erschrak ein wenig.

»Er muß stark gewesen sein wie ein Gorilla,« murmelte er.

Obwohl an anatomische Operationen gewöhnt, hob Dr. Simon den Kopf nicht ohne einiges Beben auf. Er war am Nacken und der Kinnlade leicht zerfranst, das Gesicht aber zeigte keinerlei Verletzung. Es war ein plumpes, gelbes Gesicht, gleichzeitig eingefallen und doch aufgedunsen, mit einer Adlernase und schweren Augenlidern – das Gesicht eines lasterhaften römischen Kaisers mit vielleicht einer leichten Annäherung an einen chinesischen Kaiser. Alle Anwesenden schienen es mit dem kältesten Auge des Fremden anzusehen. Nichts anderes ließ sich beim Aufheben des Körpers über den Mann feststellen, als der weiße Schimmer eines Vorhemdes, befleckt von einem roten Schimmer von Blut. Es war, wie Dr. Simon sagte, der Mann hatte nicht zu ihrer Gesellschaft gehört. Er konnte aber ganz gut versucht haben, sich zu ihr zu gesellen, denn er war in einer solcher Gelegenheit entsprechenden Weise gekleidet.

Valentin ließ sich auf seine Hände und Knie nieder und untersuchte auf etwa zwanzig Meter im Umkreise mit seiner peinlichsten beruflichen Sorgfalt den Boden, wobei er etwas weniger sorgfältig von dem Doktor und ganz oberflächlich von dem englischen Lord unterstützt wurde. Nichts belohnte ihr Herumkriechen, als einige ganz kurze Stücke abgezwickter oder abgehackter Zweige, die Valentin für einen Augenblick prüfend aufhob und dann beiseite warf.

»Zweige,« sagte er gravitätisch, »Zweige und ein ganz Fremder mit abgeschnittenem Kopfe, das ist alles, was auf der Wiese zu finden ist.«

Eine beinahe schaudernde Stille entstand, und dann stieß der fassungslose Galloway scharf hervor:

»Wer ist dort? Wer ist dort drüben an der Gartenmauer?«

Eine kleine Gestalt mit einem lächerlich großen Kopfe näherte sich ihnen unschlüssig im Mondscheindunste; einen Augenblick sah sie wie ein Kobold aus, doch entpuppte sie sich schließlich als der harmlose, kleine Priester, den sie im Salon zurückgelassen hatten.

»Übrigens,« bemerkte er bescheiden, »Sie wissen, es gibt keine Tore zu diesem Garten.«

Valentins schwarze Augenbrauen zogen sich etwas ärgerlich zusammen, wie sie es angesichts der Soutane grundsätzlich taten. Doch er war zu gerecht, um die Bedeutung der Bemerkung abzuleugnen.

»Sie haben recht,« erwiderte er, »ehe wir herausfinden, wie er getötet wurde, müßten wir herausfinden, wie er dazu kam, hier zu sein. Nun hören Sie mich an, meine Herren! Wenn es ohne Beeinträchtigung meiner Stellung und Pflichten sich machen läßt, werden wohl alle einverstanden sein, daß gewisse ausgezeichnete Namen besser aus der Geschichte ausgeschaltet bleiben. Es sind Damen hier und ein fremder Gesandter. Wenn wir es als ein Verbrechen ansehen, muß es auch als ein Verbrechen verfolgt werden. Bis dahin aber kann ich von meiner eigenen Verschwiegenheit Gebrauch machen. Ich bin das Haupt der Polizei: ich bin so öffentlich, daß ich mir gestatten kann, privat zu sein. Wenn es dem Himmel gefällt, werde ich jeden meiner Gäste entlassen, ehe ich meine Leute hereinrufe, um nach irgend jemand anderem zu suchen. Meine Herren, auf Ihr Ehrenwort, niemand von Ihnen wird das Haus bis morgen mittags verlassen: es sind Schlafzimmer für jedermann bereit. Simon, ich glaube, Sie wissen, wo mein Diener Iwan in der Vorhalle zu finden ist; er ist ein vertrauenswürdiger Mann. Sagen Sie ihm, er solle einen anderen Diener als Wache lassen und sofort zu mir kommen. Lord Galloway, Sie sind sicherlich die geeignetste Person, den Damen mitzuteilen, was geschehen ist, und eine Panik zu verhindern. Auch Sie müssen bleiben. Father Brown und ich werden bei der Leiche bleiben.«

Wenn dieser Geist des Befehlshabers aus Valentin sprach, gehorchte man ihm wie einem Signalhorne. Dr. Simon ging nach dem Waffensaal hinein und störte Iwan auf, des amtlichen Detektivs Privatdetektiv. Galloway begab sich nach dem Salon und erzählte äußerst taktvoll die schreckliche Neuigkeit, so daß zur Zeit, als sich die Gesellschaft dort zusammenfand, die Damen schon bestürzt und wieder beschwichtigt waren. Inzwischen standen der gute Priester und der gute Atheist bewegungslos zu Haupt und Füßen des toten Mannes im Mondlicht gleich symbolischen Statuen ihrer eigenen beiden Philosophien des Todes.

Iwan, der Vertraute mit der Narbe und dem Schnurrbarte, kam aus dem Hause geschossen wie eine Kanonenkugel und lief über den Rasen auf Valentin zu wie ein Hund auf seinen Herrn. Sein fahles Gesicht hatte sich ganz belebt von der Glut dieser häuslichen Detektivgeschichte und mit beinahe unangenehmer Gier fragte er seinen Herrn um Erlaubnis, die Überreste untersuchen zu dürfen.

»Ja, sieh nach, Iwan, wenn du willst,« erlaubte Valentin. »Aber mache nicht zu lange, wir müssen hineingehen und dies drinnen alles durchdreschen.«

Iwan griff nach dem Kopfe – und ließ ihn dann fast wieder fallen.

»Wie?« keuchte er, »es ist – nein, nicht, er kann es nicht sein. Kennen Sie diesen Mann, Sir?«

»Nein,« erwiderte Valentin gleichgültig, »wir werden besser hineingehen.«

Sie trugen den Körper mitsammen auf ein Sofa im Studierzimmer und versammelten sich dann alle im Salon.

Der Detektiv ließ sich ruhig und sogar zögernd an einem Schreibtische nieder, aber sein Blick war der stählerne Blick eines Richters beim Urteilsspruche. Er machte rasch ein paar Notizen auf ein Stück Papier und fragte dann kurz:

»Ist alles hier?«

»Mr. Brayne fehlt,« bemerkte die Herzogin von Mont St. Michel umherblickend.

»Nein,« fügte Lord Galloway mit heiserer, grimmer Stimme hinzu. »Und auch Mr. Neil O'Brien nicht, kommt mir vor. Ich sah diesen Herrn im Garten herumlaufen, als die Leiche noch warm war.«

»Iwan,« befahl der Detektiv, »geh und hole Hauptmann O'Brien und Mr. Brayne. Mr. Brayne raucht, wie ich weiß, im Speisezimmer eine Zigarre zu Ende. Hauptmann O'Brien geht, glaube ich, im Rauchzimmer auf und nieder. Ich bin nicht ganz sicher.«

Der getreue Diener verschwand blitzartig aus dem Zimmer, und ehe noch jemand sich rühren oder sprechen konnte, fuhr Valentin mit der gleichen soldatischen Kürze in seiner Auseinandersetzung fort:

»Jedermann hier weiß, daß ein toter Mann im Garten gefunden wurde, dessen Kopf glatt vom Rumpfe abgeschnitten ist. Dr. Simon, Sie haben ihn untersucht. Glauben Sie, daß es, um jemand den Hals in dieser Weise durchzuschneiden, großer Kraft bedürfen würde? Oder vielleicht nur eines sehr scharfen Messers?«

»Ich möchte behaupten, daß es mittels eines Messers überhaupt nicht getan werden könnte,« bemerkte der bleiche Doktor.

»Haben Sie irgendeine Idee,« fuhr Valentin fort, »mit was für einem Werkzeug es getan werden könnte?«

»Um mit zeitgemäßer Wahrscheinlichkeit sprechen zu können, ich habe wirklich keine,« erwiderte der Doktor, indem er wie im Schmerze seine Brauen hochzog. »Es ist nicht leicht, selbst plump einen Nacken durchzuschlagen, und dieser war glatt abgeschnitten. Man konnte das mit einer Streitaxt oder einem alten Scharfrichterbeil tun, oder auch mit einem Zweihänder.«

»Aber beim Himmel nochmal!« rief die Herzogin beinahe in einem hysterischen Anfalle aus, »hier herum gibt es doch keine Streitäxte und Zweihänder?«

Valentin war noch mit dem Papiere vor sich beschäftigt.

»Sagen Sie mir,« fragte er rasch weiterschreibend, »hätte man es mit einem langen französischen Kavalleriesäbel tun können?«

Ein leises Klopfen kam von der Türe, das aus irgendwelchem unbekannten Grunde jedermanns Blut erstarren machte wie das Klopfen in »Macbeth«. Inmitten dieses eisigen Schweigens vermochte Dr. Simon zu sagen:

»Einen Säbel – ja. ich glaube, das ginge.«

»Danke Ihnen,« bemerkte Valentin. »Herein, Iwan!«

Der getreue Iwan öffnete die Türe und ließ Hauptmann O'Brien eintreten, den er endlich, von neuem den Garten durchmessend, gefunden hatte.

Der irische Offizier stand unentschlossen und herausfordernd auf der Schwelle.

»Was wollen Sie von mir?« fragte er.

»Bitte, setzen Sie sich,« lud Valentin in glattem Tone ein. »Wie, Sie tragen Ihren Säbel nicht? Wo ist er?«

»Ich ließ ihn auf dem Tische in der Bibliothek,« erwiderte O'Brien, bei seiner aufgeregten Stimmung sich in seinen irischen Dialekt verlierend. »Er war mir lästig, er war so –«

»Iwan,« befahl Valentin, »bitte, geh und hole des Hauptmanns Schwert aus der Bibliothek,« und dann, während der Diener verschwand: »Lord Galloway sagt, er sah Sie den Garten verlassen, gerade bevor er die Leiche fand, was machten Sie im Garten?«

Der Hauptmann warf sich sorglos in einen Stuhl.

»O, mein Junge,« rief er in reinem Irisch, »den Mond bewundern, mich mit der Natur unterhalten.«

Ein dumpfes Schweigen trat ein und verweilte, und endlich kam von neuem jenes schwache und schreckliche Klopfen. Iwan erschien wieder und trug eine leere Säbelscheide.

»Das ist alles, was ich finden kann,« bemerkte er.

»Leg es auf den Tisch,« befahl Valentin, ohne aufzublicken.

Ein Schweigen erfüllte den Raum gleich jenem Meere unendlichen Schweigens rings um die Anklagebank des verurteilten Mörders. Die schwachen Ausrufe der Herzogin waren längst verklungen und Lord Galloways geschwollener Haß war befriedigt und sogar ernüchtert. Die Stimme, die sich erhob, kam somit ganz unerwartet.

»Ich glaube, ich kann Ihnen sagen,« fiel Lady Margaret mit jener klaren, zitternden Stimme ein, mit der eine mutige Frau öffentlich spricht, »ich kann Ihnen sagen, was Mr. O'Brien im Garten machte, nachdem er selbst zum Schweigen gezwungen ist. Er machte mir einen Heiratsantrag. Ich lehnte ab; ich sagte ihm, unter meinen familiären Verhältnissen könne ich ihm nichts als Achtung entgegenbringen. Er war darüber ein wenig ärgerlich; er schien nicht viel auf meine Achtung zu geben. Ich bezweifle,« fügte sie mit kaum merklichem Lächeln hinzu, »ob ihm jetzt überhaupt noch etwas daran liegt. Denn ich biete sie ihm jetzt an. Ich will überall beschwören, daß er nie etwas Derartiges begangen hat.«

Lord Galloway war zu seiner Tochter hinübergesteuert und suchte sie mit etwas, was er für Flüstern halten mochte, einzuschüchtern.

»Halte deinen Mund, Maggie,« sagte er, »weshalb solltest du den Burschen decken? Wo ist sein Säbel? Wo ist sein verdammter Kavallerie – –«

Er hielt inne, zurückgehalten durch den sonderbaren Blick, mit dem seine Tochter ihn betrachtete, einen Blick, der in der Tat eine geisterhafte Anziehungskraft für die ganze Gruppe besaß.

»Du alter Tor!« sagte sie mit leiser Stimme, ohne sich um irgendwelche Rücksichtnahme zu bekümmern, »was glaubst du denn beweisen zu können? Ich sagte dir, dieser Mann war unschuldig, solange er bei mir war. Aber wenn er nicht unschuldig war, so war er doch bei mir. Wenn er einen Mann im Garten ermordete, wer war es, der es gesehen haben mußte? Wer mußte zum mindesten darum gewußt haben? Ist dein Haß gegen Neil so groß, daß du deine eigene Tochter –?«

Lady Galloway kreischte auf. Jedermann saß in Gruseln bei dem Gedanken an jene teuflischen Tragödien, die einst zwischen Liebenden sich abgespielt haben. Sie sahen das stolze, weiße Gesicht der schottischen Aristokratin und ihres Verehrers, des irischen Abenteurers, gleich alten Ahnenbildern in einem düsteren Hause. Das lange Schweigen war voll von formlosen, geschichtlichen Erinnerungen an ermordete Ehemänner und vergiftete Buhlerinnen.

Inmitten dieser krankhaften Stille fragte eine unschuldige Stimme:

»War es eine sehr lange Zigarre?«

Der Gegensatz der Gedanken war ein so scharfer, daß sich alles nach dem Sprecher umzublicken gezwungen sah.

»Ich meine,« sagte der kleine Father Brown aus der Zimmerecke, »ich meine jene Zigarre, welche Brayne beendet. Sie scheint beinahe so lange wie ein Spazierstock.«

Trotz der Belanglosigkeit der Frage sprachen Zustimmung sowohl als Verwirrung aus Valentins Gesicht, als er den Kopf erhob.

»Ganz richtig,« bemerkte er schroff. »Iwan, geh und sieh nochmals nach Mr. Brayne und bring' ihn sofort hierher.«

In dem Augenblicke, als das Faktotum die Türe geschlossen hatte, wandte sich Valentin mit einem ganz neuen Ernste an die junge Dame.

»Lady Margaret,« sagte er, »ich bin sicher, wir alle fühlen Dankbarkeit sowohl wie Bewunderung für Ihre Tat, daß Sie ohne Rücksicht auf sich selbst des Hauptmanns Gebaren aufklärten. Aber noch bleibt eine Tücke. Lord Galloway traf Sie, wenn ich mich entsinne, als Sie aus dem Studierzimmer nach dem Salon unterwegs waren, und es lagen nur wenige Minuten dazwischen, als er den Garten betrat und den Hauptmann noch herumwandernd fand.«

»Sie dürfen nicht vergessen,« antwortete Margaret mit leiser Ironie in ihrer Stimme, »daß ich ihn eben abgewiesen hatte; er konnte daher nicht gut Arm in Arm mit mir zurückkehren. Immerhin, er ist ein Ehrenmann, und so wartete er mein Eintreten ab – und wurde des Mordes beschuldigt.«

»In jenen wenigen Augenblicken könnte er wirklich« – bemerkte Valentin ernst.

Das Klopfen kam von neuem und Iwan steckte sein narbiges Gesicht herein.

»Bitte um Verzeihung,« meldete er, »aber Mr. Brayne hat das Haus verlassen.«

»Verlassen!« schrie Valentin und sprang zum ersten Male auf die Füße.

»Fort! Ausgerissen! Verduftet!« antwortete Iwan in humorvollem Französisch. »Auch sein Hut und Rock sind fort und ich will Ihnen etwas sagen, was alles übertrumpft. Ich lief zum Hause hinaus, um Spuren von ihm zu finden und fand auch eine, eine große noch dazu!«

»Was meinen Sie?« fragte Valentin.

»Ich werde Ihnen sogleich zeigen,« sagte sein Diener und erschien wieder mit einem blinkenden, blanken, an der Spitze und auf dem Rücken mit Blut befleckten Kavalleriesäbel. Alle Anwesenden starrten ihn an, als wäre es ein Donnerkeil, aber der erfahrene Iwan fuhr ganz ruhig fort:

»Ich fand dies,« sagte er, »fünfzig Meter weit von hier auf der Pariser Straße, in die Büsche geworfen. Mit anderen Worten, ich fand es genau dort, wo Ihr ehrenwerter Mr. Brayne es hinwarf, als er weggelaufen ist.«

Neuerdings herrschte ein Schweigen, doch von ganz anderer Art. Valentin ergriff den Säbel, untersuchte ihn, überlegte mit unaffektierter Gedankensammlung und wandte sich dann mit dem Ausdrucke des Respektes O'Brien zu.

»Hauptmann,« sagte er, »wir sind sicher, Sie werden uns diese Waffe jederzeit überlassen, wenn sie zu polizeilicher Prüfung benötigt werden sollte. Inzwischen,« fügte er hinzu, indem er den Stahl in die klirrende Scheibe stieß, »lassen Sie mich Ihnen Ihr Schwert zurückgeben.«

Angesichts des militärischen Symbolismus dieser Handlung konnten sich die Zuschauer kaum des Beifalles enthalten.

Für Neil O'Brien war dieses Ereignis in der Tat der Wendepunkt seines Daseins. Um die Zeit, da er wiederum in dem geheimnisvollen, in die Farben des Morgens getauchten Garten umherwanderte, war die tragische Nutzlosigkeit seines gewohnten Benehmens von ihm gefallen: er war ein Mann voll von Ansprüchen auf ein Glück. Lord Galloway erwies sich als Ehrenmann und hatte sich entschuldigt. Lady Margaret gab sich als mehr denn nur als Dame, zum mindesten als Frau, und mochte ihm wohl Besseres als eine Entschuldigung geboten haben, als sie vor dem Frühstück zwischen den alten Blumenbeeten einherwandelten. Die ganze Gesellschaft fühlte sich erleichterter und menschlicher, denn wenn auch das Rätsel des Toten blieb, die Last des Verdachtes war von allen genommen und mit dem sonderbaren Millionär – einem Manne, den kaum jemand kannte – mit nach Paris entwichen. Der Teufel war aus dem Hause geworfen, er hatte sich selbst hinausgeworfen.

Noch blieb aber das Rätsel, und als O'Brien sich neben Dr. Simon auf einen Gartensitz warf, nahm diese eingefleischte wissenschaftliche Natur es sofort wieder auf. Viel war aber nicht aus O'Brien herauszuholen, dessen Gedanken bei angenehmeren Dingen weilten.

»Ich kann nicht sagen, daß mich das viel interessiert,« sagte der Irländer offen heraus, »besonders nachdem jetzt alles so ziemlich aufgeklärt scheint. Offenbar haßte Brayne diesen Fremden aus irgendeinem Grunde, lockte ihn in den Garten und tötete ihn mit meinem Säbel. Dann floh er in die Stadt und warf unterwegs den Säbel weg. Übrigens sagt mir Iwan, der tote Mann habe einen Yankee-Dollar in der Tasche gehabt. Somit war es ein Landsmann von Brayne. Und das scheint die Sache zu erhärten. Ich sehe keinerlei Schwierigkeit in dieser Geschichte.«

»Es bestehen da fünf ganz gewaltige Schwierigkeiten,« fuhr der Doktor ruhig fort, »gleich einer hohen Mauer innerhalb der Mauern. Mißverstehen Sie mich nicht! Ich bezweifle nicht, daß Brayne es vollführt hat, wohl aber, wie er es getan hat. Erste Schwierigkeit: weshalb sollte ein Mann einen anderen mit einem großen plumpen Säbel töten, wenn er ihn beinahe mit einem Taschenmesser töten könnte, um es dann wieder in die Tasche zu stecken? Zweite Schwierigkeit: Weshalb geschah kein Lärm oder Schrei? Sieht für gewöhnlich ein Mann einen anderen, einen krummen Säbel schwingend, auf sich zukommen, ohne daß er eine Bemerkung dazu macht? Dritte Schwierigkeit: Ein Diener wachte den ganzen Abend an der Eingangstüre, und in Valentins Garten kann nicht einmal eine Ratte irgendwo herein. Wie kam der tote Mann in den Garten? Vierte Schwierigkeit: Dieselben Umstände vorausgesetzt, wie kam Brayne aus dem Garten?«

»Und die fünfte?« fragte Neil, die Augen auf den englischen Priester geheftet, der langsam den Pfad heraufkam. »Ist eine Kleinigkeit, meine ich,« erwiderte der Doktor, »aber ich glaube, eine merkwürdige. Als ich zuerst sah, wie der Kopf abgehauen war, vermutete ich, der Mörder hätte mehr als einen Streich geführt. Aber bei genauem Zusehen fand ich viele Schnitte, die den Hauptschnitt kreuzten, mit anderen Worten, sie wurden geführt, als das Haupt schon abgetrennt war. Haßte Brayne seinen Gegner so tödlich, daß er dessen Körper im Mondlichte mit dem Säbel bearbeitete?«

»Entsetzlich!« bemerkte O'Brien und schauderte.

Der kleine Priester Brown war, während sie sprachen, herangekommen und hatte mit charakteristischer Schüchternheit gewartet, bis sie geendet hatten. Dann sagte er verlegen:

»Verzeihen Sie, wenn ich unterbreche, aber ich wurde geschickt, Ihnen die Neuigkeit mitzuteilen –«

»Neuigkeit?« Wiederholte Simon und starrte ihn ziemlich nachdenklich durch seine Brille an.

»Ja, es tut mir leid,« sagte Father Brown milde. »Es ist nämlich ein neuer Mord vorgekommen.«

Beide Männer sprangen von ihrem Sitze auf, so daß dieser taumelte.

»Und was noch merkwürdiger ist,« fuhr der Priester fort, seinen Blick gelassen auf die Rhododendren richtend, »er ist von derselben gräßlichen Art; es ist eine weitere Enthauptung. Man fand den zweiten Kopf noch blutend im Flusse, wenige Yards von Braynes Weg nach Paris; man vermutet somit –«

»Um's Himmels willen!« schrie O'Brien, »ist Brayne von einer fixen Idee befallen?«

»Es gibt amerikanische Vendettas,« erwiderte der Priester unbeweglich. Dann fügte er hinzu: »Sie sollen nach der Bibliothek kommen und sehen.«

Hauptmann O'Brien folgte mit einem ausgesprochenen Gefühl des Unwohlseins den anderen zur Untersuchung. Als Soldat haßte er diese geheimnisvolle Metzelei. Wo sollten diese sonderbaren Amputationen schließlich enden? Erst war ein Kopf abgehauen und dann ein zweiter; in diesem Falle, sagte er sich bitter, traf es nicht zu, daß zwei Köpfe besser sind als einer. Als er das Studierzimmer durchquerte, strauchelte er beinahe angesichts eines auffallenden Zusammentreffens. Auf Valentins Tisch lag das farbige Bild noch eines dritten blutigen Kopfes, und es war der Valentins selbst. Ein zweiter Blick zeigte ihm, daß es sich nur um ein nationalistisches Blatt, genannt »Die Guillotine«, handelte, welches jede Woche einen seiner politischen Gegner mit rollenden Augen und verzerrten Zügen genau wie nach einer Enthauptung darstellte; und Valentin galt ihm als ein solcher eingefleischter Gegner von Bedeutung. O'Brien jedoch war Irländer mit etwas Keuschheit selbst in seinen Sünden. Und diese große, intellektuelle Brutalität, welche ausschließlich Frankreich eigen ist, widerte ihn an. Er fühlte Paris in seiner Gesamtheit, angefangen von den Grotesken an den gotischen Kirchen bis zu den rohen Karikaturen in den Zeitungen. Er erinnerte sich der riesenhaften Spässe der Revolution. Er sah die ganze Stadt als eine einzige häßliche Energie, angefangen von der blutigen Skizze auf Valentins Tisch bis hinauf, wo über einem Berge und Walde von Wasserspeiern der große Teufel auf Notre Dame herabgrinste.

Die Bibliothek war lang, niedrig und dunkel. Das Licht, welches eindrang, kam unter niedrigen Fensterläden hervor und hatte noch etwas von dem frischen Hauche des Morgens an sich. Valentin und sein Diener Iwan warteten auf sie am oberen Ende eines langen, leicht geneigten Pultes, auf dem die sterblichen, im Zwielicht ungeheuerlich aussehenden Reste lagen. Die große schwarze Gestalt und das gelbe Gesicht des im Garten gefundenen Mannes stellten sich ihnen wesentlich unverändert dar. Der zweite Kopf, der an jenem Morgen aus dem Schilfe gefischt worden war, lag triefend und tropfend daneben; Valentins Leute waren noch damit beschäftigt, die Reste dieser zweiten Leiche zu suchen, von denen man annahm, daß sie abgetrieben worden seien. Father Brown, der O'Briens Empfindsamkeit nicht im mindesten zu teilen schien, ging zum zweiten Kopfe hinüber und untersuchte ihn mit einer flüchtigen Sorgfalt. Er war wenig mehr als ein Bündel nassen weißen Haares, umsäumt vom Silberglanze des rötlichen, klaren, von der Seite einfallenden Morgenlichts; das Gesicht, das von einer häßlichen, purpurroten, beinahe kriminalen Art zu sein schien, war viel gegen Bäume und Steine gestoßen, als es vom Wasser weitergeschwemmt worden war.

»Guten Morgen, Hauptmann O'Brien,« sagte Valentin in gelassener Herzlichkeit. »Sie haben wohl schon von Braynes jüngstem Versuche im Fleischerhandwerk gehört?«

Father Brown stand noch über den Kopf mit dem weißen Haare gebeugt und sagte, ohne aufzublicken:

»Es ist wohl ganz sicher, daß Brayne auch diesen Kopf abgeschnitten hat.«

»Der gesunde Menschenverstand scheint das zu sagen,« erwiderte Valentin, die Hände in den Taschen. »Ermordet in derselben Weise wie der andere. Gefunden wenige Yards entfernt von dem anderen. Und abgetrennt mit derselben Waffe, die er, wie wir wissen, mitgenommen hatte.«

»Ja, ja, ich weiß,« bemerkte Brown unterwürfig, »Und doch, Sie verstehen, zweifle ich, ob Brayne diesen Kopf abgeschnitten haben kann.«

»Weshalb nicht?« fragte Dr. Simon mit begreiflichem Staunen.

»Well, Doktor,« erwiderte der Priester, indem er flüchtig aufblickte, »kann jemand sich seinen eigenen Kopf abhauen? Ich weiß es nicht.«

O'Brien fühlte eine ganze Welt von Tollheit um seine Ohren zusammenkrachen, aber der Doktor sprang mit ungestümer Geschäftigkeit vorwärts und schob das weiße Haar beiseite.

»O, es ist kein Zweifel, es ist Brayne,« sagte der Priester ruhig. »Er hatte genau diesen Schnitt im linken Ohr.«

Der Detektiv, der den Priester festen und funkelnden Auges betrachtet hatte, öffnete den zusammengepreßten Mund und stieß scharf hervor:

»Sie scheinen ja eine ganze Menge über ihn zu wissen, Father Brown?«

»Gewiß,« antwortete der kleine Mann einfach. »Ich hatte seit einigen Wochen mit ihm zu tun. Er trug sich mit dem Gedanken, sich unserer Kirche anzuschließen.«

Die Glut des Fanatikers sprang in Valentins Auge, und mit geballten Fäusten trat er auf den Priester zu.

»Und vielleicht,« schrie er mit sengendem Hohne, »vielleicht auch mit dem Gedanken, all sein Geld Ihrer Kirche zu vermachen!«

»Vielleicht auch damit,« gab Brown einfältig zur Antwort, »es ist möglich.«

»In diesem Falle,« schrie Valentin mit fürchterlichem Lächeln, »könnten Sie in der Tat eine Menge über ihn wissen. Über sein Leben und seinen – –«

Hauptmann O'Brien legte eine Hand auf Valentins Arm. »Lassen Sie dieses verleumderische Geschwätz, Valentin,« sagte er, »oder es könnte nochmals von einem Säbel die Rede sein.«

Doch Valentin hatte unter dem festen, demütigen Blicke des Priesters seine Selbstbeherrschung wiedergefunden.

»Nun,« warf er kurz hin, »anderer Leute Privatmeinungen können warten. Sie, meine Herren, sind noch durch Ihr Versprechen, zu bleiben, gebunden; Sie müssen ihm selbst Geltung verschaffen – einer gegenüber dem anderen. Hier, Iwan wird Ihnen Weiteres mitteilen, was für Sie von Wichtigkeit ist. Ich muß mich an die Arbeit machen und an die Behörde berichten, wir können dies nicht länger geheimhalten ... Ich werde in meinem Studierzimmer beim Schreiben sein, falls noch irgend etwas Neues dazukommen sollte.«

»Gibt es noch etwas, Iwan?« fragte Dr. Simon, als der Chef der Polizei den Raum verlassen hatte.

»Nur eines noch, glaube ich, Sir,« sagte Iwan, und sein altes, graues Gesicht legte sich in Falten, »aber das ist wichtig in seiner Art. Es betrifft den alten Hanswurst dort, den Sie im Gras gefunden haben,« und er deutete ohne eine Spur von Ehrfurcht auf den großen schwarzen Körper mit dem gelben Kopfe. »Wir haben jedenfalls herausgefunden, wer es ist.«

»Wirklich?« rief der erstaunte Doktor.

»Er hieß Arnold Becker,« erklärte der Unterdetektiv, »obwohl er sich unter vielen anderen Namen verbarg. Er war so etwas wie ein Landstreicher, und man weiß, daß er in Amerika gewesen ist; dadurch kam er mit Brayne in Berührung. Wir selbst hatten nicht viel mit ihm zu tun, denn er arbeitete meist in Deutschland. Natürlich waren wir in Verbindung mit der deutschen Polizei. Aber ganz merkwürdigerweise gab es einen Zwillingsbruder von ihm namens Louis Becker, der uns viel zu schaffen machte, wir fanden es tatsächlich erst gestern noch für notwendig, ihn zu guillotinieren. Nun, es ist ein wunderliches Zusammentreffen, meine Herren, aber als ich diesen Burschen lang im Grase liegen sah, empfand ich den größten Schlag meines Lebens, hätte ich nicht mit meinen eigenen Augen Louis Becker guillotiniert gesehen, geschworen hätte ich, es sei Louis Becker, der dort im Grase lag. Dann natürlich fiel mir sein Zwillingsbruder in Deutschland ein, und als ich diesen Faden verfolgte –«

Der explizierende Iwan hielt inne, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil niemand ihm zuhörte. Der Hauptmann und der Doktor starrten beide auf Father Brown, der aufgesprungen war und sich die Schläfen drückte, wie dies jemand in plötzlichem und heftigem Schmerze tut.

»Halt, halt, halt!« schrie er, »eine Minute nur, denn ich sehe zur Hälfte. Wird Gott mir die Kraft geben? Wird mein Verstand sich ganz aufraffen und alles sehen? Himmel, hilf! Ich war doch sonst ziemlich gut im Denken. Ich konnte früher den Inhalt jeder Seite des Aquinaten wiedergeben. Wird mein Kopf springen – oder werde ich sehen? Ich sehe halb – nur halb.«

Er vergrub den Kopf in die Hände und stand wie unter der Marter des Denkens oder des Betens erstarrt, während die anderen drei nur immer auf dieses letzte Wunderzeichen ihrer abenteuerlichen zwölf Stunden starrten.

Als Father Browns Hände fielen, enthüllten sie ein ganz frisches und ernstes Gesicht wie von einem Kinde. Er tat einen tiefen Seufzer und begann sodann:

»Sagen und erledigen wir dies so kurz als möglich. Hören Sie mich an. Es wird dies die rascheste Art sein, Sie alle von der Wahrheit zu überzeugen.« Er wandte sich an den Doktor. »Dr. Simon, Sie sind ein starker Kopf und ich hörte Sie heute morgen die fünf schwersten Fragen über diese Geschichte stellen. Gut. Wenn Sie sie nochmals stellen wollten, ich will sie beantworten.«

Simon fiel der Zwicker in Zweifel und Neugier von der Nase, doch er antwortete sofort.

Well, die erste Frage ist wohl, weshalb sollte überhaupt ein Mann einen anderen mit einem plumpen Säbel töten, wenn er es mit einem Dolche hätte tun können?«

»Mit einem Dolche kann man nicht enthaupten,« erwiderte Brown ruhig, »und für diesen Mord war das Enthaupten absolut notwendig.«

»Weshalb?« schrie O'Brien interessiert.

»Und die nächste Frage?« fuhr Father Brown fort.

»Ja, weshalb stieß der Mann keinen Schrei oder irgendeinen Laut aus?« fragte der Doktor. »Säbel sind in Gärten gewiß etwas Ungewöhnliches.«

»Zweige!« erwiderte der Priester nachdenklich, und wandte sich gegen das Fenster, das auf den Schauplatz des Todes hinausblickte. »Niemand beachtete diesen Punkt, die Zweige. Weshalb sollten sie auf jenem Rasen liegen (sehen Sie einmal), so weit von jedem Baum? Sie wurden nicht abgehauen, sie wurden abgerissen. Der Mörder beschäftigte sein Opfer durch einige Tricks mit dem Säbel, indem er ihm zeigte, wie er einen Zweig mitten in her Luft entzweischneiden könne oder sonstwie. Dann, während sein Feind sich bückte, den Erfolg zu sehen, ein stummer Streich und das Haupt fiel.«

»Nun,« sagte der Doktor langsam, »das klingt ganz glaubwürdig. Aber meine beiden nächsten Fragen werden jedermann verblüffen.«

Der Priester stand immer noch nachdenklich, den Blick zum Fenster hinausgerichtet und wartete.

»Sie wissen, daß der ganze Garten wie ein luftdichter Raum verschlossen war,« fuhr der Doktor fort, »Gut, wie kam der Fremde dann in den Garten?«

Ohne sich umzudrehen, antwortete der kleine Priester: »Es war niemals ein fremder Mann im Garten.«

Schweigen trat ein und ein plötzlicher Ausbruch beinahe kindlichen Lachens löste die Spannung. Die Ungeheuerlichkeit von Browns Bemerkung veranlaßte Iwan zu offenem Hohne.

»O,« rief er, »also wir zerrten nicht vergangene Nacht den großen fetten Kerl auf das Sofa dort? Er war wohl gar nicht in den Garten gekommen?«

»In den Garten gekommen?« wiederholte Brown noch immer sinnend. »Nein, nicht ganz.«

»Zum Teufel nochmal,« rief Simon, »ein Mensch kommt in den Garten oder er kommt nicht hinein!«

»Nicht notwendigerweise,« erwiderte der Priester mit mattem Lächeln. »Welches ist die nächste Frage, Doktor?«

»Sie sind wohl krank,« meinte Dr. Simon scharf, »aber wenn Sie wollen, werde ich die nächste Frage stellen. Wie kam Brayne aus dem Garten?«

»Er kam nicht aus dem Garten,« sagte der Priester, immer noch zum Fenster hinausblickend.

»Kam nicht aus dem Garten?« platzte Simon heraus.

»Nicht ganz,« bestätigte Father Brown.

Simon schüttelte in einem Wutanfalle französischer Logik seine Fäuste. »Ein Mensch kommt aus einem Garten oder er kommt einfach nicht heraus,« schrie er.

»Nicht immer,« gab Brown zur Antwort.

Dr. Simon sprang ungeduldig auf seine Füße.

»Ich habe keine Zeit für solch sinnloses Geschwätz übrig,« bemerkte er ärgerlich. »Wenn Sie nicht einsehen, daß ein Mensch entweder auf der einen Seite einer Mauer oder auf der anderen ist, will ich Sie nicht weiter belästigen, Father.«

»Doktor,« bat der Geistliche sehr freundlich, »wir sind immer sehr gut mitsammen gestanden. Und wenn auch nur um alter Freundschaft willen, warten Sie noch und stellen Sie Ihre fünfte Frage.«

Der ungeduldige Simon sank in einen Stuhl und sagte kurz:

»Das Haupt und die Schultern waren in sonderbarer Weise abgeschnitten. Es schien nach eingetretenem Tode geschehen zu sein.«

»Ja,« sagte der Priester regungslos, »es wurde so gemacht, um Sie genau das eine Falsche vermuten zu lassen, das Sie vermuteten. Es geschah, um Sie als selbstverständlich annehmen zu lassen, daß der Kopf zu dem Körper gehörte.«

Das Grenzgebiet des Verstandes, auf dem alles Ungeheuerliche entsteht, war in dem Kelten O'Brien in schreckliche Bewegung geraten. Er fühlte die chaotische Gegenwart all der Ritter und Meerweiber, welche der Menschen unnatürliche Einbildungskraft hervorgebracht hat. Eine Stimme, älter als seine Vorväter, schien ihm ins Ohr zu raunen: Halte dich ferne dem ungeheuerlichen Garten, wo der Baum wächst mit der doppelten Frucht. Meide den bösen Garten, wo der Mann starb mit den zwei Köpfen! Und doch, während diese eklen symbolischen Gestalten an dem alten Spiegel seiner irischen Seele vorüberzogen, war sein französierter Verstand ganz frisch und so aufmerksam und ungläubig auf den sonderbaren Priester gerichtet, wie bei all den anderen.

Father Brown hatte sich endlich umgewendet und stand im dichten Schatten gegen das Fenster gerichtet, doch selbst in diesem Schatten konnte man sehen, daß er grau wie Asche war. Nichtsdestoweniger sprach er ganz vernünftig, als gäbe es auf der ganzen Welt keine Keltenseele.

»Meine Herren,« sagte er, »Sie fanden nicht den fremden Körper Beckers im Garten. Sie fanden überhaupt keinen fremden Körper im Garten. Trotz Dr. Simons Appell an die Vernunft behaupte ich immer noch, dass Becker nur teilweise zugegen war. Sehen Sie her! (Er wies auf den schwarzen Rumpf der geheimnisvollen Leiche.) Sie sahen nie in Ihrem Leben diesen Mann. Sahen Sie vielleicht diesen?«

Er schob rasch den großen gelben Kopf des Unbekannten zur Seite und brachte an dessen Stelle den weißbehaarten Kopf daneben. Und da, vollständig und eins lag unverkennbar Julius K. Brayne.

»Der Mörder,« fuhr Brown ruhig weiter, »hieb den Kopf seines Feindes ab und schleuderte das Schwert weit über die Mauer. Aber er war zu gerieben, um nur das Schwert fortzuwerfen. Er warf auch den Kopf über die Mauer. Dann brauchte er nur einen anderen Kopf auf den Körper setzen, und (da er auf seiner Privatuntersuchung bestand) Sie alle hielten das für einen gänzlich neuen Mann.«

»Einen anderen Kopf aufsetzen!« meinte O'Brien betroffen. »Welchen anderen Kopf? Köpfe wachsen nicht so ohne weiteres an den Büschen, nicht?«

»Nein,« antwortete Father Brown trocken, während er auf seine Schuhspitzen niederblickte, »es gibt nur einen Ort, wo sie wachsen. Sie wachsen im Korbe der Guillotine, neben dem nicht ganz eine Stunde vor dem Morde der Chef der Polizei, Aristide Valentin, gestanden hatte. O, meine Freunde, hört mich nur noch eine Minute lang an, ehe ihr mich in Stücke zerreißt. Valentin ist ein ehrlicher Mann, wenn Verranntsein in eine bestreitbare Sache Ehrlichkeit ist. Aber sahen Sie nie in seinem kalten grauen Auge, daß er nicht bei vollem Verstande ist? Er würde alles tun, alles, um das, was er den Aberglauben des Kreuzes nennt, zu brechen. Dafür hat er gekämpft und danach gehungert und jetzt hat er dafür gemordet. Braynes ungezählte Millionen waren bisher unter so viele Sekten verstreut worden, daß sie nur wenig das Gleichgewicht der Dinge zu stören vermochten. Valentin jedoch hörte von einem Gerüchte, daß Brayne wie so viele unruhige Skeptiker uns zutrieb, und das war etwas anderes. Brayne wollte der verarmten Kirche Frankreichs Ströme von Reichtum zufließen lassen; ja, er wollte sogar für sechs nationalistische Blätter wie die ›Guillotine‹ die Kosten bestreiten. Die Schlacht war auf einem Punkte schon zum Stehen gebracht und das entfachte den Fanatiker. Er beschloß, den Millionär zu beseitigen, und er tat es auf eine Weise, wie man von dem größten Detektiv erwarten durfte, daß er das Verbrechen begehen würde. Er nahm unter einem kriminologischen Vorwande den abgetrennten Kopf Beckers an sich und brachte ihn in seiner amtlichen Handtasche mit nach Hause. Er hatte diesen letzten Streit mit Brayne gehabt, den Lord Galloway nicht bis zu Ende hörte; nachdem er darin unterlag, führte er ihn hinaus in den versiegelten Garten, plauderte über Fechtkunst, benutzte Zweige und einen Säbel zur Darstellung und –«

Iwan mit der Narbe sprang auf.

»Sie Narr,« brüllte er jenen an. »Sie werden mit zu meinem Herrn kommen und ich nehme Sie beim –«

»Wieso? Ich wollte ja eben dorthin gehen,« erwiderte Brown tiefernst. »Ich muß ihn ersuchen, zu beichten usw.«

Indem sie den unglücklichen Brown wie eine Geisel oder ein Opfer vor sich hertrieben, brachen sie mitsammen in die überraschende Stille von Valentins Arbeitszimmer.

Der große Detektiv saß an einem Pulte, anscheinend zu sehr beschäftigt, um auf das lärmende Eindringen zu achten. Sie stockten einen Augenblick, bis etwas in jenem aufrechten und geschmeidigen Rücken den Doktor plötzlich herantreten ließ. Ein Blick genügte ihm. Neben Valentins Ellenbogen stand eine kleine Schachtel mit Pillen, und Valentin saß tot in seinem Stuhle. Und auf dem leblosen Gesichte des Selbstmörders lag mehr als nur der Stolz eines Kato.

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